Eine "alte, weiße Frau" oder "Altfeministin" – so nennen manche Frauenrechtlerinnen Alice Schwarzer heute despektierlich. Als sie 1977 ihr Magazin "EMMA" gründete, war ihr Feminismus noch Mainstream. Das ist lange vorbei. Ein häufiger Vorwurf: Schwarzer und ihre Redaktion seien zu kritisch gegenüber Transsexualität, Prostitution, Leihmutterschaft und dem Frauenbild im Islam. Und vor allem: Eine gleichberechtigte Gesellschaft entscheide sich heute nicht mehr nur an dem Verhältnis zwischen Mann und Frau. EMMA soll nun nach einem halben Jahrhundert eingestellt werden.
Der alte und der neue Feminismus
Ich werde diesen "Alt-Feminismus" vermissen. Vielen seiner Themen kann man sich als Katholikin ohne Zögern anschließen. In EMMA konnte man gute Texte lesen, die beständig den Finger in die Wunde legten, dass "der kleine Unterschied" immer noch zu große Folgen für viele Frauen hat und welche Gefahren für die Frauen, ja, für die Würde der Frau bestehen. Natürlich – der Ton war sehr scharf, Themen überspitzt, 2021 wurde Papst Franziskus darin gar zum "Sexist Man Alive" gekürt. Doch das gehört bei einem aktivistischen Magazin dazu. Reibung erzeugt Wärme, es kommt etwas in Gang. Ohne Empörung gibt es kaum Aufmerksamkeit für "Gedöns" (Gerhard Schröder). Das hatte Alice Schwarzer früh verstanden und immer wieder mit spektakulären Aktionen auf Frauen-Themen aufmerksam gemacht. Am berühmtesten ist wohl das Stern-Cover von 1971 für das sie hunderte Unterschriften Prominenter besorgte, die bekannten: "Wir haben abgetrieben!".
Immer wieder hat EMMA berichtet, wie "non-binäre" Aktivistinnen das Thema "Sexuelle Vielfalt" in Schulen oder Kindergärten (!) tragen oder wie Teenager, besonders Mädchen, in Trans-Diagnosen mit folgenschweren Hormonbehandlungen gedrängt werden.
An diesem Punkt, das ist klar, kommt eine Katholikin mit Alice Schwarzer nicht so recht zusammen. Dafür aber an ganz vielen anderen. Nehmen wir die Trans-Debatte. Für Schwarzer ist "aus dem berechtigten Kampf gegen die Diskriminierung transsexueller Menschen [...] eine frauenfeindliche Ideologie geworden, die biologische Fakten leugnet". Immer wieder hat EMMA berichtet, wie "non-binäre" Aktivistinnen das Thema "Sexuelle Vielfalt" in Schulen oder Kindergärten (!) tragen oder wie Teenager, besonders Mädchen, in Trans-Diagnosen mit folgenschweren Hormonbehandlungen gedrängt werden.
Auch bei Pornographie und Prostitution war EMMA laut gegen sexuelle Ausbeutung. 2013 forderten im Magazin 90 Prominente die Abschaffung der Legalisierung und die Bestrafung der Freier in Deutschland, tausende Unterschriften wurden gesammelt. Zahlreiche Medien berichteten darüber.
Alice Schwarzers Entscheidung, den Frauenthemen eine eigene Zeitschrift und ihr persönliches Leben zu widmen, ist einzigartig.
Wer wird künftig so viel Aufmerksamkeit für diese Themen bekommen? Alice Schwarzers Entscheidung, den Frauenthemen eine eigene Zeitschrift und ihr persönliches Leben zu widmen, ist einzigartig. Zum 80. Geburtstag hatte die ARD einen Zweiteiler über ihr Leben gesendet. Keine Frage: Schwarzer ist eine Persönlichkeit der deutschen Zeitgeschichte. Keine verkörpert die Frauenbewegung in Deutschland wie sie. Auch wenn viele junge Feministinnen ihr nicht mehr folgen wollen, ohne Schwarzer wäre so manche Debatte wohl nicht geführt worden. Durch ihre Freundschaft mit Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre und ihre breite Vernetzung war sie zudem Teil einer internationalen Bewegung.
Christlich sozialisierter Feminismus?
Einen überraschenden Auftritt hatte sie in einem katholischen Setting 2017. Bei der Trauerfeier für Kardinal Joachim Meisner war Alice Schwarzer unter den Gästen. Sie war mit dem Kölner Kardinal gut bekannt, von dessen skandalöser Missbrauchsmitwisserschaft (Stichwort "Brüder im Nebel") war damals noch nichts öffentlich, sonst hätte sich ihr Verhältnis vielleicht anders dargestellt. Sie habe vieles verbunden, freilich über Abtreibung sei nicht gesprochen worden, erzählte sie einmal. Der Kardinal versprach bei einem Besuch für Schwarzer zu beten. Abschiedsgeschenk: ein Zettel aus seinem Brevier mit dem berühmten Gebet einer großen katholischen Frau: "Lass dich nicht ängstigen – nichts dich erschrecken. Alles geht vorüber, Gott allein bleibt derselbe." (Teresa von Ávila). Man sagt, Alice Schwarzer habe diesen in ihrem Portemonnaie aufbewahrt.
Deutschlands berühmteste Feministin ließ sich in der Jugend evangelisch taufen, äußert sich sonst aber nicht über ihre persönliche Religiosität. Natürlich kritisierte EMMA religiöse Institutionen hart, insbesondere auch die katholische Kirche ("ältester, hermetischer Männerbund der Welt"). Doch weit entfernt vom Christentum ist es ja eigentlich nicht, sich für die Not der Schwächeren und Unterdrückten (Frauen und Kinder), ja für Gerechtigkeit einzusetzen. Im Nachgesang auf EMMA wird dann mit leichtem Naserümpfen der feministischen Szene auch erwähnt, dass sich das Magazin an "weiße, christlich sozialisierte Frauen" (Sibel Schick) gerichtet habe.
Christlich sozialisierter Feminismus – ein Schimpfwort? Mit der EMMA haben einige seiner Themen jetzt jedenfalls ein einflussreiches Sprachrohr verloren.