Ist die AfD eine politische Religion, also eine Ersatzreligion im Sinne Eric Voegelins? Wird hier ein Erweckungs- und Erlösungsdrama inszeniert, mit Heilserwartungen im Politischen? Der Begriff der Ersatzreligion verdankt sich einer funktionalen Sicht auf Religion. Funktionen wie Sinnstiftung, Gemeinschaftsbildung oder Bewältigung von Kontingenz, von existentieller Zufälligkeit stehen in der funktionalen Religionstheorie im Zentrum und werden dann ganz konsequent auch anderen Lebensbereichen als den spezifisch religiösen zugesprochen. Man spricht hier von religiösen Zügen politischer Ideologien, von bestimmten Ernährungsstilen oder von anderen Strategien der Selbstoptimierung.
Über ihre funktionalen Äquivalente mit Religion gewinnen solche von Haus aus säkularen Lebensformen einen quasireligiösen Charakter und werden salopp dann auch als Ersatzreligion wahrgenommen. Lässt sich so, über ihre religiösen Funktionen, auch der Zulauf zu politischen Extremparteien wie der AfD wenn nicht erklären, so doch ins Bedingungsgefüge einordnen?
Hier wäre insbesondere die Anziehung der Massenpsyche einschlägig, wie sie in der politischen Trotzgemeinschaft gegen die von der AfD so genannten Systemparteien zum Tragen kommt und die Individualpsyche dann auch auf ihrem Gang in die Wahlkabine durchträgt.
Heranziehbar ist die kritische Folie, die Gustave Le Bon in seinem Klassiker Psychologie der Massen (1895) aufspannt, wie wissenschaftlich anfechtbar das Werk in seinen Zuspitzungen inzwischen im einzelnen auch erscheinen mag. Demnach gibt es eine säkular wie sakral angelegte Religiosität der Massen, die jene der Individualpsyche in verschiedener Hinsicht noch einmal potenziert, gerade auch was die Wirkweise der Ritualisierung angeht. Le Bon spricht von der Massenseele als einem höchst suggestiblen Phänomen, Beeinflussbarkeit und Leichtgläubigkeit wirken sich insgesamt als Einbuße von Kritikfähigkeit und differenzierter Problemwahrnehmung aus, die Gabe der Unterscheidung wird massenpsychologisch suspendiert, Persönliches und Sachliches schießt immer wieder zusammen.
In der Windmaschine des Wechsels
Auf dieser Linie lässt sich auch Ulrich Siegmund in seiner politischen Performanz verorten. Der AfD-Spitzenmann in Sachsen-Anhalt stellt sich und seine Parteiprogrammatik im massenpsychologischen Sinne als Oberflächenphänomen dar, das es unter der mobilisierenden Parole "Alles ist möglich" freizuhalten gilt von differenzierter Argumentation und Realitätstauglichkeit. So wird das Politische emphatisch ins Psychologische, Vorpolitische zurückgenommen, wie es in Zeiten der Social Media-Verständigung erfolgversprechend ist, dann jedenfalls, wenn man Erfolg nicht inhaltlich-substanziell begreifen, sondern von Resonanz und Sichtbarkeit her verstehen möchte.
Dergestalt, im vorsätzlichen Ausfall der diskursiven Rationalität, immunisiert sich die AfD gegen Kritik, Widerstand schweißt die Anhänger nur noch mehr zusammen. Ein mit Gründen und Gegengründen überprüfbares Vokabular kommt in der Windmaschine des Wechsels schlichtweg nicht vor, die Siegmund am Laufen hält. Die Heilserwartung, die er als allmächtige gute Laune schürt, diese Heilserwartung wird in der Ausrichtung auf ihn als eine im Grunde allen diskursiven Rechtfertigungen enthobene Erlöserfigur ersatzreligiös bestimmt. Glaubet an Siegmund, und ihr werdet Berge versetzen – so das vorpolitisch-politische Erlösungsversprechen.
Unter Faschisierungsverdacht
Götz Kubitschek, neurechter Vordenker vom Rittergut Schnellroda, hat diesem auf Oberfläche und damit, versteht man recht, auf Realitätsverweigerung setzenden Vorgehen Siegmunds seinen ausdrücklichen Segen erteilt. Die Wähler wären demnach in die AfD regelrecht hineinzutäuschen. Bloß nicht so kurz vor der Wahl noch in langen Podcasts auftreten, wo "Nachfragen und Nachbohren" der AfD gefährlich werden könnten!
In seinem Blog sezession.de schreibt Kubitschek zum Politischen als Oberflächenphänomen: "Nichts anderes ist im Wahlkampf die Aufgabe eines Politikers. Diese Phase, dieser Arbeitsabschnitt muss frei gehalten werden von differenzierter Argumentation, Ambivalenz und zu viel Realitätssinn." Jemand, der derart offen auf Propaganda statt auf Sachgehalte setzt, wird sich kaum noch als inhaltlich orientierter Ratgeber deutschnationaler, rechtsextremer Politik aufwerfen können. Umso mehr erhält der Faschisierungsverdacht Nahrung.
Adorno sieht hier den Leerraum eröffnet, in dem sich die Projektionsneigung des autoritätsgebundenen Charakters ausleben kann. In seinem bei Suhrkamp soeben wieder aufgelegten Vortrag über Die autoritäre Persönlichkeit vom 4. Mai 1960 (in dem Band Vorträge 1949-1968) rechtfertigt der Faschismus-Theoretiker Adorno seine psychologische Heuristik gegenüber objektiven sozialen und ökonomischen Faktoren, die er als Erklärmuster natürlich ernstnimmt, aber nicht verabsolutiert sehen möchte.
Damit autoritäre Heilsangebote verfangen, seien bestimmte psychologische Deformationen vorauszusetzen, wie er im Blick auf seine methodisch aufwendigen Forschungen zum autoritären Charakter bilanziert. Und es wirkt wie ein taufrischer, auf die gegenwärtigen Dynamiken rechtsextremer Politik bezogener Text, wenn Adorno in dem Vortrag ausführt:
"Ich kann auf die sehr komplizierte Problematik des Verhältnisses von gesellschaftlichen und psychologischen Determinanten hier nicht eingehen, aber es handelt sich doch offenbar um eine für die gegenwärtige Lage sehr bezeichnende Art der psychologischen Deformation, dass jeder einzelne Mensch starr ist, dass er institutionellen Mächten von überwältigender Kraft gegenübersteht, sich diesen Institutionen gegenüber ohnmächtig fühlt und dass er sich dadurch in seinem eigenen Narzissmus oder, schlicht gesagt, in seiner Eitelkeit – aber Eitelkeit im tiefenpsychologischen Sinne verstanden -- geschädigt fühlt."
Beide Augen zudrücken
Mit anderen Worten: für den politischen Durchmarsch der Rechtsextremen bedarf es psychologischer Dispositionen, die aufzuzeigen man auch der AfD-Wählerschaft nicht ersparen kann. Kein Siegmund ohne eine Wählerschaft, welche beide Augen zuzudrücken bereit ist, um sich mit dem Politischen als einem quasireligiösen Oberflächenphänomen zufrieden zu geben.
"Bitte", so jedoch Adorno, "verstehen Sie das nun nicht so, als ob ich die Probleme des autoritären Nationalismus einfach aus dem Charakter erklären wolle." Objektive politische und ökonomische Gegebenheiten seien "viel wichtiger". Aber gesellschaftsweit durchsetzen, so schließt Adorno, könnten sich die herrschenden autoritären Tendenzen eben nur, wenn sie eine Massenbasis in den psychologischen Dispositionen haben.
So ist der Wahltag auch eine Probe auf die Fähigkeit, Religion und Politik in ihren Eigengesetzlichkeiten unterscheiden zu können, statt den Mangel an differenzierter politischer Argumentation als ersatzreligiöses Heilsangebot zu lesen. Vielleicht beweist der religiöse Mensch gegen diese Versuchung sogar die besseren Nerven.