Die kleinen BühnenHeiner Wilmer mahnte in Berlin, wie wichtig Empathie für eine Gesellschaft ist

Die "Empathie", so scheint es, ist ein politisches Schlagwort der Stunde. Bundeskanzler Merz hat angeblich zu wenig von ihr, die AfD verwendet sie selektiv und für Elon Musk macht sie den Westen "suizidal". Bischof Heiner Wilmer sagt: Verantwortung geht nicht ohne sie.

Alina Oehler
© Carsten Schütz

Sie war eine der Reden, bei denen man das beklemmende Gefühl hat, dass sie einmal ein historisches Zeitdokument sein wird. Heiner Wilmers Ansprache beim Michaelsempfang in Berlin vergangene Woche.

Hervorgehoben wurde vor allem die Sorge des Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz über den Sieg der AfD in Sachsen-Anhalt. Er nannte die Partei "nachweislich nationalistisch und völkisch", Vertreterin eines Gedankengutes für das "weder im Christentum noch im Judentum, noch im Islam Platz" ist. Doch ganz zu Beginn sagte der Bischof von Münster noch etwas Bemerkenswertes: "Gerade in Zeiten großer Herausforderungen braucht Verantwortung auch Empathie". Diese beginne dabei "selten auf den großen Bühnen. Sie beginnt dort, wo Menschen sich dem Wohl anderer verpflichtet wissen."

Wenn Empathie verloren geht, fällt ein Grundstein für stabile soziale Verhältnisse weg.

Empathie, also Mitgefühl mit anderen, hat in diese Tagen ein schlechtes Image. Elon Musk nennt sie im Podcast "The Joe Rogan Experience" "die grundlegendste Schwäche der westlichen Zivilisation". Man müsse sie rational steuern, sonst könne sie "selbstmörderisch" werden.

Seit 2015 steht der Konflikt besonders stark im Raum. Damals, als viele Menschen mit Willkommensplakaten an den Bahnhöfen die Flüchtlinge aus Syrien begrüßten, hatten viele das Gefühl zu helfen und das Richtige zu tun. Dieses Gefühl war erhebend, auch gemessen an der historischen Schuld aus dem letzten Weltkrieg, die noch keine hundert Jahre auf dem deutschen Gewissen lastet. Man hatte das Gefühl, es diesmal richtig zu machen und Fremden zu helfen.

Leider auch zu Lasten politischer Vorsicht. Flüchtlinge von damals, die sich nicht integrierten und die deutschen Sozialsysteme belasten, ein verändertes Sicherheitsgefühl mancherorts, ein verändertes "Stadtbild" (Friedrich Merz) haben offensichtlich etwas mit dem Land gemacht. Positive Integrationsgeschichten liest man zu wenig, auch wenn es viele davon gibt. Stattdessen wollen Politiker über Abschiebezahlen beeindrucken. Mehr Härte soll einziehen. Leider werden dabei auch integrierte Syrer abgeschoben, die deutsch gelernt haben und in Arbeit stehen, aber die falschen Pässe haben. Sie müssen jetzt häufig gehen, damit die Zahlen stimmen. Doch das Signal darf nicht sein, dass die emphatische Haltung von 2015 grundlegend falsch war.

Die Not der anderen wird ausgeblendet

Wenn Empathie verloren geht, fällt ein Grundstein für stabile soziale Verhältnisse weg. In diesen Tagen ist ebenso zu erleben, wie die Verrohung auch im politischen Diskurs immer weiter zunimmt. Wer die Generaldebatte nach der Wahl in Sachsen-Anhalt im Bundestag verfolgt hat, erlebte unverschämte Zwischenrufe der AfD, während Bundeskanzler Friedrich Merz sprach. Diese Partei hat im Übrigen auch kein Problem damit Begriffe wie "Remigration" so lange zu sagen, bis sie ihren schauderhaften Ton verlieren und Rassismus zunehmend wieder salonfähig wird.

In den Zeitungen kann man seit einiger Zeit mit Erschrecken lesen, wie rassistische Übergriffe auf Menschen mit Migrationshintergrund zunehmen. Nach dem AfD-Wahlsieg gab es gar eine Morddrohung gegen die Präsidentin der israelischen Kultusgemeinde in München Charlotte Knobloch. Die Populisten beherrschen dabei das Gegenteil von Empathie perfekt – die "Ekpathie" bei der die Not von Anderen bewusst ausgeblendet wird. Für die Nationalisten sind das wohl alle, die nicht deutsch genug sind. Empathie gibt es nur mit dem eigenen Volk – wer immer das sein soll, in einer Zeit in der Multi-Kulti geraden in den Großstädten längst Normalzustand geworden ist und in der unsere Sozialsysteme auch auf Zuwanderung angewiesen sind. Doch nicht nur Flüchtlinge werden mit wenig Mitgefühl bedacht.

Interessanter Fun Fact: eine Studie hat gezeigt, dass Kinder, die Musikunterricht erhalten, ein besseres Einfühlungsvermögen besitzen.

Man muss unweigerlich an einen Satz von Gustav Heinemann denken, wenn man das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt gelesen hat: "Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder verfährt". Die Partei plant nicht nur Flüchtlinge, sondern auch andere Randgruppen massiv zu benachteiligen, mit Inklusion soll Schluss sein.

Doch muss, wer wirklich emphatisch ist, das nicht gegenüber allen Menschen sein? Jesus sagt: "Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Wo wäre die Welt ohne die vielfältigen christlichen Hilfswerke und einzeln Engagierte? Die von Wilmer genannten "kleinen Bühnen" sind wichtig.

Kann man Empathie lernen?

Natürlich muss Empathie in der Politik von Ratio begleitet sein. Sie macht Politiker übrigens auch sympathisch. Kanzler Friedrich Merz wird auch das gerade zum Verhängnis. Dass er seinen Urlaub nicht unterbrach, um zu den Waldbränden nach NRW zu reisen, wurde ihm Übel genommen. Als er letztlich doch kam, wurde er ausgebuht. Harald Schmidt spottete darüber in einem Podcast, es sei schwierig einfühlsam wirken zu wollen, wenn man Empathie "nicht wirklich hat. Ich weiß, wovon ich rede."

In der Psychologie werden tatsächlich Programme entwickelt, wie man sein Empathievermögen steigern kann. Sie spricht ihm einen großen Stellenwert für gute soziale Beziehungen zu. Interessanter Fun Fact: eine Studie hat gezeigt, dass Kinder, die Musikunterricht erhalten, ein besseres Einfühlungsvermögen besitzen. Warum weiß man noch nicht. Vielleicht sollten die Generaldebatten im Bundestag künftig mit gemeinsamem Singen eröffnet werden, bei der Nationalhymne macht bestimmt auch die AfD mit.

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