Der Aufmacher unserer Lokalzeitung warnte kürzlich vor Nahrungsergänzungsmitteln. Vitamine und Eiweiß-Präparate "boomen", doch gesetzlich festgelegte Höchstmengen gäbe es dafür nicht. Das sei gefährlich. Der Drang zur Selbstoptimierung wachse seit Jahren. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, sei "so zersetzend fürs Seelenheil wie Salpetersäure fürs Silberbesteck", kommentiert eine Redakteurin.
Und tatsächlich findet man diesen Trend seit Jahren überall - im Buchladen, in VHS-Kursen, in Fitness-Apps und ja, vor allem in den Sozialen Medien, wo einem ständig solche Anzeigen ausgespielt werden, wie man angeblich länger und besser leben kann. Ein offensichtlich lukrativer Markt. Das passende Schlagwort heißt: Longevity. Giovanna-Beatrice Carlesso hat darüber hier schon einmal geschrieben und die lange Tradition der Sehnsucht nach dem ewigen Leben nachgezeichnet.
"Herr, weil Du's willst, drum ist es gut"
Man könnte nun einen Schritt weitergehen und sich fragen, ob nicht gerade die katholische Kirche hier eigentlich total anschlussfähig ist.
Es klingt oft ein bisschen billig, aktuelle Trends heranzuziehen und dann zu sagen: Das passt doch perfekt zur kirchlichen Botschaft, weil … und dann kommt irgendwas mit Jesus-Kurve. Doch hier matched es doch tatsächlich ganz gut.
Die "billigen" Argumente zuerst: Körperliche Gesundheit ganzheitlich in den Blick zu nehmen, ist spätestens seit der heiligen Hildegard von Bingen (1098 - 1179) auch ein kirchliches Thema. Wer sich einmal mit dieser Kirchenlehrerin beschäftigt, wird über so manche Kräuter staunen, deren Heilkraft sie erkannte und die bis heute angewandt werden. Empfehlenswert und berühmt sind ihre "Nervenkekse". Auch die Sehnsucht nach mentaler Gesundheit, Stressabbau, innerer Ruhe, die heute oft mit Meditations-Kursen oder Yoga-Retreats bedient wird, hat mit Mystikern wie Meister Eckhart (13. Jh.), Teresa von Ávila (16. Jh.) oder der "Wolke des Nichtwissens" eine lange Tradition. Kontemplation auf katholisch, das geht richtig gut.
Der größte Schatz könnte aber woanders liegen: die Erleichterung, als Christ nicht alles kontrollieren zu müssen. Wer spürt, dass Gott in dieser Welt wirkt, dass er unser Leben begleitet und lenkt, der fühlt weniger Ohnmacht. Ich muss an das Lieblingsgebet von Rupert Mayer denken:
"Herr, wie Du willst, so soll mir gescheh'n und wie Du willst, will ich geh'n; hilf Deinen Willen nur versteh'n! Herr, wann Du willst, dann ist es Zeit; und wann Du willst, bin ich bereit, heute und in Ewigkeit. Herr, was Du willst, das nehm’ ich hin und was Du willst, ist mir Gewinn; Genug, dass ich Dein eigen bin. Herr, weil Du's willst, drum ist es gut; und weil du's willst, drum hab' ich Mut. Mein Herz in Deinen Händen ruht!"
Gottvertrauen lässt auch Unbeschwertheit zu - und einen gleichzeitig trotzdem an der Frage verzweifeln, warum Raucher wie Helmut Schmidt so alt werden, während die junge Mutter, die immer so sportlich war, viel zu früh an Krebs sterben musste.
Vom ersten Moment an geliebt
Von der Kirche wäre es angezeigt, in den Rausch der Selbstoptimierung zu rufen: Du bist gut genug - wie es ein aktueller Chart-Hit besingt. Mit einem Zusatz: Du bist gut genug, weil Du vom ersten Moment an geliebt bist. Und jetzt kommt sie doch, die Jesus-Kurve: Die Geschichten über ihn erzählen auch, wie Gott die Menschen sieht. Was tut er? Er geht auf alle mit offenen Armen zu, auch wenn sie Fehler gemacht haben. Heute würde man vielleicht sagen, er macht deutlich: Du bist immer mein geliebtes Kind, mit Deiner ganz individuellen Lebensreise. Und natürlich, Jesus heilt Kranke und weckt Tote auf: zeigt er damit nicht, wer der eigentliche Herr über Gesundheit und Sterben ist? Eben nicht der Mensch, trotz all seiner Möglichkeiten. Das kann demütig stimmen.
Natürlich ist es sinnvoll, auf einen gesunden Lebenswandel zu achten, doch Verbissenheit kann kontraproduktiv sein, nicht nur was die Einnahme zu hoch dosierter Nahrungsergänzungsmittel angeht. Wir können unsere Zukunft nur begrenzt beeinflussen, doch wir können ihr mit einem gesunden Vertrauen auf Gott optimistisch entgegengehen und dabei das Gute an der Gegenwart nicht übersehen.
Der wohl berühmteste Selbst-Optimierer, Tech-Millionär Bryan Johnson, von dem Giovanna-Beatrice Carlesso auch erzählt hat, ist mittlerweile übrigens an einer unheilbaren chronischen Gastritis erkrankt. Jetzt versucht er, das Leben seines Hundes zu verlängern. Er hat es wohl immer noch nicht gecheckt...