Empörung allein ist noch keine AnalyseEine Sexismus-Doku zeigt frühere TV-Unterhaltung als frauenfeindlich

Im Film "Was haben wir gelacht" blicken Frauen auf Fernsehshows der 90er und frühen 2000er Jahre zurück. Ausschnitte zeigen reichlich Sexismus, Grenzüberschreitungen und Machogehabe. Doch ganz so einfach, wie es die Dokumentation suggeriert, ist die Geschichte nicht.

Szene aus
Szene aus "Wetten, dass...?", 1998© PORT AU PRINCE PICTURES, Quelle: ZDF-Archiv

Ein Tribunal der Gegenwart über die Vergangenheit - so haben manche den Film Was haben wir gelacht gesehen, der seit Mitte Juli in den Kinos läuft und von vielen Medien extrem positiv besprochen wurde. Er blickt auf die Fernsehunterhaltung der 90er und frühen 2000er Jahre, als sich die Familie auf dem Sofa zu Shows wie "Wetten, dass …?" versammelte. Zu Wort kommen mit Maren Kroymann, Esther Schweins, Gaby Köster und Hella von Sinnen Komikerinnen, die sich in der damals männerdominierten Comedy-Szene durchsetzen konnten. Auch Moderatorin Bettina Böttinger blickt zurück. Im Dokustil werden den Frauen alte Passagen vorgespielt, die sie dann vor schwarzem Hintergrund kommentieren. Es ist eine Abrechnung mit der eigenen Branche, in der damals wohl keine Show ohne Frauenwitz auskam.

Viele Szenen wirken bedrückend, ja, ohne Kontext verstörend - beispielsweise als Late-Night-Talker Harald Schmidt 2009 einer Frau Brause aus dem Bauchnabel leckt (und dabei auf eine Szene des Romans "Die Blechtrommel" rekurriert). Vor allem aber Thomas Gottschalk wird in der Rezeption als übergriffig gezeigt. Er tätschelt zig Frauen am Knie, gibt ihnen zu viele Küsschen oder macht ihre knappen Outfits zum Thema. Eine der Komikerinnen sagt über solche Bilder erschrocken: "In der Dichte ist das überdeutlich, das wird mir jetzt bewusst, früher hab ich auf so was nicht geachtet."

Gesellschaftlicher Wandel wird sichtbar

Der Film zeigt, dass sich die Gesellschaft verändert hat. Heute ist man sehr viel sensibler und würde solches Verhalten wohl nicht mehr als normal werten, sondern als Grenzüberschreitung. Ob damals eine böse Absicht damit verbunden war oder ob die gezeigten Männer sich ebenfalls weiterentwickelt haben und kritisch auf ihre Vergangenheit blicken, das erfährt man nicht - sie kommen in diesem Film nicht zu Wort. Es soll die weibliche Perspektive gezeigt werden - und die geht mit "den Männern" ihrer Branche hart ins Gericht.

Der Geschlechterkampf wird auch verbal deutlich: Hella von Sinnen spricht von der "Männermeute", von "Bluthunden", die "zubeißen", wenn eine Frau sich verletzlich zeigt oder zum Opfer macht. So geschehen bei Bettina Böttinger, lange Moderatorin des "Kölner Treff" und Lesbe. Harald Schmidt parodierte sie einmal, in dem er das Publikum fragte, was sie mit einer Ausgabe der EMMA, einer Flasche Eierlikör und einer Klobrille gemeinsam habe - Antwort: "Die würde kein Mann freiwillig anfassen". Böttinger sagte später bei Schmidt in der Sendung, dass sie das verletzt hat. Natürlich geht es bei Humor auch um Platzverhältnisse. Es fällt der Satz: "Lustig ist, worüber die Mehrheit lacht". Oder mitlachen musste. Über Nichtprivilegierte lässt sich da gut Witze machen. Maren Kroymann, die mit "Nachtschwester Kroymann" 1993 feministische Comedy in die ARD brachte, sagt: "Humor ist ein Machtfaktor, diesen Bereich müssen wir auch für uns erobern."

Tatsächlich zeigen Feministinnen wie Rapperin Shirin David, die über Frauenthemen singt, dass ein neuer Feminismus gerade auch inszenierte Weiblichkeit im Programm hat. 

Mit "wir" meint sie die Frauen. Doch dass die keineswegs homogen sind, zeigt sich später im Film am Streitfall Verona Feldbusch, heute Verona Pooth. Das Model hostete damals die Show "Peep!" und zeigte sich in aufreizenden Outfits. Für die Frauen der Dokumentation ein Backlash in die "fifties", bei dem "dumm und sexy" wieder in sei, man eine Sendung bekäme, nur weil man gut aussieht. Die Feministinnen-Ikone Alice Schwarzer wird zitiert, Feldbusch spiele "die verfügbare Frau", die der Feminismus hinter sich lassen wollte. Interessant: Die Interviewerin, eine junge Filmemacherin, wirft an der Stelle ein, dass junge Frauen das heute wohl anders sehen: "Sie würden sagen, sie ist selbstbestimmt". Tatsächlich zeigen Feministinnen wie Rapperin Shirin David (zwei Nummer-1-Alben, 6,5 Millionen Follower auf Instagram), die über Frauenthemen singt, dass ein neuer Feminismus gerade auch inszenierte Weiblichkeit im Programm hat. Selbstbestimmung hat mehrere Gesichter. Das hat im Übrigen auch einen Thomas Gottschalk irritiert, der zu David 2023 auf seiner Couch sagte: "die Feministin hätte ich dir nicht angesehen", woraufhin sie kontert: "Als Feministinnen können wir klug sein und eloquent und wunderschön zugleich. Das eine schließt das andere nicht aus." Und sie ist nur ein Beispiel.

Der Wind hat sich längst gedreht. Auch Komikerinnen wie Carolin Kebekus geben sich heute sexy und teilen heftig - gerade gegen Männer - aus. In ihren Shows macht sie weibliche Themen wie Schwangerschaft und Geburt zum Thema, nimmt aber auch männlich dominierte Institutionen ins Visier. Das trifft auch die katholische Kirche, in einem Musikvideo sieht man sie auf einem sinkenden Papamobil auf dem Petersplatz singen: "O du stetige, o du ewige, schadenbringende Männlichkeit".

Anfang einer Auseinandersetzung

Aber zurück zum Film. Auch Esther Schweins kommt ausführlich zu Wort, die in ihrer Karriere als Komikerin und Schauspielerin oft auf ihr attraktives Äußeres angesprochen wurde. Thomas Gottschalk moderierte sie einmal als "Inbegriff televisionärer Erotik" an, was ihr sichtlich unangenehm war. Auch ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo wird eingeblendet, der mit Schweins in der "NDR Talk Show" einen Modekatalog hervorholte. Eine beigelegte Lupe in der Hand überlegte er, ob man diese nicht nur auf Preise, sondern auch auf Schweins Ausschnitt richten könne? Eine Stelle, über die man stolpern kann, ist hier Hella von Sinnens Kommentar: Der lesbische Comedy-Star erzählt, dass sie sich damals über Schweins als neue Kollegin gefreut habe, "weil sie ist ja auch ein herrliche Komikerin, mit ihrer Intelligenz und eine dermaßene Augenweide, da schlug das Herzchen höher, beim Helli." Ist das jetzt nicht sexistisch, weil eine Frau es sagt? Was in der Doku außerdem nur kurz erwähnt wird, sind die Frauen, die es damals neben den "großen" Unterhaltungskünstlern doch schon gab, die aber nicht in gleichem Maße erinnert werden, wie eine Evelyn Hamann bei Loriot, Grit Boettcher bei Harald Juhnke oder Rotraut Schindler mit Dieter Hallervorden. Tatsächlich dürften viele heute, wenn überhaupt, nur ihr männliches Pendant kennen.

Bei aller wichtigen Aufarbeitung und berechtigten Sexismus-Kritik ist es doch ein wenig einseitig, nach den heutigen Maßstäben, auf viele alte Aufnahmen zu blicken und dabei nur die Frauen zu Wort kommen zu lassen. Es sind wohl nicht alle TV-Männer von damals Frauenfeinde.

Der Hauptaufreger des Films besteht wohl darin vorzuführen, wie sexistisch die Unterhaltungsindustrie vor 20 bis 30 Jahren stellenweise war. Diese Botschaft hat schnell die Feuilletons gefüllt. Dabei ist es bei aller wichtigen Aufarbeitung und berechtigten Sexismus-Kritik doch ein wenig einseitig, nach den heutigen Maßstäben, auf viele alte Aufnahmen zu blicken und dabei nur die Frauen zu Wort kommen zu lassen. Es sind wohl nicht alle TV-Männer von damals Frauenfeinde. Eine soziologische oder medienwissenschaftliche Stimme hätte vielleicht ein bisschen mehr differenziert. Denn ein touchy Thomas Gottschalk dürfte nicht die gleiche Dimension haben wie ein Harald Schmidt oder ein Stefan Raab, die oft wirklich boshaft misogyne Witze oder Späße auf Kosten anderer Minderheiten machten und damit Menschen bewusst demütigten.

Dennoch bleibt der Film eine Mahnung, die deutlich macht, dass Frauen auch diese Männerdomäne lange versperrt war, Witze nicht immer harmlos sind und Popkultur auch ein Spiegelbild der Gesellschaft ist. Gerade deshalb sollte man mit ihrer historischen Einordnung sorgfältig umgehen. Die Empörung könnte der Anfang einer Auseinandersetzung sein.

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