In seinem autobiographischen Roman «Die Erfindung des Lebens» erinnert sich Hanns-Josef Ortheil an seine Kindheit, die stark von der Ästhetik des katholischen Gottesdienstes geprägt war. Zu diesen prägenden Eindrücken gehört bei ihm allerdings auch ein irritierendes Moment: die Predigt. «Die einzige Störung des Gottesdienstes, die jedes Mal schwer zu ertragen war, war die Predigt. Von Anfang, vom Stürmen der Orgel und den leisen Gesängen des Chores, an, war der Gottesdienst etwas Feierliches, Festliches, wenn aber die Predigt kam, war es für eine Weile aus mit der Feierlichkeit.»1 Ortheils Erinnerung ist literarisch zugespitzt, berührt aber eine Erfahrung, die vielen Gottesdienstbesuchern auch heute nicht fremd ist. Im katholischen Gottesdienst, der von symbolischer und ritueller Dichte lebt, wirkt die Predigt für viele bisweilen eigentümlich fremd. Sie kann die Feier erschließen, vertiefen und auf das Leben hin öffnen. Problematisch wird sie dort, wo sie aus ihrem liturgischen Zusammenhang heraustritt.2
Zu dieser Wahrnehmung tritt das konziliare Verständnis der Homilie in deutliche Spannung. Das Zweite Vatikanische Konzil behandelt sie nicht als störenden Einschub in die Messe, sondern als Teil der Liturgie selbst. Sacrosanctum Concilium 52 spricht von ihr als «pars ipsius liturgiae» und schreibt sie an Sonn- und Feiertagen verbindlich vor. Damit ist mehr gesagt als ihre Platzierung nach dem Evangelium. Die Homilie gehört zur inneren Ordnung der Feier selbst. Deshalb fällt es so sehr ins Gewicht, wenn die Predigt im Gottesdienst als Fremdkörper erlebt wird. Dann ist nicht nur die Qualität eines einzelnen Elements betroffen, sondern die Gestalt des Gottesdienstes selbst.
Zugleich bleibt das katholische Verständnis der Homilie klar konturiert. Sie ist keine freie religiöse Rede und auch keine bloße geistliche Betrachtung aus Anlass eines biblischen Textes. Sie schöpft aus Schrift und Liturgie und erschließt das Gehörte im Zusammenhang der Feier. Der CIC von 1983 formuliert nüchtern, in der Homilie seien aus den heiligen Texten die Glaubensgeheimnisse und die Normen für das christliche Leben darzulegen (c. 767 § 1). Damit ist ihr erklärender und darlegender Charakter benannt, der für die katholische Homilie wesentlich bleibt. Darin erschöpft sie sich jedoch nicht. Ihre Auslegung soll in die Feier hineinführen und ihre Deutung die Aneignung des Gehörten ermöglichen. Sie erklärt nicht, um den Ritus zu ersetzen, sondern um seine innere Bewegung zu öffnen. Hier setzt die Frage nach einem mystagogischen Zugang an.
Papst Franziskus griff diese Spannung in seinem viel beachteten Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium auf.3 Gleich zu Beginn seiner Überlegungen zur Homilie verweist er auf die Kritik vieler Gläubiger an der Predigtpraxis: «In der Tat wissen wir, dass die Gläubigen ihr große Bedeutung beimessen; und sie, wie die geweihten Amtsträger selbst, leiden oft, die einen beim Zuhören, die anderen beim Predigen. Es ist traurig, dass das so ist.» (EG 135) Doch Franziskus bleibt nicht bloß bei dieser Klage stehen. Für ihn erscheint die Homilie nicht nur als Darlegung von Schrift, Liturgie und Lehre, sondern als «Höhepunkt des Gesprächs zwischen Gott und seinem Volk vor der sakramentalen Kommunion» (EG 137). Wenn er zudem von einem «geradezu sakramentalen Charakter» (EG 142) der Kommunikation zwischen den Herzen spricht und dem Prediger die Aufgabe zuschreibt, «die Herzen, die sich lieben, zu vereinen: das des Herrn und die seines Volkes» (EG 143), wird die Homilie stark aufgeladen. Damit ist der Anspruch an sie deutlich erhöht. Zugleich wird die Frage dringlicher, wie ein solcher Anspruch homiletisch, pastoral und liturgisch verantwortet werden kann.
Was folgt daraus für die Predigt heute? Zunächst wohl, dass die Debatte nicht bei der Frage stehenbleiben darf, wer in der Messe predigen darf. Die Auseinandersetzung über die kirchenrechtlichen Zulassungskriterien ist wichtig und wird mit guten Gründen geführt. Sie ersetzt aber nicht die grundlegendere Frage, was eine gute Predigt im katholischen Gottesdienst überhaupt ausmacht. Denn die Unzufriedenheit mit Predigten betrifft nicht nur ihre äußere Form. Sie entzündet sich auch daran, ob eine Predigt aus den biblischen Texten lebt, die Feier erschließt und das Leben der Hörenden erreicht. Eine Homilie ist nicht schon deshalb gelungen, weil sie einen biblischen Text verständlich erklärt oder ein aktuelles Thema religiös kommentiert. Sie muss Schrift, Liturgie und Leben so aufeinander beziehen, dass ihr Zusammenhang für die Hörenden erkennbar wird.
Ein solcher mystagogischer Zugang zielt nicht auf die Vermittlung abstrakter Wahrheiten, sondern auf die Vergegenwärtigung der Heilsgeschichte im Heute. Er erschließt nicht nur einen Text, sondern hilft, die eigene Gegenwart im Licht des Gehörten zu verstehen und sich das verkündete Wort anzueignen. Darin bleibt die Predigt offen für eine performative Dimension. Sie will nicht bloß etwas mitteilen, sondern dazu beitragen, dass das Gehörte im Leben der Hörenden wirksam werden kann. So lässt sich der Ansatz von Franziskus weiterdenken, ohne die Homilie sakramental zu überhöhen und damit Prediger wie Hörer zu überfordern. Sie muss Begegnung nicht herstellen, aber sie kann ihr den Weg bereiten.
Das hat auch Folgen für die wissenschaftliche Reflexion und für die Ausbildung zum Predigen. Homiletik und Liturgiewissenschaft sind an den theologischen Fakultäten meist verschiedenen Fächern zugeordnet. Dadurch geraten Predigt und Liturgie leicht getrennt in den Blick, obwohl die Homilie aus ihrem Zusammenhang lebt. Eine mystagogische Homilie verlangt jedoch beides: die sorgfältige Arbeit am Wort und die rituelle Aufmerksamkeit für die Feier, in der dieses Wort verkündet wird. Wer predigt, hat daher nicht nur einen biblischen Text auszulegen und eine Ansprache zu formulieren. Er oder sie muss auch wahrnehmen, wie Schriftlesungen, Gebete und Zeichen der Liturgie zusammenwirken und was die Predigt in diesem Zusammenhang leisten kann.
Deshalb ist das Verhältnis von Rede und Ritus genauer zu bestimmen. Der Ritus ist in seiner Grundgestalt vorgegeben; die Predigt ist das persönlich verantwortete, rhetorisch freie Wort innerhalb der Liturgie. Beides braucht einander, aber beides darf nicht ineinander aufgehen. Wo der Ritus fortwährend erklärt und kommentiert wird, droht die Liturgie homiletisiert zu werden. Wo die Predigt umgekehrt Glaubenswahrheiten nur noch aneinanderreiht, ohne das Evangelium mit dem Leben der Hörenden zu verbinden, wird sie ritualisiert. Beides verfehlt ihre Aufgabe. Eine gute Predigt löst die Spannung von Rede und Ritus nicht auf, sondern hält sie aus.4
An diesem Punkt öffnet sich die Frage auch ökumenisch. Während die katholische Liturgiewissenschaft nach dem Konzil mit Nachdruck daran gearbeitet hat, die Homilie wieder als Teil der Liturgie zur Geltung zu bringen, wird auf evangelischer Seite gegenwärtig stärker der rituelle Charakter der Predigt wahrgenommen.5 Beide Bewegungen sind aufschlussreich. Sie zeigen, dass Predigt und Liturgie weder gegeneinander ausgespielt noch vorschnell zur Deckung gebracht werden dürfen. Der ökumenische Gewinn liegt daher nicht in einer Angleichung der Profile, sondern darin, das je Eigene im Gegenüber neu zu bestimmen. Für die katholische Homilie heißt das, ihre liturgische Eigenart im Gespräch mit der evangelischen Predigttradition präziser zu fassen. Sie gewinnt dort an Profil, wo sie als Auslegung des Wortes im Zusammenhang einer Feier verstanden wird, die von der Spannung zwischen Verkündigung und sakramentaler Gegenwart lebt.
Die Beiträge des vorliegenden Heftes nehmen diese Linien auf und führen sie in unterschiedliche Richtungen weiter. Markus Lersch fragt nach katholisch-lutherischen Konvergenzen zur Sakramentalität der Predigt; Michael Meyer-Blanck verfolgt denselben ökumenischen Grenzverkehr von der anderen Seite und deutet die Predigt als sacramentum rhetoricum. Mit Christophe Bourgeois rückt die Kunst der Rede selbst in den Blick, während Johannes Greifenstein die Predigt als Kulturform der Bibelauslegung entfaltet und den Weg vom Lesen bis zum gottesdienstlichen Hören nachzeichnet. Im Gespräch mit Elmar Salmann OSB wird die Frage nach guter Predigt an der Erfahrung eines Predigers geprüft, der Ritus und persönlich verantwortete Ansprache, Mystagogie und Lebenserhellung nicht gegeneinander ausspielt. Hans-Rüdiger Schwab richtet den Blick auf die Predigt, wie sie von Schriftstellern auch heute gehandhabt wird. Christian Hornung rekonstruiert spätantike Konzeptionen des idealen Predigers bei Johannes Chrysostomus, Augustinus und Caesarius von Arles; Stephan Schaede stellt mit Benedikt XVI. und Eberhard Jüngel zwei sehr unterschiedliche Weisen theologischer Predigt nebeneinander. Den Schlusspunkt setzt Thomas Söding mit einer persönlichen Reflexion darüber, was Predigten ausmacht.
Gerade weil die Predigt im Gottesdienst als Fremdkörper erscheinen kann, muss sie aus dessen innerem Zusammenhang hervorgehen. Wo sie Schrift, Liturgie und Leben so aufeinander bezieht, dass das gefeierte Geheimnis für die Gegenwart der Hörenden aufleuchtet, wird aus der möglichen Störung ein Dienst an der Feier selbst.