«Ermutigung zum Anfangen»Über Predigt, Ritus und Leben. Andreas Bieringer im Gespräch mit Elmar Salmann OSB

Warum entzündet sich gerade an der Predigt so viel Kritik? Benediktiner Elmar Salmann spricht über die Spannung zwischen Liturgie und persönlichem Wort, über die Kunst, biblische Texte für heute aufzuschließen, und darüber, warum Predigen von Fremdheit, Mystagogie und der Fähigkeit lebt, Menschen zu Freunden des Lebens zu machen.

Elmar Salmann
© Simon Stubbs

Andreas Bieringer: Elmar Salmann, die Predigt gehört seit dem Zweiten Vaticanum wieder selbstverständlich zur Messe, und doch entzündet sich heute an kaum einem anderen Teil von ihr so viel Unzufriedenheit. Warum ist gerade die Predigt ein so heikler Moment?

Elmar Salmann: Das hat seine Gründe. Einer davon ist, dass sich die Predigt im liturgischen Vollzug nicht mehr so deutlich von den übrigen Teilen der Liturgie abhebt, wie das noch vor der Liturgiereform der Fall war. Früher unterbrach die Predigt den Ablauf der Messe signifikant: durch das Ablegen des Messgewandes und das Hinaufsteigen auf die Kanzel. Als Inszenierung hatte die Messe etwas Theatralisches und bediente damit unterschiedliche rituelle Register. Heute ist das in ein allgemeines Parlando eingeebnet. Die ganze Liturgie soll Verkündigung sein. Sogar der Kanon. Ob das der Predigt gutgetan hat? Dazu kam der Wechsel von der Kanzel zum Ambo. Der Ambo hat etwas Schmalbrüstiges. Da wirkt die Predigt schnell wie eine kleine Vorlesung. Indem die Liturgiereform vieles unter das Vorzeichen der Verkündigung gestellt hat, hat sie auch zur Entwirklichung und Verdünnung des Predigens beigetragen. Wahrscheinlich liegen die Gründe aber noch tiefer. Wir sind gerade noch Volkskirche und längst schon Minderheitenkirche, ohne dafür eine passende Form gefunden zu haben. Dabei erwarten wir zu viel von der Predigt und zugleich zu wenig. In der Volkskirche erwartet man zu wenig von ihr, am ehesten Bestätigung. In der Minderheitenkirche erwartet man hingegen Prophetie und Kontrast und dass die Predigt dem Leiden an der Minderheit auch Rechnung trägt. Man erwartet eine Begründung, einen Durchbruch, etwas Neues, etwas, das zu denken gibt und Anlass zum Handeln wird. Diese beiden Erwartungen zusammen zu erfüllen, ist nur sehr schwer möglich. Man muss fast immer eine Seite enttäuschen.

De Liturgie lebt von festen Formen und vorgegebenen Texten; die Predigt ist dagegen ein persönlich verantwortetes Wort. Wie verstehen Sie dieses Verhältnis von objektivem Ritus und subjektiver Ansprache?

Der Ritus ist opus operatum, ein objektiver Vollzug, der den Zelebranten und die Liturgie trägt. Da ist wenig zu variieren. Höchstens lasse ich einmal etwas aus, damit die Leute Atem schöpfen können und von meiner Stimme, aber auch von völlig fremden Texten befreit werden.
Ich neige jedenfalls nicht zur Homiletisierung des Ritus. Höchstens bei Kasualien, bei Taufen etwa, sage ich einmal einen erklärenden Satz. In der Eucharistie praktisch nie. Da leite ich eher zum Gebet an, zur Sammlung, zum Stehen vor Gott. Den objektiven Charakter des Ritus lasse ich stehen.
Darin sehe ich keinen Widerspruch zur Predigt. Sie ist eher das opus operantis, die persönliche Duftnote, die der Priester hinterlassen kann, das Aufschließen vom heutigen Menschen her. Beides braucht einander. Beides sind Möglichkeiten, von Gott in zwei verschiedenen Tonarten zu sprechen und dem Leben eine Fassung zu geben: das Objektive und das Subjektive.
In einer gelungenen Liturgie kommen beide als Spannungsgefüge zusammen, als gegenstrebige Fügung. Die Predigt ist der subjektive, rhetorisch freie Teil der Liturgie. Zugleich muss sie vielem gerecht werden: dem Leben der heutigen Menschen, dem Ritus, den heiligen Texten. All das kann und soll sich gegenseitig erhellen, aufschließen und heben.
Schließlich soll der einzelne Hörer mitgenommen, ergriffen, gewandelt und ermutigt werden. Das Gemeinsame von Religion und Existenzerfahrung soll als Grundierung aller Einsamkeit und Bsonderheit eines jeden Menschen aufscheinen.
Erst im Miteinander der Elemente kann so etwas wie Vergegenwärtigung Gottes geschehen: des Väterlichen, Mütterlichen, des Sohnes, des Wortes und des Geistes. Da wird Predigen zur Kunst und eine kleine Grazie, eine Gnade, ein Moment der Schönheit.

Wenn man nach Definitionen sucht, stößt man auf unterschiedliche Begriffe: Predigt, Homilie, Verkündigung. Mit diesen Wörtern verbinden sich unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungen. Lässt sich daran ablesen, was Predigt heute sein kann und was man ihr zutrauen darf?

Offenkundig ist die Predigt heute keine Kanzelrede mehr. Sie darf aber auch nicht zum bloßen spirituellen Impuls verkommen. Ebenso vermeide ich den Ausdruck Verkündigung, weil er für mich nicht mehr recht in unsere Zeit passt.
Ich verwende lieber das Wort Ansprache, weil ich meine Hörer in der Predigt ansprechen möchte, ohne dabei anspruchslos zu werden. Oder ich spreche von Ankündigung: Sie schließt etwas auf, lässt etwas erwarten. Oder von einem Wink, der die Ohren und Herzen der Menschen öffnet. Oder von einer Andeutung, einer Spurenlese und Spurenlegung. Oder von einer Vergegenwärtigung von Motiven, einer Erschließung von Wirklichkeit, von Gott, Leben, Existenz und Heute.
Das kann in Form einer Homilie geschehen, die sich an einer Folge biblischer Texte abarbeitet, bis diese dem Hörer einleuchten und seine Welt erhellen und sie zugleich gegenlesen. Bei mir muss die Predigt in all dem auch etwas von Mystagogie und Lebenserhellung haben. Ihren Charakter würde ich daher als beschreibend und phänomenologisch bezeichnen.
Sie kann aber auch prophetische Einrede sein, eine doppelte Gegenlese: der Welt im Licht von Bibel und Tradition, aber immer ausgehend von heutiger Erfahrung. Mein Vorschlag wäre also: Predigt ist eine motivierende und verfremdende Übersetzung zwischen den Welten, damit uns ein Licht aufgeht zu dem, was Gott, Christus und Leben für uns heute bedeuten.
Seltsamerweise spricht man in allen Sprachen davon, dass man eine Rede, eine Predigt, eine Vorlesung hält. Das ist ein seltsames Verb. Die Rede muss unterhalten, durchgehalten, durchgetragen werden, damit die Rede auch den Redner hält. Denn die Rede ist größer als der Redner selbst.
Sie entwickelt eine eigene Logik, so wie es auch Romanschriftstellern geht. Es entsteht eine Dynamik, die mehr ist als das, was der Schriftsteller vorher konzipieren und ahnen konnte. So geht es auch dem Redner. Er wird mitgezogen, unterhält die Hörer, regt sie an, erhellt ihren Verstand und ihr Herz.
Eine eigentümliche Haltung ist für jeden Typ von Rede nötig, damit sie wegweisend wird. Im Fall der Predigt würde ich ihr Ziel so bestimmen: dass wir mit Gott Freunde des Lebens werden können, um das Buch der Weisheit zu zitieren.

Heute wird fast nur noch innerhalb der Eucharistiefeier gepredigt. In der Vergangenheit fanden Predigten im großen Stil auch außerhalb der Messe statt. Was bedeutet diese Konzentration auf die Messe für Predigt, Ritus und religiöse Erfahrung?

Damit berühren Sie einen wunden Punkt: die Monokultur der Messe. Wir haben fast nur noch die Messe, oder, wie man heute sagt, die Eucharistiefeier. Schon dieser Name ist einseitig. «Danksagung», ja, aber danach ist einem selten zumute. «Messe» ist für mich der objektivere, weitere Rahmen, der Raum lässt für vieles.
Übrig geblieben ist oft eine Form des ständigen Parlando, eines pädagogisierten Ritus, in dem kaum noch Raum ist für Stille, Anbetung und Frömmigkeit. Diese Monokultur ist auf Dauer der Tod der Religion, jedenfalls des Kultus.
Die Eucharistie ist Quelle und Höhepunkt der Liturgie und des Lebens. Aber sie darf nicht das Einzige sein. Sie braucht eine Landschaft um sich. Früher gab es solche Formen: Andachten, Rosenkranz, Volksmissionen, Fastenpredigten. Dort konnte sich das rhetorische Element entfalten, aber auch das Element der Frömmigkeit, der Anbetung und der Stille.
Für all das gibt es in der heutigen Kirche praktisch keine Sphäre mehr. Das schadet der Predigt, dem Ritus und der Seele des Menschen. Man kann diese Formen auch nicht einfach künstlich wiederbeleben. Dazu bräuchte es die Humusschicht einer Gemeinde, besser einer Pfarre, in der solche Formen noch selbstverständlich sind. Diese Selbstverständlichkeit haben wir nicht mehr. Geblieben ist fast nur die sonntägliche Eucharistie, als einzige und schmerzende Selbstverständlichkeit.
Diese Zentrierung verschärft auch die Frage, wer nun Subjekt der Feier sei: der Priester, die Pastoralreferentin oder die Gemeinde. Weil wir nur noch diese eine Form haben. Jetzt entwickeln wir langsam neue Wortgottesfeiern. Aber sie dürfen keine schwächlichen Ersatzformen der Messe sein. Sie müssen eigenständige, starke Formen werden, ein eigener locus theologicus: Orte der Vergegenwärtigung Gottes und der Andacht des Einzelnen wie der Gemeinschaft. Letztlich sind all dies Formen des Seins coram Deo.

Jede Predigt steht in der Gefahr, zur Routine zu werden. Das gilt für beide Seiten: Wer predigt, steht oft vor derselben vertrauten Gemeinde; wer zuhört, hört oft über Jahre denselben Prediger. Und auch die biblischen Texte kehren immer wieder. Wie gehen Sie mit dieser doppelten Routine um? Wie kann ein Text, den man seit Jahrzehnten kennt, noch einmal neu sprechen?

Zunächst einmal ist mir die Routine eine große Hilfe. Ohne sie hätte ich nicht seit 55 Jahren so fruchtbar wirken können. Man kann auch nicht für alle predigen. Es wird immer Leute geben, die mit dem, was ich predige, mit meinem Stil, nichts anfangen können. Aber ich versuche dennoch, mich unter das Wort zu stellen und unter die heutige Situation, und zugleich noch einmal wie aus dem Flugzeug von oben darauf zu schauen.
Ich lasse mich vom Text verfremden. Ich suche nach dem Punkt, wo der Text mir weh tut, mich inspiriert, mich auf einen Gedanken bringt, mich irgendwohin entführt. Und ich suche nach dem, was mich in der gegenwärtigen Situation von Kirche, Politik und Geistesgeschichte anspricht, anregt oder aufregt. Diese Punkte will ich in der Predigt verbinden. Ich koche, wenn Sie so wollen, nach alten Rezepten, aber mit neuen Gewürzen.
Deswegen bin ich selbst der erste Adressat meiner Predigt. Ich muss mir selbst, dem Leben und dem Wort auf die Spur kommen. Ich rede weniger von einer Überzeugung, die ich immer schon hatte, sondern arbeite daran, dass etwas aufscheinen kann, was größer ist als ich und meine Phantasie. Ich ­schmecke die Predigt gewissermaßen ab: Schmeckt das Ganze mir? Stimmt es? Kann ich mich hören? Geht mir etwas auf?
Zwischen den Texten und den Lebenserfahrungen heutiger Menschen entsteht dann eine Atmosphäre, ein Resonanz- und Klangraum. Wenn ich mich in dem bewege, was ich sagen möchte, lasse ich mir selbst etwas gesagt sein. Ich lasse mich inspirieren von etwas, was über mir, unter mir und neben mir ist, was größer ist als meine seelische Verfassung. Dann kann ich in eine Dynamik hineingezogen werden, aus der der Text oder die Rede sprechend wird.

Wenn Sie sagen, Sie seien der erste Adressat Ihrer Predigt: Wen haben Sie dann beim Predigen vor Augen? Die Gemeinde als Ganze oder die einzelnen Menschen?

Der Prediger ist «allein mit dem Wort», wie ein Buchtitel von Lothar Perlitt lautet. Ich habe keine vage Gemeinde vor Augen. Ich richte mich eher an die vielen Einzelnen, an ihre Erfahrung und ihre Freiheit.
Denn wir Menschen sind ja zunächst gemeinsam einsam, wenn es gut geht, oft aber auch ganz allein. Jeder ist eine Welt und ein Kosmos, von Gott als Einmaligkeit ins Dasein gerufen. Das ist die erste Predigt, die jeden erreicht: Ich bin auf mich hin angesprochen, mir zugesprochen, zugetraut und zugemutet. Ich bin Resonanzkörper des Wortes.
Im Grunde versuche ich in meinen Predigten, diese Ursituation des Menschen zu erwecken: seine Freiheit, seine Originalität, seine Besonderheit, aber auch seine Aufgeschlossenheit für die Einsamkeit, für das Große des Anderen, für das Liebenswerte und Besondere. Deswegen richten sich meine Ansprachen eher an die je Einzelnen.

Ist das auch eine Korrektur an einer Liturgie, die in den letzten Jahrzehnten stark von Gemeinschaft, Communio und Beteiligung her gedacht wurde?

An wen soll ich mich denn sonst wenden? Der Einzelne sitzt ja da, sieht mich an, hört mir zu und ist mit seiner Situation da. Er ist der erste Angesprochene. Daraus kann sich Gemeinschaft erschließen: Geschick, Schicksalhaftigkeit, Tragik, aber auch die gute Erfahrung einer Gemeinschaft, in der der Einzelne aufgehoben ist, ohne aufgehoben zu werden. Das gehört zum Existential des Menschen. Ähnlich führe ich auch in der Liturgie gern zum Gebet des Einzelnen hin, etwa durch eine besondere Stille nach der Wandlung oder durch einen Meditationssatz. Für mich ist Liturgie auch Schulung des Gebetes. Wir haben sonst kaum einen Raum, in dem das geschehen könnte. Deshalb halte ich die einseitige Fixierung auf Gemeinde und Gemeinschaft nicht für religionsfördernd. Die Frömmigkeit wird dadurch nicht größer. Ich möchte die Pietas stärken: die Gegenwart des Einzelnen vor seinem Gott und in seinem Gott, das Empfinden für das Unendliche, die Vergegenwärtigung der Souveränität Jesu und seiner Hinwendung zu den Menschen. Das haben wir meiner Ansicht nach vernachlässigt. Die Verkarstung der religiösen Landschaft hat vielleicht auch damit zu tun.

Sie haben über Jahrzehnte als Professor gelehrt und zugleich als Mönch, Prediger und geistlicher Begleiter gesprochen. Gerade bei akademisch geprägten Predigern besteht oft die Gefahr, dass die Predigt zur kleinen Vorlesung wird. Wie unterscheiden Sie diese Rollen?

Die unterschiedlichen Rollen fielen für mich kaum ins Gewicht. Bei mir gab es immer eine große Analogie zwischen Vorlesungen, Predigten, öffentlichen Reden und Ansprachen zu besonderen Anlässen. Sie haben alle diese gemeinsame, etwas mystische Grundierung, von der ich gerade gesprochen habe. Eine Rolle haben Sie allerdings noch vergessen: die des Seelsorgers. Ich habe sehr viele Exerzitien gegeben, auch lebensbegleitend für einzelne Menschen. Das war meine erste berufliche Erfahrung. Die ersten zehn Jahre habe ich vor allem das gemacht. An eine akademische Karriere oder Laufbahn habe ich damals überhaupt nicht gedacht. Diese Erfahrung hat mich ungemein geprägt: der Biographie einzelner Menschen oder kleiner Gruppen einen Atemraum zu geben, sie zu begleiten, zu heben und von ihrer inneren Logik her zu verstehen. Das prägt auch meinen Predigtstil. Ich vernetze dieses Tiefe, Seelische, Biographische mit Motiven aus der Bibel, aus der Dogmatik, aus der Gnadenlehre und so weiter. Das tat ich auch in meinen Vorlesungen. Meine Vorlesung zur Gnade etwa endete mit Überlegungen zu Gnade und Tiefenpsychologie. Freilich ist in einer Predigt der Anteil des Rhetorischen, Subjektiven und Momentanen größer. In einer Vorlesung ist der Anteil des Objektiven größer, der Information aus der Geschichte der Theologie oder über moderne Theologen. Der Anteil ist also ein anderer, aber das Grundmuster ist ähnlich. Deswegen muss ich nicht in eine andere Rolle wechseln. Es verschiebt sich nur der Akzent.

Wenn wir auf Ihre eigene Predigtgeschichte schauen: Wie haben Sie predigen gelernt? Gab es frühe Erfahrungen, Lehrer oder Vorbilder, die Ihren Stil geprägt haben? Und was davon ist Ihnen bis heute geblieben?

Meine erste Ansprache in der Liturgie hielt ich im Priesterseminar. Das war 1970 oder Anfang 1971, am Tag des Beda Venerabilis, also eines Benediktiners. Ich predigte über die Grundrhythmen des benediktinischen und gelehrten Lebens, nicht ahnend, dass ich selbst einmal Benediktiner werden würde.
Gegen Ende meines Studiums begleitete ich häufiger meinen kranken Großonkel bei seinen Messen und predigte an seiner Statt. Er starb am Tag meiner Weihe. Meine erste große Predigt und Messe war das Requiem für ihn. «Christentum ist das Geheimnis der geöffneten Hände», das war das Leitmotiv.
Es begleitete mich durch die erste Zeit. Es hielt mich selbst. Ich hielt eine Ansprache über das, was mich hielt.
Eine Hilfe war mir im Seminar ein damals sehr moderner homiletischer Kurs mit jüngeren Franziskanern, die schon mit Film und Tonaufnahmen arbeiteten. Ich erschrak über mich, über meine Stimme. Wie kann das nur jemand länger aushalten und anhören?, fragte ich mich. Diese Verfremdung hat mich manchmal neben mir selbst stehen lassen. Ebenso die Texte, mit denen ich nichts anfangen konnte, die aber mit mir etwas unternehmen wollten.
Im Rückblick merke ich, dass mich auch einzelne Priestergestalten der sechziger Jahre geprägt haben. Einer von ihnen war Dechant Ostrup. Häufig spielte er Lektüren ein, die in der vergangenen Woche bei ihm auf dem Sessel gelegen hatten: nicht als Zitat oder Belesenheitsbeweis, sondern als eingelöste Erfahrung.
Prägend waren im Seminar auch die Predigten Eugen Drewermanns: prophetisch, biblisch erzählend, mit genauer Pointe, psychologisch tiefgreifend. Etliche Formulierungen und Sequenzen gehen mir bis heute durch Kopf und Gemüt.
Aus solchen Erfahrungen heraus habe ich mich nie wiederholt und nie alte Texte gesammelt. «Im Anfang» heißt es immer: von Gott im Anfang sein, nicht nur einfach am Anfang. Also mit sich, den Texten, den Menschen etwas anfangen können. Selbst mit Dogmen und dem alten Gott. Das ist freigebige, schöpferische Freiheit, die auf andere überspringt. Man könnte Predigt auch Ermutigung zum Anfangenkönnen nennen.

Sie haben vorhin eine schöne Formulierung gebraucht: Lektüre soll in der Predigt nicht als Belesenheitsbeweis erscheinen, sondern als eingelöste Erfahrung. Wie gelingt dieser Unterschied? Wie wird Bildung zu einem Weg der Erschließung und nicht zur Last für die Hörer?

Ich zitiere in Predigten wenig. Da geht es mir um das Wort und nicht um das Gebildetsein. Ganz selten nenne ich den Namen eines Autors, vielleicht einmal einen wichtigen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts.
Entscheidend ist der weisheitliche Honig, den man aus einer Lektüre zieht, oder der Stachel, den sie bedeuten kann. Dechant Ostrup machte das auf sehr sympathische Weise. Er sagte etwa: Dieses Buch lag an meinem Bett, und als ich abends darin las, kam mir ein Gedanke. Der half mir, in den schwierigen Text oder in das Thema des Sonntags hineinzukommen.
Er erschlug einen weder mit Bildung noch mit Frömmigkeit noch mit Moraltheologie. Er schilderte seinen eigenen Annäherungsweg an das Thema, oft mithilfe einer Lektüre, manchmal auch durch ein Kunstwerk, eine Begegnung oder eine Situation. Darin war er ein Meister.

Wenn Sie auf mehr als fünf Jahrzehnte Predigt zurückblicken, fällt diese Zeit mit enormen Wandlungen in Kirche, Gesellschaft und Religion zusammen. Hat sich dadurch auch Ihre Art zu predigen verändert? Und was ist bei allen Wandlungen geblieben?

Es waren Jahrzehnte großer Veränderungen in Gesellschaft und Religion. Ich bin in den fünfziger und frühen sechziger Jahren religiös erzogen worden. Von dieser Kirche ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Es ist eine völlig andere Welt entstanden: eine humanisierte, sozialere Religion, ein anderes Lebensgefühl, eines, das auch ins Freie gesetzt hat. Ich bewerte das weder einfach negativ noch positiv.
Teil meines Predigens war immer, eine Zeitdeutung zu versuchen: dem Einzelnen und der Zeit freies Geleit zu geben, verstehen zu lernen, was uns widerfahren ist. Das gehört für mich zur Mystagogie. Wir sind von einer Religion des Herrgotts, des Christkönigs und des Herrn zu einer Religion des Sohnes, des Wortes, des Bruders, des mit uns Gehenden gewandert, bis hin zur Pneumatologie und zur Spiritualität der heutigen Kirche.
Damit hat sich auch meine Art zu predigen im Lauf der Zeit gewandelt. Auch die Färbung, die ich den Geheimnissen des Christentums gab, und zugleich die Deutung der Zeit vom Christentum her, hat sich ständig verschoben. Das geschieht fast hinterrücks. Auf einmal merkt man: Man hat sich gewandelt.
Aber im Grundansatz ist doch etwas geblieben. Der Atem, der Duktus, die Melodie haben sich meiner Ansicht nach durchgehalten. Auch da bin ich wieder ein Fährmann, der zwischen Welten hin und her übersetzt und den Verkehr zwischen den Ufern aufrechterhält. Die Predigt ist dafür ein wichtiger Ort.

Sie sprechen immer wieder von Verfremdung: Der Prediger wird sich selbst fremd, die Texte bleiben fremd, auch das Christentum ist in unserer Gesellschaft fremd geworden. Warum ist diese Fremdheit für Sie nicht nur ein Problem, sondern eine Voraussetzung des Predigens?

Fremdheit ist für mein Verhältnis zur Hermeneutik, zum Philosophieren und zum Leben zentral. Oft bin ich mir selbst und meiner Umgebung fremd. Das gehört zu meiner Freiheit, auch wenn es schmerzhaft ist.
Zugleich ist das Christentum in unserer Gesellschaft fremd geworden. Heute ist Fremdsein fast ein Existenzial, wie schon Camus oder Kafka beschrieben haben. Die vielen Welten, in denen wir alle leben müssen und dürfen: Das ist ein großer Reichtum, aber auch ein ständiger Verfremdungseffekt. Wir sind nie so ganz zu Hause.
Wenn wir in die Kirche gehen, ist auch das nicht mehr selbstverständlich. Es ist weder modern noch alt. Es ist etwas Zwittriges in allem. Fast niemand ist mehr in einer Partei, in einem Milieu, in einer Kirche zu Hause. In meiner Jugend war das anders. Da bestimmte das Milieu achtzig Prozent des Lebensempfindens und der Gewohnheiten.
Heute muss jeder sein Leben fast vom Nullpunkt aus konstruieren. Das macht ihn aufgeklärt, reich, orientierungsfähig, weltläufig in vielen Welten, aber zugleich ist er überall auch ein wenig ausgesetzt. Predigt möchte an diese Grunderfahrung erinnern und sie rahmen.

Fremdheit kann ja auch in Angst oder Ressentiment umschlagen, gegenüber der Gegenwart, der Gesellschaft, auch der Kirche. Wie sind Sie damit umgegangen? Wie wird aus Fremdheit etwas Fruchtbares?

Da muss man sich irgendwann entscheiden. Angst kenne ich natürlich auch. Wen ängstigte das Heutige nicht? Aber stärker war bei mir zeitweise die Gefahr des Ressentiments: gegen die heutige Gesellschaft, auch gegen die Kirche und das Christentum.
Ressentiment ist die leichtere Lösung. Es ist der schnelle Ausweg aus dem Gedränge. Dann ist man scheinbar aufgeklärter Herr der Situation, weiß zu urteilen, ein Urteil zu fällen, wie die deutsche Sprache gnadenlos sagt.
Ich merkte, dass das eine Sackgasse ist. Man wird dadurch seelisch steril. Ich hätte auch meinen Beruf nicht mehr so ausüben können, wie ich mir das dachte. Ich konnte nicht mehr fruchtbar sein.
Da ist mir immer stärker dieser Ansatz des Anfangens, der Übersetzung, der Hermeneutik und der Einfühlung zugewachsen: als fruchtbarer Weg in einem verminten und zugleich vielperspektivisch reichen Gelände.

Wie bereiten Sie eine Predigt konkret vor? Was geschieht zwischen der ersten Lektüre der biblischen Texte und dem Moment, in dem Sie die Predigt halten?

Es gibt viele Weisen der Vorbereitung: von sehr langer Hand bis zur kurzen Sammlung in der Sakristei vor der Messe. Das alles kenne ich. Wenn man so lange im Gewerbe ist, braucht man verschiedene Formen. Der Alltag ist immer ein anderer: die Umstände, die Stimmung, manchmal auch die Not. Auch das gehört dazu. Man muss improvisieren können. Aber die Improvisation darf nicht zur Grundlage werden. Unvorbereitet zu sein, ist noch kein Zeichen von Freiheit.
Ob man frei spricht oder abliest, ist für mich nicht entscheidend. Beides kann richtig sein. Ich praktiziere beides. Eine wichtige Predigt bereite ich von langer Hand vor. Oft liegt wochenlang ein Zettel da, auf dem ich Motive, Formulierungen, Biographisches und Kulturelles sammle, bis die Bauidee klar wird und man den Sack zumachen kann.
Im Normalfall sehe ich mir gern am Montag die Texte des bevorstehenden Sonntags an. Wenn die Vorbereitung knapper ausfällt, sollten spätestens in der Sakristei Auftaktsatz und Schluss klar sein, ebenso der Rhythmus, meist drei Unterpunkte oder Schritte. Alles das ist möglich. Aber Predigt ist eben keine Vorlesung, kein Vortrag, sondern Animation. Das darf freilich nicht zum Dilettantismus verführen.
Normalerweise lese ich die biblischen Texte laut vor. Ich überfliege sie noch einmal aus der Distanz, nehme Witterung auf. Oft sind sie mir falsch vertraut: Ach, schon wieder dieser Text. Und zugleich bleiben sie fremd.
Ähnlich ist es mit der Zeitgeschichte. Auch sie kann durch ihre ständige Kommentierung abgegriffen wirken. Über die Ukraine und das Heilige Land ist schon endlos viel Unerlöstes und Hilfloses gesagt worden. Gerade wenn die Geschichte so dramatisch ist wie im Augenblick, fällt uns oft wenig zu ihr ein. Dann suche ich das Fremde auf: im Text, im Ritus, im Heute, in der menschlichen Erfahrung. Das Verzehrende, Beglückende, Überraschende. Ich fange mit der Verfremdung an, denn sie liefert den Dreh, die unerwartete Perspektive, den Atem, die Pointe. Ohne eine solche Pointe kann ich nicht predigen.

Sie grenzen die Predigt deutlich von einer bloßen Sonntagsrede ab. Was muss in einer Sonntagspredigt zur Sprache kommen, damit sie nicht bei allgemeiner moralischer oder humaner Ermutigung stehen bleibt?

Die Lesungen, die Gestalt Jesu, das Wirken Gottes, das Große und Abgründige des Menschen, das Tragische und Widersprüchliche müssen zu Wort kommen. All das steht gegen eine bloß humanistische Reduktion, zu der wir heute gern neigen. Ich predige nie nur Sonntagsreden. Das ist Sache des Bundespräsidenten. Bei einem Kindergartenjubiläum oder einem Schützenfest kann eine zivilreligiöse Predigt des guten Willens, der humanen Ermutigung und Stärkung durchaus ihren Sinn haben. Aber das darf nicht die normale Sonntagspredigt sein.
Zur Predigt gehört eben auch das Fremde am Glauben und am Mysterium: Gnade, Erlösung, Schuld, Verhängnis, Wunder, die Eigenschaften Gottes, auch seine Allmacht. Wenn das nie vorkommt, wird Predigt zur banalen Moral, zur Selbstversicherung guter Menschen. Das ertrage ich überhaupt nicht.
Ich predige über diese Themen, aber auch über das Lächeln Jesu, etwa in der Bergpredigt, über den Schlaf als Ursakrament des Lebens, über Geburt und Sterben, Tag und Nacht, Nähe und Distanz in der Liebe. Kurzum: über die Polaritäten des Lebens und die Geheimnisse der Religion.
Ich frage mich auch öfter: Wie hat Jesus gepredigt? Wie haben die Propheten, Paulus, Augustinus, Luther, Newman gepredigt? Dabei geht es nicht um Nachahmung. Eher darum, Maß zu nehmen: wie sie Bibel, Christentum, Hörer und heutige Zeit ins Spiel bringen.

Eine Predigt ist immer auch ein persönlich verantwortetes Wort. Zugleich besteht die Gefahr, dass sie zur Meinungsäußerung des Predigers wird, politisch oder kirchenpolitisch. Wo verläuft für Sie hier die Grenze?

Die Predigt ist nicht der Ort, um bloß Meinungen des Predigers zu äußern. Die Meinungen sind oft das Unerlösteste an ihm, wie an jedem Menschen. Viele benutzen die Predigt zur Meinungsäußerung, ganz gleich ob kirchenpolitisch oder politisch, oder um eigene Anliegen anzubringen. Das gehört eigentlich nicht in die Predigt.
Es kann einmal Anlass und Inhalt einer Predigt sein. Dann muss es aber als solches deklariert werden. Man müsste sagen: Heute habe ich ein besonderes Anliegen, was ich normalerweise nicht tue. Das darf man machen, aber man muss es beim Zoll erklären.
Gerade in der Pfarrei gibt es solche Anlässe. Aber sie müssen gut gerahmt und relativiert werden. Das ist eine andere Stufe der Äußerung, als wenn man sich zur Gestalt Jesu äußert.

Früher griff man zu Predigtzeitschriften, heute zu Internetmaterialien oder künstlicher Intelligenz. Wie beurteilen Sie solche Hilfsmittel? Sind sie eine Gefahr für die Predigt, oder gehören sie nüchtern zur Predigtpraxis dazu?

Das Vorlesen aus Predigtzeitschriften, aus dem «Prediger und Katechet» oder anderen Hilfen, mit denen man groß geworden ist und die man bei vielen Priestern gehört hat, bewahrte einen manchmal vor der törichten Begrenztheit vieler Priester. Es war dann wenigstens halbwegs kommunizierbar.
Ich fand das nie nur problematisch. Es kann ein Zeichen von Faulheit sein, aber auch von natürlicher Demut, wenn jemand sagt: Ich bringe das selbst nicht hin, oder nur wenig, oder nur gelegentlich. Ich brauche normalerweise eine Krücke, eine Beihilfe. Das ist ehrenwert und wohl auch nie ganz zu vermeiden.
Wenn jemand in einer Pfarrei mit den Festen im Jahr fünfzig, siebzig oder achtzig Predigten hält, von den Kasualien noch abgesehen, dann geht ihm eben auch einmal das Öl für die Lampe aus. Dann braucht er ein Gerüst, eine Sprachhilfe, eine Idee, im Grenzfall auch einmal einen Text, den er für gelungen hält und abliest. In einer jahrzehntelangen Berufspraxis, die auch grauer Alltag ist, halte ich das für fast unvermeidlich und aller Ehren wert.
Ich selber kann das nicht. Ich lese ungern Texte anderer Leute ab, wenn ich nicht Kunst rezitiere. So sehe ich auch die künstliche Intelligenz: als Ersatz oder neue Form der früheren Predigthilfen. Vielleicht ist sie auf Dauer sogar etwas intelligenter, weil sie mehr zusammenschauen und Motive und Texte einspielen kann. Sie kann aber auch zu weiterer Verwirrung führen. Man muss das inszenieren können und den Überblick behalten. Ich bin also nicht dagegen. Es ist eine Gehhilfe, und solcher Gehhilfen bedürfen wir auch in unserem Metier.

Die Predigt in der Messe ist Klerikern vorbehalten. Zugleich stellt sich in der Praxis die Frage, ob Weihe allein schon genügt, damit jemand gut predigen kann. Was ist für Sie entscheidend: Weihe, Ausbildung, kirchliche Beauftragung oder die Fähigkeit, das Evangelium mystagogisch für Menschen heute zu erschließen?

Nach dem, was ich bisher gesagt habe, bin ich da relativ großherzig, jedenfalls wenn es um diese mystagogische Übertragungsarbeit geht. Da braucht man verschiedene Perspektiven.
Wenn man von der Treue zur Tradition ausgeht, von der Kenntnis der kirchlichen Lehre, von katechetischer Vermittlung und davon, dass die Weltkirche, das Römische, repräsentiert werden soll, dann ist der Priester natürlich der privilegierte Prediger, der beauftragte Verkünder.
Aber das ist für viele Priester ja auch nicht mehr einfach gegeben, oder nur noch in Anteilen. Ich kann mir gut vorstellen, wie es in Wortgottesfeiern ja auch schon geschieht, dass Pastoralreferentinnen, Laien oder Verantwortliche vor Ort etwas sagen, ohne dass ich darin schon das Heil sähe. In keiner dieser Lösungen liegt einfach das Heil. Wir sind in einer Not.
Aber man darf diese Stimmen nicht nur von der Not her verstehen. Sie dürfen keine Notstopfen sein, sondern sollen genuin etwas anderes hörbar machen, was für eine ausgesetzte Kirche heute hilfreich sein kann. Dass auch Nichtgeweihte und nicht voll akademisch Ausgebildete predigen, halte ich nicht für einen Schaden. Ganz abgesehen davon, dass Studium und Predigt zwei sehr verschiedene Welten sind. Bei mir liegen sie sehr nah beieinander, aber das ist sicher nicht der Normalfall.

Wenn Sie abschließend auf das Ganze der Predigt schauen: Wann ist eine Predigt für Sie gelungen?

Es gibt dafür kein einfaches objektives Kriterium. Eher ist es eine Erfahrung von Stimmigkeit. Hat es gestimmt? Ist etwas aufgegangen zwischen Text, Prediger, Hörer und Liturgie?
Das ist nahe am Geschmack des Kochs. Schmeckt die Suppe? Schmecken hat viel mit Weisheit zu tun, mit sapientia: auf den Geschmack kommen. Geschmack ist ein ungemein subjektiver und zugleich objektiver Sinn. Es ist mein Geschmack, aber zugleich soll man auch die Speise selbst durchschmecken können. Wenn der Koch abschmeckt, geht es nicht nur um seinen subjektiven Geschmack. Es geht um die Sache selbst.
Ähnlich ist es mit der Stimmigkeit. Ein Chorleiter, ein Sänger, ein Redner, der noch etwas von den rhetorischen Gesetzen kennt, hat ein Gefühl für Proportionen, Baugesetze, Rhythmen und Tonfall. Dazu kommt das Zusammenwirken von objektiver Liturgie und subjektiver Predigt. Daraus entsteht ein Feld von Stimmigkeit.
Stimmig ist etwas, wenn Übereinstimmungen entstehen, wenn meine Bestimmung berührt wird. Jeder Mensch hat eine Bestimmung. Das Wort gefällt mir besser als Berufung. Es geht um eine Stimmigkeit, die Verstand, Seele, Biografie und Umwelt verbindet. Wenn solche Resonanzfelder entstehen, ist eine Predigt gelungen.

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