Der ideale PredigerKonzeptionen bei Johannes Chrysostomus, Augustinus und Caesarius von Arles

Johannes Chrysostomus
Johannes Chrysostomus © gemeinfrei/Wikimedia Commons

Abstract / DOI

Der ideale Prediger. Konzeptionen bei Johannes Chrysostomus, Augustinus und Caesarius von Arles. Predigten zählen zu den zentralen Ausdrucksformen des antiken Christentums. Bekanntheit und Ansehen zahlreicher antiker Kirchenschriftsteller rühren von ihrer Predigtkompetenz her. Der Beitrag geht am Beispiel dreier christlicher Autoren – Johannes Chrysostomus, Augustinus und Caesarius von Arles – der Konzeption eines idealen Predigers nach. Dabei wird deutlich, wie christliche Predigten als neue literarische Form im Umfeld paganer Rhetorik und Unterhaltung situiert und entwickelt werden. Predigten können so zu einem Beispiel für die Integration und Abgrenzung des Christentums in der antiken Gesellschaft werden.

The Ideal Preacher. Concepts in John Chrysostom, Augustine and Caesarius of Arles. Sermons are a central form of expression in Early Christianity. The popularity and repuptation of many early Christian writers comes from their skills as a preacher. This article examines the concept of an ideal preacher based on John Chrysostom, Augustine and Caesarius of Arles. In this way it becomes clear, how christian sermons are situated and developed as a new literary form within the context of pagan rhetoric and entertainment. Sermons can thus serve as an example of both the integration and the separation of Christianity within ancient society.

DOI: 10.23769/communio-55-2026-405-414

Mit nur 29 Jahren übernimmt Aurelius Augustinus (354–430) im Jahr 384 eine Rhetorikprofessur am kaiserlichen Hof in Mailand. Er ist damit auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt. Die Nähe zum Kaiser und zur politischen Macht verleiht ihm großes Renommee und Ausstrahlung. Und doch befindet sich der äußerlich so erfolgreiche Rhetor in einer Sinnkrise, in der ihm sein Beruf nur noch als eine Last erscheint.

Die Sinnsuche ist freilich nicht neu und lässt sich bei ihm bereits seit nordafrikanischer Zeit beobachten. Antworten auf seine existentiellen Fragen erhofft er sich zeitweise von den Manichäern; in Mailand aber nähert er sich dem Christentum an, das er bereits von seiner Mutter Monnica her kennt. Es ist Ambrosius, der damalige Bischof, der dem jungen Intellektuellen einen neuen Zugang zum Christentum und zur Bibel eröffnet. Das entscheidende Instrument hierzu sind Predigten, mit denen Ambrosius auch die dunklen Stellen der Bibel – mittels der allegorischen Schriftauslegung – umfänglich erläutert. Noch in der Retrospektive schreibt Augustinus hierüber:

So kam ich zum Bischof Ambrosius, der der ganzen Welt als einer der Besten und als dein ergebener Verehrer bekannt war; seine damaligen Ansprachen reichten deinem Volk kraftvoll das Mark deines Weizens (Ps 81,17), das Freudenöl (Ps 45,8) und die nüchterne Trunkenheit deines Weines. Ich wurde freilich von dir ohne mein Wissen zu ihm geführt, um durch ihn wissend zu dir geführt zu werden.1

Und über Ambrosius’ Fähigkeit als Prediger hält Augustinus wenig später fest:

Mit Freude vernahm ich, wie Ambrosius häufig in seinen öffentlichen Predigten gleichsam als Richtschnur mit größtem Nachdruck empfahl: «Der Buchstabe tötet, der Geist aber belebt» (2 Cor 3,6). Dabei beseitigte er, wenn ein Schrifttext dem Wortlaut nach Verkehrtes zu lehren schien, zunächst den mystischen Schleier und erschloss dann seinen geistigen Sinn, ohne etwas vorzubringen, was mich verletzte, wenngleich er Gedanken äußerte, deren Wahrheitsgehalt ich noch nicht abschätzen konnte».2

Augustinus ist von Ambrosius fasziniert. Der Bischof übt über seine Predigten eine große Anziehungskraft auch auf die Intellektuellen seiner Zeit aus. Die Episode verdeutlicht, welche Bedeutung Predigten für die Ausbreitung des Christentums und die Integration gerade führender gesellschaftlicher Schichten bis in die Spätantike hinein haben. In der Folge überwindet Augustinus seine Distanz zum Christentum, konvertiert und lässt sich Ostern 387 von Ambrosius taufen.

Die Anfänge der patristischen Predigt reichen bis in das 2. Jahrhundert zurück. Erste Nachrichten finden sich bei Justin dem Märtyrer, der erkennen lässt, dass eine Form der Auslegung auf die Schriftlesungen folgt und derart in den Gottesdienst integriert ist.3 Mit dem Zweiten Clemensbrief und Dokumenten bei Origenes liegen dann erste frühchristliche Predigten vor.4 Die Zeugnisse bleiben in der Frühzeit noch vereinzelt. Ab dem 4. Jahrhundert steigen die Anzahl erhaltener Predigten und wohl auch ihre Produktion merklich an; von Johannes Chrysostomus sind ca. 900, von Augustinus ca. 500 Predigten erhalten.5 Prediger, die über eine höhere theologische und rhetorische Schulung verfügen, gelangen in größerer Zahl in den Klerus; die Berühmtheit einzelner Kirchenschriftsteller und -väter gründet ganz wesentlich auf ihrer Predigttätigkeit. Sammlungen entstehen, die späteren Generationen als Vorlage für ihre eigenen Auslegungen dienen. Hieran lässt sich erkennen, dass sich in der Spätantike bestimmte Vorbilder und Typen eines idealen Predigers etablieren, die gleichsam kanonische Qualität erlangen.

Im Folgenden sollen am Beispiel des Johannes Chrysostomus, Augustinus und Caesarius von Arles Konzeptionen eines idealen Predigers in der Antike vorgestellt werden. Bei allen drei Autoren lassen sich systematische Überlegungen nachweisen: Was zeichnet einen idealen Prediger aus? An welchen Maßstäben und Kategorien wird eine gelungene Predigt bemessen? Und schließlich: Wie lässt sich die christliche Form der Predigt im Kontext von «Antike und Christentum» situieren? Mit Johannes Chrysostomus, Augustinus und Caesarius von Arles werden drei Predigtkonzeptionen untersucht, die über ihre räumliche und auch zeitliche Streckung grundsätzliche, repräsentative Beobachtungen für die Spätantike versprechen.

1. Johannes Chrysostomus

Johannes (349–407) legt schon die Spätantike den Beinamen Chrysostomus, «Goldmund», bei und hebt damit seine Redebegabung hervor. Er selbst predigt als Presbyter in Antiochien und als Bischof in Konstantinopel. Sein klerikales Amt versteht er wesentlich als Verkündigungsdienst, wie er in einer Predigt am Tag seiner Presbyterweihe darlegt.6 Systematischere Informationen zu seinem Verständnis eines idealen Predigers entfaltet Johannes in einem Dialog, den er in den 80er Jahren des 4. Jahrhunderts abfasst. Gemeint ist die Schrift De sacerdotio, «Über das Priestertum», in dem die Verkündigung als Teil bischöflicher und allgemein priesterlicher Aufgaben gedeutet wird.7

Oberste Richtschnur des Predigers soll Gott selbst sein; ihm weiß er sich verpflichtet. Fleiß, Geduld gegenüber Anschuldigungen und Anfeindungen sowie Großherzigkeit kennzeichnen ihn:8

Denn Gott allein muß ihm (scil. dem Prediger) Richtschnur und Ziel bei der möglichst besten Ausarbeitung seiner Predigten sein, nicht Beifallklatschen und Lobsprüche. Wenn ihm zwar auch von den Menschen Beifall gezollt wird, so weise er das Lob nicht zurück; wird ihm aber solches seitens der Zuhörer nicht gespendet, so suche er es nicht und gräme sich darüber nicht.9

Johannes lässt erkennen, dass der antike Prediger in der Gefahr steht, seine Worte nach der vermuteten Reaktion des Publikums auszurichten. In den Gemeinden herrschen Erwartungen an eine rhetorische Gestaltung der Verkündigung: Bloße «Redeliebhaberei» findet sich auch unter Gläubigen.10

Johannes hingegen will – zumindest explizit – die christliche Rede an neuen Kategorien, der Fokussierung auf die Bibel und Gott, ausrichten. Die Predigt soll der Reorientierung der Gläubigen und der Abwehr nichtchristlicher Anfragen dienen.11 Der Prediger soll über eine fundierte Bildung verfügen und den Gläubigen eine entschieden christliche Botschaft präsentieren.12 Rhetorik benötigt er hierfür nicht. Paulus dient als personales Vorbild, der weniger durch Beredsamkeit als durch Inhalte überzeugt habe.13

Johannes formuliert in der betonten Absage an jegliche Form der rhetorischen Gestaltung christlicher Verkündigung ein Konstrukt. Das ist klar. Im gemeindlichen Alltag sind Predigten eine Form christlicher Unterhaltung und stehen von Beginn an in Konkurrenz zu weltlichen Alternativen, etwa den verbreiteten Spektakeln, und damit auch der paganen Rhetorik:

Fürs erste wollen die meisten Untergebenen die Prediger nicht als Lehrer ansehen, sondern setzen sich über das Verhältnis von Schülern hinweg und benehmen sich wie die Zuschauer bei den weltlichen Wettkämpfen. Gleich wie dort die Menge sich spaltet und die einen diesem, die anderen jenem beitreten, der nämliche Vorgang ist auch hier zu beobachten. Die einen halten es mit diesem, die anderen mit jenem und hören die Predigten teils aus Zuneigung, teils aus Abneigung an.14

Und wenig später erneut:

Denn die meisten (scil. Gläubigen) pflegen nicht, um daraus Segen zu schöpfen, sondern um der Kurzweil willen ihn (scil. den Prediger) anzuhören, als ob sie über Tragödiendichter oder Zitherspieler zu Gericht zu sitzen hätten.15

«Wettkämpfe» (agōn [griech.: ἀγών]) und «Kurzweil» (trepsis [griech.: τρέψις]) sind Kategorien, unter denen Gläubige an Predigten teilnehmen und an denen Prediger gemessen werden. Die antike Öffentlichkeit ist auch in der Spätantike durch traditionelle Formen von Schauspielen und Theater bestimmt, unter denen sich eine unterscheidend christliche zunächst überhaupt etablieren muss.

Johannes erkennt die Bedeutung, die Predigten im Kontext einer christlichen Identitätskonstruktion zukommt. Immer wieder stößt man auch über die Schrift De sacerdotio hinaus auf Stellen, aus denen die Wichtigkeit von Predigten hervorgeht. Sie dienen der Belehrung der Gläubigen und ihrer ethischen Unterweisung, machen mit der christlichen Botschaft vertraut. Die Kirche wird durch sie zu einer «geistigen Schule»16. Wenn eine Christianisierung der Gesellschaft, die Etablierung eines christlichen Lebenswandels, gelingen soll, dann scheint dies Johannes nur über die Form der regelmäßigen Predigt möglich, die der Korrektur und Neuausrichtung (besonders der Laien) dient. Zur Funktion der Predigten bei Johannes Chrysostomus schreibt die US-amerikanische Historikerin Jaclyn Maxwell: «For Chrysostom, the key function of his sermons was to enhance the laity’s education in living a proper, moral Christian life. Most of his work as a preacher was not in fact Christianization (much less conversion) but rather the reorienting of his follower’s practices and beliefs to align better with his conception of orthodoxy».17

2. Augustinus

Augustins Biograph Possidius von Calama betont in seiner Vita über den Kirchenvater die Bedeutung, die das Predigen im Leben Augustins eingenommen habe.18 Als Augustinus im Jahr 391 Presbyter im nordafrikanischen Hippo Regius und nur vier Jahre später ebendort auch Bischof wird, predigt er mehrmals wöchentlich. Seine Auslegungen ziehen ein großes Publikum an19 und zählen zu seinen hervorstechenden Leistungen.20 Seine eigene Begabung steht dabei im Gegensatz zum Durchschnitt vieler anderer nordafrikanischer Prediger, die als schwach und wenig inspiriert gelten. Der Kirchenvater hat dies selbst in jungen Jahren erlebt, eine Erfahrung, die ihn seinerzeit dem Christentum und der Kirche zunehmend entfremdet hat.

Ein Großteil von Augustins Werken sind Predigten, in denen er alt- und neutestamentliche Schriften kommentiert und für die Öffentlichkeit Anweisungen und Ratschläge zu einem christlichen Leben erteilt. An wenigen Stellen beschreibt der Nordafrikaner sein Predigtverständnis systematischer; zu nennen ist besonders die Schrift De doctrina christiana, «Über die christliche Bildung», die als Handbuch in der Tradition paganer systematischer Lehrbücher steht.21 Über einen längeren Zeitraum und mit Unterbrechungen abgefasst, behandelt er hier grundsätzliche Fragen einer christlichen Hermeneutik und – vor allem im vierten und letzten Buch – der Rhetorik.

Der letzte Teil der Schrift (3, 36–4, 64), in dem Aspekte einer spezifisch christlichen Rhetorik skizziert werden, ist deshalb hier von besonderem Interesse: Was zeichnet einen idealen Prediger aus? Augustinus scheint auf die Frage in der nachfolgenden Passage zu antworten:

Der Studierende und Lehrer der Hl. Schrift muß also als Verteidiger des rechten Glaubens und Bekämpfer des Irrtums Gutes lehren und vor dem Schlechten warnen und in dieser Tätigkeit der mündlichen Unterweisung die Ablehnenden gewinnen, die Nachlässigen aufrichten und denen, die nicht wissen, worum es geht, beibringen, was sie erwarten müssen.22

Der christliche Prediger soll demnach «Gutes lehren und vor dem Schlechten warnen» (et bona docere et mala dedocere). Darin bestehen das Werk bzw. auch die spezifische Leistung der Predigt (opus sermonis). Der Kontext der Textstelle zeigt, dass der Prediger sich dabei in Auseinandersetzungen um die Orthodoxie gestellt sieht und das Publikum aus unterschiedlichen Gruppen in den Gemeinden bestehen kann, die der Rede eher distanziert gegenüberstehen.

Augustinus situiert die Anweisungen für eine christliche Rede im Kontext der antiken Rhetorik. Cicero ist für ihn ein bedeutender Gewährsmann, dessen Anweisungen für den paganen Redner er in den christlichen Bereich transferiert. Das wird deutlich, wenn christlicherseits etwa «Beredsamkeit» (eloquentia) und «Weisheit» (sapientia) vom christlichen Prediger verlangt,23 seine Aufgaben mit «belehren» (docere), «erfreuen» (delectare) und «bewegen» (flectere) unterschieden24 oder Stilarten der Rede nach «schlichtem» (genus tenue), «mittlerem» (genus medium) und «erhabenem Stil» (genus grande) differenziert werden.25 Augustinus entnimmt die Kategorien Modellen der klassischen Rhetorik; das ist offensichtlich. Der augustinische Ansatz aber wäre missverstanden, wenn er allein mit dem Begriff der Übernahme qualifiziert würde. Vielmehr lässt sich beobachten, dass die antiken Kategorien adaptiert und in ein christliches Konzept integriert werden. Das gilt bereits für den Ansatz, die Beredsamkeit deutlich der Weisheit unterzuordnen, noch mehr aber für die grundsätzliche Verbindung von Rhetorik und Gotteslehre:

Die außergewöhnliche Innovation in doctr. chr. 4 besteht darin, Gott selbst als obersten Redner und damit als Subjekt des docere, delectare und flectere aufzufassen, dessen Willen die heilige Schrift verkündigt und der in ihr mit verschiedenen Absichten und in verschiedenen Stilarten wirkt, die sich in analoger Weise auch in der klassisch-heidnischen Rhetorik finden, da es sich um die Prinzipien einer natürlichen Lehre handelt.26

Gott selbst ist für Augustinus der eigentliche Redner. Gott verleiht dem von ihm Erwählten die Gabe, Rhetorik und Weisheit miteinander zu verbinden. Die Abfassung des zweiten Teils von De doctrina christiana wird auf das Jahr 427 datiert; sie fällt damit in die späte Schaffensphase des Nordafrikaners. Deutlich lassen sich Augustins gnadentheologische Entwicklungen auch in seinem Handbuch nachweisen. Die Kraft zur Rede empfängt der christliche Prediger durch das Gebet in der gnadenhaften Zuwendung Gottes. Augustinus schreibt:

Er (scil. der Prediger) soll nicht daran zweifeln, daß er, wenn und insofern er dazu in der Lage ist, dies mehr aufgrund der Frömmigkeit seiner Gebete als durch seine rhetorische Fähigkeit vermag, so daß er durch seine Gebete für sich und für jene, die er ansprechen will, Beter ist, bevor er zum Redner wird. Genau zu dem Zeitpunkt, wenn er sich für seine Rede bereitmacht, soll er, bevor er seine Zunge für den Vortrag löst, seine dürstende Seele zu Gott erheben, damit er ausspeien kann, was er getrunken hat, oder ausgießen, was er in sich angefüllt hat.27

So sehr Augustinus Kategorien einer guten Rede von paganen Modellen her übernimmt, so sehr stellt er sie doch in einen neuen christlichen Kontext. Christliche Beredsamkeit erscheint damit als Vollendung und Überbietung paganer Ansätze. Augustins idealer Prediger steht in einer schon klassischen Tradition und führt sie als Orator, der vom Heiligen Geist erfüllt wird,28 zu ihrem eigentlichen Abschluss. Konsequenz der gnadentheologischen Zuspitzung ist, dass der christliche Prediger nur mehr zum gelehrigen Werkzeug wird, durch das Gott spricht, und er, wie es gleichsam als Abschluss der rhetorischen Konzeption in De doctrina christiana heißt, nur «beten soll, dass Gott eine gute Rede in seinen Mund legt».29

3. Caesarius von Arles

Unter Caesarius’ Namen sind ca. 240 Predigten überliefert. Sie machen den Großteil seines Werkes aus und sind vor allem unter sozialgeschichtlicher Perspektive interessant. Sie eröffnen einen aufschlussreichen Einblick in Aspekte christlichen Lebens und christlicher Identität in Gallien in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts. Ihre Themen sind die moralische Bildung der Gemeinden, des Klerus und der Laien, angesichts weiterhin bestehender paganer Verehrungs- und Kultformen sowie Fragen der Buße und (umfassend) einer christlichen Ethik.

Mit der ersten Predigt legt Caesarius (ca. 470–542) eine grundsätzliche Ermahnung an Bischöfe vor, die wiederum gleichsam als Handbuch bezeichnet werden kann.30 Ein Thema steht im Zentrum, das deswegen auch sogleich am Anfang der Predigt benannt wird: Caesarius verlangt von den Bischöfen eine regelmäßige Verkündigungstätigkeit.31 Gegenstand soll eine ethische Unterweisung der Gläubigen sein, die sie zu einem christlichen Lebenswandel anhält und sich nicht nur gegen die großen (Haupt-)Sünden (crimina capitalia), sondern auch gegen die kleinen, alltäglichen (minuta peccata) wendet.32 In einer metaphorischen Beschreibung wird die Kirche als eine hohe Burg gedeutet, die von den Bischöfen überwacht wird; die Bischöfe sind speculatores, «Aufseher», die gleichsam von einer höheren Position aus die Geschicke und Entwicklungen der Kirche beaufsichtigen. Mit dem Terminus speculator rekurriert Caesarius auf die griechische Amtsbezeichnung für Bischöfe (episcopos [griech.: ἐπίσκοπος]) und nutzt eine auch schon von Augustinus her bekannte Vorstellung, um die bischöfliche Verantwortung zu beschreiben.33

Die Funktion der bischöflichen Predigt besteht in der Einschärfung eines christlichen Lebenswandels, einer christlichen Identität. Caesarius’ Verkündigungen ist deutlich zu entnehmen, dass auch noch im 6. Jahrhundert nichtchristliche Verehrungsformen, die ihm als Aberglaube erscheinen, fortbestehen:

Wer könnte nicht davor warnen, dass einer Gelübde an Bäumen ablegt, Augurien beobachtet, Weissager befragt, Magier aufsucht oder nach frevelhafter Sitte der Heiden bedenkt, an welchem Tag er sich auf den Weg macht und an welchem er wieder nach Hause zurückkehrt?34

Predigten sind nach Caesarius das entscheidende Instrument, mit denen eine Korrektur der Lebensformen in den Gemeinden erwirkt werden kann. Für die Sozialgeschichte werden sie zu einem unschätzbaren Zeugnis, dass Informationen über einen christlichen Lebenswandel bereit hält, der in der Spätantike noch weithin ununterscheidbar von nichtchristlichen Traditionen bestimmt ist und an paganen Bräuchen festhält. Die immer gleichen Warnungen in den Predigten des Caesarius verdeutlichen, dass die bischöflichen Forderungen von den Gläubigen nur begrenzt befolgt werden.

Die Aufgabe der Predigt wird im 6. Jahrhundert grundsätzlich von Bischöfen übernommen. Aus der ersten Predigt des Caesarius geht gleichwohl hervor, dass sich einige von ihnen weigern, Predigten zu halten. Als Begründung verweisen sie auf mangelnde rhetorische Fähigkeiten oder auch die allgemeine Arbeitslast. So äußert ein fiktiver Amtsträger, den Caesarius zu Wort kommen lässt: «Ich bin nicht so beredt, deshalb kann ich nicht irgendetwas aus den heiligen Schriften darlegen».35 Und über weitere bischöfliche Kollegen heißt es: «Und wenn es meinen Bischöfen zu mühevoll ist, selbst eine Predigt zu formulieren, warum führen sie nicht den alten Brauch der Väter ein, der in Teilen des Ostens bis heute ununterbrochen bewahrt wird, dass nämlich für das Seelenheil Predigten (anderer) in den Kirchen vorgetragen werden?»

Die fiktiven Einwände sind in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Der spätantike Klerus erscheint rhetorisch wenig geschult und ebenso wenig motiviert. Um eine gute Predigt zu halten, fehlen ihm Voraussetzungen und Eifer. Caesarius’ eingangs der ersten Predigt formulierte Mahnung, regelmäßig zu predigen, deutet derart auf verbreitete Missstände hin, vor deren Hintergrund er sich an Amtsträger wendet.

Der ideale Prediger benötigt in der Konzeption des Caesarius keine übermäßigen rhetorischen Fähigkeiten. Eine schlichte und einfache Predigt (simplex et pedester sermo), die das ganze Volk verstehen kann, ist ausreichend, ja für die Durchsetzung eines spezifisch christlichen Lebenswandels sogar notwendig.36 Vorbild sind Paulus und die Apostel, die als Fischer und Hirten zur Verkündigung ausgesendet worden seien.37 Bischöfe sollen in den Städten, Presbyter und Diakone stellvertretend auf dem Land predigen. Bei Caesarius wird der ideale Prediger, der ohne Unterlass verkündigt und darüber die Guten zum Besseren antreibt und die Schlechten vom Bösen abhält, zum Bild für den Bischof schlechthin.38 Bischofsamt und Predigttätigkeit werden darüber konzeptionell eng miteinander verbunden.

4. Schluss und Auswertung

Mit Johannes Chrysostomus, Augustinus und Caesarius von Arles standen drei bedeutende Prediger und ihre Konzeptionen im Zentrum dieses Beitrags. Freilich ließ sich nicht die «eine» Konzeption eines idealen Predigers aufzeigen. Dafür sind die betrachteten Kirchenschriftsteller und ihre Kontexte auch zu unterschiedlich. Gleichwohl lassen sich gemeinsame Charakteristika beobachten, auf die abschließend im Kontext von «Antike und Christentum» eingegangen werden soll.

Der ideale Prediger ist derjenige, der die Gläubigen das Gute lehrt und vom Bösen abhält; biblische Vorbilder sind Paulus und die Apostel, die beständig und in einfacher Sprache gepredigt hätten. Predigten dienen der gemeindlichen Unterweisung, der Korrektur und überhaupt der Einschärfung einer christlichen Identität. Ihre Ausübung wird über die ersten Jahrhunderte mehr und mehr an Bischöfe (bzw. in ihrer Stellvertretung auch an Presbyter und Diakone) gebunden.

Der christliche Prediger steht dabei in der Tradition des nichtchristlichen Redners. Antike Rhetorik ist ein zentraler Bestandteil christlicher Predigten, auch wenn sich christliche Autoren explizit darum bemühen, ihre Bedeutung zu minimieren. Begriffliche Entsprechungen – besonders bei Augustinus – machen diesen Zusammenhang offensichtlich. Die christliche Predigt und damit auch der christliche Prediger treten in eine Konkurrenz zur paganen Rede. Das gilt auch für den Alltag. In der Wahrnehmung der Gläubigen ersetzt die christliche Predigt nichtchristliche Schauspiele; wie im Theater kann dem Prediger Beifall gespendet und bei Missfallen Unmut zum Ausdruck gebracht werden. In Vergleichen wird antike Schauspielterminologie immer wieder auf Predigten bezogen. Der christliche Prediger wird damit vor einem gemeinantiken Kontext situiert und an ihm gemessen – in Theorie und Praxis.

Augustinus macht mit seiner Konzeption eines idealen Predigers als eines Beters gleichwohl darauf aufmerksam, dass der christliche Inkulturationsprozess in der Spätantike komplex ist und nicht eine bloße Übernahme paganer Konzepte bedeutet. Vielmehr werden antike Kategorien transferiert, variiert und in einen neuen Deutungskontext übertragen. Am Beispiel der Predigt und des Predigers lassen sich derart grundsätzliche Entwicklungen des Verhältnisses von Antike und Christentum beobachten:

Die Ausbreitung des Christentums vollzieht sich in Übernahme und Abgrenzung, Varianz und Transformation der Antike. Durch die Ausbreitung kommt es dabei auch zu ganz grundsätzlichen Veränderungen innerhalb des Christentums selbst, so sehr sich christliche Autoren darum bemühen, dies in ihren Konzeptionen zu verbergen und sie in eine schon biblische Tradition einzuordnen. Anders und am Beispiel der Predigt formuliert bedeutet dies: Dass der ideale Prediger der Spätantike seine Worte wie ein Fischer oder Hirte apostolischer Zeit an die Gemeinden richtet, wie es Caesarius von Arles fordert, ist eine Konstruktion, die angesichts rhetorisch immer ausgefeilterer Predigten nur wenig Anhalt in der Wirklichkeit hat.

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