Marica Bodrožić

Mit meinem Kopf, seitdem ich/ sogar/ mit meinem Kopf beten kann, ist mir wie einem Löwen in der Luft: seine Würde ist das
Gehen mit verbundenen Augen. Seine Festigkeit zeigt sich im Glauben, dass er // nie // abstürzen kann. Wohin sollte er auch aus der Luft fallen? Aus der Luft springt er nur herauf. Sein Gehsteig ist der Wind.// Sechsfacher Fächer/ und die Mitte/ der Mensch. Als Wegzehrung gab man ihm den Abgrund mit. Der Löwe sättigt sich mit seinem Wissen.

* * *

Die Texte von Marica Bodrožić kann ich nicht lesen, ohne mich in Bewegung, auf Reisen zu fühlen. Das war zunächst ganz wörtlich so. Das Buch «Mein weißer Frieden» war die Lektüreempfehlung eines Freundes für den Urlaub in Kroatien. Die autobiographischen Erzählungen haben mich berührt durch ihre Blicke auf ein zauberschönes Land in einer Zerrissenheit, die weiter zurückreicht als die Wunden, die der Krieg geschlagen hat. Später habe ich Bodrožić als Lyrikerin wiedergefunden, und ich mag ihre poetologischen Betrachtungen zur Literatur, zum Schreiben. Wieder bin ich beim Lesen unterwegs. Es sind oft traumwandlerische, bizarre, unmögliche Wege, die sie in den Verdichtungen der kurzen Texte anbietet. Sie sind produziert durch eine Sprache, die sich selbst in Bewegung befindet. Bodrožić schreibt in Deutsch, der Sprache des Landes, in dem sie seit ihrem zehnten Lebensjahr lebt und die sie ihre «zweite Muttersprache» nennt. Ihre eigene Wanderschaft zwischen erster und zweiter Sprache, die auch eine zwischen Orten und Zeiten, zwischen der Erwachsenen und dem Kind ist, scheint das Deutsche auf Reisen zu schicken. Beständig verschieben sich Bilder, Erzählstrukturen, Wortbedeutungen, Grammatik. Die Texte stellen Verbindungen her zwischen Entferntem, schaffen überraschende Verwandtschaften, erotische Beziehungen, irdische Spiegelungen mit gelegentlichen Durchsichten in die Transzendenz. Die Bewegungen sind ebenso gezeichnet von Verlust wie begleitet von Sehnsucht und dem Vertrauen darauf, dass sich Glück, Heimat, Himmel einstellt.

Auch der Text «Mit meinem Kopf»1 schickt auf einen Weg, der mich herausfordert. Er drängt meinen denkgewohnten Kopf, Reflexion einzudämmen, die Frage nach der Bedeutung hintan zu stellen. Zweifellos: Ich lese, bete «mit meinem Kopf». Doch zuvor bewegt mich das Gedicht in durch Sprache projizierten Raum. Ich muss mit dem Löwen in die Luft gehen, mir die Augen verbinden, den Abgrund unter mir ebenso spüren wie das Zutrauen, nicht fallen zu können. Es entsteht das Gefühl einer besteigbaren, tragfähigen Luft und ich nehme den windigen Weg, fragil und rettend. Der Weg, die Rettung verdankt sich wiederum der Sprache und dem, was sie in Kopf und Körper hervorzurufen vermag. Bodrožić schreibt über Literatur: «Mir haben Gedichte schon unzählige Male das Leben gerettet, manchmal habe ich sie gelesen, manchmal selbst geschrieben in Augenblicken, in denen die ‹höhere Heimat› spürbar war.»2 Vielleicht ist es nicht umsonst der Löwe, der in der christlichen Ikonographie so sehr mit Christus identifiziert ist, der den Weg durch die Luft in der Würde des Gehens nimmt.

Der Struktur nach sind der Raum, den die Texte aufspannen, und die Bewegung, die der Löwe vollzieht, Mystik. Bodrožić ist, wie ich, Leserin von Mechthild von Magdeburg, einem der frühesten Zeugnisse deutschsprachiger Frauenmystik. In den Schriften aus dem 13. Jahrhundert findet sie Reflexionen auf das eigene Schreiben. Wie der mystische Text entsteht auch das Gedicht auf der Brücke zwischen Stille und Sprache. Es verdankt sich einem Absinken in den Abgrund – in das eigene Innere vor jeder Sprache und Reflexion und ohne alle Sicherheiten, die diese bieten. Vielmehr muss der Kopf, der so sehr verbunden ist mit Gedachtem und angefüllt mit dem eigenen Ich, zur Seite treten. Wie das unausweichlich präsente, weil schreibende Ich der Mystikerin darf sich auch das der Lyrikerin «selbst nicht dazwischenfunken», um in der Verbannung von der Außenwelt neue Verknüpfungen der Sinne zuzulassen. Denn so bedrohlich der Abgrund auch scheint – er ist nicht Leere, nicht Nichts. Er ist «hinter allen menschlichen Sinnen waltende Bewegung»3, dichteste Erfahrung, ein Verknüpfen von Sinnen und noch offen für alle Handlungs-, Denk und Sprechweisen. In diesem Abgrund wohnt, so versteht es Bodrožić, eine Allgemeinheit, in der das Fremdeste längst da ist. «Der Andere sind wir, sonst könnte er uns gar nicht berühren.»4

Sprache senkt sich gleichsam «von oben» auf diese Erfahrungen herab, schickt Lichter in den Abgrund, lässt «offenbar» werden. Sie gibt der Bewegung einen Raum, in dem Aneignung, Mitteilung, Handlung möglich werden. Gleichzeitig engt sie diese abgründige Erfahrung aber auch ein, blendet aus und lässt, im schlechten Fall, die Bewegung erstarren. Poesie durchmisst diesen Sprachraum. Sie bewahrt die Verbindung von «Realität» zur Tiefe, vom Denken zum Abgrund und hilft uns so, in Bewegung, lebendig zu bleiben. Dem Löwen auf seinem Weg aus Luft ist der Abgrund als «Wegzehrung» mitgegeben. Dessen Dichte nährt ihn, und ohne ihn wäre das «Gebet mit dem Kopf» nur Kopfgeburt. Könnte mein Kopf ein Gebet zum Himmel schicken, wenn ich im «Einst» meines Inneren nicht vom «Himmel» berührt wäre? Und könnte Gebet damit anders sein als poetisch?

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