Die meisten Interpretationen des Vaterunsers aus der Zeit der Alten Kirche gehören in den Zusammenhang der Taufvorbereitung und sind damit Schriften, in denen es um eine Einführung in das Leben als Christ und um die grundlegende Erklärung der christlichen Glaubensinhalte geht. Dieser katechetische Hintergrund tritt auch in den patristischen Auslegungen zur letzten Vaterunser-Bitte, «Erlöse uns von dem Bösen!», zum Vorschein. Dabei steht die Frage im Hintergrund, wie sich das Leben als Christ in einer Welt meistern lässt, die sich von der Liebe und dem Willen Gottes abgewandt hat und davon nichts wissen will.
Die Zusammengehörigkeit der sechsten und siebten Bitte
Sowohl Origenes als auch Augustinus machen einen synoptischen Vergleich der Vaterunser-Versionen bei Matthäus (Mt 6, 9–13) und Lukas (Lk 11, 2–4) zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen zur letzten Bitte. Augustinus, der Markus und Lukas in einer literarischen Abhängigkeit zu Matthäus sieht, fasst die lukanische Variante des Vaterunsers mit ihren fünf statt sieben Bitten als eine bewusste Kürzung der matthäischen Fassung auf. Lukas habe durch das absichtliche Weglassen der dritten und der siebten Bitte «zu einem besseren Verständnis helfen»1 wollen: «Die Bitte, die Matthäus an letzter Stelle anführt: ‹Sondern erlöse uns von dem Bösen›, findet sich bei Lukas überhaupt nicht, damit wir sehen, dass sie schon in der vorausgehenden Bitte von der Versuchung enthalten ist.»2 Der Evangelist Lukas gibt nach Ansicht Augustins also durch Konzentration und Fokussierung eine Deutungshilfe. Die Zusammengehörigkeit der beiden letzten Bitten sieht Augustinus aber auch durch den Satzbau von Mt 6, 13 angezeigt, insofern als Matthäus die siebte Bitte nicht durch die Konjunktion «und» als weiteres Glied in der Reihe anfügt, sondern mit der adversativen Konjunktion «sondern» einleitet und damit signalisiert, «dass die sechste und siebte Bitte eigentlich nur eine Bitte sind»3.
Origenes findet zu diesem Gedanken von der Einheit der beiden letzten Bitten nicht von der Syntax her, sondern von seiner Beobachtung zum jeweiligen Situationskontext, in dem Jesus das Vaterunser mitteilt. Nach Lk 11, 1 wird Jesus von einem seiner Jünger gebeten, die Jünger das Beten zu lehren. Es geht hier nach Origenes um eine Unterweisung des engeren Kreises um Jesus, also derer, die schon eine Zeit lang mit seiner Lehre und seiner Botschaft vertraut sind und die darum mit einer kurzen Fassung zurechtkommen. Bei der Bergpredigt hingegen hat Origenes die «vielen Menschen» (Mt 5, 1) als Adressaten des Vaterunsers vor Augen als «die Menge, die eindringlicher belehrt werden musste» und die «eine deutlichere Form» brauchte.4 Das ausführlichere Vaterunser bei Matthäus stellt somit gewissermaßen die «Anfängerversion» des Herrengebets dar, während Lukas eine Fassung für die «Fortgeschrittenen» bietet. Lukas hat «durch die Bitte: ‹Führe uns nicht in Versuchung›, dem Sinn nach auch diese: ‹Erlöse uns von dem Bösen›, mitgelehrt».5
Diese Annahme von einer synonymen Bedeutung beziehungsweise von einem sich gegenseitig ergänzenden und deutenden Verhältnis der beiden letzten Bitten verleiht den patristischen Auslegungen ihre entscheidende Prägung. Gregor von Nyssa liest die beiden Bitten im Sinne eines Parallelismus membrorum und kommt von daher zu der Aussage: «Also sind Versuchung und der Böse ihrem Wesen nach ein und dasselbe.»6 Entsprechend müssen auch die beiden Verben «nicht hineinführen» und «erlösen» in einem inneren Zusammenhang gesehen werden. Aus diesem Grund befassen sich die Kirchenväter hauptsächlich mit der sechsten Bitte, wobei dann ihre Überlegungen zur letzten Bitte oft nicht mehr als Zusammenfassungen zur sechsten darstellen. In einigen Vaterunserauslegungen allerdings kommen bei der Interpretation der siebten Bitte auch neue Gedanken zum Tragen. Auf diese eigenen Akzente möchte ich in den folgenden Ausführungen den Schwerpunkt legen.
Der Böse und das Böse
Sowohl die griechische Fassung des Vaterunsers als auch ihre lateinische Übersetzung lassen offen, ob dem «Bösen» grammatisch ein Maskulinum oder ein Neutrum zugrunde liegt. Tertullian, Johannes Chrysostomus und Gregor von Nyssa setzen sich in ihren Auslegungen der siebten Bitte mit der Frage auseinander, in welchem Zusammenhang «das» Böse mit «dem» Bösen steht. Chrysostomus führt aus, dass der Teufel im Vaterunser als «das Böse» bezeichnet werde: «Die Bosheit entsteht nicht aus der Natur (physis), sondern aus der freien Entscheidung (prohairesis)».7 Das Böse setzt den freien Willen voraus und kann folglich nicht als apersonale Macht gedacht werden. Außerdem gibt es nach Chrysostomus keine Natur des Bösen, die der Natur des Guten entgegengesetzt wäre. Auch der Teufel «gehört zu den Dienern Gottes»8, er ist Geschöpf und als solches ganz der Macht Gottes unterworfen. Mit dem Hinweis auf die Erzählung von der Heilung des Besessenen von Gerasa (Mk 5, 1–20), in der die Legion Dämonen ohne Jesu Zustimmung nicht einmal von der Schweineherde Besitz hätte ergreifen können, unterstreicht Chrysostomus diesen Gedanken, der sich übrigens bereits bei Tertullian findet, und zwar mit der liebevollen Bemerkung, «sogar die Borsten der Schweine» seien «damals beim Herrn gezählt» gewesen.9 Die richtige Einordnung und Bewertung der Macht des Bösen steht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit den Überlegungen der Kirchenväter zur sechsten Bitte: Gott führt in Versuchung, insofern er zulässt, dass der Teufel den Menschen auf die Probe stellt. Exemplarisch zeigt sich das in der Geschichte Hiobs.10 Cyrill von Jerusalem erklärt den Neugetauften, dass die Bitte um Erlösung vom Bösen zu einem richtigen Verständnis der Bitte, nicht in Versuchung geführt zu werden, maßgeblich beiträgt: Die letzte Bitte zeige deutlich, dass die vorausgehende Bitte nicht in dem Sinn verstanden werden könne, dass die Getauften von jeder Versuchung verschont bleiben werden.11
Chrysostomus beobachtet überdies, dass der Begriff des Bösen im Singular und nicht im Plural stehe, obgleich die Menschen mit vielen Übeln zu kämpfen haben, die ihnen zustoßen und die ihnen angetan werden. Dass wir im Vaterunser nicht darum bitten, von «den Übeln» befreit zu werden, sondern von «dem Übel» schlechthin, ist für Chrysostomus ein eindeutiger Hinweis auf den eigentlichen Feind des Menschen, den Teufel: «Der Mensch bleibt Freund und Bruder, was auch immer er tut. […] Der Teufel ist es, der uns andere zu Feinden macht. Betest du gegen deine Feinde, dann verrichtest du genau das Gebet, das der Teufel will. Betest du für deine Feinde, dann ist dein Gebet gegen den Teufel gerichtet.»12 Im Vaterunser wird der Blick des Betenden auf seinen wirklichen Widersacher gelenkt. Das Böse kommt von dem Bösen. Dem entspricht auf der anderen Seite die Pluralform «erlöse uns». Dass das Vaterunser ein «Wir»- Gebet ist, versteht Chrysostomus als Aufforderung, die Mitmenschen nicht als Feinde zu betrachten und schon gar nicht Gott als Rächer gegen diese vermeintlichen Feinde aufzurufen. Die Befreiung vom Bösen besteht darum auch darin, dass Gott «das beseitigt, was die Liebe verletzt, und uns alle miteinander einigt und verbindet»13.
Gregor von Nyssa ordnet die Bezeichnung «der Böse» in die Reihe der biblischen Namen für «den bösen Feind» ein. Je nachdem, wie sich die zerstörerische Kraft Satans äußert, kennt die Heilige Schrift unterschiedliche Bezeichnungen, etwa Teufel, Beelzebub, Mammon, Fürst der Welt, Menschenmörder, der Böse, Vater der Lüge.14 «Auch die Versuchung weist auf etwas hin, das zu ihm gehört.»15 Es gibt eine Sphäre, einen Bereich des Bösen, in dessen Nähe man durch die Versuchungen gerät. Das erkennt Gregor aus der synonymen Verwendung der beiden Begriffe, die er aus der parallelen Struktur der sechsten und siebten Bitte erschließt. Für diese Einflusssphäre gibt es im neutestamentlichen Sprachgebrauch einen eigenen Ausdruck: «Welt».
Befreiung vom Bösen durch die Abkehr von der «Welt»
Auf den Begriff «Welt» greifen Origenes, Cyprian und Gregor von Nyssa zurück, wenn sie erklären, worauf sich die Bitte um Erlösung von dem Bösen bezieht. Es geht ganz konkret um die christliche Existenz in einem Umfeld, das sich der Liebe und dem Willen Gottes verschließt. Im Buch Hiob finden die Väter die Feststellung, dass das ganze irdische Leben des Menschen eine Versuchung sei (vgl. Hiob 7, 1).16 Die geläufige Übersetzung dieses Verses spricht vom ganzen Leben als einem «Kriegsdienst»; im griechischen Text steht hier allerdings der Begriff «peiratérion», der bisweilen auch die Bedeutung «Versuchung zum Bösen» annehmen kann und an dieser Stelle so von den Kirchenvätern verstanden wird. Dass Origenes und auch andere Kirchenväter Hiob 7, 1 in diesem Sinne lesen und mit der siebten Bitte des Vaterunsers in Verbindung bringen, zeigt, dass sie diese Bitte auf das gegenwärtige Leben beziehen. Anders – das sei zumindest erwähnt – versteht Augustinus die letzte Bitte; er deutet sie ganz in eschatologischem Sinn als Ausdruck einer Hoffnung auf einen Zustand, der in diesem Leben nicht erlangt wird.17 Cyprian, dessen Schrift über das Vaterunser sehr wahrscheinlich im Kontext der Taufkatechese entstanden ist, erklärt, dass der Mensch durch den Glauben, der ihn zur Entscheidung führt sich taufen zu lassen, überhaupt erst die Fähigkeit erhält, die Welt in ihrer Gottlosigkeit und Gottwidrigkeit zu erkennen. Die Bitte um Befreiung vom Bösen bedeutet daher, den «Schutz Gottes gegen das Böse zu erbitten und so sicher und ungefährdet dazustehen gegen alles, was der Teufel und die Welt gegen uns betreiben»18. Gregor von Nyssa schreibt: «Jeder, der vor dem Bösen bewahrt bleiben will, muss sich notwendig von der Welt entfernen.»19 Gregor bezieht sich in diesem Zusammenhang ausdrücklich auf den ersten Johannesbrief und dessen Feststellung: «Die ganze Welt liegt in der Gewalt des Bösen.» (1 Joh 5, 19)20 Im johanneischen Schrifttum tritt die «Welt» als Sammelbegriff für alles, was dem Willen und der Liebe Gottes entgegengesetzt ist und ihm widerspricht, in Erscheinung. «Welt» ist damit ein ethischer Begriff. Dies kommt besonders deutlich in 1 Joh 2, 15f zum Ausdruck: «Wer die Welt liebt, hat die Liebe zum Vater nicht. Denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und das Prahlen mit dem Besitz, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt.» Das Verständnis des Begriffs «Welt», wie ihn die Kirchenväter in ihren Auslegungen des Vaterunsers benutzen, lässt sich mit einem kurzen Blick auf die Predigt des Augustinus zum ersten Johannesbrief erläutern.21 Augustinus bringt die drei mit der Liebe zu Gott nicht vereinbaren Ausdrucksformen menschlichen Wollens und Verhaltens, die der Brief aufzählt, mit den drei Versuchungen, denen Jesus sich in der Wüste stellen musste, in Verbindung: Der «Begierde des Fleisches» entspreche die Versuchung, aus Steinen Brot zu machen und damit der Genusssucht nachzugeben. Die «Begierde der Augen» deutet Augustinus als Geltungssucht und findet sie in der Versuchung wieder, dass Jesus sich in den Abgrund stürzen und «mit einem Wunder um des Wunders willen»22 Aufmerksamkeit erregen sollte. Der Machtgier und damit dem «Prahlen mit dem Besitz» widersteht Jesus, indem er sich nicht auf das Angebot des Teufels einlässt, ihm alle Reiche der Welt zu unterwerfen.
Diese Versuchungen der «Welt», die sich nach 1 Joh 2, 15f in Machtgier, Geltungsbedürfnis und Genusssucht verdichten, «halten», so Gregor von Nyssa, «das Tun und Treiben der Welt den naschhaften Menschen wie einen Köder an gefährlichen Angelhaken hin»23. Wer sich auf dieses «Tun und Treiben» einlässt, wird unweigerlich in einen Strudel egoistischer Sehnsüchte hineingezogen, der für die ganze Schöpfung Zerstörung und Unheil bringt. Die einzige Möglichkeit, dieser Falle zu entgehen, besteht darin, sich möglichst weit aus der Gefahrenzone zu entfernen. Gregor bringt als Beispiel, dass ein Seesturm völlig ungefährlich sei für den, der das Schiff erst gar nicht besteigt, oder dass ein Feuer «verheerend nur für den Brennstoff, der in seine Gewalt fällt», sei, nicht aber für den, der das Feuer fürchtet und deshalb gar nicht in die Nähe der Flammen geht. Vom Bösen befreit zu werden, bedeutet daher, dass «die Gnade Christi uns beschützt vor dem, der die Herrschaft in dieser Welt führt»24. Die Taufe ist der erste Schritt aus dieser «Welt» hinaus, und zwar zunächst dadurch, dass sie den Menschen zur Unterscheidung zwischen Egoismus und Gottesliebe befähigt beziehungsweise – um in Gregors Bild zu bleiben – dass er den Köder als solchen erkennt und zu meiden lernt. Nach Tertullian hat Jesus sich als «Meister und Lehrer in den Versuchungen»25 erwiesen. Ihm nachzufolgen bedeutet, der Welt als dem Einflussbereich des Bösen den Rücken zu kehren. Die christliche Existenz stellt darum einen Gegenentwurf zu den im ersten Johannesbrief genannten Merkmalen der «Welt» dar.
Der «Nutzen» der Versuchung
Die «Welt» und ihre Versuchungen sind jedoch nicht nur im Außen zu finden, sondern auch im Innern des einzelnen Menschen. Darauf zielt Origenes ab, wenn er Gal 5, 17 zitiert: «Das Fleisch streitet gegen den Geist». Das «Fleisch» entspricht im paulinischen Sprachgebrauch auf der Ebene der Person dem, was der johanneische Ausdruck «Welt» meint, es geht also um den Wurzelgrund all jener Bestrebungen im Menschen, die nicht aus der Liebe kommen und zu ihr hinführen. Origenes versteht «Versuchung» darum als Konfrontation des Menschen mit sich selbst und kann ihr sogar einen «Nutzen» abgewinnen. Durch die Versuchung, so Origenes, kommt das zum Vorschein und wird ans Licht gezogen, was der Mensch im Lauf der Zeit in sich aufgenommen hat, wodurch er sich hat prägen lassen, also die Überzeugungen und Werte, die seiner Lebensgestaltung zugrunde liegen. Dieser Überzeugungen und Werte seien die meisten Menschen sich oft gar nicht bewusst, aber durch eine entsprechende Versuchung werde offengelegt, was «unser eigentliches Wesen ist» und «welche Gedanken in unserem Herzen verborgen» sind.26 Die Versuchung sei deshalb Anlass, Gott zu danken, weil sie dem Menschen möglich macht, das Gute in sich zu erkennen und auch seine sittlichen Mängel wahrzunehmen.27 Die Versuchung führt zur Selbsterkenntnis und zum geistlichen Wachstum. Origenes verweist in diesem Zusammenhang auf die Führung Israels durch die Wüste: Gott habe das Volk mit Durst, Hunger, Manna, Schlangen und Skorpionen konfrontiert, «damit der Inhalt seines Herzens bekannt werde»28. Die Prüfungen beziehungsweise Versuchungen während der Wüstenwanderung sollten das Herz Israels Gott zuwenden. Darin besteht nach Origenes auch der tiefste Sinn der Versuchungen im christlichen Leben. Sie gehören gewissermaßen zum Plan Gottes dazu, der auf das Heil des Menschen zielt.
Gott schafft Raum
Aus diesem Grund schreibt Origenes zur letzten Vaterunser-Bitte: «Gott erlöst uns aber von dem Bösen nicht dann, wenn der böse Feind uns mit seinen vielgestaltigen Schlichen und den Helfershelfern seines Willens überhaupt nicht zum Kampf entgegentritt, sondern wenn wir den Ereignissen tapfer die Stirn bieten und den Sieg erringen. […] Von den Drangsalen erlöst Gott nicht dadurch, dass keine Drangsale mehr eintreten.»29 Origenes entwickelt seine Argumentation von der Formulierung her, die Paulus in 2 Kor 4, 8 verwendet, «in allem bedrängt, aber nicht erdrückt», indem er folgende Unterscheidung einführt: «Bedrängt werden» bezeichne einen unglücklichen Umstand, der ungewollt und unbeabsichtigt eintritt, wohingegen es durchaus in der Macht des freien menschlichen Willens stehe, sich zu diesem Ereignis zu verhalten. Wer sich davon «erdrücken lasse», sei «durch die Bedrängnis, da er ihr nachgegeben hat, besiegt worden».30 Der Apostel Paulus behauptet von sich, er sei trotz der Fülle aller Bedrängnisse nicht erdrückt worden. Origenes sagt, dies sei allein möglich durch Gottes Beistand, und in welcher Weise dieser Beistand erfahrbar sei, zeige Psalm 4: «In der Bedrängnis hast du mir Raum geschaffen.» (Ps 4, 2) Gott schafft dem freien Willen des Menschen Raum, so dass er in jeder noch so bedrängenden Lage die Freiheit hat, sich für das Gute zu entscheiden und dem Bösen nicht nachzugeben. Dieser Freiraum entsteht «durch die Mitarbeit und Gegenwart des uns tröstenden und rettenden Gotteswortes».31 Nach Origenes hat die existenzielle Aneignung der Heiligen Schrift eine sakramentale Dimension; im Lesen und Verstehen der Bibel ist Christus gegenwärtig als der Retter und Tröster. Indem sich der Mensch mit dem Wort Gottes beschäftigt, die Heilige Schrift liest und erforscht und sich von ihr in seinem Denken und Handeln prägen lässt, schafft Gott ihm Raum und befreit ihn dadurch vom Bösen. Wer sein Leben unter die Führung des Wortes Gottes stellt, gewinnt mitten in den Bedrängnissen «Fröhlichkeit und Heiterkeit des Sinnes».32 Das Gegenteil dazu bildet die «Traurigkeit der Welt», die Paulus in 2 Kor 7, 10 als erdrückende Grundstimmung beschreibt und von der er mit Nachdruck sagt, dass sie dem christlichen Glauben fremd sei. Die «Erlösung vom Bösen» ist somit auch eine Befreiung von jener Hoffnungslosigkeit, die sich durch die niederschmetternden und erdrückenden Ereignisse in dieser Welt und ihrer Geschichte der Menschheit mit Macht aufzudrängen sucht. In der Gestalt des Hiob sieht Origenes ein Vorbild, da dieser «auch, als der dem Versucher preisgegeben ist, dabei bleibt, den Herrn zu preisen».33 Frei sein vom Bösen und seiner niederdrückenden Macht, bedeutet daher auch, angesichts aller Sorgen und Nöte dieses Lebens dennoch das Lob Gottes aufrichtig sprechen zu können.
Origenes kleidet diesen Gedanken von der christlichen Hoffnung und Zuversicht in ein weiteres Bild, mit dem er die heilende und befreiende Kraft der Heiligen Schrift für das Leben des Menschen in dieser Welt zeichnet. Mit Eph 6, 16 spricht Origenes von den «feurigen Geschossen des Bösen», die der Christ «mit dem Schild des Glaubens» erfolgreich abwehren kann, nämlich dadurch, dass der Glaube bewirkt, dass sich diese feurigen Pfeile nicht entzünden und sich das Feuer nicht ausbreiten kann.34 Unter «Glaube» versteht Origenes in diesem Zusammenhang das geistliche Leben, das sich aus der «Betrachtung der Wahrheit» – womit wieder das Studium und die Meditation der Heiligen Schrift gemeint sind – speist. Daher führt er das Bild weiter aus: Die geistlichen Menschen, die «in sich Ströme des Wassers haben, das zum ewigen Leben sprudelt», können «die Macht des Bösen […] mit leichter Mühe durch die Überflutung mit den göttlichen und heilsamen Gedanken brechen»35, die sie durch das Einüben der Betrachtung der Heiligen Schrift in ihre Seele eingeprägt haben. Selbstverständlich meint Origenes mit dieser «Überflutung» keinen rein intellektuellen oder kognitiven Vorgang. Ganz ausdrücklich hebt er hervor, dass sich die existenzielle Aneignung der Heiligen Schrift auch auf das Verhalten und die gesamte Lebensorientierung des Menschen auswirkt und sich in dem, was der Begriff «Tugend» beschreibt und umfasst, Ausdruck verschafft.36 So kann das Wort Gottes wirken und Raum schaffen, der den Menschen vom Bösen befreit.