I
Seit Jesus das «Vaterunser» gestiftet hat, flehten und flehen Christenmenschen den «Vater» im Himmel an, sie von dem zu erlösen, was auf Deutsch nach Luthers Bibelübersetzung als «Übel» bezeichnet wurde, seit einiger Zeit aber das «Böse» heißt: «erlöse uns von dem Bösen» statt «von dem Übel». Ob diese Änderung eine zwingend notwendige Präzisierung und eine wirkliche Verbesserung darstellt, ist eine Frage, über die man immer wieder ins Grübeln geraten kann. Die zugrunde liegende griechische Formulierung «apo tou ponerou» lässt beide Übersetzungen zu, ebenso die lateinische Formulierung «a malo». Es ist immer beides gemeint: sowohl das «Böse» im ethischen und spirituellen Sinn als auch das «Übel» im lebensweltlichen Sinn, und dies, ausweislich der Wörterbücher, sogar in erster Linie. Der Katechismus von 1993 bestätigt dies mit seiner Exegese der siebten Bitte des «Vaterunser». Es geht um beides: um das satanisch Böse oder Sündhafte im engeren heilsmäßigen Sinn (§ 2851) und um die (letztlich auch vom Satan herrührenden) «Übel» insgesamt, «welche die Menschheit bedrücken» und das «Elend der Welt» ausmachen (§ 2854).
Diese semantische Weite der griechischen wie der lateinischen Formulierung der siebten «Vaterunser»-Bitte ist im Bewusstsein zu halten, wenn nun, von dieser ausgehend, ein Blick auf die sogenannte schöne Literatur geworfen wird. Dies zu tun, mag sich lohnen, weil die moderne Literatur im Umgang mit dem «malum», das sie in der ganzen Breite seiner Erscheinungsformen erfasst, einen anderen Weg als den des Gebets um Erlösung eingeschlagen hat. Es ist der Weg der Bejahung und Beschönung (nicht Beschönigung) des Bösen und Üblen, oder, um das lateinische Wort «malum» aufzugreifen, der Weg der Malitätsbonisierung und Malitätsflorisierung.
II
Der Begriff «Malitätsbonisierung» wurde von dem Philosophen Odo Marquard geprägt, und zwar in einem Aufsatz, der unter dem Titel Entlastungen: Theodizeemotive in der neuzeitlichen Philosophie erstmals 1984 erschien.1 Es geht dort, wie der Untertitel signalisiert, um die Theodizeeproblematik oder – nach dem Übergang von der Geschichtstheologie zur Geschichtsphilosophie – um die ‹Verarbeitung› der geschichtlichen und das menschliche Leben allenthalben begleitenden Übel unterschiedlichster Art. Der Weg, den die neuzeitliche Philosophie hierfür gefunden hat, besteht in der Methode der «Entübelung der Übel» durch «Malitätsbonisierung» oder eben Positivierung des zuvor Negativen.2 Marquard beobachtet dies auf verschiedenen Ebenen3: Das «gnoseologische Übel» wird durch die Aufwertung der Neugier zur «zentralen Wissenschaftstugend» entübelt. Das «ästhetische Übel» wird durch die Ästhetisierung des Unschönen, Hässlichen, Abstoßenden neutralisiert. Das «moralische Übel» wird durch eine Umwertung ins Gute gewendet, indem etwa das Asoziale als das Kreative, das Antiinstitutionelle als das Humane gewertet wird. Das «physische Übel» wird positiviert, indem etwa die Arbeit verklärt, ein Leiden mit einer euphemistischen Bezeichnung bedacht oder ein Stigma als Auszeichnung gedeutet wird. Das «metaphysische Übel» wird aufgehoben, indem die Begrenztheit, Vorläufigkeit und Prozesshaftigkeit der menschlichen Erkenntnis anerkannt wird.4
Alles dies findet sich auch in der sogenannten schönen Literatur, und zwar nicht erst in der programmatischen Moderne, die mit der Aufklärung, spätestens mit der Romantik um 1800 einsetzte und sich allmählich entfaltete. Auch schon früher gab es Versuche, dem Bösen oder Üblen positive Seiten abzugewinnen und es ästhetisch attraktiv zu machen; der Berliner Germanist Peter-André Alt hat die lange Geschichte der literarisch-ästhetischen Malitätsbonisierung 2010 unter dem Titel Ästhetik des Bösen in einer umfangreichen Abhandlung, die mit biblischen Texten einsetzt und mit Holocaust-Literatur endet, umsichtig und eindringlich beschrieben.5 Das kann hier nicht im entferntesten rekapituliert werden, doch ist es möglich, den Moment herauszuheben und ansichtig zu machen, in dem die ästhetische Malitätsbonisierung programmatisch wird und, wie in Analogie zu Marquard gesagt sei, als Malitätsflorisierung ihre eigentliche Erscheinungsform findet. Es ist die Publikation von Charles Baudelaires Gedichtband Les Fleurs du Mal im Jahr 1857.
III
Die deutschen Übersetzungen dieser epochemachenden Gedichtsammlung führen den Titel Blumen des Bösen, doch hat man darauf hingewiesen, dass «mal» einen großen und facettenreichen Bedeutungshof besitzt. In entsprechenden Kontexten kann es auch «Übel», «Leid», «Schaden», «Verlust», «Schmerz», «Weh», «Krankheit», «Beschwerde» und «Mühe» bedeuten. Einer der maßgeblichen Exegeten, Paul Hoffmann, kam zu dem Schluss: «Vielleicht würde ‹Verderbnis› den ganzen hier aufgedeckten Negativbereich signalisieren: das moralisch Schlechte, Anrüchige und Verkommene, Sünde und Laster, das körperlich Abstoßende, den Auswurf der Gesellschaft, die Deformation physischen und psychischen Leidens, Gebrechen und Siechtum, den Kerker der Depressionen und die innere Hölle der Verzweiflung.»6 Aus all dem aber werden in den Fleurs du Mal mit dichterischer Imagination und poetischer Sprache Blumen gezüchtet und Blüten hervorgetrieben, sei es, dass der geplatzte Kadaver eines kleinen Tieres in der Sonne «aufblüht wie ein Knospenflor»;7 oder die Finsternis der Depression als Licht aufgefasst wird;8 oder zarte Greisinnen durch den (damals schon) mörderischen Verkehr der großen Städte trippeln, als würden sie tanzen;9 oder das Versinken in drogeninduzierten Räuschen oder in aufzehrender erotischer Hingerissenheit als lustvoller Untergang empfunden wird;10 oder der Tod als Ende aller «Marter» gepriesen wird.11
Aber auch da, wo nicht ausdrücklich gesagt wird, worin die positiven Seiten der zunächst negativen Erscheinungen zu sehen sind, findet Malitätsflorisierung statt –: allein schon vermöge der dichterischen Gestaltungskraft, die alles, was ihr begegnet, mit positiv anmutenden Worten in wohlklingenden Versen beschreibt und diese zu Gedichtformen zusammenschließt, die Ordnungsvermögen anzeigen und Harmonie ausstrahlen. Nicht selten hat Baudelaire dafür die gedanklich und formal besonders anspruchsvolle und konsistent wirkende Form des Sonetts gewählt. Die künstlerische Leistung, die in seiner Malitätsflorisierung zu sehen ist, verdeutlichte er am Ende eines nachgelassenen Epilog-Gedichts zu den Fleurs du Mal, indem er seiner «Mutter» Paris beschied: «Tu m’as donné ta boue et j’ai fait de l’or» / «Du gabst mir deinen Schmutz, und ich hab’ Gold daraus gemacht».12
IV
Spätestens seit den Fleurs du Mal gilt für Künstler, die sich auf der Höhe der Zeit bewegen wollen, dass das Böse und Üble unerschrocken und vorbehaltlos wahrzunehmen sei. Selbstverständlich sind nicht alle Künstler dieser Devise gefolgt. Stefan George hat bei seiner Übertragung der Fleurs du Mal ins Deutsche (1891–1901) das Gedicht Une Charogne / Ein Stück Aas, in dem, wie schon angedeutet, ein geplatzter und in der Sonne bunt schimmernder Tierkadaver beschrieben wird, nicht übersetzt; ein stinkendes Aas – oder allgemeiner: ein solch krasses «malum» der Kreatürlichkeit, das in Baudelaires Gedicht ausdrücklich auch auf die Todesverfallenheit des Menschen verweist – war für George offensichtlich nicht kunstfähig. Von Paul Cézanne hingegen weiß Rainer Maria Rilke, dass er dieses Gedicht «noch in seinen letzten Jahren ganz auswendig wusste und es Wort für Wort hersagte».13 Rilke selbst verwendete es in seinem Künstlerroman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910) gleichsam als Glaubensbekenntnis des modernen Künstlers, indem er seinen Brigge in einem als «Briefentwurf» gekennzeichneten Abschnitt schreiben lässt: «Erinnerst Du Dich an Baudelaires unglaubliches Gedicht ‹Une Charogne›? […] Was sollte er tun, da ihm das widerfuhr? Es war seine Aufgabe, in diesem schrecklichen, scheinbar nur Widerwärtigen das Seiende zu sehen, das unter allem Seienden gilt. Auswahl und Ablehnung gibt es nicht.»14
Für Baudelaire hieß Wahrnehmung dessen, was üblicherweise als böse und übel bewertet wurde, der menschlichen Laster und Gebrechen, der Korruptionen und Abgründe des Daseins, nicht nur, sie zu beobachten, wo er zufällig auf sie stieß, sondern auch, sie vorbehaltlos aufzusuchen und unerschrocken zu erkunden, und sei es um den Preis von Gesundheit und Leben. Das letzte Gedicht der Fleurs du Mal steht unter der Überschrift Le Voyage / Die Reise und endet mit einem uneingeschränkten Bekenntnis zur exzessiven Seinserkundung:
Nous voulons, tant ce feu nous brûle le cerveau,
plonger au fond du gouffre, Enfer ou Ciel, qu’importe?
au fond de l’Inconnu pour trouver du nouveau!
Wir wollen, mag es uns das Hirn verbrennen,
den Abgrund suchen, Himmel oder Höll, was soll’s?
um auf dem unbekannten Grund Neues zu erkennen!15
Wenn das «malum», wie Rilke betont, zum «Seienden» gehört und wie alles Seiende Geltung beanspruchen darf, muss es der Künstler, der an der vollgültigen Wahrnehmung der Welt interessiert ist, nicht verdammen, perhorreszieren und vermeiden, sondern aufsuchen, aufnehmen und auskosten oder wenigstens unverdrossen aushalten. Das Heil liegt für ihn nicht in der Vermeidung des Bösen und in der Verschonung vom Übel, sondern in der Hingabe an das «malum» jeglicher Art und in der Aufopferung von Unschuld und Unversehrtheit zugunsten einer möglichst umfassenden und eindringlichen Welt- und Seinserkenntnis. Damit erübrigt sich die Bitte um Erlösung vom Bösen und Üblen. An ihre Stelle treten die gnoseologische Malitätsbonisierung, die das Böse interessant macht und gut heißt, und die ästhetische Malitätsflorisierung, die dem Unangenehmen reizvolle Züge verleiht. In diesen Umwertungen nur ethisch und ästhetisch illegitime Akte zu sehen, wäre verfehlt; es sind Bekenntnisse und Aufforderungen zur anti-idealistischen Anerkennung der Welt und des Daseins wie sie sind –: geprägt und durchzogen von einem vielfältigen und unaufhörlichen «malum».
V
In seiner Entschlossenheit, dieses «malum» als unübersehbare und unaufhebbare Gegebenheit anzuerkennen und neben dem Guten und Schönen, das es auch gibt, zum Gegenstand einer tieferen und vollgültigen Welt- und Seinserkenntnis zu machen, unternimmt der Dichter der Fleurs du Mal schließlich einen äußersten Schritt: Mit zwei Gedichten, die sich im Schlussteil der Sammlung finden, wendet er sich an den Satan und preist ihn als den Schutzpatron all derer, die durch die Erfahrung des «malum» hellsichtig wurden und am Ende mit ihm «unterm Baum der Erkenntnis» / «sous l’arbre de Science» ruhen dürfen.
Die beiden damit zitierten Gedichte – Les Litanies de Satan und Prière – bildeten den Auftakt für den bald danach aufblühenden literarischen Satanismus, in dem die Positivierung des Bösen und die Verneinung des christlichen Moralkodex in Form haarsträubend obszöner Schwarzer Messen oder Satansmessen auf die Spitze getrieben wurden.16 Aus christlicher Sicht ist dieser Weg der Erlösung vom Bösen und vom Übel gewiß nicht gutzuheißen. Aber für die Auseinandersetzung mit der literarischen Malitätsflorisierunges sei daran erinnert, dass die entsprechenden Texte schon in der Zeitschrift Hochland, welche die moderne Literatur unter christlichen Aspekten reflektierte, nicht einfach verurteilt, sondern als «Angstschrei» der von der Moderne irritierten europäischen Seele interpretiert wurden.17