Seit Juni 2018 ist das Kunstwerk Gerhard Richters mit dem Titel Zwei Graue Doppelspiegel für ein Pendel in der Dominikanerkirche in Münster öffentlich zugängig. Nachdem Richters Pläne bekannt wurden, entzündete sich eine Debatte über das Verhältnis von Kunst und Religion. Für Irritationen sorgte eine Aussage des Künstlers, er freue sich, dass sich das Pendel dort bewege, wo früher der Altar stand. An anderer Stelle äußerste Richter sich differenzierter: «Die Kunst ist kein Religionsersatz, sondern Religion im Sinn des Wortes ‹Rückbindung›, Bindung an das Nicht-Erkennbare, Übervernünftige, Überseiende». Mit dieser Aussage nähert sich der Künstler der negativen Theologie, die davon weiß, dass die Wirklichkeit Gottes ein Geheimnis ist, das größer ist als das begreifende Denken: «Hättest du Gott begriffen, es wäre nicht Gott» (Augustinus). Richters Intention, das «Übervernünftige» künstlerisch darzustellen, gibt Anlass, sich seinem Werk aus dem Blickwinkel der Theologie zu nähern.
«Der richtige Ort»
Die Stadt Münster hatte Richter als Ort für sein Kunstwerk zunächst ein Industriedenkmal, das alte Gasometer mit seiner Höhe von 52 Metern angeboten. Als Richter zögerte, wurde ihm die im Besitz der Stadt befindliche Dominikanerkirche gezeigt. Sie sollte nicht mehr als Gottesdienstraum dienen, sondern als Kunst- und Begegnungsraum. Richter reagierte spontan: «Als ich dieses schöne Bauwerk sah, war ich sofort begeistert, dass das der richtige Ort für mein Pendel ist.» Was zeichnet den Raum aus? Warum ist die Kirche der «richtige Ort»?
Die Dominikanerkirche gehört zu dem Ensemble von Barockbauten im Zentrum der Stadt. Wer sie vom Westen durch das Hauptportal betritt, erblickt eine von Seitenschiffen flankierte Säulenbasilika mit einem nur schwach angedeuteten Querschiff in der Mitte, der Vierung, über der sich ein achteckiger Tambour mit der von einer Laterne gekrönten Kuppel erhebt.
Dabei ist zu bedenken, dass die Ästhetik einer Barockkirche kein Selbstzweck ist. Ihre Zeichensprache zielt darauf, die Gegenwart der Erlösung in der Architektur und im Bildprogramm sinnlich darzustellen. Im Kern geht es um das Bekenntnis, dass Gottes Sohn in Jesus Christus Mensch geworden ist und in dem eucharistischen Brot geheimnisvoll gegenwärtig bleibt. « Hier ist Gott selbst zugegen», um den der Sünde und dem Tod verfallenen Menschen zu retten. Die Raumgestaltung, aber auch die Bildprogramme laden die Gläubigen ein, ihre Herzen zum Himmel zu erheben. So besteht die besondere Bedeutung der Kuppel darin, Sinnbild der himmlischen Welt zu sein. Der Sinn der Laterne erschließt sich vor dem Hintergrund des alten Weltbildes, das zwischen dem in der Kuppel dargestellten Sternenhimmel und dem in der Laterne erscheinenden Licht als Symbol des göttlichen Himmels unterscheidet. Kurz: Das Licht aus den Fensteröffnungen der Laterne erscheint als Zeichen des überirdischen Lichtes.
Die Spiegel
Die beiden grauen Doppelspiegel, je 600cm hoch und 135cm breit, hängen an den Seitenschiffen der Vierung, also dort, wo in der Barockzeit Seitenaltäre standen. Der Abstand zum Boden beträgt 80 cm. Jeder Spiegel ist in zwei gleich große senkrechte Bahnen eingeteilt, die eine hellgrau, die andere dunkelgrau. Auf den Spiegeln sind, durch das Grau verschattet, die gleichmäßige Bewegung des Pendels und das Kommen und Gehen der Besucher zu sehen.
Spiegel dienen dazu Verborgenes sichtbar zu machen. Um uns selbst sehen zu können, benötigen wir einen Spiegel. Der Blick in den Spiegel kann höchst ambivalente Gefühle auslösen, wie es in dem Gedicht «Das Spiegelbild» von Annette von Drostehülshoff ausgedrückt wird: «Schaust Du mich an aus dem Kristall / Mit deiner Augen Nebelball, / Kometen gleich, die im Verbleichen; / Mit Zügen, worin wunderlich / Zwei Seelen wie Spione sich / Umschleichen, ja, dann flüstre ich: / Phantom, du bist nicht meinesgleichen! / […] Trätest du vor, ich weiß es nicht, / Würd’ ich dich lieben oder hassen?»
In der Philosophie dient der Spiegel für das reflektierende Denken, das den verborgenen Sinn des unmittelbar Gegebenen zu erhellen versucht. Nicht weniger bedeutsam ist die Spiegelmetapher in der Theologie. Der Verborgene spiegelt sich in den Werken der Schöpfung, vor allem in der Seele des Menschen, seinem Ebenbild, das dazu bestimmt ist die Güte Gottes in seinem Handeln wiederzuspiegeln. Dass dieses Bemühen unvollkommen ist, aber am Ende doch hoffen darf, Gott von Angesicht zu Angesicht schauen zu dürfen, ist die feste Überzeugung des Apostels Paulus: «Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.»
(1 Kor 13, 12)
Das Pendel
Der nach seinem Urheber Jean Bernard Lèon Foucault benannte Pendelversuch wurde zum ersten Mal in der Kathedrale der französischen Aufklärung, dem Pariser Pantheon, öffentlich vorgestellt. In der Kuppel hing ein 67 Meter langes Seil. An seinem unteren Ende war ein 28 Kilo schweres Gewicht befestigt. Das Pendel wurde in gleichmäßige Schwingungen versetzt. Zu beobachten war, dass sich die Schwingungsebene langsam zu drehen schien. Da eine seitlich einwirkende Kraft nicht zu erkennen war, musste die Drehung eine andere Ursache haben. Es zeigte sich: nicht das Pendel rotiert, sondern der Boden unterhalb des Pendels, die Erde. Das Experiment Foucaults gilt seitdem als laienfreundlicher Beweis der Erdrotation. Das Pendel in der Dominikanerkirche hat eine Länge von ca. 29 Metern. Es trägt ein Gewicht von 48 Kilogramm. Die Bewegung des Pendels, die in den Spiegeln reflektiert wird, ist darüber hinaus ein Anreiz, sie in Gedanken zu reflektieren.
Immer dasselbe
Das gleichmäßige Hin und Her des Pendels deckt auf, was in der Regel verborgen ist, die in allen Dingen und in allem Lebendigen wirksame Zeit. Sie wird dann spürbar, wenn von allem Lebendigen abstrahiert wird, wenn also nichts anderes geschieht, als die Wiederkehr des Selben. Diese Bewegung, die gleichzeitig als Stillstand erfahren wird, kann den Betrachter den «Zauber des ruhigen Atems spüren lassen» oder auch das Gefühl der Langeweile auslösen, das dann zur Qual wird, wenn dem Betrachter die Kraft fehlt, mit der Zeit und mit sich selbst etwas anzufangen. Was im Buddhismus als Annäherung an das Nirwana geschätzt wird, ist in der christlichen Tradition ein erster Schritt, sich vor dem Geheimnis Gottes zu sammeln. Für Pascal dagegen ist das Quälende der Langeweile ein Symptom des unerlösten Menschen. So wird in der Tradition des christlichen Mönchtums immer wieder vor der Langeweile (Akedia), der spirituellen Lust und Antriebslosigkeit gewarnt. Zur Zeit Pascals übrigens galt die Langeweile als Geisel der Reichen. Sie konnten sich kostspielige Zerstreuungen leisten, um dem horror vacui zu entkommen. Der Mehrzahl der Menschen fehlte schlicht die Zeit, sich zu langweilen. Sie hatten genügend zu tun, um für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.
Rotieren
Die Drehung der Erde um ihre eigene Achse hat eine fundamentale Bedeutung für die Erfahrung der Zeit. Diese lässt sich messen und einteilen. Jede Drehung der Erde um ihre eigene Achse hat die Dauer eines Tages. Eine Zeiteinheit, die sich nicht nur in Stunden einteilen, sondern auch summieren lässt in Wochen, Monaten und Jahren. Diese Zeit ist gleichgültig gegenüber Glück und Leid, Leben und Tod, Krieg und Frieden. Anders verhält es sich, wenn von Tag und Nacht die Rede ist. Der Tag ist die von Licht und Leben erfüllte Zeit, der Zeitraum, in dem die Menschen ihr Tagewerk vollbringen. Wie ein solcher Tag im Rückblick erscheinen kann, zeigen einige Verse aus Hölderlins Ode «Abendphantasie»:
Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt / Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd. / Gastfreundlich tönt dem Wanderer im / Friedlichen Dorfe die Abendglocke. // Wohl kehren jetzt die Schiffer zum Hafen auch, / In fernen Städten, fröhlich verrauscht des Markts / Geschäft’ger Lärm; in stiller Laube / Glänzt das gesellige Mahl den Freunden. // Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen / Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh’ und Ruh’ / Ist alles freudig; warum schläft denn / Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?
Ein mit zahlreichen Aktivitäten angefüllter Tag geht zu Ende. Der Pflüger, der Schiffer, ein Wanderer, die Händler haben ihr Tagewerk vollbracht. Sie kehren heim, um Einkehr zu halten, sich auszuruhen und in geselliger Runde den Tag abzuschließen. Es gab viel zu tun und jetzt ist es Zeit zu ruhen, ein Tag ohne Langeweile, ein Ruhe, die ebenfalls keine Langeweile aufkommen lässt. Diese Idylle wird von einer verstörenden Frage unterbrochen: «Wohin denn ich?» Das Ich des Dichters hat das Tagesgeschehen nicht nur wahrgenommen, sondern auch aus der Distanz betrachtet. Diese Reflektion macht ihn unfähig, sich mit der Welt der Menschen zu identifizieren. Dem Dichter ist aufgegangen, dass der mit Leben erfüllte Tag zugleich ein Tag sterblicher Menschen ist. Die Zeit ist erfüllt, aber gleichzeitig vom Tod umfangen. Die Frage verschärft sich am Ende der dritten Strophe: «warum schläft denn / Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?» Auch ein Blick in den Himmel, die jenseitige Welt, die Sphäre der Unsterblichkeit, verspricht keine Erlösung. Da ist kein Gott, der rettet in Sicht. Der Zauber flieht: «dunkel wird’s und einsam / Unter dem Himmel, wie immer, bin ich». Am Ende ergibt sich der Dichter in sein Schicksal, heiter, weil er Glück erfahren hat, bescheiden weil auch er nur ein sterblicher Mensch ist.
Der Mensch – ein Übergang und Untergang
Nach Richters eigenen Worten ist die Farbe Grau «wie keine andere geeignet, ‹nichts› zu veranschaulichen». Da liegt es nahe, auch an Nietzsche zu denken. Im Vorwort zur «Fröhlichen Wissenschaft», in welcher der Tod Gottes verkündet wird, findet sich das Gedicht «Nach neuen Meeren»: «Dorthin – will ich; und ich traue / Mir fortan und meinem Griff. / Offen liegt das Meer, ins Blaue / Treibt mein Genueser Schiff. // Alles glänzt mir neu und neuer, / Mittag schläft auf Raum und Zeit –: / Nur dein Auge – ungeheuer / Blickt michʼs an, Unendlichkeit!»
Das Auge der Unendlichkeit, nicht das gütige Auge Gottes (Ps 139) blickt den Dichter an, eine ungeheure Erfahrung, der es sich der Mensch allein auf sich gestellt zu stellen hat. Das Meer, Raum und Zeit erscheinen ohne Ziel, ohne ein ordnendes Prinzip. Es gibt kein Letztes, das Orientierung ermöglicht, keine ewig gültige Wahrheit, sondern nur eine Vielzahl von Perspektiven und Interpretationen. Es gibt keine für alle verbindliche Moral. Was daraus für den Menschen folgt, verkündet Zarathustra. «Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?» An einem Seiltänzer wird gezeigt, was den Übermenschen auszeichnet: «Der Mensch ist ein Seil […] über einem Abgrunde. Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege […] eine Brücke und kein Zweck […]: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist.» Der Mensch ein über dem Meer der Unendlichkeit von Raum und Zeit aufsteigender Stern, ein Komet, der aufleuchtet, verglüht und untergeht.
Der verschlossene Himmel
Eine letzte Beobachtung: das Seil des Pendels ist in der Laterne in dem kleinen Turm oberhalb der Kuppel befestigt. Diese ist durch eine Metallscheibe von der Kuppel getrennt. So bleibt dem Betrachter die Technik der Aufhängung verborgen. In der Mitte der Metallscheibe befindet sich eine Öffnung, der sogenannte Charron-Ring, ein Metallring, dessen Funktion darin besteht, das Pendel daran zu hindern ins Trudeln zu geraten. Auch an dieser Stelle ist es angebracht, noch einmal an den Sinngehalt der barocken Architektur zu erinnern. Demnach symbolisiert die Kuppel einer Kirche den Sternenhimmel, während die Laterne oberhalb der Kuppel mit ihren Fensteröffnungen auf das jenseitige göttliche Licht verweist. Durch die Metallscheibe wird diese jenseitige Lichtquelle verdeckt. Liegt da nicht der Gedanke nahe: Der göttliche Himmel ist verschlossen. Nicht das göttliche Licht ist der Ursprung allen Lebens, sondern allein die Zeit, die alles hervorbringt und alles vernichtet. Mit den Worten Nietzsches: Gott ist tot.
Fragen, die bleiben
Dort, wo das Pendel schwingen wird, stand kürzlich der Altar. Er ist ebenso verschwunden wie das «ewige Licht», das Zeichen für die Gegenwart des Allerheiligsten. Dass Fragen bleiben, zeigt das Gebäude selbst, nicht zuletzt die Inschrift unterhalb des Tambours, die an den Patron der Kirche erinnert: «sancto josepho conjugi beatae maria virginis ex qua natus est jesus». Die Inschrift ruft die Geburt Christi auf, das Kommen Gottes in die Zeit, den Zeitpunkt, nach dem bis heute die Jahre gezählt werden.
Dass die Fragen bleiben, macht Martin Walser in seinem kleinen Band Rechtfertigung deutlich: «Wer sagt, es gebe Gott nicht, und wer nicht dazu sagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung. Einer Ahnung allerdings bedarf es.» Was fehlt, wenn Gott fehlt? Worte wie Erlösung, universale Gerechtigkeit und selbstlose Liebe müssen dann als Illusionen abgetan werden.