Pierre Teilhard de ChardinEine biographische Einführung in sein Werk

Abstract / DOI

Pierre Teilhard de Chardin: A Short Biographical Introduction. This article, which is the transcript of a 1984 lecture of Hans Maier, ventures a short biographical introduction to the writings of Teilhard de Chardin. Considering all of the posthumously edited and published oeuvre, and especially the writings connected with the journeys of the paleontologist Teilhard de Chardin, the article presents a condensed picture of his insights for a new cosmological view of evolution. 

Der 1881 auf einem Schloss in der Auvergne geborene Edelmann Pierre Teilhard de Chardin, der schon mit siebzehn Jahren der Gesellschaft Jesu beitrat, war in naturwissenschaftlichen Fachkreisen längst kein Unbekannter mehr, als er 1955 im Alter von 73 Jahren in New York verstarb. Auf paläontologischen und biologischen Fachkongressen der Nachkriegszeit war er ein gern und häufig gesehener Gast gewesen. Aber seine wissenschaftliche Laufbahn, deren äußere Höhepunkte die Mitwirkung an der Entdeckung des Sinanthropus und die Teilnahme an der «Gelben Kreuzfahrt» in China in den Jahren 1931/32 waren, hatte sich in aller Stille vollzogen, ohne in der Öffentlichkeit auffällige Spuren zu hinterlassen. Abgesehen von einigen Jahren als Lehrer an einer französischen Schule in Kairo und später am Institut Catholique in Paris, hatte Pater Teilhard niemals ein öffentliches Amt bekleidet und war auch öffentlichen Diskussionen seines Werkes eher ausgewichen, als dass er sie gesucht hätte. Angeborene Diskretion und die Disziplin des Ordens, der er sich freiwillig unterworfen hatte, verboten es dem sensiblen, hochgewachsenen Mann, der mit seinem wissenschaftlichen Talent große Gaben des Herzens verband und im Gespräch Menschen der verschiedensten Art zu bezaubern vermochte, nach dem Beifall der großen Öffentlichkeit zu streben. Es kam hinzu, dass Teilhard vieles von dem, was er zu sagen hatte, zu Lebzeiten nicht publizieren konnte, so dass nur ein kleiner Freundeskreis durch private Briefe und Manuskriptabzüge vom Umfang seiner Forschungen unterrichtet war; denn nur die im engeren Sinn naturwissenschaftlichen Schriften des Paters – meist kürzere Aufsätze, die in gelehrten Fachorganen erschienen – passierten die Zensur des Ordens und erhielten die kirchliche Druckerlaubnis.

Freilich: Ganz verborgen waren die philosophischen und theologischen Bemühungen des naturforschenden Jesuitenpaters der Öffentlichkeit nicht geblieben. Schon zu Lebzeiten Teilhards drang manches davon in schmalen Rinnsalen, durch offene und versteckte Kanäle zu dem naturphilosophisch interessierten Publikum und eroberte sich mit der Zeit einen größeren, stetig wachsenden Leserkreis. Wer in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in Paris studierte, bekam fast unvermeidlich das eine oder andere Teilhardsche Manuskript in die Hand: hektographierte Blätter, oft nur wenige Seiten umfassend, die unter Studenten und akademischen Lehrern umliefen und eine nicht nur in katholischen Kreisen vieldiskutierte Lektüre bildeten. In ihnen lernte man den bisher nur in Fachkreisen berühmten Naturforscher von einer ganz neuen Seite kennen. Zwar dominierten die naturwissenschaftlichen Fachinteressen Teilhards, die seinen Weg als Forscher bestimmt hatten, auch hier: das Problem der Evolution, das sein Denken zeitlebens fesselte, trat in all seinen Schattierungen hervor; die Stellung des Menschen im Kosmos wurde erörtert, sein Platz in einer Geschichte des Lebens auf der Erde diskutiert. Aber all das war aufgenommen in einen größeren Zusammenhang, der nicht mehr von der Physik und Biologie begrenzt wurde. Mit einem Schlag trat dem Leser der philosophische und theologische Kontext von Teilhards naturwissenschaftlichem Werk vor Augen. Ein philosophierender Naturwissenschaftler also wie Lecomte du Nouy? Ein Forscher wie Pasteur, der seiner Erkenntnisleidenschaft pietätvoll das ererbte Gut von Glaube und Religion hinzufügte? Je mehr man las, desto stärker war der Eindruck, dass die eigenwillige Persönlichkeit des Mannes sich solchen Schematisierungen entzog. Dies war weder ein Naturforscher, der spekulierend den Boden des Seh- und Greifbaren verließ, um in der philosophischen Betrachtung eine neue Dimension der Natur aufzuschließen, noch ein Frommer im gewöhnlichen Sinn, der sich damit begnügte, auf den Zuwachs an wissenschaftlicher Erkenntnis, der ihm bei seinen Forschungen zuteilgeworden war, mit hergebrachter Devotion zu antworten. Wissenschaft und Religion schienen bei diesem Forscher eine neue und völlig natürliche Symbiose eingegangen zu sein. Wissenschaft war hier nicht länger areligiös, Religion keine vorwissenschaftliche Größe mehr; vielmehr verschmolzen beide in der Einheit einer mystischen Erfahrung, die gleichwohl der präzisesten sachlichen Beschreibung zugänglich war. Die Sprache Teilhards, dieser untrügliche Spiegel seiner reichen und originalen Persönlichkeit, belehrte den Leser über diesen Zusammenhang: Wer im «milieu divin» lebte und in allen Dingen Gottes Wirken sah und fühlte, der konnte sich nicht mit der Einseitigkeit einer gott-losen, blind technizistischen Weltauslegung befreunden; vielmehr entdeckte er überall, wohin er blickte, Gott, selbst in den kleinsten Details, die ihm sein wissenschaftliches Handwerk erschloss. Und wiederum wirkte die im «milieu divin» gewonnene wissenschaftliche Erkenntnis auf die Religion zurück: nicht als apologetische Bestätigung von Glaubensprämissen, sondern als eine beglückende Erfahrungsfülle, die Richtigkeit in Wahrheit verwandelte. So trat Teilhards religiöser Gedanke immer deutlicher hervor. War er dem Leser jener Manuskripte zunächst nur wie der altneue Ruf nach einer «modernen Religion» erschienen, so wurde man bei genauerem Hinsehen bald eines Besseren belehrt: Was Teilhard beabsichtigte, war nichts anderes als eine Verbindung moderner naturwissenschaftlicher Erkenntnisse mit schlummernden Aussagen christlicher Kosmologie, Aussagen, die im Lauf der Zeit aus dem Zentrum des theologischen Denkens weggerückt waren. Es war also keineswegs so, dass hier eine «neue Religion» geschaffen oder die Wissenschaft gewaltsam religiösen Vorstellungen angepasst wurde: beide wurden vielmehr als sich ergänzende Dimensionen der gleichen Sache in ein theologisches Immediatverhältnis gesetzt, wobei Evolutionslehre und paulinische Kosmologie in einem ungewohnten Akkord zusammenklangen.

In jenen Jahren schrieb Bruno de Solages, der Rektor der Katholischen Universität Toulouse, über Teilhard:

Die Lehre der biologischen Evolution war mechanistisch und materialistisch. Es ist die tiefe christliche Bedeutung des Werkes dieses großen Gelehrten […], daß es ihm besser als jedem anderen gelungen ist zu zeigen, daß die Evolution nur zielgerichtet sein kann, daß sie auf den Geist zuläuft, daß sie nur durch den Geist erklärt werden kann und daß sie bereits am Anfang – da sie ihn am Ende fordert – einen transzendenten Gott verlangt. Pater Teilhard ist von Haus aus kein Theologe, und man kann von ihm nicht verlangen, daß er allein und auf einen Schlag alle theologischen Probleme löst. Das ist die Arbeit der Theologen. Aber die Theologen verdanken ihm die große Hilfe, daß er ihnen die Dimensionen der wissenschaftlichen Welt erschlossen hat, in der sie fortan denken müssen, wenn sie nach dem Beispiel, das der Hl. Thomas im ١٣. Jahrhundert gegeben hat, ihre Aufgabe im ٢٠. Jahrhundert erfüllen wollen; und sie verdanken ihm die andere große Hilfe, daß er ihnen eine Konzeption der Entwicklungslehre geschenkt hat, die durch die Betonung der inneren Faktoren ergänzt und richtiggestellt wurde und die, anstatt sich durch ihren materialistischen und mechanistischen Charakter einer christlichen Weltsicht entgegenzustellen, sich ihr ganz natürlich öffnet.

Im Juni 1954 kehrte Pater Teilhard, der sich in der Nachkriegszeit meist in Amerika aufgehalten hatte, wenn er nicht gerade auf Forschungsreisen war, ein letztes Mal nach Frankreich zurück. Freunden fiel auf, wie sehr er physisch gealtert war. Am 28. Juni hielt er im «Hôtel des sociétés savantes» in Paris einen Vortrag über «Afrika und die Anfänge der Menschheit» vor einem großen Auditorium, in dem viele Geistliche vertreten waren. Ein Augenzeuge berichtet: «Gewiß, sein Ausdruck war noch immer klar, der Aufbau solide, der Gedanke mitreißend. Aber die Art, in der er die Bilder kommentierte, war eher mittelmäßig, und man fühlte, daß der Pater innerlich erregt war. Der Beifall war ziemlich schwach. In der Tat hatte man bereits begonnen, seine Anwesenheit in Paris zu kritisieren, und diese Kampagne machte ihm große Sorge. Außerdem war er übermüdet, verbraucht von allzuvielen Besuchen und Begegnungen.»

Zwei Absätze aus Briefen Teilhards, die kurze Zeit später geschrieben wurden, geben Aufschluss über den seelischen Zustand, in dem sich der Pater zur Zeit seines Pariser Besuchs befand.

Ich bin immer noch ein wenig außer Atem von den bewegten Wochen in Paris, von dieser Fülle rasch aufeinander folgender Begegnungen, von diesem hektischen Rhythmus des Sich-Treffens und Sich-wieder-Losreißens […] Von diesem allzu raschen Aufenthalt in Paris bleibt nur mehr eine Menge einigermaßen chaotischer Eindrücke zurück, aus denen sich gleichwohl ein paar feste oder halbwegs feste Punkte herausheben: erstens, daß ich mich mehr und mehr in meinem Innersten der Berufung weihe, mein Leben (das, was davon übrig bleibt) der Entdeckung und dem Dienst des universalen Christus zu widmen, und dies in einer absoluten Treue zur Kirche; zweitens, daß ich, zumindest in unmittelbarer Zukunft, in der Ferne und im Schatten arbeiten muß.

Pater Teilhard war, als er dies schrieb, bereits wieder in New York, wohin er auf Befehl seines Ordens zurückgekehrt war. In New York ist er am Ostersonntag des folgenden Jahres gestorben. Obwohl er seine letzten Monate in einer Art von Exil verbrachte, begann gerade in dieser Zeit sein Name in Frankreich und in den Vereinigten Staaten bekannt zu werden; und auch die Kontroversen um sein damals größtenteils noch unveröffentlichtes, den meisten nur vom Hörensagen bekanntes Werk nahmen zu. Sie entbrannten in voller Schärfe, als nach seinem Tod ein wissenschaftliches Komitee sich an die Herausgabe seiner Schriften machte, die noch in seinem Todesjahr, 1955, begann, und der sehr bald die ersten Übersetzungen ins Spanische, Englische, Deutsche und Italienische folgten. Seitdem ist Teilhard zu einem der meistgefeierten, aber auch meistumstrittenen Denker unserer Zeit geworden, zu einer Persönlichkeit, die man mit Bergson und Einstein verglichen hat; die Diskussion um sein Werk reißt nicht ab und hat vor allem außerhalb Frankreichs in den letzten Jahren beträchtlich zugenommen.

Schon die rasche Verbreitung dieses Werkes ist bemerkenswert. Sie zeigt, daß die Ideen Teilhards einen Nerv des modernen Denkens getroffen haben. Als in Frankreich der erste Band der Gesamtausgabe erschien, bemerkte der Franziskanerpater Wildiers in seinem Vorwort:

Wie aktuell die vorliegende Studie ist, wird niemandem entgehen, dem die großen Probleme der Gegenwart bewußt geworden sind. Die maßgebenden Persönlichkeiten stimmen darin überein, daß die Fülle unserer wissenschaftlichen Erkenntnisse – zumindest soweit sie den Menschen zum Gegenstand haben – einer einheitlichen Zusammenfassung bedarf. Auch religiösen Kreisen wäre sie erwünscht; denn durch sie würde die Größe und Schönheit der Schöpfung ins rechte Licht gesetzt. Schließlich widerstrebt es dem menschlichen Geist, sich mit einer Wissenschaft zu begnügen, die ewig Stückwerk bleibt.

Die Herausgabe des Originalwerkes, die unter dem Patronat der italienischen Exkönigin von einem wissenschaftlichen Komitee besorgt wurde, dem ein Ehrenkomitee zur Seite stand, ging unter ungewöhnlicher Anteilnahme der literarischen und wissenschaftlichen Öffentlichkeit Frankreichs vor sich. Die Auflage des ersten Bandes, des «Phénomène humain», erreichte eine für wissenschaftliche Bücher seltene Höhe. Es ist nicht uninteressant, bei dieser Gelegenheit einen Blick auf die über sechzig Namen umfassende Mitgliederliste der beiden Komitees zu werfen, die für die Herausgabe des literarischen Nachlasses verantwortlich sind. Neben bekannten Wissenschaftlern wie Henri Breuil, Maurice de Broglie, Julian Huxley, Henri-Irénée Marrou, Arnold Toynbee findet man hier Philosophen vom Rang eines Hyppolite, Merleau-Ponty, Jean Wahl; bekannte Schriftsteller wie Georges Duhamel und André Malraux; Politiker wie den ehemaligen französischen Botschafter beim Vatikan Roland de Margerie und den schwarz-afrikanischen Dichter, Deputierten und Staatssekretär Léopold Senghor. Geistliche und Laien, Naturwissenschaftler und Philosophen, Weiße und Farbige, Gläubige und Ungläubige bezeugen durch ihre Mitwirkung die ökumenische Reichweite des Teilhardschen Geistes. Zugleich aber gibt die Existenz dieses neutralen Herausgeberkomitees und die Tatsache, dass die Schriften des Jesuitenpaters in den nicht ausschließlich katholischen Autoren sich widmenden «Éditions du Seuil» erscheinen, einen leisen, aber nicht zu überhörenden Hinweis darauf, dass weder die katholische Kirche im allgemeinen noch der Jesuitenorden im Besonderen die alleinige Verantwortung für dieses Werk übernehmen wollte oder konnte. Man muss freilich betonen, dass Teilhards Ideen bisher von der katholischen Kirche weder approbiert noch verurteilt worden sind; aber es ist nicht sicher, ob das heftig anschwellende Pro und Contra auch in Zukunft solche Zurückhaltung erlauben wird.

Von dem wissenschaftlichen Werk Teilhards sind bisher bei den «Éditions du Seuil» fünf Bände erschienen. Drei davon sind Aufsatzsammlungen zu naturwissenschaftlichen und naturphilosophischen Themen; zwei enthalten die systematischen Hauptwerke des Paters: «Le phénomène humain» und «Le milieu divin». Daneben hat der Verlag Albin Michel eine größere Arbeit «Le groupe zoologique humain» veröffentlicht. Als die Veröffentlichung der Werkausgabe schon im Gang war, ließ Claude Aragonnès, die Cousine Teilhards, bei Grasset zwei Bände mit Reisebriefen erscheinen, die erstmals Licht auf das bis dahin im Dunkel liegende Leben und die innere Geschichte des Forschers warfen. Nimmt man noch hinzu, dass in den letzten Jahren in Frankreich eine beträchtliche, wenn auch ungleichmäßige Teilhard-Literatur entstanden ist, so wird die Weite literarischer Ausstrahlung deutlich, die dieses Werk charakterisiert; sie dürfte, wenn die bisherige Verbreitung der Teilhardschen Schriften anhält, in kurzer Zeit ein Maß gewinnen, das von keinem französischen Schriftsteller der Nachkriegszeit, Sartre nicht ausgenommen, erreicht wird.

In Deutschland war es der Verlag Karl Alber, der 1958 die Reisebriefe Teilhards aus den Jahren 1923-1939 herausbrachte: unter dem Titel «Geheimnis und Verheißung der Erde»; in der Übersetzung von Eva Feichtinger. Ein Jahr später folgte «Pilger der Zukunft», der zweite, die späteren Lebensjahre umspannende Band. Gleichzeitig erschien bei Glock und Lutz in Nürnberg als erste deutsche Einführung in das Werk Teilhards eine Übersetzung des freilich recht anfechtbaren Buches von François-Albert Viallet «Zwischen Alpha und Omega». Im Herbst 1958 brachte dann der Verlag C.H. Beck eine autorisierte Ausgabe des «Phénomène humain» heraus unter dem Titel «Der Mensch im Kosmos», ein Buch, das inzwischen bereits in zweiter Auflage vorliegt. Eine Übersetzung von «Le groupe zoologique humain» (Die Abstammung des Menschen) erschien im gleichen Verlag. Die Rechte der deutschen Gesamtausgabe Teilhards hat dann der Walter Verlag von den «Éditions du Seuil» übernommen. Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass in einigen Jahren das gesamte Werk Teilhards ins Deutsche übersetzt sein wird. Auch die französische Teilhard-Literatur dringt zu uns herüber; so hat der Herder Verlag eine Übersetzung der bedeutenden Schrift des Dominikaners Olivier A. Rabut «Dialogue avec Teilhard de Chardin» herausgebracht, während im Verlag Karl Alber eine Einführung von Claude Trèsmontant über Teilhard erschien. Schließlich sei noch auf die Untersuchung von Adolf Portmann «Der Pfeil des Humanen» (gleichfalls bei Alber) hingewiesen, die erste deutsche Monographie über den französischen Denker, in der ein besonders berufener Betrachter seine Kritik und Würdigung zusammenfasst.

Das Werk Teilhards beginnt also im Deutschen sichtbar zu werden und zu wirken. Es erreicht damit ein neues Stadium seiner Wirkungsgeschichte. Versuchen wir angesichts dieser Tatsache, uns in die Welt dieses Denkers ein wenig einzuleben, uns in ihr umzusehen und nach Verbindungen zu suchen, die aus der deutschen Denktradition zu ihm hinüberführen. Den Weg von der noch unabgeschlossenen Wirkungsgeschichte zurück zum Werk mag uns dabei zunächst das Leben des Forschers zeigen, dessen Zeugnisse in den Reisebriefen zahlreich erhalten sind.

Was zum Thema eines Lebens werden soll, ist gelegentlich schon in einem unscheinbaren Motiv enthalten. Ein solches Motiv teilt Claude Aragonnès, die Cousine von Pater Teilhard, in ihrer Einleitung zu den Reisebriefen mit.

Eigenartige Vorahnung und vor allem Anzeichen eines fernen Rufes war die Phantasie, die er während des Krieges 1914-1918 aufzeichnete. Im Jahre 1917, als er Sanitätsgefreiter eines Zuavenregimentes war, schaute er eines Tages zwischen zwei Schlachten an der Champagne-Front über eine weite Landschaft, die der Krieg in eine Wildnis verwandelt hatte, und es fiel ihm ein, wovon er als Kind geträumt hatte. «Wenn ich die Augen schließe, die Fesseln meines Bewußtseins lockere und meine Phantasie sich selbst überlasse, ihren einstigen Wegen und ihren Erinnerungen, fühle ich in mir verschwommene Gedanken an lange Reisen während meiner Kinderzeit aufsteigen. Ich sehe die Stunde wieder, wo die bunten Lichter in den Bahnhöfen aufflammen, um den großen Zügen, die hinausdrängen in einen zauberhaften und verzauberten Morgen, den Weg zu weisen. Nach und nach verwirren sich die mit Signalen beleuchteten Einschnitte in meinem Geist mit einer unermeßlichen transkontinentalen Linie, die unendlich weit führen sollte […] irgendwohin, weit weg von allem. Und mein Traum wird deutlicher. Der verwüstete Bergrücken, dessen Silhouette sich mehr und mehr violett färbt, um schließlich im blassen Gelb des Himmels zu erlöschen, ist plötzlich die öde Hochfläche im Orient geworden, der ich, gleich einer Fata Morgana, so oft in meinen Gedanken an Entdeckungen und an die Wissenschaft nachhing. Das Wasser, das sich weiß durch das Tal schlängelt, ist nicht mehr die Aisne, es ist der Nil, dessen ferner Spiegel mich bestürmte wie ein Ruf der Tropen. Ich glaube jetzt, in der Dämmerung bei El Giyushi auf dem Muqattam zu sitzen, und ich schaue nach Süden.

[…] Es ist geschehen. Ich habe mich verraten.

Ich erkenne dieses rätselhafte und zudringliche Ich mit seiner eigensinnigen Liebe für die Front: Es ist das Ich des Abenteuers und des Forschens, das Ich, das immer bis an die äußersten Grenzen der Welt hinaus will, um neue und seltsame Dinge zu schauen, damit es sagen kann, daß es voraus ist.

Stellt man auf der Karte die späteren Reisewege des Paters zusammen, so erhält jene Phantasie im Schützengraben etwas von einem Wahrtraum. Verfolgen wir die «unermeßliche transkontinentale Linie» rasch an Hand einiger Zahlen!

1923 im Auftrag und mit Unterstützung des «Museums» nach Zentralchina, um dort Ausgrabungen durchzuführen. 1924 Rückkehr nach Frankreich. 1927 zweite Reise nach China. Von da an wechselnde Aufenthalte in China und Frankreich. 1928 eine Mission in Französisch-Somaliland und Äthiopien. 1929 wieder in China. Entdeckung des ersten Sinanthropus. Ernennung zum wissenschaftlichen Berater des Chinesischen Geologischen Vermessungsdienstes. 1930 Teilnahme an einer amerikanischen Expedition nach Zentralasien. 1931/32 zum Geologen der «Gelben Kreuzfahrt» gewählt. 1935/36 in Nordindien, 1937/38 nach Burma. Im gleichen Jahr Ernennung zum Leiter des Laboratoriums der «Hautes-Études de Géologie et Paléontologie» in Paris. Während des Zweiten Weltkrieges in China eingeschlossen. 1946 Rückkehr nach Frankreich. 1950 Mitglied der Académie des Sciences. 1951 Reise nach Südafrika, von der amerikanischen Wenner-Gren-Stiftung finanziert. Seit 1951 Arbeit für diese Stiftung in New York, die ihm 1953 eine zweite Mission in Südafrika überträgt. 1954 letzter Aufenthalt in Frankreich. 1955 Tod in New York.

Die Reisewege Teilhards gehören nicht nur seiner privaten Lebensgeschichte an. Sie haben ebenso ihren Platz in einer Geschichte der Paläontologie und Geologie. Je mehr der Weg den Unermüdlichen in die Weite der Kontinente und in die Tiefe der Vergangenheit führt, desto mehr verschwindet seine Gestalt hinter immer größeren Forschungsplänen, Aufgaben, die nur im anonymen Team zu bewältigen sind, Unternehmungen, die erst in Jahrzehnten ihre Früchte tragen. Aber den Betrachter dieses Lebens interessiert nicht die anonyme Forscherleistung des Gelehrten, so imposant sie ist, ihn interessiert die lebendige Persönlichkeit, die Gestalt des auf Abenteuer ausgehenden Entdeckers. Wer war er selbst und wo kam er her?

Die Heimat Teilhards, das Sarcenat, ist ein raues Land, wo das Familienleben mehr noch als anderswo in Frankreich in Ehren steht. Von der Terrasse des väterlichen Hauses, eines kleinen Adelssitzes aus dem 18. Jahrhundert inmitten einer Landschaft von Vulkanen und Bergkegeln, sieht man in der Ferne die Hauptstadt der Auvergne, Clermont-Ferrand. Es ist die Heimat Pascals. Hier wurde Pierre Teilhard de Chardin am 1. Mai 1881 als viertes von elf Kindern geboren. Im strengen, schützenden Kreis der Familie wuchs er auf. In der Landschaft rings um das Schloss, die reich ist an Mineralien, Insekten, wilden Pflanzen, machte er seine ersten biologischen Streifzüge.

Der kleine Pierre ist anhänglich, wohlerzogen, fromm. Seiner Mutter, einer Urenkelin Voltaires, verdankt er nach seinen eigenen Worten «das Beste seiner Seele»: eine lebendige, persönliche Religiosität. Von ihr «kam der Funke, der meine Kinderseele erleuchtete und entzündete». Von seinem Vater, einem humanistischen Landedelmann der alten Art, hat er die Klarheit und Präzision des Wollens, darüber hinaus «ein fundamentales Gleichgewicht, auf dem alles Übrige ruht».

Früh treten die späteren Forscherneigungen zutage. Blumen und Schmetterlinge interessieren den Jungen wie alles Flüchtige, Schimmernde, Vergängliche nur wenig. Seine Idole, wie er sie nennt, sind anderer Natur: ein in einer Hofecke verborgener Pflugschlüssel; das Kapitell einer kleinen Metallsäule; ein paar Kugeln vom benachbarten Schießplatz. Er liebt und vergöttert das Feste, Dauerhafte, das Eisen. Seine erste kindliche Enttäuschung ist die Entdeckung, dass Eisen rostet. Von da an wendet sich sein Sinn anderen Dingen zu: der Flamme im Kamin, die so materiell und zugleich ungreifbar ist; oder den durchsichtigen Steinen, Quarz- und Amethystkristallen, die er von seinen Wanderungen mitbringt.

Mit noch nicht ganz 18 Jahren, nach dem Abitur, nimmt der Jesuitenschüler Pierre Teilhard von seiner Familie Abschied, um in Aix-en-Provence ins Noviziat der Gesellschaft Jesu einzutreten. 1902 vertreiben die Laiengesetze den Orden nach Jersey. Aber da der Antiklerikalismus kein Ausfuhrartikel ist, nach Gambettas Wort, kann der junge Frater drei Jahre, von Ende 1905-1908, in Kairo am Kolleg der Hl. Familie Physik und Chemie dozieren. 1911 wird er, noch immer in England, zum Priester geweiht. Dann kommt der Krieg, der ihn in Frankreich, wo er am Musée d´histoire naturelle arbeitet, erreicht; bis 1918 ist er Sanitätsgefreiter und erhält militärische Auszeichnungen. Seine wissenschaftliche Laufbahn als Geologe beginnt 1922, als er nach der Promotion zum Doktor der Naturwissenschaften Professor für Geologie am Institut Catholique in Paris wird. Ein Jahr später bricht er im Auftrage des Museums zu seiner ersten Expedition nach Zentralchina auf.

Und nun beginnt das große Abenteuer seines Lebens, dieses Abenteuer, das ein äußeres ist und ein inneres zugleich. Genau genommen hat es schon während seiner Studienjahre begonnen. Der Ring klassischen und scholastischen Denkens, den die Ordenserziehung um den jungen Novizen gelegt hatte, war nicht dauerhaft, er barst vor der andrängenden Erfahrungsfülle, ohne dass doch die Seelenglut und Frömmigkeit Teilhards darunter im mindesten gelitten hätte. Aber die Fähigkeit zur Hingabe, die der reifer gewordene Mann bewahrte, ergoss sich jetzt ins Grenzenlose forschenden Ausgreifens über Meere und Kontinente hin; sie schuf sich neue Formen des religiösen Ausdrucks, die den Stil einer sehr persönlichen Mystik verrieten. Dies war, innerhalb eines Ordens, der Talent und wissenschaftliche Kühnheit in strenge Zucht zu nehmen gewohnt war, kein ungefährlicher Weg. Von jeder Expedition brachte Teilhard einen Schatz nicht nur wissenschaftlicher, sondern auch religiöser Erfahrung mit; das Erlebnis der großen asiatischen Räume ist aufbewahrt in den in der Wüste entstandenen Büchern des «Milieu divin», des «Esprit de la Terre», der «Messe sur le Monde», von denen lange Abschnitte wie hymnische Gebete sind. Aber jedesmal, wenn der Pater von seinen immer länger werdenden Reisen nach Europa zurückkehrte und vor einem fremd gewordenen Zuhörerkreis in Paris oder anderswo nach Worten suchte, um seine Erfahrungen zu formulieren, erschraken die Ordensoberen vor der Neuheit und Kühnheit seiner Sprache. Man legte ihm nahe, auf Philosophie und Theologie zu verzichten, man verwies ihn zurück auf sein naturwissenschaftliches Fachgebiet. Und nach kurzer Zeit brach er, zur Erleichterung des Ordens, wieder zu einer neuen Forschungsreise auf. So wurde das asiatische Exil immer mehr zu seiner Heimat, die Paläontologie und Geologie immer mehr zu «seiner» Wissenschaft, in der er allmählich zum international anerkannten Fachmann aufstieg; aber was ihn antrieb, war nicht der Drang des spezialistischen Forschers: immer deutlicher hob sich aus seinen Untersuchungen die große Frage nach dem Lebensrätsel Mensch hervor.

Ein früher Reisebrief aus Tientsin an Abbé Breuil:

Ich wäre in arger Verlegenheit, müßte ich Ihnen eine genaue Definition meiner gegenwärtigen inneren Verfassung geben. Durch die Vielfalt der neuen Dinge und Menschen, die ich seit zwei Monaten gesehen habe, und durch die Entwurzelung aus meinem Milieu bin ich noch immer wie betäubt. Bei meinem Alter, da der Geist bereits weniger geschmeidig ist, ist es mir noch nicht gelungen, diese zahlreichen fremden Eindrücke und Perspektiven, die schnell und oberflächlich auf mich eingestürmt sind, zu beherrschen und zu verarbeiten. Im Augenblick bin ich vor allem beherrscht von dem unbestimmten Eindruck, daß die Welt des Menschen (um nur von ihr zu sprechen) eine ungeheure und ungleichförmige Sache ist, ungefähr so zusammenhängend wie die Oberfläche eines bewegten Meeres. Aus Gründen, die ich dem Gebiet der Mystik und der Metaphysik entnehme, glaube ich weiter, daß dieser Zusammenhang eine Einigung vorbereitet. Beim Besuch einiger großer Zentren der Katholischen Aktion in Hongkong und Shanghai schien mir auch, daß der Katholizismus eine außergewöhnliche Kraft der Durchdringung und der Umgestaltung der Seelen hat (ich habe Kinder, Greise, Nonnen, Chinesen und Chinesinnen gesehen, die mit mir wirklich den Blick, die Verbindung von Mensch zu Mensch zu haben schienen, die ich von Europäern hätte erwarten können). Übrigens ist die Vielfalt der Elemente und der menschlichen Standpunkte, die man auf einer Reise in den Fernen Osten entdeckt, derart «overwhelming», daß man nicht annimmt, ein religiöses Leben, ein religiöser Organismus könne eine solche Masse assimilieren, ohne tiefgreifend modifziert und bereichert zu werden […] wenn nicht vorher eine geistige und soziale Uniformierung die tiefe Verschiedenheit, die die orientalischen Völker noch von unserer mittelländischen Kultur trennt, einebnet…

Hier klingen Gedanken an, die von jetzt an aus den Briefen des Paters nicht mehr verschwinden werden. Einmal der Gedanke einer nahe bevorstehenden, tiefer und tiefer ins Bewusstsein dringenden Einigung der Welt – nicht als politischer, sondern als geistiger, «kosmischer» Vorgang gedacht; er gibt dem naturwissenschaftlichen Werk Teilhards eine ähnliche Grundierung, wie sie Toynbees aus verwandten Erlebnisquellen aufsteigende «Study of History» besitzt. Tastend ist auch schon das Bemühen am Werk, diesen Zukunftsvorgang mit den wissenschaftlichen Perspektiven der Paläontologie zu verbinden. In einer Meditation, die der Pater im Boot auf dem Hwang-Ho, von einer viermonatigen Reise in die Mongolei zurückkehrend, aufzeichnet, ist die Bilanz der ersten Chinafahrt in einer fast dichterischen Vision festgehalten (Teilhard de Chardin, Geheimnis und Verheißung der Erde, Freiburg 1958, 61–65):

Was bringe ich von dieser viermonatigen Reise in die Mongolei mit zurück? Hier auf dem Grund des Bootes sind rund um mich sechzig Kisten aufgetürmt, schwer von Fossilien und Steinen. Aber das ist Materielles, Äußerliches… Was habe ich im Laufe dieser langen Pilgerfahrt durch China im Innersten meines Wesens gewonnen? Was für ein tiefgründiges Wort hat mir das große Asien gesagt? […]

Ich, ein Pilger der Zukunft, kehre von einer gänzlich in die Vergangenheit unternommenen Reise zurück.

Aber ist die Vergangenheit, wenn man sie auf eine bestimmte Weise sieht, nicht in die Zukunft verwandelbar? Ist das weitere Bewußtsein von dem, was ist, und von dem, was war, nicht die wesentliche Grundlage jedes geistigen Fortschrittes? Ist mein ganzes Leben für die Paläontologie nicht aufgebaut auf der einzigen Hoffnung, am Vorwärtsgehen mitzuarbeiten? Die Mongolei schien mir eingeschlafen – vielleicht tot. Gibt es kein Mittel, selbst die Toten sprechen zu lassen?

Das geheimnisvolle Wort, das ich von China erwartete, habe ich vielleicht am Vorabend meiner Abreise vernommen, als ich, auf die Zinnen der kleinen christlichen Gemeinde Balgassun gestützt, die Sonne im feurigen Himmel der Steppe sinken sah.

Zu meiner Linken rundeten sich die glatten und rissigen Lößberge unter der leichten Berührung der schräg einfallenden Sonnenstrahlen.

Rechts erriet man in den noch rosenfarbenen Buchweizenfeldern die Ruinen der alten Stadt Si-Hia, die seinerzeit von den mongolischen Horden dem Erdboden gleichgemacht worden war.

An dieser Stelle also, dachte ich, war eine verzweifelte Anstrengung zu leben gemacht worden. In einem Rahmen, der sich kaum von dem unterschied, den ich sehe, suchten wunderbare Viehherden gierig das Gras und das Licht. Dann hat der Mensch – ein Mensch, dessen Überreste in sechzig Meter Tiefe unter dem Sand beim Shara-Usso-Gol liegen – gegen noch unverständliche und wilde Elemente gekämpft. Viel später hat Dschingis-Khan ganz im Hochmut seiner Siege diese Ebene überquert.

Und heute bleibt von all diesem riesigen Drängen nach ein wenig mehr Sein nichts – nichts als armselige Felder, die sich mühsam gegen das Vordringen des Sandes verteidigen…

Nichts? …

Ich starrte auf das goldene Gestirn, das tiefer und tiefer sank und den unübersehbaren Farbenreichtum der Dinge hinter die Dünen mit sich nahm. Und da schien mir, als wäre vor mir nicht mehr die feurige Sonne, sondern vielmehr der Brennpunkt des irdischen Lebens, der über der mongolischen Wüste zur Ruhe ging – um sich bei uns wieder zu erheben. Und ich glaubte von ganz Asien, das in der Nacht einschlief, eine Stimme aufsteigen zu hören, die leise sprach: «Ihr Brüder aus dem Westen, nun seid ihr an der Reihe!»

Wir sind an der Reihe. – Ja, ruhe dich aus, altes Asien, das in seinen Völkern ebenso müde ist wie in seinem Boden ruiniert. Zur gegenwärtigen Stunde bricht die Nacht herein und das Licht ist in andere Hände übergegangen. Aber noch immer hast du dieses Licht angezündet und es uns gegeben. Sei ruhig: wir werden es nicht erlöschen lassen! Du sollst nicht umsonst gearbeitet haben. Übrigens ist dein Leben im Herzen einiger Weiser geschützt und daher nicht erloschen. Morgen wird es vielleicht noch leuchten auf deinen wehrlos gemachten Hochflächen.

Wir sind an der Reihe. – Ja, ich glaube es mehr denn je: Die Skeptiker, die Agnostiker, die falschen Positivisten sind im Irrtum. Durch die wandernden Kulturen hindurch geht die Welt ihren Gang, doch nicht dem Zufall ausgeliefert, noch auf der Stelle tretend; unter der universalen Bewegung der Dinge geschieht vielmehr etwas, etwas Himmlisches ohne Zweifel, aber zunächst etwas Zeitliches. Hier auf Erden ist nichts von der Mühe des Menschen für den Menschen verloren. Da ich überzeugt war, daß die einzige Wissenschaft darin besteht, das Wachsen des Universums zu entdecken, beunruhigte es mich, daß ich im Laufe meiner Reise nur die Spuren einer dahingegangenen Welt gesehen hatte. Und warum diese Angst? Enthüllt die Furche, die die Menschheit auf ihrem Wege hinter sich läßt, weniger deutlich ihre Bewegung als der Gischt, der anderswo unter dem Steven der Völker hervorspringt?

Heute abend sage ich mir das wieder, indem ich dem Spiel der goldenen und roten Wolken über dem Floß folge, die schwarz von einem gestreckten Flug von Wildgänsen durchkreuzt werden: Wenn man den Fernen Osten verstehen will, darf man ihn nicht beim Morgengrauen betrachten, auch nicht am hellen Mittag; man muß ihn zur Zeit der Dämmerung anschauen, wenn die Sonne das Erbe Asiens in ihren Glanz mitnimmt und sich in vollem Triumph in Europas Himmel erhebt.

Man wird dieser Vision wohl kaum gerecht, wenn man sie als bloßen poetischen Einfall abtut oder sie an den späteren politischen Schicksalen Chinas misst, in deren Licht manche Aussagen freilich etwas seltsam Unwirkliches annehmen. Denn was hier beschworen wird, die Einheit des Menschengeschlechts und der geschichtliche Zusammenhang der Kulturen, ist eine menschliche Urerfahrung, für die die chinesische Welt nur die fast zufällige Folie abgibt. Es ist schwer, bei diesen Sätzen nicht an Herder zu denken oder an Vico, dessen Thema die «gemeinschaftliche Natur der Völker» war; in jedem Fall wird deutlich, dass Teilhard nach Bergson die zweite große Einbruchsstelle des geschichtlichen Denkens im modernen Frankreich darstellt. Im Übrigen hat sich der Pater über die geistigen und politischen Veränderungen, die das Gesicht Chinas in jenen Jahren zu wandeln begannen, sehr wohl Rechenschaft gegeben. In Peking, das allmählich zu seiner zweiten Heimat wurde, traf er neben den Vertretern der Wissenschaft aus aller Welt auch zahlreiche chinesische Intellektuelle. Der Umgang mit ihnen bereicherte das Gespräch mit außerhalb der Kirche stehenden Naturforschern, mit gläubigen und ungläubigen Humanisten, das sich der Pater immer dringender angelegen sein ließ, um eine neue Variation.

Wenn etwas Hoffnung geben kann, so sind es Briefe wie der, den ich gestern von meinem Freund Ting erhielt, dem Geologen, der zum «Bürgermeister von Groß-Shanghai» ernannt worden ist. Ich hatte ihm ein paar flüchtige Worte hinterlassen. Soeben hat er mir mit einigen Zeilen geantwortet, deren Herzlichkeit und ernster Ton mich tief berührt und getroffen hat. Ein Europäer der alten Rasse hätte nicht besser denken und sprechen können. Ich frage mich, ob Fälle wie dieser nicht das Symptom eines wirklich neuen Chinas sind, das sich von dem China der alten Gelehrten ebenso unterscheidet wie von dem der Räuber-Marschälle, die gegenwärtig das Land gefangenhalten. Es ist wahrhaft schwierig, sich eine Vorstellung davon zu machen, was in diesen orientalischen Köpfen und Herzen vor sich geht.

Derartige Begegnungen sind gewiss Einzelfälle, aber ihre Wiederholung ergibt ein Bild. Die beiden großen Lebensschulen werden sichtbar, die der Pater zu durchschreiten hatte, nachdem seine Lehrjahre im Orden beendet waren. Einmal die wissenschaftliche Welt, in der er allmählich heimisch wurde: eine Welt, die überwiegend der Religion fremd, aber von strenger Sachhaftigkeit erfüllt und einem Ethos intellektueller Redlichkeit verpflichtet war. Sodann die noch verworrene, zu einem unklaren, aber leidenschaftlich geführten Humanismus hindrängende Geistigkeit asiatischer und afrikanischer Völker, der er in ihren hervorragendsten Vertretern begegnete. Man kann sagen, dass der Pater Gelegenheit hatte, die beiden großen Herausforderungen der Kirche im 20. Jahrhundert an ihrer Quelle aufzusuchen: den technisch-wissenschaftlichen Geist der Emanzipation – und den auf den Menschen zentrierten, a-religiösen, ja atheistischen Humanismus; beides geschichtliche Triebkräfte von großer Gewalt, aber in Gefahr, ihr Ziel zu verfehlen und die, die ihnen folgten, in den Abgrund zu reißen, solange sie nicht aufgenommen waren in eine gültige, weltzugewandte und zugleich weltüberwindende Christlichkeit.

Aus Tientsin schrieb der Pater am 7. August 1927:

Wenn ich auch seit drei Monaten nicht viel Zeit zum Nachdenken hatte, so spürte ich doch eine Beruhigung und eine Klärung meiner Ideen, und die wesentlichen Elemente bekamen ihren wahren Wert. Und nun nehme ich deutlicher wahr, wie sehr mein inneres Leben endgültig beherrscht wird von diesen beiden Zwillingsbergen: ein grenzenloser Glaube an unseren Herrn, den Quell alles Lebens der Welt, und ein unverwirrbarer Glaube an die Welt […], die von Gott belebt ist. Opportune, importune, wie der heilige Paulus sagt, fühle ich mich entschlossen, von mir zu erklären, daß ich entgegen allem Anschein, gegen eine falsche Orthodoxie, die Fortschritt und Materialismus, Veränderung und Liberalismus, menschliche Vervollkommnung und Naturalismus verwechselt, an die Zukunft der Welt «glaube» …

Eine erste Gestaltung dieser «Weltgläubigkeit» ist das 1926/27 in China entstandene, erst 1957 veröffentlichte «Milieu divin». Von großem sprachlichem Atem getragen, lebt es ganz aus der religiösen Begeisterung der neuen Welterfahrung, aus dem «Aufwärts» und dem «Vorwärts», wie der Pater die beiden Strebungen des Zeitgeistes, die er in sich versöhnen wollte, genannt hat. Die Aszese wird neugedacht als Mitwirkung an der Vollendung der Welt in Christus. Der Kosmos erscheint nicht nur in seiner bewusstseinshaltigen Spitze, sondern in seinen materiellsten Teilen in Bewegung auf Gott hin. Einige Jahre später – und die von diesem Werk ausgehende Woge hat den Grund des naturwissenschaftlichen Systems erreicht und beginnt die traditionell übernommene Evolutionslehre in Richtung auf die paulinische Kosmologie umzubilden. Dies geschieht im «Phénomène humain», dem wissenschaftlich-religiösen Nachlass Teilhards. Mit ihm kehren wir abschließend noch einmal zum Werk des Paters zurück, nachdem wir der Linie seines Lebens bis zu dem Punkt gefolgt sind, wo die Erfahrung der asiatischen Welt und die Ergebnisse ihrer Erforschung einmünden in das Erlebnis des wachsenden Kosmos und der sich in Christus vollendenden Schöpfung.

Man kann den Ertrag der anthropologischen Forschungen des «Phénomène humain» – und Teilhard selbst ermuntert uns dazu – in drei Thesen zusammenfassen, die vom Physikalischen über die Biologie der individuellen menschlichen Existenz bis zu einer Biologie des menschlichen Kollektivbewusstseins führen. Diese Stufenfolge bildet den Ablauf dessen, was in der Sprache des Paters «Kosmogenese» genannt wird. Suchen wir uns den Inhalt dieser Thesen kurz klarzumachen.

Teilhard geht aus von der astronomischen Vorstellung eines Universums, das sich aus einer Art von Uratom entwickelt und in Galaxien allmählich entfaltet. Er glaubt in der räumlichen Entfaltung (der gleichzeitig ein Prozess immer komplizierterer Organisation der Organismen korrespondiert) ein kosmisches Gesetz entdeckt zu haben, das weit über das dem Paläontologen und Biologen zugängliche Beobachtungsfeld organischen Lebens auf der Erde hinausreicht.

Astronomisch erscheint uns das Universum so, als befinde es sich auf dem Weg räumlicher Ausdehnung (vom unendlich Kleinen zum unendlich Großen); physikalisch-chemisch betrachtet erscheint es uns dagegen noch klarer auf einer Bahn, als rolle es sich nach innen zu Organismen zusammen (vom ganz Einfachen zum äußerst Komplizierten). Diese eigentümliche Zusammenrollung zum Komplexen ist erfahrungsgemäß mit einer entsprechenden Zunahme von Verinnerlichung, das heißt von Psyche oder Bewußtsein verbunden.

Auf dem engbegrenzten Gebiet unseres Planeten […] ist die hier erwähnte strukturelle Beziehung zwischen Komplexität und Bewußtsein empirisch erhärtet und seit jeher bekannt. Was die Originalität meines in diesem Buch eingenommenen Standpunktes ausmacht, ist folgende von Anfang an festgehaltene Annahme: die besondere Eigenschaft der irdischen Substanzen, sich in dem Maße mit Leben zu erfüllen, wie sie komplexer werden, ist nur die Auswirkung und die einem bestimmten Raum zugehörige Erscheinungsform einer Grundströmung, die ebenso allgemein ist […] wie andere solche Strömungen, die die Wissenschaft bereits erforscht hat.

Auf die Gesamtheit des Kosmos übertragen bedeutet diese Hypothese, dass wir selbst dort, wo geringe Werte von Komplexität ihre Wahrnehmung unmöglich machen, in jedem Korpuskel «die Existenz irgendeiner rudimentären Psyche zu vermuten» haben, so wie der Physiker «Veränderungen der Masse annimmt und berechnen kann, die bei langsamer Bewegung hervorgerufen werden, obwohl sie der direkten Erfahrung völlig unzugänglich sind». In jedem seiner Punkte ist das Universum in stetigem Streben nach organischer «Rückwendung auf sich selbst und damit nach Verinnerlichung». Dieses Gesetz der Konvergenz bildet den physikalischen und biologischen Hintergrund für die Anthropologie Teilhards.

Gegenüber einer mechanistischen, sich auf äußere Determinanten beschränkenden Erklärung der Evolution ist die Vorstellung innerlicher Wirkfaktoren, die von Anfang an da sind und das Entwicklungsgeschehen schrittweise zu immer höheren Formen führen, unzweifelhaft ein Gewinn. Man könnte aber fragen, ob dieser Panpsychismus nicht die Grenze zwischen anorganischer und organischer Natur unzulässig verwischt, ganz zu schweigen von der unbefriedigenden Erklärung des Menschen als einer nur quantitativen Steigerungsform organischer Komplexität. Was den zweiten Einwand angeht, so setzt hier die zweite These Teilhards ein, die die erste in einem wesentlichen Punkt präzisiert.

Von einem gewissen Blickpunkt aus können die verschiedenen Strahlen des psychischen Fächers vital gleichwertig scheinen, und so werden sie auch tatsächlich von der Wissenschaft noch oft gesehen: so viel Instinkte, so viel gleichwertige und miteinander nicht vergleichbare Lösungen eines einzigen Problems. Nun besteht (aber) die zweite Originalität der in diesem Buch entwickelten Ansichten darin, daß ich neben der Auffassung des Lebens als universaler Funktion kosmischer Ordnung der Erscheinung des Ich-bewußtseins im Stammbaum des Menschen den Wert einer «Schwelle» oder einer Zustandsänderung zuerkenne. Gewiß keine unbedachte Behauptung (man beachte dies wohl!) noch von Anfang an auf irgendeine Metaphysik gegründet. Vielmehr eine Entscheidung, die sich empirisch auf die merkwürdig unterschätzte Tatsache stützt, daß wir es seit dem «Übergang zur Reflexion» tatsächlich mit einer neuen Form von Biologie zu tun haben…

Die charakteristischen Eigenschaften dieser neuen Form von Biologie sieht Teilhard einmal im Auftreten innerer Ordnungsfaktoren (z.B. Erfindung), die den äußeren Ordnungsfaktoren (Spiel der benutzten Zufälle) übergeordnet sind; sodann im Auftreten von Kräften seelischer Anziehung und Abstoßung, die im prävitalen Bereich in dieser Form nicht vorkommen; endlich im Bewusstsein der einzelnen Elemente, wo infolge des sich schärfenden Blicks für die Zukunft ein Verlangen «nach unbegrenztem Weiterleben» erwacht. Diese letzte Beobachtung führt denn hinüber zur dritten These Teilhards, die dem sozialen Phänomen der Menschheit, dem «Aufstieg zur Schwelle des Kollektivbewusstseins» gilt.

In uns Menschen – behauptet noch eine gewisse Art von Gemeinverstand – sei die biologische Evolution zu ihrem Abschluß gekommen. Seitdem sich das Leben in seinem eigenen Bewußtsein spiegelt, sei es unbeweglich geworden. – Aber muß man denn nicht ganz im Gegenteil sagen, daß es einen neuen Sprung nach vorwärts macht? Man sieht ja, wie mit den wachsenden Bestrebungen der Menschheit, ihre eigene Masse zu organisieren, pari passu die psychische Spannung zunimmt, das Bewußtsein von Zeit und Raum, der Drang und die Fähigkeit zu Entdeckungen. Dieses große Ereignis scheint uns kein Mysterium. Ist aber in dieser vielsagenden Verbindung von technischer Ordnung und psychischer Zentrierung nicht immer noch die große Kraft am Werk […], die uns geschaffen hat […] und die uns alle aneinanderdrückt, in eine Umarmung, die uns vollkommen machen will, indem sie uns zugleich organisch an alle andern bindet?

Mit der menschlichen Gesellschaftsbildung, deren spezifische Wirkung darin liegt, daß das gesamte Bündel der denkenden Schuppen und Fibern der Erde auf sich selbst zurückgebogen wird, setzt der kosmische Wirbel der Verinnerlichung seine ureigene Bewegungsrichtung fort. Dies ist die dritte Ansicht, zu der ich mich entschieden habe – die folgenschwerste von allen. Indem sie an die beiden vorausgehenden, oben dargelegten Postulate anknüpft und sie erweitert […], definiert und beleuchtet sie endgültig meine wissenschaftliche Stellungnahme gegenüber dem Phänomen Mensch.

Es ist hier nicht der Ort, zu dem geschlossenen Gedankengebäude Teilhards im einzelnen Stellung zu nehmen. Die physikalischen und biologischen Aspekte gehen die betreffenden Fachwissenschafter an und müssen dort diskutiert werden. Das neue Bild der kosmologischen Evolution wird die Philosophie beschäftigen. Die Theologie wird prüfen, ob das Bild einer von Gott ausgehenden, zu ihm zurückkehrenden, zwischen «Alpha und Omega» sich entfaltenden Evolution mit der Schöpfungs- und Erbsündentheologie, vor allem aber mit der paulinischen Inkarnations- und Erlösungslehre harmoniert. Die These eines durch wachsende soziale Verschmelzung hervorgerufenen Formwandels der Spezies Mensch endlich ist überhaupt nicht mehr auf wissenschaftlicher Ebene zu erörtern, wie denn überhaupt die Gedanken Teilhards in diesem Punkt mehr den Charakter einer geschlossenen dichterischen Vision als einer nachprüfbaren Kette empirischer Schlüsse annehmen.

Es kam uns hier darauf an, zu zeigen, wie die Ideen des Paters aus der engen Berührung mit mächtigen Tendenzen der Zeit herausgewachsen sind, und wie sie allesamt in persönlichen Erfahrungen gründen. In dieser Aktualität und Subjektivität, die das Werk Teilhards nirgends verleugnet, liegt seine Bedeutung, aber auch seine Problematik. Es ist eine Herausforderung an die Theologie, sich stärker in die Dimensionen gegenwärtiger Wissenschaft einzufühlen, es ist aber zugleich auch eine Herausforderung an die Wissenschaft, die hier mit dem ungestümen und ungeduldigen Versuch einer theologischen Synthese des Rätsels Mensch konfrontiert wird. Für beide dürfte gelten, was der klügste Kritiker des Teilhardschen Werkes, der Dominikanerpater Rabut, gesagt hat: «Si quelqu’un condamne Teilhard, qu’il fasse mieux.» – Wer Teilhard verdammt, mag es besser machen. In diesem Sinne, als Vorläufer, Wegbereiter, Pionier würde der unermüdliche Forscher, lebte er noch, sich wohl auch am besten verstanden wissen; und in diesem Sinne darf auch die Akklamation jener französischen Bischofskonferenz in Toulouse verstanden werden, die vor Jahren eine Gedenkminute für ihn abhielt, um damit, wie ihr Sprecher sagte, «das größte religiöse Genie des Jahrhunderts» zu ehren.

Redemanuskript von 1984 – unverändert veröffentlicht ohne Nachträge 2019.

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