Die westliche Gesellschaft altert1, die Kirche in Deutschland altert mit ihr. Was erneuert sich in diesem Prozess, den viele nur als Krise, nicht aber als Chance sehen? Wer Altersweisheit gegen Jugendwahn stellen oder Jugendarbeit mit Altersdiskriminierung erkaufen wollte, hätte noch nicht einmal die Frage verstanden.
Das Neue Testament lässt nach einer Antwort suchen, die nicht einen Generationenkonflikt anstachelt, sondern einen Generationenvertrag anbahnt.2 Er ist aus zwei Gründen im Urchristentum nicht selbstverständlich. Zum einen bricht der Glaube mit dem Primat der Familie, die unter der Vorherrschaft des Patriarchen über alles entscheidet, auch über die Religion; das Evangelium verlangt aber Glaubensfreiheit und deshalb im Zweifel den Bruch mit der Konvention.3 Zum anderen kennt das frühe Christentum mit Jesus ein Pathos des Neuen: «Neuer Wein in neue Schläuche», wird als eines seiner Programmworte überliefert (Mk 2, 22), obgleich in der Antike, anders als heute, das Alte als das Bessere galt.4
Beide Faktoren zusammen eröffnen den Zugang zu einer Verheißung: Im Zeichen des Glaubens sollen sich neue Familien und sollen sich Familien neu bilden. Das Neue ist nicht die Zerstörung, sondern die Erfüllung des Alten, weil Gott selbst sich treu bleibt, wenn er im Übermaß seine Gnade schenkt.5
1. Inspirierte Worte
Nach der Apostelgeschichte zitiert Petrus in Jerusalem, um Pfingsten zu erklären, den Propheten Joël: «Und es wird geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da werde ich ausgießen von meinem Geist über alles Fleisch, und prophetisch reden werden eure Söhne, und eure Töchter, und eure Jungen werden Gesichte schauen, und eure Alten werden Träume haben» (Apg 2, 17: Joël 3, 1).
Das Zitat geht weiter; die Pointe bleibt, dass Gottes Geist6 alle Menschen erfüllen wird, unabhängig davon, wie reich oder arm, wie frei oder unfrei, wie jung oder alt sie sind. Alle haben ihre eigenen Einsichten und Ausdrücke; aber sie können sich verständigen, weil sie keine Angst haben, den Mund aufzumachen, um auszusprechen, was ihnen aufgegangen ist, und weil sie einander zuhören, um zu verstehen. Es beginnt mit der Gemeinschaft der Gläubigen und zieht von ihr aus weitere Kreise.
Am ersten Pfingstfest wird in Jerusalem deutlich, dass es möglich wird, den Krieg der Völker um Macht und Herrschaft zu beenden, der sich nach dem Turmbau im babylonischen Sprachenwirrwarr abspielt.7 Es bleibt bei allen Muttersprachen dieser Welt; aber in allen kann Gott gleich gut verkündigt und verstanden werden. Dass Söhne und Töchter, Junge und Alte je auf ihre Weise Zugang zu Gottes Wort finden und anderen Gottes große Taten bezeugen können, zeigt im Kleinen den großen Frieden, den Gott für seine Welt will.
Nach der Apostelgeschichte gibt es kein Privileg des Alters für Prophetie; aber es gibt ein spezifisches Charisma von Alten, das genutzt sein will – nicht gegen andere, sondern in einem vielstimmigen Chor zusammen mit anderen. Wie es geht, zeigt das Lukasevangelium, der erste Band des Doppelwerkes, schon mehrfach im Vorspann der Kindheitsgeschichte.8
Elisabeth als Mutter
Die beste Freundin Marias ist ihre Tante Elisabeth, eine alte Frau, die trotz ihres hohen Alters auf wunderbare Weise doch noch Mutter werden soll (Lk 1, 5–25). Maria, gerade als Jungfrau zum Kind gekommen (Lk 1, 26–35), besucht Elisabeth in Judäa. Das Kind in ihrem Mutterschoß, Johannes der Täufer, reagiert als pränataler Prophet – und die Mutter, symbiotisch mit ihrem ungeborenen Kind verbunden, reagiert, «vom Heiligen Geist erfüllt» (Lk 1, 42). Sie begrüßt Maria so, dass Millionen Gebete inspiriert worden sind, von alten wie von jungen Menschen: «Du bist gesegnet unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes» (Lk 1, 42).
Sie bringt aber auch ihre eigene Person zur Sprache, voll freudiger Demut und selbstbewussten Glaubens:
Woher wird mir, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, als die Stimme deines Grußes an mein Ohr kam, hüpfte voll Jubel das Kind in meinem Leib. Und selig, die geglaubt hat, dass vollendet wird, was ihr vom Herrn gesagt worden ist (Lk 1, 43–45).
Elisabeth ist eine prophetische Sprecherin Israels; sie bringt die schönsten Hoffnungen des Gottesvolkes zum Ausdruck. Sie erkennt die besondere Rolle Marias in Gottes Heilsplan: als Mutter Jesu, des Messias. Sie erklärt den Besuch als Ausdruck einer Zuwendung und Hingabe, die der Heilssendung Jesu entspricht. Sie erkennt den Glauben Marias und preist ihn selig, als ob sie die Verkündigung Jesu vorwegnehmen würde, die ihrerseits tief in der Heiligen Schrift Israels begründet ist. Sie ist eine Frau, die wegen ihrer Kinderlosigkeit (Lk 1, 7) lange Zeit in Schande gelebt hat, wie es die Verhaltensmuster patriarchaler Gesellschaften bis heute sind; Hanna ist das alttestamentliche Vorbild (1 Sam 1). Elisabeth erfährt, wie ihre alttestamentliche Geistesverwandte, das späte Glück der Mutterschaft (Lk 1, 57f), ohne darüber in Triumphgeheul auszubrechen. Ihre Sprache ist der Gruß, der ein Gebet wird, das Zeugnis, das ein Bekenntnis ist, die Seligpreisung, die eine Hoffnung war.
Elisabeth steht als alte Prophetin in innigster Verbindung mit einer jungen Prophetin: Maria. Ihre Antwort auf den Gruß Elisabeths ist das Magnificat: ein neutestamentlicher Psalm, ein Lobgesang der Armen9, ein Bekenntnis des Glaubens, das auch Elisabeth den Horizont jener definitiven Wende in der Heilsgeschichte öffnet, in dem beide Frauen, die Junge wie die Alte, eine entscheidende Rolle spielen. In ihrem Preislied auf die Revolution der Liebe, die Gott angezettelt hat, lobt sie auch das Bündnis der Generationen, das durch Gottes Erbarmen gestiftet wird: «Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten» (Lk 1, 50).
Die Neuerung, die Gott anstößt, besteht darin, dass er sich selbst treu bleibt, indem er immer neue Horizonte des Lebens aus Gnade eröffnet. Alte und Junge sind gleichermaßen Nutznießer. Sie sind des Erbarmens Gottes würdig – und lassen es sich auch gefallen. Die junge Prophetin, Maria, tritt auch für die Rechte und Hoffnungen der Alten ein; die alte Prophetin, Elisabeth, gibt der Jungen das Wort – weil beide auf ihre Kinder setzen, die kommende Generation.
In diesem prophetischen Dialog von Jung und Alt wird der Boden bereitet für den Messias, der die Verheißung wahrmacht.
Simeon und Hanna als Heilige
In der lukanischen Kindheitsgeschichte gibt es nach Elisabeth – und ihrem stummen Mann Zacharias, dem die Zunge gelöst wird (Lk 1, 67–76) – zwei weitere Alte, die prophetisch reden: den greisen Simeon und die Prophetin Hanna. Beide legen Zeugnis für Jesus ab. Beide erheben im Tempel ihre Stimme, als Jesus von seinen Eltern «dargestellt», d. h. Gott geweiht wird: Er ist Gottes Sohn; seine Eltern vertrauen ihn Gott an, von ihm empfangen sie ihn als ihr Kind, das ihnen anvertraut ist (Lk 2, 21–40). Beide Alten, die der jungen Familie an diesem Ort und in diesem Moment begegnen, verkörpern die messianischen Hoffnungen Israels. Ihr Alter zeigt an, wie tief verwurzelt sie in der Geschichte Israels sind. Wäre es anders, könnte die Verheißung nicht frisch hervorbrechen.
Von Simeon heißt es, er sei «gerecht und fromm» gewesen (Lk 2, 25). Das lässt sich nur von einem Menschen sagen, der schon ein gewisses Alter erreicht und sich in vielen Situationen bewährt hat. So alt, wie er ist, hat er sich aber seine Neugier bewahrt. So kann er, vom Geist inspiriert, Jesus erkennen. Sein prophetisches Wort, das als Nunc dimittis ins abendliche Stundengebet der Kirche eingegangen ist, verbindet das Glück des Augenblicks – «Meine Augen haben das Heil geschaut» – mit der Freiheit, nun in Gelassenheit und Zuversicht das Ende seines Lebens erwarten zu können: in Gottes «Frieden». Jenseits seines Todes wird es eine Zukunft für den Glauben geben: unter allen Völkern (Lk 2, 29–32). Wer mit aller Lebenserfahrung so weit blicken kann, ist ein Vorbild, auch für die Jugend. Die Kirche hat durch ihr Gebet dieses prophetische Zeugnis für jede Generation neu erschlossen: Jeder Abend hat die Verheißung eines neuen Morgens – bis zu jenem Tag, der keinen Abend mehr kennt.
Bei Lukas tritt zum alten Mann die alte Frau: Hanna, früh verheiratet, früh verwitwet – dann ist sie aus freien Stücken keine neue Ehe eingegangen, sondern hat ihr Leben dem Tempel geweiht. Die Lücke, die ihr verstorbener Mann hinterlassen hat, wollte sie nicht mit einem neuen Ehemann schließen, sondern für Gott und seinen Messias offenhalten (Lk 2, 37–38). Jetzt, da sie vierundachtzig Jahre alt geworden ist, schlägt ihre Stunde: «Sie trat herzu, lobte Gott und sprach über ihn zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warten» – bis heute. Lukas nennt sie «Prophetin». Sie ist eine Heilige im Alter, mit einem wachen Geist für den richtigen Augenblick und den richtigen Menschen: Jesus, den Messias.
Beide Alten, Simeon wie Hanna, zeigen bei Lukas, dass die Verheißung des Propheten Joël längst vor Pfingsten Wirklichkeit geworden ist. Das Wort, das Petrus sich zu eigen macht, besagt nicht, dass es vorher keine Prophetie gegeben hätte, sondern dass jetzt eine neue Stunde der Prophetie schlägt: weil der Geist Gottes über alles Fleisch ausgegossen wird und deshalb nicht nur einzelne, sondern alle mit dem Charisma begabt.
In der Kindheitsgeschichte hält Lukas fest, dass die Prophetie im Judentum wurzelt: im lebendigen Glauben an den einen Gott. Sie hat nicht nur ein männliches, sondern auch ein weibliches Gesicht. Sie kommt nicht von Ungefähr, sondern entwickelt sich dort, wo Religion lebendig ist: institutionell, kulturell und individuell – hier: im Tempel, im messianischen Judentum und in frommen Menschen, die viel dafür tun, ihr Sensorium für Gott und den Nächsten zu schärfen. Prophetie ist immer jung und frisch – deshalb muss sie auch von Alten kommen, die ihr eigenes Leben in die Hoffnungsgeschichte Israels eingeschrieben haben.
2. Inspirierte Gesten
Die Apostelgeschichte, die mit der Pfingstgeschichte Fahrt aufnimmt, schildert nach der Jerusalemmission, die vor allem mit Petrus verbunden ist, in der gesamten zweiten Hälfte die Völkermission, die sich Paulus auf die Fahnen geschrieben hat. Das Charisma der Prophetie ist allgegenwärtig, in seinen jüdischen Wurzeln und in seiner Offenheit für den Glauben der Heiden. An zwei Stellen verbindet es sich mit der Großherzigkeit, der Fürsorge und der Weitsicht des Alters.
Philippus als Vater
Als Paulus von seinen Missionsreisen nach Jerusalem zurückkehrt, im prophetischen Wissen, das Martyrium erleiden zu müssen, spielt Philippus eine wichtige Nebenrolle10, die schnell übersehen wird, aber charakteristisch ist. Er ist einer der Sieben, die von der Urgemeinde für den Tischdienst bei den Witwen in Jerusalem auserkoren worden waren (Apg 6, 1–7). Er hat große Auftritte: als Missionar Samarias (Apg 8, 4–13), wo er sogar Simon Magus, das Urbild des Faust, für Jesus gewinnt, und als Täufer des äthiopischen Kämmerers, der auf der Rückkehr von einer Wallfahrt nach Jerusalem in seine Heimat ist (Apg 8, 26–40). Diese Taufe ist ein Durchbruch, weil der Mann kein beschnittener Jude war; Philippus ist einer der Wegbereiter der Völkermission. Die Szene endet bei Lukas mit einer Notiz, die in die Zukunft weist: «Philippus aber sah man in Aschdod wieder. Und er wanderte durch alle Städte und verkündete das Evangelium, bis er nach Caesarea kam» (Apg 8, 40). Lukas erzählt nichts von dieser Philippusmission – ohne die sich aber das Evangelium am Mittelmeer nicht so schnell ausgebreitet hätte. Aschdod liegt weit im Süden, Caesarea ist die römische Hauptstadt von Judäa, der Sitz des Statthalters.
An genau der Stelle, wo sie Philippus zwischenzeitlich Ade gesagt hat, nimmt die Apostelgeschichte den Faden wieder auf: Lukas erzählt in der 1. Person Plural, wahrscheinlich als Augenzeuge: «Am nächsten Morgen brachen wir auf und gingen nach Caesarea und betraten das Haus des Evangelisten Philippus, einer der Sieben, und blieben bei ihm» (Apg 21, 8).
Die kurze Notiz erlaubt den Blick auf eine ungeschriebene Biographie: Philippus ist älter geworden; er ist in Judäa geblieben, nicht im jüdischen Stammland, sondern in der phönizischen Küstenregion, wo viele Heiden lebten. So wie er sich bereit erklärt hat, in Jerusalem den Witwen zu helfen, so übt er jetzt Gastfreundschaft, mehrere Tage (Apg 21, 10). Die paulinische Reisegruppe ist nicht klein; das Herz des Philippus ist also groß.
Man kann noch einen Schritt weitergehen. Denn im folgenden Vers heißt es über Philippus: «Der hatte sieben Töchter, Jungfrauen, die prophetisch redeten» (Apg 21, 9). Philippus hat also – nach seiner Wandermissionsphase – eine Familie gegründet und ist wohl auch deshalb nicht ein Weltbürger wie Paulus geworden. Wenn er vier inzwischen erwachsene Töchter hat (leider wird die Mutter nicht erwähnt), war er nach antiken Maßstäben alt. Aber wie es scheint, ist das Feuer seiner Begeisterung auf die nächste Generation übergesprungen. Seine Töchter sind allesamt Prophetinnen. Leider wird nicht überliefert, was sie prophezeit haben. Aber auch mit der kurzen Notiz stehen sie stellvertretend für viele junge Frauen, die der Heilige Geist erwählt hat, im Namen Gottes zu sprechen. Philippus hält zu ihnen und gewährt ihnen Schutz in seinem Haus. Dass sie «Jungfrauen» waren, spiegelt wieder, wie progressiv und attraktiv für viele Frauen in der Antike (und teils bis heute) Askese ist: weil sie sich nicht dem Diktat ihres Ehemannes beugen mussten, in dessen Besitz sie gemäß den herrschenden Konventionen durch eine Ehe übergegangen wären, und auch nicht das hohe Sterblichkeitsrisiko einer Geburt zu tragen hatten.11 Freilich waren, von ganz wenigen sehr reichen Familien abgesehen, Frauen, die sich für diese Lebensform entschieden, ohne Ehemann auf Schutz und Unterstützung angewiesen, rechtlich, finanziell, sozial und religiös.
Das alles hat seinen sieben Töchtern ihr Vater Philippus gewährt: nach den Maßstäben christlicher Ethik ein Vorbild an Elternliebe. Die Unterstützung seiner prophetisch begabten Töchter weist ihn selbst noch einmal als aktiven Propheten aus – der er seit jungen Jahren schon in der Unterstützung der Witwen und in der Verkündigung des Evangeliums gewesen und nun als Familienvater geblieben ist, wenngleich in neuer Form. Die jungen Prophetinnen dürfen sich glücklich schätzen, einen alten Propheten, ihren Vater, an ihrer Seite zu haben. Der alte Prophet darf sich darüber freuen, dass die Geschichte weitergeht: mit jungen Prophetinnen, seinen Töchtern.
Agabus als Warner
Während sie noch in Caesarea die Gastfreundschaft des Philippus genießen, bekommen Paulus und seine Leute Besuch von einem Propheten aus Judäa12:
Ein Prophet mit Namen Agabus kam von Judäa herab und ging zu uns und nahm den Gürtel des Paulus, band sich die Füße und die Hände und sagte: «So spricht der Heilige Geist: Den Mann, dem dieser Gürtel gehört, werden so die Juden in Jerusalem fesseln und in die Hände der Heiden ausliefern» (Apg 21, 10f ).
Dieser Prophet aus Judäa hat in der Apostelgeschichte bereits vorher einen kurzen Auftritt gehabt. Dort gehört er zu einer Gruppe von Propheten, die von Jerusalem nach Antiochia kommen; gemeint sind wohl judenchristliche Propheten, die zur aufstrebenden Stadtkirche13 der syrischen Hauptstadt14 ziehen, wie auch viele Vertriebene, die am neuen Ort gezielt Heidenmission zu treiben begonnen haben (Apg 11, 19–26). Agabus sagt als Prophet voraus, eine Hungersnot werde die Erde treffen – was eine Solidaritätsaktion für Judäa auslöst (Apg 11, 27–30).
Die Verbindung beider Perikopen spricht dafür, dass Agabus schon ein fortgeschrittenes Alter erreicht hat, auch wenn genaue Angaben nicht möglich sind. Sein Verweis auf das kommende Martyrium des Paulus ist von derselben Solidarität und Sorge getragen wie sein früherer Kampagnenaufruf. Agabus kennt Jerusalem in- und auswendig. Er hat sich um die Stadt verdient gemacht; deshalb macht er sich keinerlei Illusionen darüber, was Paulus dort erwarten wird – der aber auch selbst schon in der Abschiedsrede zu Milet seinen kommenden Tod prophezeit hat (Apg 20, 25.32) und um die Warnung weiß, die inspirierte Jünger Paulus mit auf den Weg geben (Apg 21, 4). Die Begleiter des Paulus erneuern nach der Prophetie des Agabus ihre Warnungen (Apg 21, 12). Paulus aber erklärt sich bereit, den Weg nach Jerusalem zu gehen, auch wenn er gefangen und sogar getötet werden sollte (Apg 21, 13).
Mit dieser Erklärung dementiert Paulus nicht die Prophetie des Agabus, im Gegenteil. Er weiß, dass sie stimmt. Agabus seinerseits will ihn auch gar nicht von seinem Reiseplan abhalten, anders als die Jünger des Paulus, sondern hält ihm nur nüchtern vor Augen, was passieren wird. Agabus wählt mit dem Gürtel ein Zeichen, wie er es aus der Prophetie Israels kennt. Seine Geste ist sprechend: Paulus versteht, was sie sagt, und erklärt, die Bindung auf sich zu nehmen.
Die weitere Geschichte hat die Prophetie des Agabus bestätigt: Paulus ist, wie Jesus, in Jerusalem gefangengenommen und den «Heiden» ausgeliefert worden. Zwar ist es bei ihm ein römischer Oberst, der ihn zuerst in Schutzhaft nimmt (Apg 21, 33) und ihm dann Hand- und Fußfesseln anlegt, wie Agabus es zeichenhaft dargestellt hat: mit einem – damals Mode – langen Stoffgürtel, den er um Hände und Füße schlingt. Bei der Verhaftung des Paulus ist aber von Anfang an deutlich, dass Juden die treibende Kraft sind, erst eine aufgeputschte Menge (Apg 21, 27f.), dann der Hohe Rat (Apg 22, 30 – 23, 11). So wenig Prophetie und Ereignis im Detail penibel zueinander passen müssen, so klar öffnet Agabus die Augen für das, was kommen wird. Paulus wird sogar das Martyrium erleiden, wie er sich in Caesarea bereit erklärt (Apg 21, 13) – allerdings erst in Rom, wie die Überlieferung jenseits des Neuen Testaments weiß.15
Während Philippus ein Familienmensch geworden ist, der im Alter für die Jugend eintritt, ist Agabus ein fahrender Prophet, der in Jerusalem seine Wurzeln hat, aber nicht an der Heimat klebt, sondern sich auch im Alter aufmacht, um – in diesem Fall Paulus – die Zukunft zu gestalten. Er gehört zu den Propheten, die im Herzen jung geblieben sind und deshalb auch von Paulus und den Seinen anerkannt werden.
3. Inspirierte Briefe
Von den prophetischen Worten und Gesten der Alten erzählen die neutestamentlichen Evangelien und die Apostelgeschichte. Auch die neutestamentlichen Briefe geben der Altersprophetie ihre Stimme. Alle sind mit Paulus verbunden, dem als Apostel Grenzen aufgezeigt werden, ohne dass er die Hoffnung fahren lässt.
Paulus als Sklavenbefreier
In einem seiner Briefe bezeichnet Paulus sich selbst als «alten Mann» (Phlm 9). Er schreibt aus dem Gefängnis, um für einen entlaufenen Sklaven, Onesimus, ein gutes Wort bei dessen Herrn einzulegen: Philemon, der in Kolossae (vgl. Kol 4, 17) eine christliche Hausgemeinde beherbergt (Phlm 1–2). Paulus hat Onesimus im Gefängnis für den christlichen Glauben gewonnen; mit dem Brief schickt er ihn zu Philemon zurück (Phlm 12) und bittet, dass er dort – was immer gewesen sein mag und wie schwer auch immer seine Flucht ins Gewicht fallen soll – von Philemon aufgenommen wird: «nicht mehr als Sklaven, sondern … als geliebten Bruder» (Phlm 16). Philemon soll Onesimus aufnehmen, wie er Paulus selbst aufnehmen würde (Phlm 17), dem er sein Leben – seinen Glauben – verdankt (Phlm 19).
Der Philemonbrief16 zeigt eine Seite des Apostels, die oft im Schatten steht. Er kann liebenswürdig sein, ohne unverbindlich zu werden; er kann locken, ohne zu verführen, und drängen, ohne zu zwingen. Aus diesem Grund wird er persönlich. Er will, dass Philemon ihm nicht blind gehorcht, sondern aus freien Stücken handelt (Phlm 14) – und das heißt auch: aus Liebe zu seinem (ehemaligen) Sklaven und (neuen) Mitbruder.
Paulus bringt sich aber auch selbst ein. Er redet offen von seiner Gefangenschaft und von seinem Alter: «Mehr noch um der Liebe willen bitte ich, als Paulus, als Alter, jetzt auch als Gefangener Christi Jesu» (Phlm 9).
Die Gefangenschaft erklärt sich aus einer Verfolgung um des Glaubens willen, die Paulus hat erleiden müssen – nach traditioneller Lokalisierung in Rom, oft nach historisch-kritischer Sicht in Ephesus. Ins Auge sticht, dass Paulus sich als alten Menschen portraitiert. Dasselbe Wort verwendet nach dem Lukasevangelium der Priester Zacharias mit Blick auf sich selbst und seine Frau Elisabeth, um dem Engel zu erklären, dass sie als Alte unmöglich noch Eltern werden können (Lk 1, 18). Als «alt» galt in der Antike, wer die Fünfzig überschritten hatte. Das passt in etwa zu den traditionellen wie den modernen Datierungen des Briefes, wenn Paulus um die Zeitenwende geboren worden ist; eine ephesinische Gefangenschaft wird Mitte der 50er, eine römische Ende der 50er oder Anfang der 60er Jahre angesetzt.
Im Philemonbrief bringt Paulus seine Autorität zur Geltung: Er ist (erstens) Paulus, also derjenige, dessen «Mitarbeiter» Philemon ist (Phlm 1); er ist (drittens) ein Gefangener, der um des Glaubens willen leiden muss, während Philemon schön zu Hause sitzt; er ist (zweitens) aber auch ein Alter, während Philemon wohl als etwas jünger vorgestellt wird. Das Alter hat Würde, gerade in der Antike. «Du sollst vor grauem Haar aufstehen, das Ansehen eines Greises ehren und deinen Gott fürchten», heißt es im alttestamentlichen Heiligkeitsgesetz (Lev 19, 32). Die Pointe ist nicht Rücksicht auf Schwächen, sondern Anerkennung von Stärken: Erfahrung, Überlegung, Weitsicht.
Der «alte» Paulus hat dem Philemonbrief zufolge noch viel vor: Er will Onesimus aus seiner schwierigen Lage helfen; er will ihn am liebsten als Mitarbeiter für seine Missionsreisen gewinnen (Phlm 11.13.16). Er hat vor, Philemon und seine Hausgemeinde (Phlm 2) zu besuchen, um zur Not die Schulden des Onesimus abzutragen, für den er bürgt (Phlm 18–19). Er will zuvor, mit seinem Brief, erreichen, dass Philemon sich ändert und als Christ nicht darauf besteht, Sklavenherr zu sein, sondern lernt, dem Sklaven ein Bruder zu werden.
Der Philemonbrief versprüht den Charme des Evangeliums. Deshalb ist der Brief inspiriert: Er ist ein Gelegenheitsschreiben, das ins Schwarze trifft: indem es in die Freiheit führt. Paulus bläst nicht wie Spartakus zum Sklavenaufstand, sondern will eine Veränderung auf leisen Sohlen, angefangen in der christlichen Gemeinde, die sich als Avantgarde einer neuen Welt sieht. Im Alter hat Paulus gelernt, wie sehr Gott die Welt verändern will – und wie er ein Leben verändern kann; nicht zuletzt hat Paulus das an sich selbst erfahren. So ist es nicht abgeklärte Gelassenheit, sondern aus der Tiefe quellende Neugier, die ihn zu neuen Ufern aufbrechen lässt: möglichst mit Onesimus und mit dem jüngeren Philemon.
Paulus als Jugendförderer
Paulus, der sich im Philemonbrief als «alter Mann» äußert (Phlm 9), wird in den Pastoralbriefen, die ihm, mindestens eine Generation später, aus einem erweiterten Schülerkreis zugeschrieben werden, in der letzten Phase seines Lebens vorgestellt: als Mensch, der sich auf die letzte Etappe seines Lebens begibt und sich auf seinen Tod vorbereitet (2 Tim 4, 6).17 Er regelt seine Nachfolge, indem er seine Meisterschüler Timotheus und Titus18 auffordert und anleitet, die Verantwortung für seine Nachfolge und für die Gestaltung der Zukunft in den folgenden Generationen zu übernehmen (1 Tim 1, 18–20; 4, 12 – 5, 2; 6, 11–16; 2 Tim 1, 6–14; 2, 1 – 4, 8; Tit 1, 5–16).
Timotheus und Titus sind nach den Pastoralbriefen engagierte Kirchenreformer, die wissen, was sie an ihrem Mentor Paulus haben, aber sich von ihm motivieren lassen, mit neuen Ideen, neuen Worten und neuen Strukturen in die Zukunft zu gehen. Von heute aus betrachtet, sind sie, vor allem wegen ihrer Restriktionen gegenüber Frauen (1 Tim 2, 9–15), konservative Reformer, die viele Möglichkeiten des Evangeliums zurückgeschraubt haben; aber aus damaliger Sicht sind sie Protagonisten eines Kirchenbildes, das auf der Höhe der Zeit gewesen und deshalb ein Erfolgsmodell geworden ist.
Der Paulus der Pastoralbriefe setzt sich für die Neuerer ein, ungeachtet ihrer Jugend: «Niemand verachte dich wegen der Jugend, sondern werde den Gläubigen ein Vorbild: in deinem Reden und Handeln, in Liebe, im Glauben, in Lauterkeit» (1 Tim 4, 12).
Die Option für die Jugend ist eine Weisheit des Alters. Paulus weiß sich in den Pastoralbriefen als Apostel nicht nur für die Gründung, sondern auch für das Wachstum und den Ausbau der Kirche zuständig. Er weiß, dass die Verantwortung weitergegeben werden muss – und legt sie in jüngere Hände.
Er tut es aber den Pastoralbriefen zufolge nicht, ohne dass er die Jugend mahnt, vor dem Alter Achtung zu haben (1 Tim 5, 1). Die Älteren mögen nicht mehr so schnell und kräftig sein – sie sind nicht nur Pflegefälle, sondern Vollmitglieder der Kirche, mit eigenen Erfahrungen und Entdeckungen. Im Ersten Timotheusbrief wird dies dort konkret, wo, nach jüdischer Tradition, einerseits Witwen (1 Tim 5, 13–16), andererseits Presbyter, Älteste (1 Tim 5, 17–22), als wichtige Dienste und belebende Elemente der Kirche angesprochen werden, um die sich der kirchliche Nachwuchs besonders kümmern soll. Um in den Stand der Witwen aufgenommen zu werden, muss man mindestens sechzig Jahre alt sein und sich im Leben bewährt haben (1 Tim 5, 9). Die Witwen sollen Zeit fürs Gebet haben; sie sollen auch junge Familien unterstützen – und darin von den Bischöfen unterstützt werden. Die Presbyter, aus deren Reihen ein Bischof gefunden werden soll, haben sich vor allem im Lehren zu bewähren: also in der Predigt und der Katechese, im Glaubensgespräch und in der Schriftauslegung.
Eines ist die Prophetie des Alters im Neuen Testament ganz und gar nicht: nostalgisch. Sie ist vergangenheitsbewusst, gegenwartssensibel und zukunftsorientiert, wie die Prophetie überhaupt. Dass es die Prophetie des Alters gibt, ist ein gutes Zeichen für die Jugend: Es wird im Lauf der Zeit nicht immer alles schlechter. Altersprophetie kann dann aber nicht in das Klagelied vom Verfall der Sitten einstimmen, der seit fünftausend Jahren das Mantra derer ist, die schon etwas erlebt und erreicht haben. Was die Prophetie im Alter am besten ausdrückt, ist eines der Gottesworte, mit denen die Bibel endet:
Siehe, ich mache alles neu (Offb 21, 5: Jes 43, 19).