«Das Gewissen ist der ursprüngliche Statthalter Christi»Ein Blick auf Newmans Lehre über das Gewissen

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«Conscience is the aboriginal Vicar of Christ»: An Introduction into Newman’s Doctrine on Conscience. Conscience is in the very center of modern human self-understanding. But what is conscience? This article begins with a presentation of Newman’s personal journey, highlighting his first conversion and his passage to the Catholic Church, in order to rediscover the authentic meaning of conscience. In a second step, it considers Newman’s thoughts on the relationship between conscience, God and the Church. Newman underlines the inter-dependence between the authority of conscience and that of the Church, both being in the service of Truth. Conscience is the advocate of Truth in our hearts.

Zu den wichtigsten und schönsten Texten, die uns John Henry Newman hinterlassen hat, gehören seine Schriften über das Gewissen. Nicht zufällig wird er gelegentlich Doctor conscientiae – Lehrer des Gewissens genannt.1 Es ist offenkundig, dass dem Gewissen im Selbstverständnis des modernen Menschen, auch innerhalb der Kirche, eine entscheidende Bedeutung zukommt. In den vergangenen Jahrzehnten haben Lehramt und Moraltheologie die Würde und die Freiheit des Gewissens wiederholt bekräftigt. Zugleich warnen sie vor der Gefahr subjektivistischer Entstellungen, in denen das Gewissen – gleichsam als Gegenschlag zu einem einseitig deduktiven Verständnis neuscholastischer Prägung – mit der persönlichen Meinung oder dem subjektiven Gefühl verwechselt wird.2

In Newman findet das Gewissen «eine Aufmerksamkeit, wie es sie in katholischer Theologie vielleicht seit Augustin nicht mehr erfahren hat».3 Für den 2010 selig gesprochenen englischen Theologen gibt es aber keinen Gegensatz zwischen dem Primat des Gewissens und dem Primat des Wahrheit. Gewissen bedeutet für ihn nicht Selbstbestimmung des Subjekts gegenüber den Ansprüchen der Wahrheit, sondern die vernehmliche und gebieterische Anwesenheit der Stimme der Wahrheit im Subjekt selbst.4 Sein eigener Lebensweg ist dafür ein sprechendes Zeugnis.

1. Newmans persönlicher Gewissensweg

Voll Bewunderung sagte Paul VI. über Newman: «Geführt allein von der Liebe zur Wahrheit und von der Treue zu Christus hat er einen Weg gebahnt, der zu den herausforderndsten, großartigsten, bedeutsamsten und entschiedensten gehört, den das menschlichen Denken während des vergangenen Jahrhunderts, ja man könnte sagen während der modernen Zeit eingeschlagen hat, um zur Fülle der Weisheit und des Friedens zu gelangen».5 Dieser Weg war vor allem ein Weg des Gewissens, wie zwei einschneidende Erfahrungen im Leben Newmans deutlich zeigen: seine erste Bekehrung und seine Konversion zur katholischen Kirche.6

Die erste Bekehrung

John Henry Newman wuchs in einem durchschnittlichen anglikanischen Milieu in London auf. Obwohl er in jungen Jahren die Bibel las und eine gewisse Art von Religiosität pflegte, hatte er nicht zu einem persönlichen Glauben an Gott gefunden. In seinem Tagebuch schrieb er: «Ich erinnere mich (1815 war es, glaube ich) des Gedankens, ich möchte wohl tugendhaft sein, aber nicht fromm. Es lag etwas in der Vorstellung des letzteren, das ich nicht mochte. Auch hatte ich nicht erkannt, was es für einen Sinn hätte, Gott zu lieben».7 Die Versuchung des jungen Newman bestand also darin, hohe ethische Ideale anzustreben, aber den Glauben an Gott zu verlieren. Inmitten dieser inneren Anfechtungen kam es 1816 zur ersten Wende seines Lebens, die mit einer großen Änderung in seinem Denken verbunden war.

Die Familie Newman befand sich damals in einer finanziellen Notlage, deshalb musste der erkrankte John Henry während der Sommerferien im Internat seiner Schule in Ealing bleiben. In dieser Zeit las er auf Anregung eines Lehrers namens Walter Mayers das Buch Die Macht der Wahrheit des Kalvinisten Thomas Scott und wurde dabei im Tiefsten seines Herzens ergriffen: Er fand zu einem persönlichen Glauben an Gott und erkannte zugleich, wie vergänglich die irdischen Dinge sind. In der Apologia pro vita sua (1864) schrieb er darüber: Dieser Glaube «gab mir die Möglichkeit, mich von den Dingen, die mich umgaben, zu trennen und bestätigte mein Misstrauen gegenüber der Realität materieller Erscheinungen. Er ließ mich bei dem Gedanken Ruhe finden, dass es zwei und nur zwei Wesen gebe, die absolut und von einleuchtender Selbstverständlichkeit sind: ich selbst und mein Schöpfer».8

Was war im Innern des jungen John Henry passiert? Bis dahin dachte Newman wie viele andere Menschen, die Gottes Existenz nicht einfach ausschließen, aber sie doch als etwas Unsicheres ansehen, das im eigenen Leben keine entscheidende Bedeutung hat. «Als das eigentlich Reale erschien ihm wie den Menschen seiner und unserer Zeit das Empirische, das materiell Fassbare. Dies ist die ‹Realität›, an der man sich orientiert. Das ‹Reale› ist das Greifbare, sind die Dinge, die man berechnen und in die Hand nehmen kann. In seiner Bekehrung erkennt Newman, dass es genau umgekehrt ist: dass Gott und die Seele, das geistige Selbstsein des Menschen, das eigentlich Wirkliche sind, worauf es ankommt. Dass sie viel wirklicher sind als die fassbaren Gegenstände. Diese Bekehrung bedeutet eine kopernikanische Wende. Was bisher unwirklich und unwesentlich erschien, erweist sich als das eigentlich Entscheidende. Wo eine solche Bekehrung geschieht, ändert sich nicht eine Theorie, sondern die Grundgestalt des Lebens wird anders».9

Newman hatte die Wirklichkeit Gottes in seinem Innern, in seinem Gewissen entdeckt. In der Folge bemühte er sich, auf dem Weg der Vollkommenheit voranzukommen. Als Motto für sein Leben wählte er damals zwei Sätze aus dem Buch von Thomas Scott: «Heiligkeit kommt vor dem Frieden» und «Wachstum ist der einzige Beweis des Lebens».10 Dieses Streben nach Vollkommenheit war jedoch kein Zurückfallen auf das eigene Selbst, sondern – im Gegenteil – ein Offensein für den persönlichen Gott, der ihn in seinem Gewissen angerührt hatte und dessen Wirklichkeit ihm als selbstverständlich aufgeleuchtet war. Die erste Bekehrung Newmans besteht eben in der Intuition «einer seinsmäßigen Abhängigkeit von dem, der das Prinzip und der Vater alles Seienden ist und im Besonderen dessen, was dem Menschen ganz unveräußerlich und unumstritten eigen ist, nämlich seiner persönlichen Individualität. ‹Ich selbst und mein Schöpfer› […] Wenn Gott der Absolute ist, findet alles Seiende nur in einer Beziehung der Abhängigkeit seine Rechtfertigung. Und die Abhängigkeit im Sein erfordert den Gehorsam im Handeln».11 Newman strebte folglich danach, sich von jener inneren Stimme leiten zu lassen, in der er das Echo der Stimme des Unsichtbaren erfahren hatte: «Ich bedarf gar sehr eines Monitors, der mich führt, und ich hoffe zuversichtlich, dass mir mein Gewissen, erleuchtet von der Bibel und geführt vom Heiligen Geist, ein treuer und sorgsamer Hüter der wahren religiösen Grundsätze sei».12 Er folgte diesem «milden Licht» mit großer Aufrichtigkeit, auch in den schwierigen Etappen seines Lebens13, und er konnte erfahren, dass «die Treue zum Gewissen zu einer stets tieferen Bekehrung führt».14

Die Konversion zur katholischen Kirche

Der Übertritt Newmans zum Katholizismus folgte nach einer langen und mühevollen Suche nach der Wahrheit und dem mutigen Unternehmen, zusammen mit anderen Vertretern der Oxford-Bewegung die Kirche von England im Geist der Alten Kirche zu erneuern. 1841 hatte Newman Tract 90 veröffentlicht, in dem er versuchte, die so genannten 39 Artikel, die Grundlage des anglikanischen Glaubens, im Geist der Kirchenväter katholisch zu interpretieren. Die Reaktion auf diesen Versuch war für ihn schockierend: Die Universität von Oxford verurteilte den Traktat, die Bischöfe der Kirche von England wiesen Newmans Interpretation entschieden zurück. Newman entschloss sich deshalb, sich mit einigen Freunden nach Littlemore zurückzuziehen. Dieses kleine Dorf unweit von Oxford hatte er bereits seit vielen Jahren pastoral betreut.

In den vier Jahren, die Newman in Littlemore verbrachte, hielt er sich an den Grundsatz: «Tue, was der gegenwärtige Stand deiner Ansichten erfordert, und lass dieses Tun sprechen; sprich durch Handlungen».15 1843 widerrief er alle Anklagen gegen die Kirche von Rom, die er bis zu diesem Zeitpunkt für eine mit dem Antichristen verbündete Gemeinschaft gehalten hatte. Darüber hinaus legte er schweren Herzens seine Aufgaben als Professor und Universitätspfarrer in Oxford nieder. Die Dramatik seiner Gewissenssuche ergibt sich deutlich aus einem Brief, den er wenige Monate vor seiner Konversion verfasste: «Die Frage lautet einfach: Kann ich (ganz persönlich, nicht ein anderer, sondern kann ich) als Mitglied der englischen Kirche gerettet werden? Könnte ich noch in dieser Nacht ruhig sterben? Ist es eine Todsünde für mich, einer anderen Gemeinschaft nicht beizutreten?».16 Die Frage nach der Kirche war für Newman nicht nebensächlich. Alles hing von dieser Frage ab: Wo ist die von Jesus Christus gegründete Kirche, die Kirche der Väter, die wahre Kirche heute zu finden? Und diese Frage war verbunden mit einer zweiten: Wenn ich im Gewissen zur Überzeugung gelangt bin, dass die wahre Kirche jene ist, die wir als katholische Kirche bezeichnen, kann ich dann gerettet werden, wenn ich nicht zu dieser Kirche konvertiere? Newman stand klar vor Augen, dass die Frage nach der Kirche mit der Frage nach dem persönlichen Heil verbunden war. Keine andere Frage berührt das Gewissen des Einzelnen so radikal wie diese.

Doch Newman hatte noch Schwierigkeiten mit einigen «neueren» römischen Lehren und Praktiken. Er fragte sich, ob es sich dabei nicht um Entstellungen des reinen Glaubens der Alten Kirche handelte. Deshalb entschloss er sich, ein umfangreiches Werk über die Entwicklung der Glaubenslehre (1845) zu verfassen. Das Ergebnis dieser Studie, ein Klassiker bis in unsere Tage, war für ihn entscheidend: «Je weiter ich voranschritt, desto mehr klärten sich meine Schwierigkeiten auf, so dass ich aufhörte, von römischen Katholiken zu sprechen und sie ohne Bedenken einfach Katholiken nannte. Ehe ich zum Ende kam, entschloss ich mich zum Übertritt, und das Buch blieb in dem Zustande, in dem er damals war, unvollendet».17 Hier sehen wir die Kohärenz Newmans: Wenn er etwas in seinem Gewissen erkannt hatte, folgte er sofort diesem Ruf. Am 9. Oktober 1845 wurde er vom mittlerweile selig gesprochenen italienischen Passionisten Dominicus Barberi in jene Kirche aufgenommen, die er als «die eine Herde Christi»18 erkannt hatte.

Im Alter von 44 Jahren verließ Newman die Kirche von England und damit auch seine Freunde, seinen Beruf, seine Karriere. Er folgte dem Ruf Gottes, den er in seinem Gewissen erkannt hatte, und schloss sich einer Kirche an, die damals in England aus einer kleinen und verachteten Gruppe von Gläubigen, zumeist armen irischen Arbeitern, bestand. Die Konversion zum Katholizismus war für ihn kein einfacher Schritt. Es ging um den Gehorsam gegenüber der Wahrheit, die sich ihm im Gewissen Schritt für Schritt gezeigt hatte, auch gegen das eigene Empfinden und gegen die Banden der Freundschaft und der langen Weggemeinschaft mit vielen Menschen. Wie Thomas Morus folgte Newman dem Ruf des Gewissens, den er für wichtiger hielt als Erfolg, Ansehen und Billigung von Seiten der öffentlichen Meinung. In ihm können wir einen echten Mann des Gewissens bewundern: Frei von persönlichen Wünschen und unabhängig von sozialen Erwartungen folgte er dem Befehl der Wahrheit, den er im eigenen Gewissen vernommen hatte.19 Verankert in einem intellektuellen Urteil, das im Laufe vieler Jahre gereift war, «kann die kirchliche Konversion Newmans am besten als moralische (religiöse) Entscheidung in Antwort auf ein Urteil des persönlichen Gewissens verstanden werden».20 Newman selbst brachte seine Erfahrung der Bekehrung in Treue zu sich selbst und zum Willen Gottes mit den bekannten Worten zum Ausdruck: «Hienieden heißt leben sich wandeln, und vollkommen sein heißt sich oft gewandelt haben».21 Während seines ganzen Lebens war Newman «ein Mensch, der sich bekehrte, der sich wandelte, und auf diese Weise blieb er immer er selbst und fand immer mehr zu sich selbst».22

2. Newmans Lehre über die Beziehung zwischen Gewissen, Gott und Kirche

Wir haben gesehen, dass der Weg der Bekehrungen Newmans hin zu Gott und zur Kirche ein Weg des Gewissens war – nicht der sich behauptenden Subjektivität, sondern des Gehorsams gegenüber der Wahrheit, die sich ihm Schritt um Schritt eröffnet hatte. Versuchen wir nun, die Grundlinien der Lehre Newmans über dieses Thema in Kürze darzulegen.23

Bedeutung des Gewissens

In der Moderne meint «Gewissen» in erster Linie die Subjektivität der Person, unabhängig von jeder Fremdbestimmung. Nun ist es gewiss wahr, dass jeder seinem eigenen Gewissen folgen muss, so wie jeder mit seinem eigenen Verstand denken und mit seinem eigenen Herzen fühlen muss. Das Gewissen ist aber für Newman keine rein autonome Größe: «Das Gewissen hat Rechte, weil es Pflichten hat. Doch in diesem Zeitalter besteht bei einem großen Teil des Volkes das eigentliche Recht und die Freiheit des Gewissens darin, vom Gewissen zu dispensieren, einen Gesetzgeber und Richter zu ignorieren und von unsichtbaren Verpflichtungen unabhängig zu sein. Man nimmt an, jeder habe einen Freibrief dafür, eine Religion zu haben oder nicht, sich dieser oder jener anzuschließen und sie dann wieder aufzugeben […] Das Gewissen ist ein strenger Mahner; aber in diesem Jahrhundert ist es durch ein falsches Bild ersetzt worden, von dem die voraufgehenden achtzehn Jahrhunderte niemals gehört hatten und das sie auch nie mit dem Gewissen hätten verwechseln können, wenn sie davon gehört hätten. Es ist das Recht auf Eigenwillen».24

Newman bekräftigt mit Nachdruck, dass das Gewissen eine wesentlich theonome Größe ist – ein «Heiligtum», in dem Gott sich persönlich jeder einzelnen Person zuwendet, ob sie sich dessen bewusst ist oder nicht. Mit Thomas von Aquin geht er davon aus, dass der Schöpfer den vernunftbegabten Geschöpfen sein eigenes Gesetz eingepflanzt hat: «Dieses Gesetz wird ‹Gewissen› genannt, insofern es in die Seelen der einzelnen Menschen aufgenommen ist. Obgleich es beim Eintritt in das intellektuelle Medium eines jeden eine Brechung erleiden kann, wird es dadurch doch nicht so beeinträchtigt, dass es seinen Charakter als göttliches Gesetz verliert, sondern es hat als solches noch das Vorrecht, Gehorsam zu fordern».25 Der Mensch muss dem Gewissen gehorchen, auch wenn es irrig ist, denn es tritt ihm entgegen als Gesetz Gottes, das in der Seele des Einzelnen aufgenommen wurde. Das Gewissen ist nicht einfach mit dem Gesetz Gottes identisch; es ist das göttliche Gesetz, das durch den Intellekt der einzelnen Person hindurchgetreten ist. Hier sehen wir die anthropologische Dimension des Gewissens, die nach Newman nicht bloß die Fähigkeiten des Intellekts26, sondern auch jene des Willens, der Gefühle, der Leidenschaften und aller anderen Komponenten der menschlichen Person einschließt. Die Bildung des Gewissens umfasst deshalb den ganzen Menschen und ist von grundlegender Bedeutung, damit das Gewissen das Gesetz Gottes möglichst klar und ohne Trübung durchscheinen lässt.

Newman unterstreicht vor allem die theozentrische Dimension des Gewissens. Berühmt sind seine Worte: «Richtschnur und Maßstab der Pflicht ist weder Nutzen noch Vorteil, noch das Glück der größten Zahl, noch das Staatswohl, noch Vorteil, noch Schicklichkeit, noch Ordnung, und auch nicht das pulchrum. Das Gewissen ist weder weitsichtige Selbstsucht noch das Verlangen, mit sich selbst in Einklang zu stehen; sondern es ist ein Bote von Ihm, der sowohl in der Natur als auch in der Gnade hinter einem Schleier zu uns spricht und uns durch seine Stellvertreter lehrt und regiert. Das Gewissen ist der ursprüngliche Statthalter Christi, ein Prophet in seinen Mahnungen, ein Monarch in seiner Bestimmtheit, ein Priester in seinen Segnungen und Bannflüchen. Selbst wenn das ewige Priestertum in der Kirche aufhören könnte zu existieren, würde im Gewissen das priesterliche Prinzip fortbestehen und seine Herrschaft ausüben».27

Im Gewissen vernimmt der Mensch nicht bloß die Stimme des eigenen Ich. Newman vergleicht das Gewissen mit einem Boten Gottes, der hinter einem Schleier zu uns spricht. Diese Interpretation liegt deutlich auf der Linie Augustins, der oft dazu einlädt, Gott und dessen Gesetz im eigenen Herzen zu suchen, und ebenso in der Grundausrichtung von Bonaventura, der einmal schreibt: «Das Gewissen ist gleichsam der Herold Gottes und der Bote, und was es sagt, befiehlt es nicht von sich aus, sondern als Botschaft, die von Gott stammt, wie ein Herold, wenn er den Erlass des Königs verkündet. Und daher rührt die verpflichtende Kraft des Gewissens».28

Newman wagt es sogar, das Gewissen als den ursprünglichen Statthalter Christi zu bezeichnen – mit einer klaren Anspielung auf die spezifische Sendung des Papstes. Er schreibt dem Gewissen die drei Ämter Christi zu: des Propheten (der sagt, ob eine Handlung gut oder böse ist), des Königs (der befiehlt: Tu dies, meide jenes!) und des Priesters (der «segnet» – damit ist die beglückende Erfahrung des guten Gewissens gemeint – oder «verflucht» – Ausdruck der Erfahrung des schlechten Gewissens). Das Gewissen hat eine innere Offenheit auf Christus hin. Francesco Maceri kommt zum Schluss, dass nach Newman die Bildung des Gewissens «auf den Weg der Christusangleichung führt. Sie kommt im Gestaltwerden Christi in uns zu ihrer eigentlichen Erfüllung (vgl. Gal 4, 19)[…] Nach Newman besteht der Gipfel der Verwirklichung und der Bekundung der Rechtfertigung sowie des erleuchteten Gewissens in der Aufnahme Christi im Heiligtum des eigenen Herzens».29 Newman bezeichnet das Gewissen «als pflichtschuldigen Gehorsam gegen das, was den Anspruch erhebt, eine in uns sprechende göttliche Stimme zu sein».30 Für ihn ist das Gewissen die Fähigkeit des Menschen, gerade in den entscheidenden Bereichen seiner Existenz – Religion und Moral – Wahres zu erkennen. Das Gewissen legt dem Menschen zugleich die Verpflichtung auf, nach Wahrheit zu suchen und sich ihr zu unterwerfen, wo er ihr begegnet.31

Gewissen und Gott

Mit Worten, die jenen des Zweiten Vatikanischen Konzils ähnlich sind, verwies Newman darauf, dass wir im Gewissen das Echo der Stimme Gottes vernehmen können. Aus diesem Grund ist die Gewissenserfahrung für ihn ein Weg zur Erkenntnis Gottes. In seinem Entwurf einer Zustimmungslehre (1870) versucht er einen Aufweis Gottes ausgehend von der Erfahrung des Gewissens. Er unterscheidet bei der Analyse der Gewissenserfahrung zwischen dem «Sinn für das Sittliche» (moral sense) und dem «Sinn für die Pflicht» (sense of duty).32 Mit dem Sinn für das Sittliche meint er das Urteil der Vernunft, ob eine bestimmte Handlung gut oder böse ist. Der Sinn für die Pflicht dagegen ist der herrische Befehl, die als gut erkannte Handlung zu tun oder die als böse erkannte Handlung zu unterlassen. Newman geht in seinen Überlegungen vor allem von diesem zweiten Aspekt der Gewissenserfahrung aus.

Weil das Gewissen «herrisch und nötigend wie kein anderer Befehl im ganzen Bereich unserer Erfahrung» ist, hat es «eine innige Beziehung zu unseren Gefühlen und Gemütsbewegungen».33 Wenn wir dem Befehl des Gewissens folgen, erfüllen uns Glück, Freude und Friede. Wenn wir dem Gewissen nicht gehorchen, überkommen uns Scham, Schrecken und Furcht. Diese Erfahrung deutet Newman folgendermaßen: «Wenn wir […] uns verantwortlich fühlen, beschämt sind, erschreckt sind bei einer Verfehlung gegen die Stimme des Gewissens, so schließt das ein, dass hier einer ist, dem wir verantwortlich sind; vor dem wir beschämt sind; dessen Ansprüche auf uns wir fürchten. Wenn wir nach dem Unrechttun den gleichen tränenvollen, herzbrechenden Gram fühlen, der uns erschüttert, wenn wir eine Mutter gekränkt haben; wenn wir nach dem Rechttun die gleiche lichtvolle Heiterkeit des Geistes genießen, die gleiche beruhigende Freude und Befriedigung, die einem Lob folgt, das wir von einem Vater empfangen – so haben wir gewiss in uns das Bild einer Person, auf die unsere Liebe und Verehrung blickt; in deren Lächeln wir unser Glück finden; nach der wir uns sehnen; an die wir unsere Klagen richten; bei deren Zorn wir in Verwirrung geraten und dahinschwinden […] So ist also das Phänomen des Gewissens als das eines Befehls dazu geeignet, dem Geist das Bild eines höchsten Herrschers einzuprägen, eines Richters, heilig, gerecht, mächtig, allsehend, vergeltend».34

Newman weiß, dass die Erfahrung des Gewissens den Menschen nicht automatisch zu Gott führt. Nur wenn die Stimme des Gewissens in ihrem transzendenten Charakter erkannt wird, kann sie ein Weg zu Gott werden. Dann vermag sie dem Menschen das Bild eines persönlichen Gottes einzuprägen, wie Newman meisterhaft in seinem Roman Kallista (1855) beschreibt. Darin spricht die Hauptfigur Kallista im Dialog mit Polemo: «Ich fühle diesen Gott in meiner Brust. Ich fühle mich in seiner Gegenwart. Er spricht zu mir: ‹Tue dies, tue jenes nicht!› Du magst mir sagen, diese gebietende Stimme sei nichts als ein Gesetz der Natur in mir, welches mich Freude suchen und Trauer fliehen heiße. Ich kann das nicht fassen. Nein, sie ist das Echo einer Person, die zu mir spricht. Nichts soll mich überreden, diese Stimme gehe nicht ursprünglich aus von einem persönlichen Wesen außer mir. Sie trägt den Beweis ihres göttlichen Ursprungs in sich selbst. Ich fühle mich in einem Verhältnis zu ihr wie zu einer Person. Gehorche ich ihr, so fühle ich Befriedigung; Unzufriedenheit dagegen, wenn ich ihr nicht gehorche, gerade wie ich Befriedigung oder Unzufriedenheit fühle, wenn ich einem hochgeachteten Freund entweder gefalle oder ihn beleidige. Du siehst also, Polemo, ich glaube an ein Wesen, das mehr ist als ein bloßes ‹Etwas›. Ich glaube an ein Wesen, das wirklicher ist als Sonne, Mond und Sterne, wirklicher als die schöne Erde und geliebte Menschen. Du wirst sagen: ‹Wer ist er? Hat er jemals dir etwas von sich erzählt?› Wehe mir, nein! Daher gerade mein Jammer. Aber ich will, was ich habe, nicht deshalb aufgeben, weil ich nicht mehr habe. Ein Echo setzt eine Stimme voraus, die Stimme eines Sprechenden. Den Sprechenden liebe ich und fürchte ich».35

Manchmal wird Newman vorgeworfen, den Aspekt der Innerlichkeit als Weg zu Gott überbetont und die klassischen «Gottesbeweise» abgewertet zu haben. Doch Newman kennt auch diese «Gottesbeweise». Er ist aber der Auffassung, dass sie zu einem bloß abstrakten Gottesbild führen – zu einem ersten Beweger, einem Ordner aller Dinge, einem Lenker der Welt –, aber das Herz des Menschen nicht zu erwärmen vermögen.36 Sein Weg des Gewissens hingegen verweist auf einen Gott, der mit jedem Menschen in eine persönlichen Beziehung treten möchte, der zur Umkehr ruft, zur Erkenntnis der Wahrheit führt und zum Tun des Guten anspornt, der sein oberster Herr und Richter ist.

Newman geht sogar noch weiter und gelangt zu der Auffassung, dass der Gehorsam gegen das Gewissen das Herz des Menschen für den Glaubensgehorsam bereitet. In dem Vortrag Voraussetzungen für den Glauben (1856) nennt er einige Argumente, die zu dieser Schlussfolgerung führen. Wiederum geht er davon aus, dass das Gewissen eine autoritative Stimme ist, die den Menschen unerbittliche Befehle erteilt. Diese Befehle verlangen von ihnen Gehorsam. Der freie und mündige Gehorsam ist jedoch genau jene innere Haltung, die es den Menschen leicht macht, die Verkündigung des Evangeliums anzunehmen: «Da sie mit Gehorsam beginnen, schreiten sie weiter zu einem vertrauten Erfassen des einen Gottes und zum Glauben an ihn. Seine Stimme in ihnen legt Zeugnis ab für ihn, und sie glauben seinem eigenen Selbstzeugnis […] Das ist also der erste Schritt in diesen guten Voraussetzungen, die zum Glauben an das Evangelium führen».37

Weiter legt Newman dar, dass die Stimme des Gewissens zwar befehlend ist, jedoch nicht selten leise und undeutlich spricht. Oft ist es für die Menschen schwer, die Aufrufe des Gewissens von den Leidenschaften des eigenen Herzens zu unterscheiden. «So weckt die Gabe des Gewissens ein Verlangen nach etwas, was es selbst nicht gänzlich zu bieten vermag. Es flößt ihnen die Idee von einer autoritativen Führung, von einem göttlichen Gesetz ein und das Verlangen, es in ganzer Fülle, nicht in Bruchstücken oder indirekter Eingebung zu besitzen. Es weckt in ihnen einen Durst, eine Ungeduld nach der Erkenntnis jenes unsichtbaren Herrn, Lenkers und Richters, der einstweilen nur im Verborgenen zu ihnen spricht, der leise zu ihrem Herzen redet, der ihnen etwas sagt, aber nicht annähernd so viel, wie sie wünschen und brauchen […] Das ist die Definition, möchte ich sagen, jedes religiösen Menschen, der von Christus nichts weiß; er hält Ausschau».38 Die oft unklaren Gewissensbefehle wecken also im Menschen das Verlangen nach einer sicheren Orientierung, ja sogar nach einem Erlöser, der ihn von der Sünde befreien und ihm den bleibenden Frieden zu schenken vermag.

Aus eigener Erfahrung kann Newman bezeugen, «dass der Gehorsam gegen das Gewissen zum Gehorsam gegen das Evangelium führt, dass dieses also nur die Erfüllung und Vollendung jener Religion ist, die das natürliche Gewissen lehrt».39 Der Gehorsam gegen das Gewissen bereitet das Herz für den Glauben, der das Gewissen wiederum reinigt und erleuchtet. In der Heiligen Schrift, so schreibt Newman, wird der Mensch «alle jene undeutlichen Vermutungen und unvollkommenen Ansichten über die Wahrheit, die sein eigenes Herz ihn lehrte, reichlich bestätigt, ergänzt und beleuchtet finden».40 Durch die gläubige Annahme des Evangeliums wird aus dem Gewissen ein vom Glauben informiertes und am Glauben orientiertes christliches Gewissen. Die Offenbarung erleuchtet das Gewissen und macht es fähiger, leichter sichere Urteile in den konkreten Umständen des Lebens zu treffen und den Alltag gemäß dem Evangelium zu gestalten. Noch mehr: Durch die Taufe wird der ganze Mensch, also auch sein Gewissen, in Christus neu geboren.41

Gewissen und Kirche

Die wichtigsten Aussagen Newmans zum Thema Gewissen und Kirche sind im Brief an den Herzog von Norfolk (1875) enthalten. In dieser Schrift weist er den Vorwurf von Gladstone zurück, Katholiken könnten nach der Verkündigung des Dogmas der päpstlichen Unfehlbarkeit keine treuen Staatsbürger mehr sein, weil sie ihr Gewissen an den Papst abgeben müssten. Um auf solche Ideen zu antworten, bemüht sich Newman, das Verhältnis zwischen der Autorität des Gewissens und der Autorität des Papstes zu klären.42

Die Autorität des Papstes gründet in der Offenbarung, die Gott aus Güte geschenkt hat. Gott hat seine Offenbarung der Kirche anvertraut und sorgt dafür, dass sie in der Kirche und durch die Kirche in Treue bewahrt, ausgelegt und weitergegeben wird. Wenn jemand diese Sendung der Kirche im Glauben angenommen hat, befiehlt ihm niemand anderer als sein eigenes Gewissen, auf die Kirche und auf den Papst als das sichtbare Oberhaupt der Kirche zu hören. Deshalb kann Newman sagen: «Spräche der Papst gegen das Gewissen im wahren Sinne des Wortes, dann würde er Selbstmord begehen. Er würde sich den Boden unter den Füßen wegziehen […] Auf das Gewissen und seine Heiligkeit gründet sich sowohl seine Autorität in der Theorie wie auch seine tatsächliche Macht […] Der Kampf für das Sittengesetz und für das Gewissen ist seine raison d’etre».43 Katholiken gehorchen dem Papst nicht, weil jemand sie dazu nötigt, sondern weil sie im Glauben davon überzeugt sind, dass der Herr durch ihn – und durch die Bischöfe in Gemeinschaft mit ihm – die Kirche leitet und in der Wahrheit erhält.

Das geformte Gewissen führt den Gläubigen zum freien und mündigen Gehorsam gegen den Papst. Kirche, Papst und Bischöfe wiederum erleuchten das Gewissen, das eine klare Orientierung braucht. Newman stellt fest: «Der Sinn für Recht und Unrecht, das erste Element in der Religion, ist so zart, so sehr Zufällen unterworfen, so leicht verwirrt, verdunkelt und verkehrt, so subtil in seiner Art zu argumentieren, so beeindruckbar durch die Erziehung, so von Stolz und Leidenschaft geleitet, so unstet in seinem Laufe, dass bei dem Kampf ums Dasein inmitten der verschiedenen Tätigkeiten und Triumphe des menschlichen Geistes dieser Sinn zugleich der höchste und doch der wenigst deutliche aller Lehrer ist, und die Kirche, der Papst, die Hierarchie sind nach dem Plane Gottes die Abhilfe für ein dringendes Bedürfnis».44 Das Gewissen ist «das erste Element» in der Religion, insofern es ein Strahl der Wahrheit Gottes im Innern des Menschen ist. Doch dieser Strahl der Wahrheit, der vielen Einflüssen ausgesetzt ist, wird oft verdunkelt und verkehrt und bedarf dringend einer Hilfe von außen. Newman erklärt in überzeugender Weise, dass die Kirche «mäeutische Funktion» hat: Sie legt dem Gewissen »nicht Fremdes auf, sondern bringt […] ihre eigene innere Eröffnetheit für die Wahrheit zum Vollzug».45

Das Gewissen behält also seinen Primat: Niemals ist es erlaubt, gegen das eigene Gewissen zu handeln.46 Diese Aussage muss aber richtig verstanden werden: Wenn es auch immer geboten ist, dem eigenen Gewissen zu folgen, so kann es doch mit Schuld verbunden sein, wenn jemand aufgrund einer mangelnden Bereitschaft, das eigene Gewissen zu bilden, zu irrigen oder falschen Auffassungen gelangt ist. Die Kirche ist in dieser Hinsicht nicht nur für das Gewissen des Einzelnen eine große Hilfe. Sie leistet auch einen wertvollen Dienst für die Gesellschaft, da sie Anwältin und Zeugin der unveräußerlichen Rechte und Pflichten der Menschen ist. Diese Rechte und Pflichten, die in der Würde des Menschen wurzeln, bilden die Grundlage der modernen Demokratien, können aber als solche nicht demokratischen Mehrheitsregeln unterworfen sein. Wenn die Kirche an die Würde der menschlichen Person sowie an deren grundlegende Rechte und Pflichten erinnert, erfüllt sie eine Sendung, die für die modernen Gesellschaften von lebensnotwendiger Bedeutung ist.

Die Autorität der Kirche und des Papstes steht also im Dienst des Gewissens der Menschen und der Gesellschaft. Diese Autorität hat auch ihre Grenzen. Sie hat nichts mit Willkür oder weltlichen Herrschaftsmodellen zu tun, sie ist untrennbar mit dem unfehlbaren Glaubenssinn des ganzen Volkes Gottes und mit der spezifischen Sendung der Theologen verbunden. Die Autorität der Kirche reicht zudem nur so weit, wie die Offenbarung und die zum Heil notwendige Wahrheit reicht. Wenn der Papst Entscheidungen im Bereich der kirchlichen Ordnung oder der Verwaltung trifft, beanspruchen solche Aussagen nicht, unfehlbar zu sein. Dies gilt noch mehr, wenn der Papst zu aktuellen Fragen, etwa im Bereich der Politik, Stellung nimmt.

In unseren Tagen wurden Newmans Ausführungen über das Gewissen gelegentlich zitiert, um den Dissens vom Lehramt zu rechtfertigen. Newman stellt jedoch ausdrücklich fest, «dass das Gewissen nicht ein Urteil über irgendeine spekulative Wahrheit, über eine abstrakte Lehre ist, sondern sich unmittelbar auf ein Verhalten bezieht, auf etwas, was getan werden muss oder nicht getan werden darf […] Infolgedessen kann das Gewissen nicht in eine direkte Kollision mit der Unfehlbarkeit der Kirche oder des Papstes kommen. Diese erstreckt sich nämlich nur auf allgemeine Sätze und auf die Verurteilung bestimmter einzelner und gegebener Irrtümer».47 Newman hätte die Idee zurückgewiesen, dass ein Katholik in Fragen des Glaubens oder der Sitten aus Gewissensgründen von der Lehre der Kirche abweichen kann. Nur wenn er den Glauben verliert und aufgrund eines irrigen Gewissens meint, eine andere Religion sei wahr, muss er die Kirche verlassen, wie die großen Lehrmeister immer gesagt haben.48

Newman schreibt weiter: »Da das Gewissen ein praktisches Diktat ist, ist eine Kollision zwischen ihm und dem Papst nur möglich, wenn der Papst Gesetze oder besondere Befehle und dergleichen gibt. Doch ein Papst ist nicht unfehlbar in seinen Gesetzen, ebenso wenig in seinen Befehlen und politischen Aktionen, in seiner Verwaltung, in seiner öffentlichen Politik».49

Auch in diesen Bereichen wird der gläubige Mensch die Entscheidungen des Papstes bereitwillig annehmen, um die Einheit der Kirche nicht zu gefährden. In Einzelfällen kann sein Gewissen jedoch in Fragen dieser Art zu einer Auffassung kommen, die von jener des Papstes abweicht. Newman setzt aber auch hier klare Maßstäbe an: «Prima facie ist es seine strenge Pflicht, schon aus einem Gefühl der Loyalität, zu glauben, der Papst sei im Recht und handle entsprechend. Er muss jenen niedrigen, unedlen, selbstsüchtigen, vulgären Geist seiner Natur überwinden, der schon bei der ersten Kunde von einem Befehl sich sofort dem Vorgesetzten gegenüber, der ihn gibt, in Opposition setzt und fragt, ob jener nicht sein Recht überschreite, und Freude daran hat, in einer moralischen und praktischen Angelegenheit mit Skeptizismus zu beginnen. Er darf nicht eigensinnig dazu entschlossen sein, ein Recht zu beanspruchen, zu denken, zu sagen und zu tun, was ihm gerade beliebt, und die Frage nach Wahrheit und Irrtum, nach Recht und Unrecht, die Pflicht, wenn möglich zu gehorchen, und die Neigung, zu sprechen, wie sein Oberhaupt spricht, und in allen Fällen auf der Seite seines Oberhauptes zu stehen, nicht einfach beiseiteschieben. Würde diese notwendige Regel beachtet, dann kämen Zusammenstöße zwischen der Autorität des Papstes und der Autorität des Gewissens nur sehr selten vor. Auf der anderen Seite haben wir schließlich in der Tatsache, dass das Gewissen jedes einzelnen in außergewöhnlichen Fällen frei ist, einen Garanten und eine Bürgschaft […] dafür, dass kein Papst jemals imstande sein wird […], für seine eigenen Zwecke ein falsches Gewissen zu schaffen».50 Der Papst steht nicht über der Wahrheit, er ist als Nachfolger Petri Diener der Wahrheit, die das Gewissen der Gläubigen erleuchtet.

Im Brief an den Herzog von Norfolk schließt Newman seine Ausführungen über das Gewissen mit dem bekannten Trinkspruch ab: «Wenn ich genötigt wäre, bei den Trinksprüchen nach dem Essen ein Hoch auf die Religion auszubringen (was freilich nicht ganz das Richtige zu sein scheint), dann würde ich trinken – freilich auf den Papst, jedoch zuerst auf das Gewissen und dann auf den Papst».51 Dieser Spruch, der den feinen Humor Newmans zeigt, bedeutet vor allem, dass unser Gehorsam gegen den Papst kein blinder, sondern ein vom gläubigen Gewissen gestützter Gehorsam ist. Die Autorität des Papstes ist zudem nicht absolut und ersetzt nicht die Autorität des Gewissens. Zuerst kommt tatsächlich das Gewissen, insofern es die innere Wahrheitsfähigkeit des Menschen meint, und dann der Papst, der die Autorität im Dienst der Wahrheit repräsentiert. Newman hält entschieden an der gegenseitigen Zuordnung von Gewissen und Kirche fest. Man kann sich nicht auf ihn oder auf seine Aussagen berufen, um die Autorität des Gewissens gegen die Autorität der Kirche oder des Papstes zu stellen. Beide Autoritäten, die subjektive und die objektive, bleiben aneinander gebunden: der Papst an das Gewissen und das Gewissen an den Papst. Denn beide stehen im Dienst der Wahrheit, die letztlich Jesus Christus selbst ist (vgl. Joh 14, 6).

Der selige John Henry Newman kann uns durch seinen persönlichen Lebensweg und seine solide Lehre helfen, die Bedeutung des Gewissens als Echo der Stimme Gottes tiefer zu verstehen neu zu erfassen und von unzureichenden Auffassungen abzugrenzen. Newman verstand es, die Würde und den Primat des Gewissens voll zur Geltung zu bringen, ohne von der objektiven Wahrheit abzuweichen. Für ihn ist das Gewissen der Anwalt der Wahrheit in unserem Herzen, eben «der ursprüngliche Statthalter Christi».

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