Abstract / DOI
Certainty of Confidence: On the Epiclectic Formation of Tradition. This article foregrounds the temporal nature of religious truth. Truth is a multidimensional event that can be described through movement and relation. It thus has to be transmitted in a language that considers this. Understanding tradition as an epiclectic event shows, that a static view of the contents of tradition is both historically and pneumatologically inadequate.
Phänomenologisch lässt sich Tradition als Antwort auf den Anspruch des Ursprungs beschreiben. Prozessual stellt sich in der Ursprünglichkeit der Antwort der Anspruch des Ursprungs dar. Ich werde mich in diesem Aufsatz der Tradition als Prozess, genauer als «konkreativem» (H. Rombach) Vorgang, widmen. Dazu will ich mich aus phänomenologischer und – theologisch gewendet – aus pneumatologischer Perspektive mit vier Aussagen befassen, die den Tradierungsprozess und den Vollzugssinn der Tradition bestimmen. Die erste Aussage besteht in einem klassischen Zitat, das ich der Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils, Lumen gentium entnommen habe. Sie lautet: «Die Gesamtheit der Gläubigen, welche die Salbung von dem Heiligen haben (vgl. 1 Joh 2,20.27), kann im Glauben nicht irren» (LG 12). Die zweite Aussage stammt von Klaus Hemmerle. Klaus Kienzler hat sie ins Zentrum seines jüngst erschienenen Opus magnum, ‹Bewegung in die Theologie bringen› gestellt. Sie lautet: «Keine andere Wahrheit ist zeitlicher als die des Religiösen».1 Die dritte Aussage ruft einen zentralen Aspekt im soteriologisch ausgerichteten Werk von Thomas Pröpper auf, der in Bezug auf das Ereignis der Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus, welche er als «Grunddatum des christlichen Glaubens» und «Grundwahrheit christlicher Theologie» versteht, eine Übereinstimmung zwischen dem wesentlichen Inhalt der Offenbarung und ihrer geschichtlichen Form durch den Satz «Liebe, auch die Liebe Gottes zum Menschen, kann für den, den sie meint, überhaupt Wahrheit nur werden, wenn sie geschieht»2 zum Ausdruck gebracht hat. Die vierte Aussage schließlich entstammt wiederum einem Text des Zweiten Vatikanischen Konzils, und zwar dem Missionsdekret Ad gentes, von dem her der in Paris lehrende Christoph Theobald die Kirchenkonstitution neu gelesen hat. Das Zitat thematisiert eine pfingstliche Kirche, «welche in allen Sprachen spricht» (AG 4).
I
Die Aussage, dass «die Gesamtheit der Gläubigen […] im Glauben nicht irren» könne, bezieht sich auf alle Getauften. Sie wird durch zwei Aspekte des Tradierungsprozesses, die gegen Ende des ersten Absatzes von Lumen gentium 12 benannt werden, konkretisiert: Es gelte, erstens die Wahrheit tiefer zu erkennen und zweitens die Wahrheit zu tun: «Durch ihn [den übernatürlichen Glaubenssinn; Anm. M.B.] dringt es [das Gottesvolk; Anm. M.B.] mit rechtem Urteil immer tiefer in den Glauben ein und wendet ihn im Leben voller an». Mit Rekurs auf den wesentlichen Inhalt der Selbstoffenbarung Gottes als Liebe (1 Joh 4,8.16), um dessen Tradierung es geht, ließe sich das Gemeinte auch pneumatologisch reformulieren: In Tat und Wahrheit lieben (Jud 3,18) heißt in dem Geist bleiben, den er uns gegeben hat. Beide Aspekte, den der tieferen Erkenntnis und den des Tuns der Wahrheit, will ich im Folgenden je für sich und in ihrer pneumatologischen Zusammengehörigkeit weiter entfalten, indem ich ihren Vollzugssinn erhebe.
Dem Anspruch und der Aufforderung, die Wahrheit tiefer zu erkennen, wird gewöhnlich dadurch entsprochen, dass man Tradierung als Übersetzung und Auslegung versteht, wobei die Übersetzung in neue Kontexte, Epochen und Kulturkreise durch Auslegung geschieht. Die Geschichte der Auslegung der Biblischen Schriften ist geprägt von deren Kommentierung und Dogmatisierung. Kommentierend werden seit alters her autoritative Texte exegetisiert. Zu diesen autoritativen Texten gehören auch, aber nicht nur die Bücher der Bibel. Kommentiert werden Texte der Kirchenväter und philosophischer Autoritäten, ebenso Rechtssammlungen etc. Mit der durch Kommentare erfolgenden Exegese autoritativer Texte bilden sich herrschende Meinungen, die ihrerseits als Basis normativer Urteile fungieren. Das auf in den herrschenden Meinungen überlieferte normative Wissen wird dogmatisierend verfestigt. «Dogmatisierungsprozesse sind historische Prozesse, in denen sich Ordnungsvorstellungen und Deutungsmuster herausbilden und sich dann als professionell tradiertes normatives Wissen begrifflich und institutionell verfestigen.»3 Durch Dogmatisierung soll im Christentum durch die dazu berechtigte Autorität ein Glaubensinhalt als wahr ausgesagt werden, «und zwar so, dass sein Nichtwahrsein ausgeschlossen wird. Er ist nicht nur historisch, sondern notwendig wahr, d. h. nicht mehr in seinem zentralen Gehalt kritisierbar.»4 Zumindest idealtypisch ließe sich Tradierung des Glaubensguts unter dem Aspekt der tieferen Erkenntnis seiner Wahrheit durch die römisch-katholische Kirche in diesem Sinn verstehen, auch wenn die systematisch arbeitende Theologie im Laufe ihrer Geschichte noch zahlreiche andere hermeneutische Verfahren zur Rezeption theologischer Gehalte entwickelt und sich auf diese gestützt hat.
Die Kommentierung autoritativer Texte und die Dogmatisierung eines Glaubensinhaltes thematisieren jedoch nur die halbe Wahrheit, jedenfalls dann, wenn die Wahrheit nicht nur mit dem Anspruch auftritt, tiefer erkannt, sondern auch mit dem, getan werden zu wollen. Über die sachliche Begründetheit dieses Anspruchs will ich hier noch nicht, sondern erst im dritten Teil handeln. An dieser Stelle sei zunächst nur so viel gesagt, dass das Tun der Wahrheit Tradition lebendig werden lässt. Lebendige Tradition ist Vergegenwärtigung der Wahrheit im Handeln, sei es durch Verkündigung, Tun oder Erzählung. Verfestigung und Verflüssigung der Glaubenswahrheit stehen im Tradierungsprozess in einem Spannungsverhältnis zueinander. Dieses Spannungsverhältnis ist historisch nicht auflösbar. Es bestimmt den Überlieferungsprozess insgesamt.
Vom Glaubenssinn, von dem in LG 12 die Rede ist, wird nun zudem prädiziert, dass er übernatürlich sei. Die Erkenntnis und das Tun der Wahrheit sind nicht allein Werk des Menschen. Das ist bei der Erhebung des Vollzugssinns von Tradition zu berücksichtigen. Wahrheit ist die sich im Erkennen und Tun darstellende Gegenwart Gottes in der Zeit. Der Bezug der Gesamtheit der Glaubenden zur religiösen Wahrheit ist epikletisch: Anrufung Gottes, Bitte um seine Gegenwart und Erhörungsgewissheit des Anrufs aufgrund der biblischen Verheißung: «indem der Geist angefleht wird, bringt die Kirche sich selbst vor Gott».5 Nach Lukas Vischer kann die Kirche im Glauben deshalb nicht irren. Im Glauben nicht irren können heißt, im Anruf Gottes der Treue Gottes vertrauen. Nichts anderes besagt Erhörungsgewissheit der Epiklese.
Im epikletischen Vollzug manifestiert sich Wahrheit im Tun, aber auch in der Erkenntnis durch die Gerichtetheit der Handlung. Fast vergessen zu sein scheint zum einen, dass Synoden liturgische Versammlungen sind, die mit der feierlichen Anrufung des Geistes beginnen, in denen die Ausrichtung auf Gott und die Bitte um geistgeleitete Erkenntnis im Mittelpunkt steht. Deshalb kann Unfehlbarkeit nicht neuzeitlich als Gewissheit interpretiert werden, sofern damit der Gedanke eines unzerstörbaren Fundaments verbunden ist. Die erreichbare Gewissheit bleibt stets an die Form der Epiklese rückgebunden. Eine größere Form der Gewissheit als die die Differenz zwischen Gott und Mensch thematisierende epikletische Vertrauensgewissheit kann es in Fragen des Glaubens und der Gnade um der Freiheit Gottes willen nicht geben. Traditionsbildung basiert auf der Treue Gottes. Die Verheißung der Irrtumsfreiheit besagt, dass die Gesamtheit derjenigen, die Gott anrufen und um seine Gegenwart bitten, sich der Treue Gottes gewiss sein kann.
Zum anderen wird in der Gerichtetheit einer Handlung Geist erfahrbar. Es macht einen Unterschied, ob eine politischer Akt freundschaftlich oder feindselig ist. Es bestimmt die Handlungswirklichkeit, wie jemand etwas tut: liebevoll oder wutentbrannt. In dieser adverbialen Bestimmtheit des Geschehens zeigt sich der Geist einer Handlung. Auch die Erfahrung des göttlichen Geistes zeigt sich in der Gerichtetheit des Handelns.6 Gottes Geist ist zunächst und zuerst keine innerpsychische Wirklichkeit. Er verleiht auch keine übernatürlichen Fähigkeiten, eher zeigt er sich in der Sensibilität für den Anderen. Wenn jemand beispielsweise leidsensibel handelt, handelt er in Gottes Geist. Die Wahrheit tun, heißt leidsensibel handeln: «Der Geist des Herrn ruht auf mir, weil er mich gesalbt hat: er hat mich gesandt, Armen Frohbotschaft zu bringen, den Gefangenen Befreiung zu verkündigen und den Blinden das Augenlicht, Bedrückte in Freiheit zu entlassen, auszurufen ein Gnadenjahre des Herrn» (Lk 4,18f ).
II
Klaus Kienzler hat ein Zitat von Klaus Hemmerle ins Zentrum seines Buches gestellt: «Keine andere Wahrheit ist zeitlicher als die des Religiösen».7 Der emeritierte Augsburger Fundamentaltheologe begibt sich zu Beginn des Werkes auf die Suche nach der Wahrheit der Zeit, um die Zeitlichkeit religiöser Wahrheit zu erweisen. Er setzt sich mit den Aporien zwischen der kosmischen Zeitvorstellung bei Aristoteles (Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft) und der phänomenologischen Zeitvorstellung Augustinus (jetzt – früher – später) auseinander, thematisiert, wie diese Aporien die Geschichte der abendländischen Philosophie bestimmt haben und affirmiert die Entdeckung Paul Ricœurs zu deren Überwindung durch Erzählung: «Zeit muss erzählt werden, um menschliche Zeit zum Ausdruck und zur Sprache zu bringen. Das ist die Einsicht und der Beginn der weiteren Bemühungen Ricoeurs».8 Ricœur unterscheidet in seinem dreibändigen Werk Temps et récit9, auf das Kienzler sich bezieht, drei mimetische Vollzüge voneinander, die den Erzählvorgang bestimmen. Gemeinsam prägen sie die erzählte Zeit: Die erste Mimesis nennt Ricœur «Präfiguration». Mit Präfiguration bezeichnet er die symbolisch strukturierte Lebenswelt, die dem Erzähler vorliegt. Sie legt die Zeit vor und bietet Möglichkeiten ihrer Gestaltung. Die zweite Mimesis nennt Ricœur «Konfiguration». Mit Konfiguration bezeichnet er die konkrete Gestaltung der Erzählung durch den Erzähler, der die vorliegende Zeit aufnimmt und in der von ihm gewählten zeitlichen Form die Erzählung gestaltet. Die dritte, die Erzählwirklichkeit prägende Mimesis nennt Ricœur «Refiguration». Mit Refiguration bezeichnet er den Zugang zur erzählten Wirklichkeit durch den Leser im Akt des Lesens. Im Akt des Lesens bringt der Leser seine eigene Zeitlichkeit in das Erzählgeschehen ein.
Präfiguration – Konfiguration – Refiguration: «Ricoeurs Mimesis-Theorie führt zu der wichtigen Erkenntnis, dass Zeit nicht etwas Eindimensionales ist, sondern von unterschiedlichen Momenten abhängt», so Klaus Kienzler.10 Diese Momente lassen sich als kosmisch vorliegende Zeit, erzählte Zeit und Zeit des Anderen bestimmen. Jeder Tradierungsprozess wäre von dieser Einsicht Ricœurs her mehrdimensional. Hans Zirker lässt die religiöse Bedeutung dieser Einsicht offenkundig werden: «Schon in der biblischen Traditionsgeschichte werden Erzählungen, Themen und Gestalten mehrfach neu aufgegriffen, umgearbeitet und in veränderte Perspektiven gerückt. Dies schafft alternative Bedeutungen, bei denen es nicht um «wahr» oder «falsch» geht, sondern um verschiedene, je für sich achtenswerte Sinnkonstruktionen».11 Die Einsicht in die Zeitlichkeit der Wahrheit impliziert also die Einsicht in die Mehrdimensionalität ihres Vollzugssinns.
III
Wenn die Wahrheit Gottes Liebe ist, dann kann die Gegenwart Gottes nicht anders als mehrdimensionales Geschehen erzählt werden: Das entspricht dem Grunddatum der Selbstoffenbarung Gottes als Liebe, wie Thomas Pröpper überzeugend herausgearbeitet hat. Liebe wird für die Menschen nur wahr, wenn sie geschieht. Als Sinngrund der Freiheit setzt das Geschehen der Liebe Freiheit voraus. In der Liebe realisiert sich Freiheit zugunsten von Freiheit, wird Freiheit von der Freiheit des Anderen her, die unbedingt anerkannt zu werden verlangt, denkbar.
IV
Dass dieses Geschehen vielstimmig und vielfältig ist, hat Christoph Theobald herausgestellt. Ihm zufolge wirkt und versteht sich die Kirche dann missionarisch, wenn sie ihre Botschaft von dem her denkt, dem sie gilt. Für Theobald, der in diesem Sinn Lumen gentium vom Missionsdekret Ad gentes her einer Relecture unterzogen hat, liegt eine genetische Sichtweise der Kirche nahe. Er richtet damit den Tradierungsprozess am missionarischen Auftrag der Kirche aus. Ekklesiogenese hat ihren Grund darin, dass sie im Leidenden und Armen den Messias entdeckt. «Es gibt keine Verkündigung des Evangeliums Gottes ohne Einbeziehung des Adressaten; genauer gesagt: das, um was es in der Verkündigung geht, ist im Adressaten bereits am Werk, sodass er bzw. sie es in Freiheit annehmen kann. Das Konzil besteht auf dem historischen und kulturellen Kontext dieses Adressaten und damit gleichzeitig auf der kulturellen Gestalt von Offenbarung selbst.»12 Theobald setzt sich mit dieser Beobachtung gegen «die uns drohende gegenkulturelle Redoktrinalisierung des christlichen Glaubensgutes» (212) zur Wehr. Zugleich plädiert er entschieden dafür, die christliche Botschaft unter dem Paradigma der Gastfreundschaft als beziehungsstiftenden Lebensstil (216) zu verstehen. Theobald «macht das Hören des Gotteswortes durch den Verkünder von seiner geistgewirkten Fähigkeit abhängig, das, was sich im möglichen Adressaten und seiner Geschichte abspielt, zum Ausgangspunkt seines eigenen Hörens und seiner Verkündigung zu machen» (213). «Wachstum seines Leibes» (LG 8) geschieht durch den Adressatenbezug im Verkünder. Theobald versteht Tradition als einen «konkreativen» Prozess.
Indem er vom Adressaten her denkt, demjenigen also, dem die Zuwendung Gottes gilt, bezieht er eine Gegenposition zu geläufigen Denkmodellen, die beim zu tradierenden Depositum oder beim autorisierten Subjekt der Tradition einsetzen.
Und eben die Frage nach dem depositum fidei ist durch das Zweite Vatikanische Konzil neu justiert worden. In Entsprechung von Form und Gehalt hat das Konzil in der dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei verbum Selbstmitteilung Gottes als ‹Gegenstand› des Traditionsprozesses definiert. «‹Es ist die Überlieferung des eigenen Sohnes in die Hände des Menschen für uns alle durch Gott›. Der Gehalt der Tradition ist somit nicht zuerst ein gegenständliches depositum fidei, sondern Selbstmitteilung Gottes. Er ist auch nicht durch irgendeinen Vorgang der Information und Lehre zuerst zu erreichen, sondern auf dem ‹Weg› über die ‹Nachfolge› zur ‹Botschaft›, die so Wirklichkeit wird.»13 Gott teilt sich in Jesus Christus selbst als Liebe mit, die für diejenigen, denen sie gilt, wahr ist, weil sie geschieht.
Die Frage nach dem Subjekt der authentischen Interpretation der biblischen Botschaft wird kontrovers beantwortet. Der Meinung von Bernd Jochen Hilberath, der die «katholische Pluralität von Subjekten und Intentionen berücksichtig[en]» will und Christen als «kreative Leser» versteht, die nach LG 12 «den Glauben im Leben immer voller anwenden»14 steht die Meinung von Norbert Lüdecke entgegen, der als korrekter Kanonist «römisch-katholische Spielregeln in Erinnerung»15 ruft, vor allem jene, dass in der lateinischen Kirche die Gemeinschaft von Christen «der rechtlich absoluten Führung eines einzigen Mannes als Stellvertreter Christi […] unterworfen ist», (47) und der das Leben des Glaubens nur als Gehorsam gegenüber der Interpretation des Glaubens durch das kirchliche Lehramt kennt. Argumentiert man von der «Einbeziehung der Adressaten als aktive Rezipienten» (45) in den Traditionsprozess her, löst sich dieser Konflikt auf, jedenfalls dann, wenn man wie Theobald die Adressaten der christlichen Botschaft als Menschen versteht, in denen der Gottes Geist gegenwärtig ist.
V
Nach Karl Lehmann hat die Pastoralkonstitution Gaudium et spes «die Sprache des Lehramtes verändert, jedenfalls wenn es um kirchliche Stellungnahmen zu aktuellen Problemen geht».16 Man könnte sich fragen, ob Papst Franziskus auf die Dubia der vier Kardinäle nicht antworten will oder es vielleicht, selbst wenn er wollte, gar nicht kann. Die vier Kardinäle fordern für ihre Überzeugung Gewissheit. Als Erben neuzeitlichen Denkens setzen sie ebenso wie der Vater der Neuzeit, René Descartes, den Zweifel methodisch ein. Franziskus weiß, dass er ihnen die unerschütterliche Gewissheit, nach der Descartes suchte und nach der sie fragen, geschichtlich nicht geben kann. Wenigstens zwei Argumente sprechen für seinen Realismus: Erstens will und kann er die Autorität der Synode nicht unterwandern, hat er doch selbst eine synodale Kirche gefordert.17 Zweitens kann es jene Form absoluter Gewissheit, die die Kardinäle einfordern, in Glaubensfragen nicht geben. Franziskus Verhalten gründet in einem tiefen Vertrauen auf die Treue Gottes. Darauf hat er mehrfach hingewiesen. Das gleiche Vertrauen bringt er den Gläubigen entgegen. Er übt sein Lehramt so aus, dass er dabei den übernatürlichen Glaubenssinn der Gläubigen achtet, der sich unter anderem im «Geschenk der Wahrheit des Gewissens»18 zeigt. Dieser Perspektivwechsel bedeutet keinen Abstrich an der kirchlichen Lehre, aber eine Veränderung hinsichtlich des Gewissheitsverständnisses, mit dem diese Lehre vorgetragen wird. Theologisch bindet Papst Franziskus Gewissheit an das Vertrauen in die Treue Gottes zurück und wird damit vom Glaubensrichter zum Menschenfischer. In der Frage des Glaubensurteils hält er eine situationsadäquate Dezentralisierung des Magisteriums für möglich. Franziskus stellt damit gängige Zuständigkeitszuschreibungen der unterschiedlichen Ebenen des kirchlichen Magisteriums auf den Kopf. Rom reklamiert die Pastoral für sich und überlässt die Lehrentscheidungen den Bischöfen oder ihren Konferenzen, an deren Urteilskompetenz der Papst appelliert und auf deren Unterscheidungsfähigkeit er sich verlässt. Diese wiederum werden angewiesen, auf das Urteil der Gläubigen zu achten, in denen der Geist als das Geschenk der «Wahrheit des Gewissens» und der «Gewissheit der Erlösung» (Johannes Paul II.) gegenwärtig ist.
Die Sprache des römischen Lehramts hat sich verändert, weil allen kirchlichen Stellungnahmen ein Zeitbezug eignet, auch wenn das vielleicht der ein oder andere von denen, die meinen, in Rom Verantwortung für ewige und unabänderliche Wahrheiten zu tragen, noch nicht verstanden haben dürfte.