«Ich bin ein Subjekt der Überlieferung, und außerhalb ihrer kann ich nicht existieren»Aneignung von Tradition in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur am Beispiel von Botho Strauß

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«I am a subject of tradition, and outside of it I cannot exist.» The Appropriation of Tradition in Modern German Language Literature as Exemplified in Botho Strauß. The article traces the changes that have taken place in the poetics of this highly acclaimed author, which constitute a step forward from what was obtaining already. According to it, every artist is caught up in an immense process of receiving and passing on traditions. Beginning at the intertextual level, Strauß proceeds to make a case for meaningful reminiscence. His art of focusing on case histories is directed against the »hegemony of the present» heralded by an enlightenment that is entrapped within its own confines. As a critical commentary on contemporary issues, this thrust in Strauß‘s discourse of origins and traditions in essence takes on an existential dimension that in the end assumes clearly religious character. 

Für Manuel J. K. Muranga

I

Kreatives Arbeiten vollzieht sich im Spannungsfeld von Tradition und Neuschöpfung. Kein noch so radikaler Willensakt hin zum Noch-nie-Dagewesenen vermag dies außer Kraft zu setzen. Stets bleibt der Künstler auch Anknüpfer und Bewahrer, allemal steht er im Verhältnis zu einer Überlieferung. Umgekehrt ist jeder Neuheit die Latenz zur eigenen Traditionswerdung eingeschrieben. Tatsächlich veralten selbst ästhetische Revolutionen in immer kürzeren Abständen, wo sie nicht gar zum juste milieu gerinnen. Als Problem der Kulturtheorie wurde derlei vielfach diskutiert.1

Spannender als das Faktum solcher «Unentfliehbarkeit»2 an sich ist der konkrete Umgang damit, sind die Kriterien der Verständigung darüber, welche Elemente von Tradition angesichts der Fülle des Zu-Erinnernden jeweils als beibehaltens- oder neuentdeckenswert gelten. Auf Trennschärfe kommt hier alles an, wie der Begriff selbst ohnehin nur im Plural inhaltlicher Inhomogenität verwendet werden kann.

Mit der epochalen Selbstvergewisserung der westlichen Moderne indes war programmatisch die Fundamentalkritik von Tradition einhergegangen, ja ein gezielter Bruch mit ihr. Bestimmte Grundannahmen lagen dem Kampf gegen die per se irrationale Verstrickung von Mensch und Gesellschaft im Bann des Vergangenen zugrunde. «Die Autorität des Neuen ist die des geschichtlich Unausweichlichen», bringt Adorno sie auf den Punkt.3 Als Akteur einer Bewegung emanzipatorischer Progression, die alles Beharrende als Hemmendes auflöst, versteht sich – idealtypisch vereinfacht – der moderne Künstler. In seinen Hervorbringungen findet das (Erfolgs-)Prinzip beschleunigter Wissenschaft ihr Pendant. Berufung auf Tradition wird damit zum Zeichen des Zurückgebliebenen, ja Unmöglich-Gewordenen.

Seit dem Ende der 60er Jahre beginnt das sich erschöpfende Innovationsparadigma jene pluralistische Aufspaltung auszubilden, für die sich der Begriff «Postmoderne» eingebürgert hat. Eine poststrukturalistische Texttheorie bestreitet jegliche Möglichkeit voraussetzungsloser Innovation. So gründet für Jacques Derrida der Diskurs immerzu auf bricolage, «Bastelei», der «Notwendigkeit, seine Begriffe dem Text einer mehr oder weniger kohärenten oder zerfallenen Überlieferung entlehnen zu müssen». Die «Vorstellung» vom «Subjekt» hingegen, «das der absolute Ursprung seines eigenen Diskurses wäre», «der Schöpfer des Wortes, das Wort selbst», sei «eine theologische», «ein Mythos».4 Indem sie die ständige Absorption wie Permutation von Texten als «eine Inter-Textualität»5 bezeichnet, prägt Julia Kristeva fortan grassierende Sprechweisen, und Umberto Eco sieht «in der Anerkennung der Vergangenheit, in Anbetracht dessen, dass sie nicht zerstört werden kann, weil ihre Zerstörung zur Stille führt», die kennzeichnende «postmoderne Antwort auf die Moderne». Jeweils neu, doch getragen von der Attitüde durchschauender Überlegenheit der Gegenwart, müsse sie wieder «aufgesucht werden: mit Ironie, ohne Unschuld».6

Diachrone Verschichtungen mannigfacher Art lösen in der künstlerischen Praxis solche Reflexionen ein: die Vorliebe für Zitate und Anspielungen, für Wiederaufnahmen, Spiegelungen und Brechungen, für Transformationen, Travestien oder Gegenerzählungen. Merkmal von derlei (De-)­Konstruktivismus ist, dass er fortwährend auf Tradition bezogen bleibt, ohne sie zu affirmieren noch zu restaurieren.

Anders verhält es sich mit dem Eintreten für die Geltung von Überliefertem als Widerspruch zum aporetischen Expansionsdrang der Epoche, jenem, so Peter Sloterdijk, «chronische[n] Nach-vorne-Stürzen, das sich als Tat, Projekt und planvolles Handeln camoufliert».7 Mit Blick darauf konstatiert Sybille Lewitscharoff ein «Unbehagen an der Moderne, an ihrer Wegwerftendenz» und setzt dieser nachdrücklich Inspiration aus Beständen entgegen, in welchen Bleibendes sich artikuliere: «Ich bin überzeugt davon: wer den Wunsch hegt, seriös zu schreiben und sich nicht mit Leidenschaft, ja mit Haut und Haaren, der Tradition ausliefert, der steht als ein ziemlich armes Würstchen da, dem Affentheater des Zeitgeschmacks völlig ausgeliefert». Einer ehrwürdigen Trias folgend sei die «noble Aufgabe der Kunst» mithin, «wenigstens eine Ahnung davon aufblitzen zu lassen, was essenziell gut, was schön, was wahr sein könnte in uns selbst und in der Welt, in der wir leben».8

Überlieferung wird hier als ein Format begriffen, das bewahrt werden muss, als für jede neue Gegenwart fruchtbar zu machendes Ausrufezeichen. Wer immer so verfährt, darf allerdings die Unterstellung, «konservativ» zu sein, nicht fürchten, was aktueller Nomenklatur zufolge manch anderes Verpönte impliziert.

II

Besonders ergiebig zeigen sich die beiden angedeuteten Arten ästhetischer Brückenschläge zur Tradition bei Botho Strauß,9 dessen hochkomplexe Arbeiten – auch im Widerspruch, der ihren herausfordernden Rang bestätigt – seit über vier Jahrzehnten zu den meistbeachteten der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zählen. Nah am Puls aktueller Befindlichkeiten seziert dieser herausragende Sprachkünstler zunehmend skeptisch die Dynamik einer «allesfressend[en] Freiheit» (JM 194).10 Postmoderne Ausgangslagen wandeln sich dabei zur Revitalisierung von Räumen bedeutsamen Erinnerns (vgl. A 49). Sie stecken den Grundriss einer Literatur ab, der ausdrücklich die produktive Irritation aufgetragen ist, das Potenzial, «Rätsel», mehr noch: «Bestürzung» auszulösen (H 78). Wohlbegründbar hat man Strauß’ «Konzept der Autorschaft» das «eines Fortschreibens von Vorgefundenem» genannt, eine «Poetik der Tradition».11 Anfänglich meint dies den werkkonstituierenden Stellenwert von Intertextualität. Vereinzelt aufscheinende Kongruenzen mit dem archäologischen Verfahren Foucaults (vgl. JM 130f ) legen dabei zugleich einen Bezug auf Vergangenheit nahe, die sich aus gegenwärtiger Perspektive nicht gefügig machen lässt.

In seinem Stück «Kalldewey, Farce» (1981) eröffnet beispielhaft der Blick durch den Bühnenvorhang ein «unerschöpflich[es]» (T II, 47) Reservoir von Rückgriffen auf Überliefertes, nebst definitiv vielleicht Entglittenem: «Diese Zeit, die sammelt viele Zeiten ein;/ […] unendlich groß ist das Archiv: Alles da,/ und ist zuhanden. Viele brauchbare Stoffe/ noch in den Beständen, im Fundus der Epochen./ Das Beste freilich können wir nicht/ mehr halten in unseren Armen, nicht mehr/ tragen in den Köpfen – aber verschwunden,/ wirklich verschwunden,/ ist in Wahrheit/ nichts» (T II, 47). Dieses «Archiv» – ein weiterer Leitbegriff Foucaults – wird zum Grundstock labyrinthischer Textgebilde.12 Auch die Wendung vom «Gedächtnis der Dauer» in Strauß’ früher Prosa evoziert ein unstrukturiertes Zugleich flukturierender Übergänge, wo «alles […] ebenbürtig präsent […] erscheint» (W 12) und Zwang zur Wiederholung begründet (vgl. T II, 46). Teils offen, teils versteckt bedienen seine Figuren sich «einer zitierenden Sprechweise» (T I, 13) – oder erleiden den «Alptraum» exzessiver «Nachäfferei» (T I, 44). Zwar wähnen sie, ein «eigenes» Leben zu führen, doch bestehe, wie der Autor in der Vorbemerkung zu «Der Park» (1983) erläutert, eine zeitlos-mythische Abhängigkeit von «tausenderlei übergeordneten und untergründigen Vorbedingungen, ‹Strukturen›, Überlieferungen», denen es letztlich gehorche (T II, 75). In kritisch-erhellender Absicht überblenden seine Stücke der mittleren Werkphase so Immer-schon-Erzähltes, ursprungsnahe Muster, mit der Realität des modernen Lebens.13

Wie sehr Strauß von jeher das Problem der Abhängigkeit nicht nur aller Dichtung von früheren Texten beschäftigt, ließe sich entlang seiner Werke mühelos buchstabieren. Auf drastische Weise entdeckt gleich der schreibende Protagonist der Erzählung «Theorie der Drohung» (1975), dass zahllose Lektüren in ihm zusammenströmen, er letztlich also ein Produzent von «lauter Plagiate[n]» geworden sei: «Ich bin […] ein ahnungsloser Abschreiber, ein Kopist!» (MS 84f ).

Den literarischen Metadiskurs unter dieser Metapher führt 1997 der Band «Die Fehler des Kopisten» mit einer wichtigen Modifikation weiter. Eingebunden in unermessliches Überlieferungsgeschehen – eine «Lage», die Strauß «rabbinisch» nennt, könne er doch «nichts sagen […] außerhalb der Versuche zu verstehen, was vor ihm gesagt wurde» (FK 32) –, wird der Künstler hier als «Schriftfortsetzer» begriffen, der immer Aufnehmer, Weitergeber und Hermeneut von Älterem sei. Das von ihm Geschaffene birgt allein die Chance gesteigerter Achtsamkeit, einer «neue[n] Gattung des Bemerkens» (FK 135) dessen, was es bereits gab und diese Zuwendung auch verdient. Vom Spiel mit zahllosen Signifikanten und dem Ausgeliefertsein ihnen gegenüber verlagert sich der Akzent zur bewussten Herausforderung durch als wesentlich Erachtetes.

Dieser «Wille zur Erhaltung, zur Wiederanknüpfung etc.» indes läuft, wie an späterer Stelle deutlich wird, keineswegs darauf hinaus, sich «vom übermächtigen Schatten der Ahnen erdrück[en]» zu lassen. Vielmehr möchte er sie mit «Energie» neu aufschließen (VA 117). Was Strauß beabsichtigt, ist die vergegenwärtigende Begegnung mit dem früheren Text als Medium einer Tradition, die jenseits von Individualität und Epoche bedeutsam bleibe, «in die jeder einzelne zu seiner Zeit einstimmen kann, wenn er es vermag» (FK 137). Explizit ordnet er sich mit dieser Position einer Ahnenreihe zu: dem Typus des kreativ rezipierenden Vermittlers (vgl. A 11). Worauf er abzielt, ist eine Dialektik, bei der «jeder Schaffensakt Überlieferung, jede Progression Rückbindung wäre» (A 29), in der Altes und Neues, «die Allmacht der Stifter» und eine «üppig[e] Kultur der Abkömmlinge und Variationen» wie «ein geschlossener Prozeßkreis des» – emphatischen – «Gedenkens» (FK 137) ineinandergreifen. Jede künstlerische Hervorbringung nährt sich demnach aus der Tradition, die sie «so in Erinnerung [zu] bringen oder [zu] ‹repräsentieren›» vermag (ja soll!), dass es «hier und jetzt wirksam wird» (A 43).

III

Eine platonische Hypothese aufgreifend, der zufolge im transzendenten Bereich alles Wissen stets schon vorhanden ist und erinnert werden muss, erklärt Strauß’ Büchner-Preis-Rede von 1989 «Anamnesis, nichts sonst», zur «Kunst und […] Pflicht […] der Dichter» (A 28). Angesichts mentaler wie struktureller Verfestigungen westlicher Modernität, die sich breitgemacht haben, werden solche «Bote[n] der Erinnerung» (E 25, vgl. A 13) damit notwendig zu Partisanen. Für «Unverletzliches einst», etwas von primärer Tragweite jedenfalls, das mittlerweile «verloren und vergessen wurde», sind sie auf der Suche nach «Asy[l]» (A 28). Einer durchrationalisierten Wachstums- und Wohlstandsgesellschaft, die ihr Vermögen, sich zu erinnern, amputiert hat, ja selbst noch das Bedürfnis danach, fallen «Fortschrittsradikalismus» (A 15) und Stillstand im «endlos[en]» Dahinschleppen «der Moderne und Aber-Moderne» (VA 107) zusammen: «alles unablässig heut» (U 54), wie die absolut gesetzte «Jetztlebigkeit» (A 22) in der «Bewußtseinsnovelle» «Die Unbeholfenen» (2007) umschrieben wird. Gegen solche «Totalherrschaft der Gegenwart, die dem Individuum jede Anwesenheit von unaufgeklärter Vergangenheit, vom geschichtlichen Gewordensein, von mythischer Zeit rauben und ausmerzen will» (AB 62), erhebt auch die Tiefenanalyse zeitgenössischer Verwerfungen im zeitkritischen Essay «Anschwellender Bocksgesang» (1993) vehement Einspruch, Strauß’ provokanter Vorstoß, radikal quer zu gängigen Übereinkünften zu denken, den unvermindert ein Ruch des Skandalösen umgibt.

Grundlage dieser dreifach konnotierten Amnesie – die durch offizielle Gedenkkultur aus gegenwärtigem Interesse übrigens nicht widerlegt wird – ist eine uneingeschränkte Hegemonie fordernde Aufklärung, ihre Folge (ähnlich wie in Pasolinis «Freibeuterschriften») eine Art anthropologische Mutation. Als Phänotyp generiert sie den «ganz und gar Heutigen» (PP 26), ein «Millionenhee[r]» (VA 267, vgl. R 37) von aller Vorwelt Abgeschotteter, welchem mithin etwas Zentrales fehlt, denn: «Die Leidenschaft, das Leben selbst braucht Rückgriffe […] und sammelt Kräfte aus Reichen, die vergangen sind, aus geschichtlichem Gedächtnis.» So bereits in dem Prosaband «Paare, Passanten» (1981), wo Aufklärung als eine «Selbsttäuschung» und Schutzmechanismus vor «Unbegreiflichkeiten» bloßgestellt wird (PP 26). Ihr Triumph hat bei Strauß stets etwas Gewaltsames, Unterjochendes, einem «zwanghaften Régime» gleich (JM 11), ja dem «Ancien Régime» (LD 123, vgl. VA 107), mit allen zugehörigen Assoziationen. Im Stadium der fortgeschrittenen Moderne ist solche Aufklärung (quasi-)totalitär geworden. Ihr fremd Bleibendes erträgt sie nicht, keinerlei «Differenz» (AB 77) zum eigenen Horizont. Was immer diesem zuwiderläuft, wird eskamotiert.

Angesichts des für sie mit der Teilhabe an Überliefertem einhergehenden Affronts gebärden sich, im Namen des Gebots wie der Verheißung völlig un-verbundener Flexibilität, ihre Wortführer hochaggressiv: «Tod den Bewahrern! Den träumerischen Einbehaltern von Vergangenheit!» spitzt «Vom Aufenthalt» die entsprechende Kampfsemantik zu: «Auslöschen, vergessen, vernichten! lautet jetzt die Parole […]! Sagt euch los, zerreißt alle Fasern, in denen Vergangenheit in euch anwuchs. Welch ein Zeugnis der Schwäche: eure Fortschreibungen und Anknüpfungen, Übernahmen, Anspielungen und Anleihen […]! Vergeßt […] alles. Und was ihr nicht vergessen könnt, das zerstört. Nur so werdet ihr euch befreien, erneuern, reinigen, erheben!» (VA 266f ).

In vielfältigem Zuschnitt macht Strauß diese Deformation aus: von der großen Demenzmaschine der elektronischen Medien mit ihrer Zusage vermeintlicher Informiertheit und ‹Kommunikation› (vgl. H 78f, A 101) über den Vorrang «soziozentrische[r] Ideen» (NA 148) bis hin zur Bestreitung von Kategorien, die außerhalb der Moderne seit jeher zum Welt-(Un-)Begreifen gehörten. Vor dem versiegelten Horizont solch dumpf-selbstgefälliger Aufgeklärtheit erlösche der «Sinn für das Verhängnis» (AB 64), alles gelte als ‹moderierbar› (vgl. AB 60, 64, 67, 72). Auch der «Ökonomismus» als «Zentrum aller Antriebe» (AB 58) und Taktgeber «unsere[r] Lebenswelt» (LD 123) ist letztlich nur eine Funktion allzuständiger Rationalisierungslogik.

Dass wir uns «den Quellen und Zuflüssen der großen Kulturen» – im Plural! – «wieder anzuschließen und Stärkung aus ihnen zu erfahren» haben (EW 319f ), unterliegt für den Autor nach alledem keinem Zweifel. Mit Bedacht aber richtet seine Arbeit an der Überlieferung sich zumal auf Imaginationen der deutschen Romantik. Nur am offensichtlichsten geschieht dies im «Romantische[n]ReflexionsRoman» (JM 15) «Der junge Mann» (1984) mit seinem feinen Gewebe kombinatorischer Bezüge, weit über Form, Handlungsführung und Topik hinaus.14 Im letzten Kern geht es dabei um die Basis einer «‹Tradition der Tradition›»15 zur Infragestellung der eigenen Zeit, wobei sich die Kritik verdunkelnder Aufklärung am Beginn des Prozesses der Moderne mit Erkundungen eines möglichen «Ersten und Ganzen» (A 9) quer durch die Geschichte kreuzen, deren Sachwalter die Dichter sein könnten.

In diesem Feld sucht er nach «zerschnittenen Wurzeln» (PP 26), jenen «Rückkoppelungswerke[n], welche uns befreien von dem alten sturen Vorwärts-Zeiger-Sinn», benötige man doch «Schaltkreise, die zwischen dem Einst und Jetzt geschlossen sind» (JM 11), um «verkannte Wahrheiten […] wieder zur Geltung [zu] bringen», damit «ein neues Licht […] nach langer Nacht am Horizont unserer Erkenntnis wieder aufgeht» (JM 15f ) Hier wird ein Zitat Giordano Brunos gegen das um die Dimension des Achtsamen auf Tradiertes verkürzte Fortschrittsdenken aufgeboten – die Haltung eines Häretikers, historisch umgepolt, der zuletzt Recht behalten dürfte.

Auch die – buchstäblich verdichtete – Substanz gemeinsamen Gedächtnisses zur Stützung eines verbreitet geteilten Selbstbildes sieht der Autor durch die Romantik bestimmt. «Was es im Deutschen an höherem Bewusstsein gegeben hat», führt eine Figur aus den «Unbeholfenen» aus, «war immer romantisch, gleichgültig zu welcher Epoche.» Sowie, als belangvoll präzisierende Ergänzung von derlei Kontinuität: «Romantisch nenne ich alles, was lebt, um sich zu sehnen.» Dieser Drang aber, vorhandene Wirklichkeiten zu übersteigen, sei deutschem «Geist» heute gründlich abhandengekommen (U 95). Doch, so anderswo mit Blick auf die kleine Zahl dafür noch Empfänglicher eine paradoxe Wendung: «Was uns bleibt, ist das Verlorene. Deshalb gibt es kein Wort, das deutscher wäre als Sehnsucht.» (VA 269).16 «Das Gedächtnis» nun, rundet sich dieser wichtige Zusammenhang, «ist eine Variable der Sehnsucht» (H 35). Bei jenem verflossenen kollektiven Erbe, dem immer wieder nachzuspüren wäre, handelt es sich demnach um ein ganz bestimmtes Weltverhältnis: um ein schmerzliches Verlangen, gerichtet auf etwas jenseits sicheren Besitzes, das aus der Zeitentiefe spurenhaft angesprochen und wachgehalten zu werden vermag.

«[D]er letzte Deutsche», als den Romero in den Konversationen der «Bewußtseinsnovelle», sich selbst empfindet, kann unter diesen Umständen heute nur ein desolater Außenseiter sein: «Ein Strolch, ein in heiligen Resten wühlender Stadt-, Land- und Geiststreicher. Ein Obdachloser.» (U 83) Von dieser Stimmungslage borgt Strauß den Titel einer vor zwei Jahren im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise entstandenen «Glosse». Durch die Technik polysemischer und multikategorialer Argumentationsreihen17 erneut rücksichtslos sich Missverständnissen aussetzend – vielleicht auch, um die vorhersehbaren Reaktionen hervorzulocken –, beklagt er dort ein ausdrücklich kulturelles Verschwinden. Auf «Überlieferung» hebt die Metapher des «letzte[n] Deutsche[n]» ab, die im intellektuellen «Raum» einer Nation (LD 123) geschehen sei, deren «ideelle[r] Gestalt» (LD 124) «jenseits» politischer Geschichte und nur mehr bloß «oberflächlichste[r] soziale[r] Bestimmungen» (LD 123), wobei ihre Unversehrbarkeit vorausgesetzt wird.

Dauerhaft «zu Gast […] bei zahllosen schöpferischen Geistern» (LD 122) und ebenda beheimatet (vgl. LD 123), identifiziert der Autor sich selbst durch produktive Bindung an diese Tradition: als «ein Fortsetzer von Empfindungs- und Sinnierweisen […], die seit der Romantik eine spezifisch deutsche Literatur hervorbrachten. Etwas davon wieder aufleben zu lassen, war mein Leben.» (LD 122) Grundlegendes kommt hier zur Sprache, das den mit politischer Desavouierung allzu behenden Kritikern entgangen ist. «Ich bin ein Subjekt der Überlieferung», beharrt Strauß, «und außerhalb ihrer kann ich nicht existieren» (LD 123). Auch wenn er nur pro domo spricht, ist Tradition für ihn doch offensichtlich das zwingend Vorgängige von Subjektivität, konstitutive Bedingung ihrer Möglichkeit. Sich einer Überlieferung – als etwas Anderem und Größerem – ernsthaft zu öffnen, ja auszusetzen, wird zur Prämisse personaler Konzentration. Unausgesprochen repliziert er damit zugleich auf den im eigenen Frühwerk unter dem Vorzeichen postmoderner De-Subjektivierung konstatierten Zerfall: «Die Identität, nach der man sucht, existiert nicht», heißt es in «Paare, Passanten»: «Dieses Ich, beraubt jeder transzendentalen ‹Fremd›-Bestimmung, existiert heute nur noch als ein offenes Abgeteiltes im Strom unzähliger Ordnungen, Funktionen, Erkenntnisse, Reflexe und Einflüsse» (PP 175).

Wenn aber stimmt, dass «der Mensch, der einzelne wie der Volkszugehörige, nicht einfach nur von heute ist» (AB 59), steht dahin, ob sich rein auf die (im Übrigen schillernde) Parole «kultureller Globalität» (LD 123) ein Selbst gründen lasse. Für Vorstellungen von «Volk», «Nation» und «Nationalliteratur» als kollektiven Subjekten sieht der Autor in der voranschreitenden Moderne jedenfalls das Ende gekommen (LD 124). Anders verhält es sich mit bestimmten Glaubensgemeinschaften. Am Beispiel der Migranten zeigt er auf, wie vorherrschendes Dafürhalten ihre Einwurzelung in der «geistige[n] Disziplin und moralische[n] Kraft» einer Religion weder mehr zu begreifen noch angemessen zu versprachlichen imstande sei (LD 123f ): «Was aber Überlieferung ist, wird eine Lektion, vielleicht die wichtigste, die uns die Gehorsamen des Islam erteilen.» (LD 124)

IV

Ausgesuchte Reizvokabeln verschärfen im «Bocksgesang»-Essay den Angriff auf die «kritisch Aufgeklärten» (AB 64), oder, wie sie dort genannt werden: «verwüstet Vergesslichen» (AB 63). So wird ein «rechtes» – was sowohl ein ehrliches und richtiges als auch politisch konservatives – «Denken» bedeuten kann, gegen den angemaßten Autoritarismus (AB 65) des gängig gewordenen «Überlieferungsbruc[hs]» (A ١٠) in Stellung gebracht. «Rechts zu sein», schreibt Strauß, «das ist, die Übermacht einer Erinnerung zu leben, die den Menschen ergreift, […] die ihn vereinsamt und erschüttert inmitten der modernen, aufgeklärten Verhältnisse» (AB 62). Seine Semantik ruft gewichtige Assoziationen auf. Das Potential nämlich, an den Anspruch von Existenz zu rühren, vermag einer Begegnung mit dem Tradiert-«Unveränderliche[n]» (FK 107) eingelagert zu sein – und vieles spricht dafür, dass der Autor ihm besondere Relevanz zuspricht. So ist auch jener «Abgesonderte» (AB 65), von dem er als Bewahrer der Überlieferung spricht, verschwiegen Kierkegaards «Einzelnem» benachbart. Und mag am Rande zwar durchaus der ästhetische Reiz bestehen, aus Nonkonformismus einem «schöne[n] Abgelebte[n]» (U 89) zuzugehören: worauf Strauß Wert legt, ist existenzielle Selbst-Besinnung (und nicht etwa «politischen Existenzialismus»18 zu befördern).

Ausdrücklich negiert seine qualifizierten Traditionen «rückverbunden[e]» (EW 319, vgl. A 14) Kunst vielmehr «die politischen Relativierungen von Existenz» (AB 74). Fehlende Einwurzelung sieht er als Symptom innerer Desintegration an, des Mangels an existenzieller Dichte. Insistierend wird daher die Brücke vom mächtigen Alten zu jener Daseinsform geschlagen, für die Innovation eine völlig unangemessene Kategorie darstellt: «Es gibt ja niemals ein neues, sondern lediglich ein wiederum aufs neue undefinierbares Existieren.» (VA ٢٠٩)

«[R]ückgestütz[es]» (vgl. EW 319) Denken kommt also dem Grundvollzug einer Selbstwahl gleich und «wissende[s], schaffende[s]» (A 21) Bewahren erstreckt sich auf Elementar-Menschliches, das zunehmend bedroht ist. «Ja, wir bestehen überhaupt aus Erinnerung», wird die kleine Gruppe der «Bewußtseinsnovelle» charakterisiert, «und in jeder unserer Äußerungen ist ein Heraufrufen von etwas halb Vergessenem. Wir behaupten uns, so gut wir können, mit den Mitteln des unbeholfenen Existierens gegen den Sog einer daseinslosen Zerebralsphäre.» (U 87f ) Während «der Gegenwartsmensch […] geradezu […] abgepuffert» gegen «seine Existenz» lebe (U 88), mache sein «traditional[es]» Pendant sich an «tieferen Zeitbindungen» (FK 103) fest, welche sie befeuern. Aufmerksamkeit für Überlieferung bedeutet stets, «bestätigen[d]» (FK 43) an eine Kontinuität des «Leben[s]» und Geistes (FK 134) Anschluss zu gewinnen.

«Wie ohne Herkunft Geborene irren wir ständig in ein falsches Zuhaus», wird in «Der junge Mann» ein sehr zeittypisches Gebrechen erwähnt, «lauter unerprobte Existenz» (JM 194), und die Sprecher-Instanz des Gedichts «Diese Erinnerung an einen, der nur einen Tag zu Gast war» (1985) bekennt: «Lang, lang hab ich gebraucht zu finden/ das eigne Haus, gemacht aus Gewesenem» (E 12). Dem postmodernen Bewusstsein gleich, und nun doch ganz anders, besteht jedes Individuum aus Prätexten. Bewusste Aneignung des eigenen Lebens ist immer auch die solcher Traditionen. Aus welchen Zusammenhängen wir gewachsen sind, inwieweit diese anwesend bleiben und schließlich Einverständnis herstellen können, inwieweit gar «Vorfahren […] uns bereits enthalten» (VA 205) und sie umgekehrt in uns enthalten sind, auf welchem «Boden» wir mithin stehen (H 13, vgl. 93f ): solche Fragen schreitet die Erzählung «Herkunft» (2014) anhand des eigenen Lebenszyklus ab, divers vermittelter «Prägung[en]», die dort «unerbittlich ihre Wirksamkeit entfalte[n]» (H 13).

Schlüsselthema ist, auf welche Weise Tradition – auch die widersprüchliche und die verblassende –zur Selbstentdeckung und also -werdung herausfordert, einem «[S]ichern» (H 13) im grund-legenden Sinne. Deswegen gilt es sich zu ihr in ein Verhältnis zu setzen, gegenläufig zum Fortschrittspfeil als Akt «[R]ückwärtig[-E]rweitern[s]»: «Denn wie wir sind, wie wir da sind, von gestern her, heißt es im Buch Hiob» – genauer: sagt Bildad dort, der die durch Hiobs Klage erschütterte Autorität der Überlieferung zu stützen bemüht ist (8,9). Die Herrschaftsattitüde der «nackte[n] Gegenwart» sei allemal brüchig, weil sie selbst dem Verschwinden verfalle, werde doch jedes «Hier und Heute […] attackiert vom chronovoren Einst» (H 70). Wie viel in einem «Herkunft» ist, entdeckt der Erzähler lernend, durch allmähliches Bewusstwerden eigener Ursprünge und deren späterer Unerreichbarkeit: «Erst langsam bin ich dann hineingewachsen in […] diesen umfassenden Sinn für Vermissen» (H 15). Auch im Rahmen moderner Individualisierungsprozesse sind der Originalität Grenzen gesetzt. «Man hat im wesentlichen nach Mustern gelebt und nach Mustern sich verbraucht.» (H 52) So lautet die Bilanz.

Zu irgendwelcher Erhebung dem Früheren gegenüber besteht kein Anlass (vgl. H 71). «Was war», liege ohnehin «immer über dem gegenwärtigen Standpunkt», weil es, als unser Ausgang, eben nicht unserer Disponierbarkeit unterliegt: «Ein unbezwingliches Reich, das keine Aufklärung je erobern könnte.» (H ٤٧) Dass man sich voraussetzungslos erfinden ließe, ist eine Illusion der Moderne, da doch (so Strauß’ anti-konstruktivistischer Befund) «des Menschen ganze Natur danach strebt, wie vordem zu sein» (H 59), eine Bewegung der restitutio ad integrum einzuschlagen. Dort scheint dessen eigentliche Zukunft auf. Wenn just demjenigen, der so denkt, «der Blick nach vorn» stehe, bezeichnet dies daher keinen Widerspruch – im Gegenteil: «denn niemand hält geduldiger Ausschau als eben der Rückgestützte» (EW 319).

V

Im «Schon-Geschriebene[n]» (FK 90), so die anfängliche Vermutung des Autors, liege ein vergessener «Sinn der Dinge» beschlossen (W 65f ), der durch lebendige Zuwendung wieder erahnbar zu werden vermag. Seine Arbeit am Überlieferten wäre später mithin eine Aktivierung solcher Ressourcen. Sprache und Schrift allein schon, die dichterische vor allem, tragen diese Möglichkeit in sich, «von realer Gegenwart, von der Gegenwart des Logos-Gottes» zu zeugen (A 41). «Wie Christen in jeder Epoche gleichzeitig sind mit Christus», zieht er die Parallele, so solle Sprache tradiert und daneben präsent sein, echte «communio», d.h. «stete[r] Ursprung» und «zu jeder Zeit einig mit ihrer Stiftung» (B 109).

Derlei Reflexionen aber, die «den Wiederanschluß an die lange Zeit» zum Inhalt haben, laufen «ihrem Wesen nach» auf «eine religiöse […] Initiation» hinaus. Gerichtetsein auf Tradiertes hat bei Strauß letztlich mit einem Ausgriff ins Jenseitige zu tun. So lässt sich die von ihm beklagte «Totalherrschaft der Gegenwart» (AB 62, vgl. PP 176) mit jener sämtliche Lebensbereiche durchdringenden «säkulare[n] Zeit» identifizieren, welche Charles Taylor als kennzeichnend für die westliche Moderne beschrieben hat.19 Die «vollkommen[e] Lossagung» des «Gesellschaftsmenschen von heute» von der Transzendenz führe, wie Reppenfries in «Der junge Mann» sagt, einen Zustand vollendeter Profanität herbei, damit aber auch Verarmung an «genügend Halt» und «Geist»: «Diesseitigkeit ist nun einmal kein abendfüllendes Programm. Das mag im übrigen für den persönlichen Lebensabend wie für die späte Epoche gelten.» (JM 193) Beide Phänomene sind für den Autor untrennbar aufeinander bezogen, werde doch, «[w]o Überlieferung nichts mehr bedeutet, […] auch Erinnerung, im Sinne von Realpräsenz, Vergegenwärtigung nicht möglich sein» (FK 115), genauso wenig wie die Öffnung hin auf etwas Höheres, das Individuum Überschreitendes.

Angesichts einer obwaltenden Gegenwart reiner Immanenz gewinnt «[d]­as Heilige, das abgewiesen durch die Zeiten irrt» (WDL 57), in der anam­netischen Kunst sehr bewusst Raum. Früh lädt Strauß seine Texte mit religiösen Implikationen auf, im Stationendrama «Groß und klein» (1978) beispielsweise, dem Intertext zu Strindbergs Mysterienspielen vom Weg eines überirdischen Wesens durch die heillose Welt. Hier bereits operiert er mit einem metaphysischen Ganzheitsbegriff sowie der Entzifferung ursprunghafter Wahrheit, die der Ordnung des Zeichens entzogen ist.20 Der Aufklärungskritiker Strauß anerkennt «dunkler[e] Bereich[e] des Geistes» (FK 88), die aus der Wirklichkeit eines (ober-)flächenhaften Jetzt entschwunden sind, aber in tradierter Form erinnerbar bleiben. Selbst «am weißen Rand der Konfessionen» stehend, versucht er daher gleichwohl «ein überlieferter Mensch zu sein» (FK 135). Durch kein noch so bemühtes «[G]eheische» freilich lässt sich jede höchst untote Tradition erfassen. Nachgerade der Epiphanie einer numinosen Macht gleich, macht sie sich vielmehr geltend: «Tradition ist Zufall, impact, Erleuchtung, Treffer. Man […] wird unversehens von Vergangenem erschüttert mitten auf dem freien Feld genauso wie im Taxi zum Flughafen» (VA 276).

Innerhalb der einander antwortenden Perspektiven des Straußschen Gedächtnis-Diskurses fixiert eine Passage aus «Die Unbeholfenen» mit am deutlichsten jenen Kern, den sie anpeilen. «Man darf», so Romero dort, «aber nicht vom gegenwärtigen Leben, sondern muß von der grenzenlosen Vorwelt, wie es im ‹Hyperion› heißt, erdrückt und zerstört werden, um als Künstler – und nicht nur als Künstler! – aufzuerstehen. Wie Hölderlin die Religion rettete vor den Totenvögeln der Aufklärung, vor ihren begreifenden Krallen, […] so ist sie wieder und wieder zu retten, solange das menschliche Ingenium reicht. Dafür müsste man freilich die Person oder das Subjekt vor dem unwiderruflichen Übertritt in die modulare Verfügbarkeit, die falsche Unendlichkeit der Netzwerke bewahren können. Ich weiß wohl: Das reflektierende Subjekt gehört wie ehedem das sakrale nun schon zum Altertum des Menschengeschlechts.» (U 86) Sich damit entschieden nicht abzufinden, umreißt das Privileg des Dichterischen, dessen Prinzip, aus dem Stachel der Abwesenheit heraus, das einer auf Wiedergewinnung (vgl. A 11, auch NA 131) angelegte Konfrontation durch bedeutsame Überlieferung ist.

Gegen Ende der «Herkunft[s]»-Erzählung wird tatsächlich ein «Jenseits» angedeutet – analog zu der dem Erzähler von Kindheit an vertrauten Kulisse aus Bad Ems eine «Brunnen­» wie (im Doppelsinne) «Wandelhalle», «ohne Anfang» und «Ende», «ganz licht und transparent, aber erst wenn sie von gebändigten Menschen, wie es die Toten sind, bevölkert wird» und diese «endlos […] nur von einem einzigen Heilwasser trinken». Im Rahmen des entworfenen Vorstellungsbereichs sieht der Autor ringsum «Durchlässigkeit» und «Übergang» am Werk: «Auch dieser ‹der andere›, von dem die Philosophen eine hohe Meinung hatten, ist hier ein bloßes Durchgangswesen, durch das du ein und aus gehst.» (H 87) In Strauß’ postmodernen Anfängen war fiktiv noch von «ich, diese[r] Null-Person», die Rede, «diese[r] Durchgangsstation aller möglichen Literatur» (MS 85). Knapp vierzig Jahre später dann vom Vater: «So bin ich nun sein Pfad. Durch mich kommt er herüber, geht er zurück.» (H 41) In einem dritten Schritt weitet sich dieses Bild zur Grenzüberschreitung auf Gott hin: wie die unableitbar erste aller Überlieferungen, das Ur-Anfängliche uns am Ende ganz durchdringen mag. So fällt der erinnerte Ursprung in eins mit dem Ziel.

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