Tück: Herr Hürlimann, erfreulicherweise haben Sie die Einladung spontan angenommen, die Wiener «Poetikdozentur Literatur und Religion» zu bespielen. Was reizt Sie an dieser Aufgabe? Und welche Akzente wollen Sie setzen?
Hürlimann: Zum einen die Uni-Luft. Als ich nach vierzehn Semestern Philosophie an meiner Magisterarbeit schrieb, bin ich zum Theater ausgebüchst. Seither rumort etwas Unabgeschlossenes in mir, das auch in Träumen auftaucht. Es zieht mich gewissermaßen in den Hörsaal zurück. Zum andern freue ich mich auf einen regen Austausch mit der studierenden Jugend. Sie lesen die Texte, die ich vorlegen werde, vermutlich mit anderen Voraussetzungen, also auch mit anderen Augen als ich. Soviel zu den Reizen. – Mein Akzent ergibt sich aus der Beobachtung, dass die Kreuze sinken. Noch in meiner Jugend war ihre Präsenz selbstverständlich – das ist vorbei. Die EU verbannt sie aus den offiziellen Räumen, und sogar Theologen weichen vor der Provokation der Passion Christi mehr und mehr zurück. In so einem Fall schlägt die Stunde der Literatur. Was Religion und Theologie aufgeben, wird über Nacht zum literarischen Topos. Etwas Ähnliches geschah ja auch mit den Engeln. Nachdem sie selbst bei kleinen Kindern aus den Nachtgebeten verschwinden mussten, fielen sie in den Satanischen Versen von Salman Rushdie vom Himmel.
Das ist eine provozierende These, dass Theologie und Kirche das Kreuz aufgeben. Woran machen Sie das fest? Was fehlt Ihnen?
Hürlimann: Im Jahr 2000 wurde vor der Klosterkirche Einsiedeln meine Fassung von Calderóns Welttheater gespielt. In einem Zwischenspiel hing der Tod am Kreuz. Diese Szene löste eine Kontroverse aus.1 Der Regisseur Volker Hesse und ich wurden der Blasphemie bezichtigt, und erstaunlicherweise waren gerade aufgeklärte, moderne Katholiken unsere überzeugtesten Gegner. In den Diskussionen merkte ich: Sie lehnten das Kreuz überhaupt ab – teilweise als «masochistische Phantasie». Nicht der Karfreitag, Ostern stand für diese Leute im Zentrum ihres Glaubens. Noch erstaunlicher war, dass Pater Gebhard, der Bibliothekar des Klosters, ein alter, weiser Mönch das Bild des gekreuzigten Todes verteidigte. «Am Kreuz stirbt der Tod», sagte er. Mit andern Worten: Ohne Christi Tod am Kreuz kann es keine Auferstehung geben, keine Erlösung, kein Ewiges Leben. Dieser Zusammenhang, vermute ich, geht in einer «Wohlfühl»-Religion verloren.
Der alte Klosterbibliothekar hatte offensichtlich seinen Augustinus gelesen, der einmal gesagt hat: «In morte Christi mors mortua est – mit dem Tod Christi stirbt der Tod selbst…»2 Aber lassen Sie mich noch einmal auf Ihre Aussage zurückkommen, dass das, was in der Theologie verdrängt und vergessen wird, in der Literatur neu zum Thema wird. Mit dieser Aussage ist, wenn ich das richtig sehe, zunächst eine Korrektivfunktion gegeben: Literatur spiegelt der Theologie eine gewisse Kreuzesvergessenheit und erinnert sie so an das Thema, das ihr das wichtigste sein müsste. Zugleich weisen Sie auf eine kompensatorische Funktion der Literatur hin: die Leerstellen, die in der Theologie unbearbeitet bleiben, werden von der Literatur besetzt und produktiv gefüllt. Könnten Sie das verdeutlichen?
Hürlimann: Literatur, sagte Thomas Mann, raunt im Imperfekt.3 Sie beschwört Vergangenes. Sie ist ein Gedächtnis, das aufbewahrt, was wir verlieren. Also hat sie Antennen entwickelt, die auf solche Verluste reagieren – vielleicht noch, bevor sie tatsächlich eintreten. Klar, das Kreuz ist noch da, aber das Verhältnis der Gesellschaft zu diesem Zeichen hat sich gewandelt. Vermutlich liegt es daran, dass es ein Todeszeichen ist. Wie das Mittelalter den Teufel gefürchtet habe, sagt der Schriftsteller Reinhold Schneider, fürchte die Neuzeit den Tod. Das ist wahr. Ich habe eine längere Zeit im Krankenhaus hinter mir. Ein Wort habe ich dort nie gehört, das Wort ‹Tod›. Diesem Tabu wird auch das Karfreitags-Geschehen unterworfen, und damit sind wir bei einer weiteren Funktion der Literatur: Sie bricht Tabus auf. Sie provoziert – und ganz gewiss hat sie für Provokationen die besseren Mittel als etwa die Theologie oder die Seelsorge. Literatur muss und soll keine Rücksichten nehmen. Auch lebt sie von persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen und hat so einen andern Zugang zu Sterben, Tod und der Offenbarung einer höheren Wirklichkeit.
In Spitälern, selbst im Bestattungswesen ist der Tod tabu, man bedient sich euphemistischer Wendungen, bemüht Ersatzvokabulare, um die Anstößigkeit und Abgründigkeit des Sterbens zu verschleiern. Es leuchtet ein, dass die Literatur da ausbricht und eine solche Zähmung der Sprache nicht mitmacht. Sie selbst haben in den letzten Monaten erfahren müssen, was es heißt, der modernen Apparate-Medizin rückhaltlos ausgeliefert zu sein. Ihre Genesung haben Sie in der ZEIT unter Rückgriff auf die biblische Geschichte von der Auferweckung des Lazarus eindrucksvoll beschrieben.4 Jetzt rücken Sie das Thema Kreuzigung ins Zentrum der Poetikdozentur – warum?
Hürlimann: Vorweg. Ich habe mit der modernen Medizin gute Erfahrungen gemacht. Man wird über alle Vorgänge genau informiert, die Ärzte sind voller Verständnis, das Pflegepersonal könnte nicht angenehmer sein. Dennoch fühlt man sich als Patient oft in mythische Dimensionen versetzt, die unendlich viel größer sind als der gewohnte Alltag. In der Radio-Onkologie zum Beispiel kommt man sich wie in der Unterwelt vor und beim Erwachen auf einer Intensivstation wie der ins Licht torkelnde Lazarus. Mir halfen die Bilder aus der antiken Mythologie und aus der Bibel, um das Große und Ungewohnte dieser Erlebnisse zu erfassen. Und die Erlebnisse wirkten sich wiederum auf meine Lektüre aus. So wurde mir im Spital bewusst, dass mit Lazarus die Passion beginnt. Im Moment, da Jesus einen Toten zum Leben erweckt, erweist er sich als Messias – vorher war er höchstens einer von zahlreichen Wunder-Rabbis. Lazarus hingegen war die Aufhebung der Naturgesetze. Die alte Ordnung ahnte, was ihr bevorstand, und beschloss sofort, sich zu wehren. Als der Ruf durch die Lande ging, der Messias sei da, bedeutete das für Jesus das Todesurteil. Die Erweckung geschah am Tag vor dem Palmsonntag, Bethanien liegt vor Jerusalem, das heißt: Der Kalvarienberg mit dem Kreuz erhebt sich zwischen zwei leeren Grabhöhlen, jener von Lazarus und jener von Jesus.
Sie haben sich mit Tod und Sterben seit Ihrer ersten Erzählung Die Tessinerin beschäftigt. Sie wollten über die Erfahrungen am Sterbebett Ihres Bruders schreiben, der mit zwanzig an Krebs verstorben ist, und konnten es nicht. Stattdessen haben Sie den Krankheits- und Sterbeprozess der Tessinerin beschrieben – ein langsames moriendo, in das Sie unter die Haut gehende Einschübe über die letzten Stunden Ihres Bruders eingeflochten haben.5 In Ihrem Roman Der Große Kater kommt das Thema erneut vor. Der Schweizer Bundespräsident, Ihr Vater, erwartet das Spanische Königspaar zu einem Staatsbesuch, währenddessen stirbt in der Klinik sein jüngster Sohn. Der Präsident hadert mit Gott, dem «großen Niemand» – und erhält keine Antwort. Seine Frau soll, so sieht es das durch eine Intrige kurzfristig geänderte Besuchsprogramm vor, mit der Spanischen Königin das Spital besichtigen, in dem ihr eigener Sohn im Sterben liegt. Es kommt zum Eklat. Sie wirft dem Präsidenten, ihrem Mann, vor, den eigenen Sohn auf dem Altar der Medien zu opfern! – In der Erzählung Das Gartenhaus schildern Sie, wie ein alterndes Ehepaar die Trauer über den frühen Verlust des Sohnes verarbeitet und in einem eigenen Ritual täglich das Grab besucht. Sprachverlust, Trauer, Theodizee – aber das Kreuz kommt in all diesen Geschichten, wenn ich recht sehe, nicht (oder fast nicht) vor. Welche Deutungspotentiale sehen Sie in diesem Zeichen, die die Literatur aufgreifen und fruchtbar machen könnte?
Hürlimann: Von berühmten Models und Filmstars heißt es, sie seien zu Tode fotografiert worden. Dem Kruzifix ist es ähnlich ergangen. Vermutlich gibt es nichts auf der ganzen Welt, das so häufig zum Kunst- und Kultobjekt gemacht wurde wie die Szene auf Golgota. Dafür gibt es ja heute noch einen eigenen Beruf: die Herrgottschnitzer. Das Kreuz wurde förmlich zu Tode geschnitzt, gemalt, geschrieben, gefilmt. Natürlich kennt die Kunstgeschichte großartige Darstellungen, aber das Klischee hat sich über die Jahrhunderte in den Vordergrund gedrängt. Oberammergau ist überall, auch in Hollywood. Auch in der Literatur. So erschien noch anno 1952 eine Geschichte von Edzard Schaper mit dem Titel Der gekreuzigte Diakon. Darin wird ein frommer Einsiedler von religionsfeindlichen Soldaten der roten Armee an ein Kreuz geheftet. Pointe: Das grausame Geschehen ereignet sich in der Weite der karelischen Wälder, wo niemand einen Kalender hat, und zwar ausgerechnet, wie man hinterher feststellt, am Karfreitag. Schaper will damit sagen: Der Mythos lebt. Das Passions-Geschehen ist gegenwärtig. Nur tut er nichts dafür, um den Mythos zu beglaubigen – er behauptet ihn einfach. Das liest man heute nur noch mit einem gewissen Degout. Denn die Selbstverständlichkeit des Mythos ist verloren gegangen. Und genau das sollte die moderne Literatur darstellen: dass uns etwas fehlt. Handke sagte in einem Interview (es muss vor vielen Jahren erschienen sein, aber ich habe den Satz nicht vergessen), dass der Verkehrskreisel die Sinnkrise der Gegenwart sichtbar mache. Wie Recht er hat. Der Kreisel ersetzt eine Kreuzung. Solche Punkte möchte ich aufspüren. Und vielleicht gelingt es dann, das Kreuz aus seiner Abwesenheit zu erklären. In der Kunst, vor allem in der Literatur, ist diese Abwesenheit, sofern sie als solche aufzuscheinen vermag, interessanter als ein Festhängen an der zu Tode geschnitzten Kitsch-Ikone.
Ja, die enorme Verbreitung des Kreuzes hat sicher zu einer Gewöhnung, ja sogar Abstumpfung des Blickes geführt. Kontrapunkte dagegen sind wichtig. «Das Gefühl für den leidenden Christus wappnet mich mit Zorn gegen die Vernünftler»6, heißt ein anderes Wort von Handke, das sicher auch gegen eine bestimmte Art von Theologie gemünzt ist. Aber was ist das genau, was uns fehlt, wenn das Kreuz fehlt? Die Semantik des Kreuzes ist ja vielschichtig. Es zeigt das Leiden eines Unschuldigen und ist das Inbild der geschundenen Kreatur: Ecce homo. Es spiegelt aber auch die Gewaltanfälligkeit und abgründige Bosheit des Menschen, die wir uns gerne verschleiern. Der Mensch ist das Tier, das seinesgleichen mit ausgeklügelten Methoden zu Tode foltern kann. Mit den Augen des Glaubens betrachtet ist das Kreuz schließlich das Zeichen der Erlösung. Der Eine tritt an die Stelle der Vielen und trägt deren Sünden hinweg: Agnus Dei – ein Gedanke, der heute kaum noch verständlich ist. Würden Sie sagen: Wenn das Kreuz verschwindet, droht auch die Wahrnehmung von Leid, Schuld und Erlösung zu verblassen?
Hürlimann: Sie sprechen einen ganzen Komplex an, und ich hoffe, dass wir Theologisches und Literarisches miteinander ins Gespräch bringen können. Nach dem Motto «Schuster, bleib bei deinen Leisten» werde ich mich auf die Literatur beschränken, und kann nur hoffen, dass etwas von dem, was Dichter und Philosophen zu diesem äußerst schwierigen Thema beigetragen haben, Ihren Fragen wenigstens zum Teil entgegenkommt. Ich gehe von zwei Weisen der literarischen Darstellung des Passionsgeschehens aus. Die erste gibt jede Distanz auf: Sie ist eine Verkörperung des leidenden Christus. Diese Variante werde ich an Nietzsche aufzeigen. Seine vorletzte Schrift heißt Ecce-homo, und sein Abschied an den Freund Peter Gast ist eine Nachricht aus dem weiten Land des Wahns: «(Turin, 4. Januar 1889) / Meinem maëstro Pietro / Singe mir ein neues Lied: die Welt ist verklärt und alle Himmel freuen sich. Der Gekreuzigte.»7 Etwas Ähnliches widerfuhr Léon Bloy. Bevor ich in Wien über ihn spreche, werde ich einen Schluck aus dem Flachmann nehmen und jene, die das Entsetzen von der Religion fernhalten möchten, höflich ersuchen, den Hörsaal zu verlassen. Léon Bloy, ein französischer Schriftsteller und moderner Mystiker, stellt sich in einem Selbstportrait mit einer (Dornen-)Krone aus Kot dar. Und es ist ja wahr, im Augenblick des Sterbens fließen am Leib des Gekreuzigten alle Körpersäfte zusammen, Tränen, Schweiß, Blut, Urin, auch Kot. Jesus starb nicht in Schönheit, und wenn das ausgesprochen wird, lassen uns die Sätze und Bilder erschauern. Da haben wir tatsächlich einen Probierstein, an dem der Verstand die Fragen von Leid, Schuld und Erlösung wetzen kann.
Die andere Variante ist das Gegenteil der Distanzlosigkeit – sie rückt das Geschehen in eine gewisse Ferne. So schreibt Bulgakow im 16. Kapitel seines grandiosen Romans Der Meister und Margarita über Levi Matthäus, der dem Verurteilten auf dem Kreuzweg gefolgt ist und sich als Zuschauer «auf einen Stein gesetzt» hat: «In der Tat, um der Hinrichtung beizuwohnen, nicht gerade der beste Platz, womöglich sogar der denkbar schlechteste.»8 Zum selben Mittel greift Michael Köhlmeier in seinem kurzen Buch Der Menschensohn. Die Geschichte vom Leiden Jesu. Bei ihm ist Thomas, die erzählende Hauptfigur, auf dem Kalvarienberg gar nicht dabei und muss sich auf die Berichte von Augenzeugen verlassen. Wir bleiben als Leser gleichsam am Fuß der Schädelstätte zurück. So wird das Kreuz erhöht und in eine Entfernung gerückt, die, mit Heidegger gesprochen, die Ferne ent-fernt. Indem wir das Geheimnis erkennen, beginnen wir zu erahnen, was es verbirgt. Diese beiden Positionen, das Kreuz im Geheimnisstand und die wahnhafte Ecce-homo-Stunde, zeigen auf, wie extrem philosophische und literarische Texte mit dem Gekreuzigten umgehen, aber die Untersuchung dieser Extreme könnte vielleicht helfen, uns fremd gewordenen theologischen Begriffen wie dem Agnus Dei wieder anzunähern.
Kreuzigungen, wir vergessen das oft, gibt es auch heute. Im Gebiet des IS werden «Ungläubige» gekreuzigt oder enthauptet, wenn sie sich weigern, zur Religion des Propheten überzutreten. Man könnte den Opfern des IS natürlich empfehlen, dass es in der Situation des Ernstfalls doch besser wäre, nachzugeben und so ihr Leben zu retten. Sie bräuchten nur so zu tun, als ob sie übertreten würden. Aber gerade diese Option empfindet der christliche Märtyrer als Verrat – eine Simulation in Glaubensfragen kommt für ihn nicht in Frage. In seinem Leiden und Sterben steht er für Christus, den Gekreuzigten, ein – bis ins Äußerste. In einer Kultur des Provisorischen erntet er hierfür nicht nur Bewunderung, sondern auch Unverständnis. Sehen Sie Zusammenhänge zwischen diesem Unbehagen am Martyrium und der vielfach beobachtbaren Abneigung gegenüber dem Kreuz?
Hürlimann: In der Adventszeit las unsere Mutter beim Schein der Kerzen Geschichten von Heiligen vor. Wir Kinder waren ungeheuer beeindruckt, wie tapfer diese Frauen und Männer waren, wie mutig, und wie heldenhaft sie sich aufgeopfert haben. Heute rümpft man über so eine Mutter die Nase. Allerdings zeigte das spätere Leben ihrer Kinder, dass sie durch diese Erzählungen in Werte eingeführt wurden, die ihnen im Leben geholfen haben. Der Miles gloriosus ist heute eine verachtete Gestalt – siehe dazu auch die warnenden Worte von Botho Strauß im «Anschwellenden Bocksgesang».9 Aber wenn der Miles weggegrinst wird, heißt das noch lange nicht, dass damit auch die Kriege verschwinden, im Gegenteil. In hoc signo vinces – in diesem Zeichen wirst du siegen. Wir müssen ergänzen: Und wenn du das Zeichen verlierst, wirst du untergehen. Es ist ein unglaublicher Skandal, dass sich die Weltöffentlichkeit, inklusive Papst, bei Opfern aller Art kollektiv empört, diese Empörung bei den christlichen Märtyrern aber unterlässt. Erbarmen mit allen, nur nicht mit den Brüdern und Schwestern der eigenen Religion – das ist, gestatten Sie das Wort, pervers. Und nicht etwa ein Zeugnis von Friedfertigkeit, von einem höheren Pazifismus, der allem Kriegerischen abschwört, nein, es ist Feigheit. Eine geistige und religiöse Fahnenflucht – man flieht das Kreuz, und zwar so sehr, dass es ein Kardinal fertigbringt, am Fuß des Kalvarienbergs das christliche Zeichen in die Hosentasche zu stecken. Er wollte sich wohl vor der Welt als aufgeklärter Geist aufspielen und hat vermutlich nicht einmal gemerkt, dass er ein Verräter ist. Das Schlimmste daran: Diejenigen, die trotz Todesandrohung und Folter zum Kreuz stehen, geraten durch eine Kirche, die solche Repräsentanten hat, in die totale Einsamkeit. Sie sind so schrecklich allein wie Jesus im Garten Gethsemane. Ihr Blut wird über uns kommen.
Gewiss, die Szene am Tempelberg war unglücklich. Kaum besser war die nahezu einhellige Apologetik der kirchlichen Medien, die das Ablegen der Kreuze als religionspolitisch vorbildlichen Akt des Respekts vor dem muslimischen Gastgeber hinstellten, ohne danach zu fragen, wie dieser Symbolverzicht auf die bedrängten Christen im Nahen Osten gewirkt haben könnte.10 Nachträglich hat Kardinal Marx allerdings eingeräumt, die komplexe Situation am Tempelberg unterschätzt zu haben. Auch Papst Franziskus hat jüngst entschieden zu mehr Solidarität mit den verfolgten Christen im Nahen Osten aufgerufen: «Eure Leiden sind auch unsere Leiden.»11 Dennoch tritt er nicht für eine präferentielle Option für die bedrängten Brüder und Schwestern im Glauben ein, weil er durch eine solche Bevorzugung den Universalismus der Barmherzigkeit angetastet sähe. Problematisch erscheint mir indes das Wort In hoc signo vinces, das Sie zitieren. Es stammt aus einem militärischen Kontext. Nach Eusebius soll Konstantin vor der Schlacht an der Milvischen Brücke ein leuchtendes Kreuz mit der Inschrift τούτῳ νίκα erschienen sein, ja Christus selbst soll ihm im Traum gesagt haben, dass er dieses Zeichen gegen seine Feinde einsetzen solle.12 Das Kreuz als Feldzeichen – an diesen imperialen Traditionsstrang werden Sie heute kaum anknüpfen wollen?
Hürlimann: Dass mit dem Kreuz in der Geschichte des Christentums häufig Schindluder getrieben wurde, steht außer Frage. Das ist nicht mein Punkt. Ich stelle nur fest, dass die Kreuze sinken, überall, auch auf den Gipfeln. Die christlich geprägte Kultur Europas holt ihre Zeichen ein, teilweise von Brüssel verordnet, und aus falscher Rücksicht. So sehe ich auch das Barmherzigkeits-Programm des Papstes. Mit einiger Verspätung möchte er den in allen westlichen Demokratien grassierenden Toleranzbegriff, gegen den Köpfe wie Kant und Goethe äußerst skeptisch waren, katholisch überpinseln. Leider ist dies wieder ein politischer Akt, innerweltliches Bemühen – und ich fürchte, dass irgendwann der letzte Gläubige feststellen muss, dass das Mysterium, das Transzendente, aus der Kirche verschwunden ist. Er kann dann das Ewige Licht ausknipsen. Dass der Islam, der sich als militante Religion versteht, in diese Öde einmarschiert, ist doch klar. Noch jedes Reich, das geistig erschlaffte, wurde aus der Geschichte verabschiedet. Imperialer Traditionsstrang hin oder her – etwas mehr Bekenntnis, Würde, Haltung würde uns gut anstehen. Und was mich betrifft, ich habe es bereits an anderer Stelle gesagt: Wenn sie in meiner Innerschweizer Heimat die Kreuze von den Gipfeln holen wollen, gehe ich zusammen mit einigen Sennen in den hochalpinen Untergrund. Der Aggressor sei gewarnt. Wir kennen uns dort oben aus.
Mit dem Kreuz ist überdies der christliche Antijudaismus eng verzahnt. In Ihrem Roman Fräulein Stark erzählen Sie, wie der Stiftsbibliothekar von St. Gallen seine jüdische Herkunft unter der Soutane versteckt. Gerüchten der Hilfsbibliothekare zufolge soll er jeden Nachmittag um drei auf seiner Betbank unter einem großen Kruzifix niederknien, das Karfreitagsgeschehen durchleiden und die Juden, die den Herrn kreuzigen ließen, verfluchen: «O ihr Juden, ihr Juden, warum habt ihr das getan!»13 In dieser Szene wird die unselige Verquickung von Kreuz und kirchlicher Judenfeindschaft eindrücklich zusammengezogen. Der getaufte Jude Katz, der seine eigene Herkunft verleugnet und auch nicht will, dass sein Neffe mehr über jüdische Einwanderer erfährt, soll, so sagen es zumindest die Hilfsbibliothekare, im täglichen Gebet seine Glaubensbrüder verfluchen, die den Messias nicht anerkannt haben. Gerade am Karfreitag, dem Gedenktag der Passion, sind die antijüdischen Ausschreitungen im Mittelalter oft eskaliert. Juden wurden als «Gottesmörder» diffamiert und verfolgt. Später hat man sie Zwangspredigten ausgesetzt, damit sie «ihren» Messias endlich anerkennen. In der Liturgie wurde für ihre Bekehrung gebetet. Können, wollen Sie zum Ineinander von jüdischer Leidensgeschichte und Golgotha etwas sagen?
Hürlimann: Der Stiftsbibliothekar und Prälat ist ein Konvertit – und Konvertiten übertreiben. Wahrscheinlich müssen sie das tun, denn unter der neuen Religion steckt ja noch die alte, die man verlassen hat. Im Prinzip steckt das ganze Christentum in dieser Situation. Zu Anfang des letzten Jahrhunderts gab es immer wieder Versuche, vor allem von protestantischer Seite, den Nachweis zu erbringen, dass Jesus keine jüdischen Wurzeln habe. Und erst letzthin ist an der Humboldt-Universität in Berlin die Frage aufgeworfen worden, ob das Christentum nicht auf das Alte Testament verzichten könne – Sie, lieber Herr Professor Tück, haben dazu einen klugen Essay beigetragen: für den Zusammenklang von Altem und Neuem Testament.14 Tatsächlich wäre es eine Art Spaltungs-Irrsinn, den Gott des Alten Testaments ausmerzen zu wollen. Dieser Gott ist uns fremd, aber ohne ihn ist sein Sohn nicht denkbar, auch nicht der Schrei am Kreuz. Insofern kämpft der Stiftsbibliothekar einen Kampf, in den das Christentum durch alle Jahrhunderte verwickelt war – gegen die eigene Herkunft. Das ist der Ur-Sprung, der Riss. Da blutet es – und an dieser Seelenwunde hat die christliche Religion (das ist ihre dunkelste Seite) immer wieder die Fackeln angezündet, die bei den Pogromen in die jüdischen Häuser geworfen wurden.
Von Botho Strauß gibt es dazu eine tiefgründige, geradezu dialektische Aufzeichnung: «Da nun die Juden in Christus das Urbild ihrer Leiden erkannten, mussten sie sich diesem Bild verweigern, um inniger seiner Substanz teilhaftig zu werden.»15
Hürlimann: Ein sehr protestantisches Wort: durch die Verweigerung des Bildes der Substanz teilhaftig werden. Auf unserem nächsten Spaziergang werde ich ihm sagen, dass für einen Katholiken wie mich die Substanz immer auch im Bild ist. Ernst Jünger zitiert in den «Sgraffiti» Léon Bloys Bemerkung, es komme gar nicht darauf an, dass Christus gerade ans Kreuz geschlagen worden sei. Er hätte auch mit dem Schwert hingerichtet werden können, dann würde das Zeichen das gleiche geworden sein. Hätte man ihn gesteinigt, wäre Christus mit zum Kreuz ausgebreiteten Armen gestorben. Jünger: Durch den Querstrich «wird die Senkrechte als Symbol der Macht gebrochen; das Leid tritt hinzu […]; die neue Erhöhung liegt in der Minderung».16 Jedes Leid, könnte man vielleicht mit Jünger sagen, ist eine Durchkreuzung: eine Erhöhung und eine Erniedrigung. Es wird am Kreuz vollbracht. Deshalb, vermute ich, ist das Kreuz über alle Grenzen und Religionen hinweg das Zeichen für den Tod. Diesem Zeichen können wir uns nicht verweigern.
In Ihrem Roman Der Große Kater lassen Sie den Schweizer Bundespräsidenten zum spanischen König sprechen: «Majestät, ich bin der Vater eines Sohnes, der elend krepieren muss.» Krepieren – das ist ein Wort, das normalerweise für das Verenden von Tieren gebraucht wird, nicht aber für das Sterben von Menschen. Es zeigt den «grässlichen Widersinn der Natur» an, dass hier ein junger Mensch aus dem Leben gerissen wird, während die Alten weiterleben, als sei alles in bester Ordnung. Wenig später heißt es: «Im Sterben meines Sohnes offenbart mir Gott seine Abwesenheit.» Dieser Satz ist mir haften geblieben, er ist stark, weil er die Bedeutung des Wortes Offenbarung umkehrt, ja geradezu durchkreuzt. Offenbarung ist ja normalerweise ein Ereignis, in dem das Heilige nahekommt, in dem Gott seine rettende Präsenz zeigt. Hier ist es umgekehrt, im Sterben des Sohnes wird dem Vater die Abwesenheit Gottes «geoffenbart». Damit ist, so könnte man es zumindest deuten, eine untergründige Nähe zum Golgotha-Geschehen angedeutet: denn auch hier entzieht der himmlische Vater seinem «geliebten Sohn» seine Gegenwart – und gerade dieser Entzug, diese schmerzliche Abwesenheit entlädt sich im Schrei des Gottverlassenen. Dieser Abgrund wird nur selten thematisiert. Das Leiden an der offenbaren Abwesenheit Gottes, den Sie im Roman ja wiederholt den «großen Niemand» nennen, ist ein Vorgang der Offenbarung selbst – oder kann es zumindest sein. Hans Urs von Balthasar hat das einmal in seltener Eindrücklichkeit ausgesprochen: «Man hat es nie gewagt, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass jener Logos, in dem alles im Himmel und auf Erden zusammengefasst seine Wahrheit besitzt, selber ins Dunkel, in die Angst, ins Nichtmehrfühlen und -wissen, ins Ausweglose, ins Entgleiten, in die Abwesenheit des alle Wahrheit tragenden Verhältnisses zum Vater gerät, und damit in eine Verborgenheit, die das ganze Gegenteil der Wahrheits-Entbergung des Seins ist. Man müsste dann auch das Schweigen Jesu in der Passion als ein Verstummen, ein Nichtmehraussagen und -antworten des Wortes Gottes verstehen. Der Vater hat sich entzogen. Das Ende der Frage ist der große Schrei. Er ist das Wort, das kein Wort mehr ist. In Wahrheit müsste man das, was in diesem Schrei nunmehr nackt hervorbricht, in jedem bekleideten Wort mithören.»17 Das Kreuz als Ort der Himmelsverdunklung, das Sterben des anderen als Offenbarung der Abwesenheit Gottes?
Hürlimann: Bei Meister Eckart ist Gott dem Nichts gleichgesetzt. Dieses Nichts deduziert Eckart aus der Fülle des Vorhandenen. Etwas Ähnliches will der Guru zeigen, wenn er über glühende Kohlen wandelt. In der «Gegenwendigkeit» ist das Nicht-Seiende, Gott, zum Sein des Meisters geworden, und zwar so sehr, dass das Seiende, etwa glühende Kohlen, für den Guru nicht mehr existieren. So hat es auch Theresia von Avila erlebt. Indem sie eintauchte in die göttliche «Glutpfanne», kann ihr das Irdische nichts mehr anhaben, sogar die Schwerkraft ist für sie aufgehoben. Viele Zeugen beschwören, Theresia habe, von Schmerzen verzerrt, in der Haltung einer Liegenden über dem Altarboden geschwebt. Etwas von dieser Gegenwendigkeit meint wohl der große Kater. Die Glutpfanne ist das Sterben seines Sohnes. Für ihn, den Kater, ist das Sterben ein Krepieren, ein grausamer Akt, kein Verenden in Frieden und Schönheit. Das hält er nicht aus. Das zerreißt ihn, und so hört er seinem eigenen Schrei, einem Schrei ex profundis, an, dass es in der Ferne einen Angeschrienen geben muss. Klar, für uns ist er nicht. Oder eben ein Niemand. Abwesenheit, Schweigen. Und doch, wie Botho Strauß sagen würde, eine «-barung». Aus dem Nichts erreicht den Menschen in profundis eine Stille, ein Schweigen, dem er Gott entnimmt. Ich glaube, wir alle haben das schon erlebt, zum Beispiel in der Liebe. Als ich in einer schwierigen Trennungsgeschichte steckte, tröstete mich mein Freund Bruno Hitz mit der Bemerkung, das Schönste an der Liebe sei die Sehnsucht nach ihr. Stimmt. In der Erfüllung stirbt die Liebe – früher oder später. Aber im Sehnen, in der Anspannung auf sie hin, war sie da. Als 18jähriger Klosterschüler fragte ich meinen Physiklehrer Pater Kassian Etter, was Transzendenz sei. Er steckte sich eine Zigarette in den Mundwinkel – Humphrey Bogart in der Kutte. Dann runzelte er die Stirn und meinte: «Das Gespür für die Anwesenheit des Abwesenden.» Jahre später erinnerte er sich an die Frage des Schülers und erzählte mir, wie er auf einer Wanderung im Gebirge vor einem verkohlten Wegkreuz, in das der Blitz eingeschlagen hatte, den abwesenden Christus als anwesend erfahren habe. Man sieht nicht den Blitz, aber in der Zerstörung, in der Wunde, in den schwarzen Rissen, ist der Feuerschlag aus dem Himmel da.
Pater Kassians eindrückliche Erfahrung im Angesicht des verkohlten Wegkreuz ruft mir unwillkürlich eine Passage aus Handkes Wiederholung18 in Erinnerung. Dort wird eine zerstörte Kapelle auf einem felsigen Berggipfel beschrieben. Der Altarstein ist zerschlagen, die Fresken sind überschmiert mit den Namen der Gipfelstürmer, die sich selbst verewigen wollen. Nur noch das blasse Blau erinnert an die andere Welt des Himmels. Das Kreuz hängt an der Wand, aber der Corpus des Gekreuzigten ist abgefallen. Er liegt am Boden, der Kopf ist abgehauen. Der enthauptete Torso liegt begraben unter Schutt und Brettern. Da betritt, so erzählt der Erzähler, ein junger Mann die Ruine, hält inne, verschränkt die Arme zum Gebet und beginnt «schwer zu atmen». In seiner Erschütterung über die Verwüstung des Heiligtums wird deutlich, dass die zerstörte Kapelle kein Grabmal Gottes ist, sondern unversehens zum Ort der Anwesenheit des Abwesenden werden kann… – Doch möchte ich zum Schluss noch einen theologischen Aspekt ansprechen, der auch literarisch ein Anstoß sein könnte: Das Kreuz führt ja zu einer Revolution des Gottesbegriffs, es durchkreuzt eine Theologie, die vor allem auf Hoheitsattribute – Allmacht, Apathie, Ewigkeit – abhebt. Sie selbst haben das einmal angedeutet, als Sie über Maria, die Gottesmutter, schrieben: «Was wird die gestaunt haben, als der Sohn zuletzt sich selbst, den Gott, in einen Sterbenden verwandelt hat.»19 Das heißt doch: Durch die Passion wird die Erfahrung des Leidens und Sterbens in Gott eingetragen. Der Schrei «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» schreibt den Gottesverlust in Gott selbst ein – das könnte ein Ansatzpunkt für Zweifler und Atheisten sein – oder?
Hürlimann: Dazu möchte ich eine weitere Stelle aus Meister und Margarita zitieren: «Oh ja, ein anderer Gott hätte niemals gestattet, dass ein Mensch wie Jeschua auf einem Pfahl von der Sonne versengt wird. – Ich war verblendet! –, brüllte er, nun vollends heiser geworden. – Du bist ein böser Gott! Oder hat dir etwa das Räucherwerk aus deinem Tempel den Blick getrübt? Oder vermag dein Ohr nichts anderes zu hören als die Drommeten der Priesterschaft? Wahrlich, du bist kein allmächtiger Gott. Du bist tiefschwarz. Und ich fluche dir. […] Es wurde noch finsterer. Auf ihrem Weg nach Jerschalajim überschwemmte die Wolke den halben Himmel.»20 Über das Gewitter, das nun ausbrach, werden wir miteinander reden müssen.
Die scharfe Anklage Gottes bei Bulgakow wirft einen Grenzgedanken auf: Könnte es sein, dass Christus am Kreuz auch oder sogar vor allem für die «Schuld Gottes» gestorben ist? Also nicht primär für uns und unsere Sünden – pro nobis –, sondern für sich selbst – pro semetipso. Diese kühne Inversion der Soteriologie begegnet bei dem spanischen Philosophen Miguel de Unamuno, der sich vor dem Bild «Christus am Kreuz» von Diego Velázquez fragt: «Ist das der büßende Gott, der sein Gewissen reinigen möchte von der Schuld, dem Vorwurf, den Menschen geschaffen zu haben und mit ihm das Böse und das Leid?»21 Können Sie diesem Grenzgedanken, der neuerdings auch in der Theologie der Gegenwart auftaucht, etwas abgewinnen?
Hürlimann: Schuld? Nein. Um es mit einem Vergleich zu sagen: Ein Autor ist nicht schuld an seinem Buch, ein Maler nicht schuld an seinem Bild. Aber durch die Lektüre der mittelalterlichen Lazarus-Spiele und der russischen Literatur aus der Endphase des 19. Jahrhunderts bin ich auf etwas gestoßen, das den Gedanken, den Sie ansprechen, berührt. Alle Lazarus-Spiele folgen derselben Dramaturgie. Lazarus kommt zurück, meistens zu seinen Schwestern und seinen Verwandten, die gerade seinen Tod betrauern, und soll nun berichten, was er in den vier Tagen im Jenseits erlebt hat. Die Gesellschaft versucht den Wiedergekehrten mit allen Tricks zum Sprechen zu bringen – er wird geküsst, gekitzelt, verhöhnt, aber: Er schweigt. Lazarus ist eine stumme Rolle. Ähnlich Jesus. Er schweigt über die Zeit zwischen seinem Tod am Kreuz und seiner Auferstehung aus dem Grab. Über das Nichts kann man nichts aussagen, doch ist es eine gewaltige Aussage, ja geradezu eine Ungeheuerlichkeit, dass der Sohn Gottes ins Gegenteil der Schöpfung eintritt. Das ist, wieder mit Heidegger gesprochen, die absolute Existenz; von ek-sistere: Hinausstehen. Ein Hinausstehen «in die Nacht des Nichts».22 Man könnte es als eine Verlängerung oder Vertiefung des Geschehens am Kreuz verstehen. Vor der Auffahrt in den Himmel, kommt die Abfahrt in die Hölle. Dieser Gott «entschuldigt» sich also nicht für seine Schöpfung – er identifiziert sich mit ihr bis in die äußerste Konsequenz.
Nicht ausgeschlossen, dass gerade in dieser Identifikation des Schöpfers mit den dunklen Abgründen seiner Schöpfung die Antwort liegt, die am Ende alle Fragen verstummen lässt… Herr Hürlimann, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
Unter dem Titel «Feuerschlag des Himmels. Die Anstößigkeit des Kreuzes in der modernen Literatur» wird Thomas Hürlimann im Mai 2017 im Rahmen der Wiener Poetikdozentur Literatur und Religion vier Vorlesungen und vier Lektüreseminare halten. Mehr Informationen unter http://dg-ktf.univie.ac.at/poetikdozentur.