Dunkle SakralitätPaolo Sorrentinos Serie «The Young Pope»

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Dark Sacrality: On Paolo Sorrentinos «The Young Pope». This review sheds light on the characteristics of the pope displayed in Sorrentinos serial drama. The fictional Pope Pius XIII can be understood as a anti-typical and satirical depiction of current interpretations of papacy.

Er ist gütig und bescheiden, barmherzig und liebevoll. Er ist stets den Menschen zugewandt, vor allem denen an den Rändern der Gesellschaft. Er respektiert das Gewissen der Gläubigen und behandelt sie nicht mit übertriebener Strenge. Er schneidet alte Zöpfe ab und verzichtet auf altmodische Insignien. Er umarmt alle, überwindet Grenzen und Mauern und ruft zu einer Revolution der Zärtlichkeit auf. Dies ist das Bild, das die öffentliche Darstellung von Papst Franziskus bestimmt. Da liegt in Gedankenexperiment nahe. Wäre das komplette Gegenteil vorstellbar?

Natürlich erscheinen die beiden direkten Vorgänger in der Rückschau in moralischen und doktrinären Fragen strenger und weniger flexibel als der jetzige Pontifex. Als absolutes Gegenbild taugen sie aber nicht. Johannes Paul II. war ein großer Prediger der göttlichen Barmherzigkeit. Und Benedikt XVI. widmete seine erste Enzyklika «Deus caritas est» der Liebe. Ein Anti-Franziskus müsste vielmehr radikal dasjenige Prinzip aufkündigen, das Johannes XXIII. bei seiner Eröffnungsansprache «Gaudet mater ecclesia» zum Zweiten Vatikanischen Konzil vor über fünfzig Jahren der Kirche mitgegeben hatte:

Am Beginn des Zweiten Vatikanischen Ökumenischen Konzils ist es so klar wie jemals, dass die Wahrheit des Herrn in Ewigkeit gilt. Wir beobachten ja, wie sich im Lauf der Zeiten die ungewissen Meinungen der Menschen einander ablösen, und die Irrtümer erheben sich oft wie ein Morgennebel, den bald die Sonne verscheucht. Die Kirche hat diesen Irrtümern zu allen Zeiten widerstanden, oft hat sie sie auch verurteilt, manchmal mit großer Strenge. Heute dagegen möchte die Braut Christi lieber das Heilmittel der Barmherzigkeit anwenden als die Waffe der Strenge erheben. Sie glaubt, es sei den heutigen Notwendigkeiten angemessener, die Kraft ihrer Lehre ausgiebig zu erklären, als zu verurteilen.1

Wer kann ausschließen, dass ein neuer Papst die Waffen der Strenge eines Tages wieder anlegen wird? Der italienische Regisseur Paolo Sorrentino (geb. 1970) hat das Portrait eines solchen Papstes in der zehnteiligen Fernsehserie «The Young Pope» gezeichnet, die für die Bezahlsender HBO, Sky und Canal+ produziert wurde. Sorrentinos Papst heißt – man ahnt es – Pius XIII.

Dieser Pius XIII., gespielt von Jude Law, ist eine ambivalente Gestalt. Mit 47 Jahren ist er der jüngste Papst der Kirchengeschichte. Er ist jung und schön, er ist bewandert in der Popkultur und er stählt seinen Köper an Fitnessgeräten. Gleichzeitig ist er radikal, kompromisslos und völlig unbarmherzig. Schnell stellt sich nach seiner Wahl heraus: Er ist bereit, seine Macht als Papst zu nutzen, um all jene zu verurteilen und auszuschließen, die dem Anspruch des göttlichen Gesetzes nicht genügen. Er veranstaltet eine Hexenjagd auf homosexuelle Priester. Er verfolgt Frauen, die abgetrieben haben, mit unerbitterliche Strenge.

Wie ist so jemand an die Macht gekommen? Der Kardinalstaatssekretär Angelo Voiello (Silvio Orlando), ein Macchiavellist der alten Schule, hat für die Wahl des vermeintlichen Nobodys gesorgt, um im Hintergrund weiterhin selbst die Kontrolle über die Geschicke der Kirche zu behalten. Doch dieser Plan erweist sich bald als undurchführbar. Denn Pius XIII. ist unberechenbar. Gleich nach seiner Wahl bricht er mit der wesentlichen Qualität des Papsttums der vergangenen hundert Jahre, nämlich mit dessen ständiger Sichtbarkeit. Der überraschten Marketingbeauftragten des Vatikans (Cécile de France) untersagt er, Fotos von ihm zu veröffentlichen und entscheidet, sein Gesicht grundsätzlich vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Er verweist auf den britischen Streetart-Künstler Banksy und die französische House-Formation Daft Punk, deren Gesichter nie in der Presse auftauchen. Der Papst, so Pius XIII., müsse «sich so unerreichbar machen, wie ein Rockstar». Später erklärt er besorgten Bischöfen, erst wenn die Kirche sich entziehe und verschließe, werde sie wieder anziehend für die Menschen. Unnahbarkeit weckt Begehren.

Paolo Sorrentino ist fasziniert von der Macht. 2008 schuf er mit «Il Divo» ein filmisches Portrait des italienischen Politikers Giulio Andreotti, der über Jahrzehnte an 34 italienischen Regierungen beteiligt war, und zeigt ihn als sphinxhaften und undurchsichtigen Staatsmann, der für seinen Machterhalt nicht vor Intrigen, Erpressungen und sogar Morden zurückschreckt. Der Papst hingegen besitzt einfach kraft seines Amtes die volle, höchste und universale Gewalt in der Kirche, wie es das Erste Vatikanische Konzil lehrt. Gegen seine souveränen Entscheidungen gibt es keinen Appell.2 In «The Young Pope» aktiviert Pius XIII. wieder die alten Machtinsignien. Er holt die päpstliche Tiara aus Washington zurück, führt den päpstlichen Tragestuhl, die sedia gestatoria, wieder ein und lässt sich von den Kardinälen zum Zeichen ihrer Unterwerfung die Füße küssen.

Doch die Serie schwelgt nicht nur in der Darstellung vormoderner Formen der Machtrepräsentation. Sorrentino zeichnet auch surreale, bisweilen komische Bilder. In «Il Divo» gibt es einen stummen Machtkampfs Andreottis mit einer im Weg sitzenden Perserkatze. In «The Young Pope» lässt Sorrentino immer wieder ein Känguru in den Vatikanischen Gärten auftauchen, das sich nur gelegentlich dazu bequemt, dem päpstliche Befehl «Hüpf!» zu gehorchen. Eines Tages findet Pius XIII. es tot auf, wohl ermordet.

Sorrentino arrangiert artifizielle Szenerien und lässt sie bisweilen länger andauern, als es für den Verlauf der Handlung nötig wäre. In einigen Folgen der Serie kommt die Handlung fast gänzlich ins Stocken. Immer wieder ist zu sehen, wie blutjunge Nonnen in strahlenden Gewändern frische Wäsche falten, während der Papst mit wechselnden Gesprächspartnern durch die Gärten schreitet. Man fühlt sich an ähnliche Darstellungen bei Federico Fellini erinnert, etwa in «Achteinhalb» (1963) oder «Roma» (1972).

Sorrentinos Papstfigur ist erschreckend, aber auch faszinierend. Im einen Augenblick demütigt er mit maliziösem Lächeln seine Gegner; im nächsten sehen wir ihn inständig beten und damit offensichtlich Wunder wirken. Die unfruchtbare Frau eines Schweizergardisten wird durch sein Gebet schwanger. Schon als Kind hat Pius die kranke Mutter eines Freundes geheilt, so erfährt man in Rückblenden. «Er ist ein Heiliger. Das heißt nicht, dass er ein guter Mensch ist», sagt Schwester Mary (Diane Keaton), die den Papst im Kinderheim erzogen hat und die er nun als persönliche Sekretärin nach Rom geholt hat.

So wie dieser Papst, so ist auch der Gott, von dem er spricht. Als der Papst nach langem Warten auf dem Balkon des Petersdoms erscheint – ohne sich freilich der Menge zu zeigen, nur sein Schatten ist zu sehen – da verkündet er eine dunkle Mystik, eine wahrhaft negative theologia negativa. Er predigt von einem fremden und fernen Gott, der totale Unterwerfung fordert. «Ihr habt Gott vergessen», ruft Pius der Menge zu. «Ihr müsst Gott näher sein, als ihr es untereinander seid.» Und schließlich: «Gott existiert. Und er ist nicht an uns interessiert, solange wir nicht an ihm interessiert sind. Und zwar ausschließlich an ihm. […] Eure Herzen und Geister sind nur mit Gott erfüllt. Es gibt keinen Platz für anderes. Keinen Platz für freien Willen, keinen Platz für Selbstbestimmung, keinen Platz für Unabhängigkeit. […] Ohne Gott seid ihr so gut wie tot. Ich werde euch nicht helfen. Ich werde euch nicht den Weg zeigen. Sucht danach. Findet ihn.»

Zu Beginn der Serie könnte man den Eindruck haben, Sorrentinos Pius XIII. besitze – wie es bei der Filmfigur des Andreotti der Fall ist – überhaupt keine Psyche, so rätselhaft und widersprüchlich wird er dargestellt. Doch langsam erfährt der Zuschauer mehr über die Kindheit des Papstes, der von seinen hedonistischen Hippie-Eltern im Waisenhaus abgegeben wurde. Im letzten Drittel der Serie rückt schließlich die Suche des jungen Papstes nach seinen Eltern, die er nie wiedergesehen hat, in den Vordergrund und man lernt so etwas wie die «menschlichen» Seiten des Papstes kennen. Am Schluss nimmt die Serie dann eine regelrecht humanistische Wendung, die jedoch etwas unvermittelt wirkt, weil eine dieser Wendung entsprechende innere Entwicklung des Papstes nicht wirklich erkennbar ist.

Die Serie, die hierzulande auf dem Bezahlsender Sky im Internet verfolgt werden kann3, dokumentiert die ungebrochene Faszination an der Institution und der Repräsentation des Papstums. Sie kann in ihrer Verkehrung der Realität auch als Satire auf die gegenwärtigen Verhältnisse gelesen werden. Dabei legt die Serie nahe, dass das Gegenteil von Barmherzigkeit eine Art dunkle Sakralität ist. So entsteht eine Konzeption von Heiligkeit, die ohne Güte auskommt und darum wenig mit einem biblischen Verständnis zu tun hat.4 Pius XIII. gilt als «heilig», weil er über eine Art besonderen Kontakt zum Absoluten und Transzendenten verfügt – aber dieses Transzendente bleibt opak und mehrdeutig.

Im Ersten Johannesbrief heißt es: «Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm» (1, 5). Gott ist heilig, aber seine Heiligkeit enthält keine Dunkelheiten. Das heißt nicht, dass die göttliche Wirklichkeit, wie die Bibel sie versteht, nicht erfurchtgebietend ist. Doch der unendliche und allmächtige Gott wird Mensch und offenbart sich in der Schwäche, als Kind in der Krippe und als Hingerichteter am Kreuz. Der irdische Stellvertreter Christi müsste wohl etwas von dieser kenosis, aber auch etwas von der Herrlichkeit Gottes aufscheinen lassen.

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