Sibylle Lewitscharoff, geb. 1954, Schriftstellerin · Berlin
Papst Benedikt XVI. hat mich auf Anhieb beeindruckt. Wiewohl man sich als Protestant in katholischen Angelegenheiten zurückhalten sollte, erlaube ich mir, in bezug auf diese hochmögende Person ein Lob freiherzig auszubringen. Mir hat die zurückhaltende Würde dieses Papstes imponiert. Kein Firlefanz, kein Kasperletheater. Kluge, scharfe Äuglein in einem einnehmenden Antlitz. Seine Schriften sind erstklassig. Nur sehr wenige Menschen verstehen sich darauf, komplexe Zusammenhänge verständlich zu formulieren, ohne dass die Vielgestaltigkeit des Stoffes darunter leidet.
Benedikt XVI. ist ein erstklassiger Stilist. Wäre es nicht unangemessen in bezug auf einen Papst, würde ich jetzt ein Hütchen in die Luft werfen und in alle Winde rufen: Heilandzack, schreibt der Mann gut!
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Arnold Stadler, geb. 1954, Schriftsteller · Rast bei Meßkirch
Es ist schön, Papst Benedikt zum neunzigsten Geburtstag gratulieren zu dürfen, multos ad Annos feliciter! Berühmt ist einer dann, wenn er gar nicht mehr alles bei aller Aufmerksamkeit aufnehmen kann, was über ihn in der Zeitung steht, und was in den Radios und Fernsehanstalten gesendet wird. Und was getwittert wird, wie das unschöne neue Wort heißt. Zu diesen wenigen Menschen auf der Welt gehört auch unser Papst emeritus Benedikt. Darauf reimt sich: das Licht der Welt erblickt. Das wird am 16. April Anno Domini 2017 zum 90. Mal so gewesen sein. An diesem Tag vollendet sich die neunzigste Umrundung der Sonne, das ist ein natürliches Datum, und auch schön. Ein 90. Geburtstag ist auch ein weltliches Datum. Was seither bei Papst Benedikt gewesen ist, hat, wenn wir auf die Agenda der Kalender und Jahre schauen, welthistorisches Format.
Das Georgianum in München ist ein erster theologischer Ort von Papst Benedikts Leben, wo auch ich, mit einer Zeitverschiebung von fünfundzwanzig Jahren, aber in den selben Räumen, und im Zentrum die wunderbare Kapelle mit dem romanischen Christus, eine Zeitlang gelebt und gelesen und studiert habe: wie so viele, auch ich. Aber nicht jeder wurde Papst. Es ist schön, heute auch dafür zu danken und Vergelt’s Gott zu sagen.
Einmal sah ich ihn, den zukünftigen Papst, als Erzbischof, wie er da im Dom zu Freising mehrere meiner Kurskollegen zu Priestern weihte. Und dann auch immer wieder am Bildschirm, wie Papst Benedikt den Segen Urbi et Orbi spendete, der ja bei entsprechender Gesinnung und entsprechendem Tun auch zu Hause vor dem Fernsehapparat gültig ist, wie ich hörte. Wir leben heute in einer Welt, in der das Wort ‹vernünftig› regiert und die Welt ganz danach, entsprechend aussieht. Zu unserem Glück und Segen gibt es aber nach wie vor einen wie Papst Benedikt und seine Bücher. Auch sie sind dem Verstehen und dem Verstehenwollen zuliebe geschrieben.
Als Silja Walter, die große Lyrikerin aus der Schweiz, Schwester Maria Hedwig OSB vom Kloster Fahr am Stadtrand von Zürich, neunzig Jahre alt wurde, hat eine empfindsame Gesprächspartnerin sie im Schweizer Radio gefragt, wie sie denn, so alt, an diesem Tag denke und fühle. Da sagte sie: «Ich bin erwartungsvoll». Und ich hörte es. Erwartungsvoll: Was für ein schönes Wort, was für eine trostreiche Auskunft. Zumal Silja Walter von da gesprochen hat, daß der Glaube die schönste aller Tatsachen ist.
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Krzysztof Penderecki, geb. 1933, Komponist · Krakau
Nachdem ich die Lukas-Passion komponiert hatte, wurde mir vorgeworfen, ich hätte die Avantgarde verraten, die ich anführte. Es war aber kein Verrat, sondern die Rückkehr zu den verschollenen Werten und der Versuch, das Bachsche Modell wieder aufzunehmen. Der große Johann Sebastian Bach, Komponist und Gelehrter, hinterließ das Zeugnis seiner Epoche. Sein innigster Wunsch war es, den Schöpfer durch die Mittel der Kunst zu preisen. Ich fühle mich geehrt, dass Eure Heiligkeit in meiner Passion nicht nur den Sinn des Leidens Christi, sondern auch die Tragödie des 20. Jahrhunderts wahrgenommen haben. Ich war immer bemüht, mit meiner Musik für die inneren Werte Zeugnis abzulegen.
In der Enzyklika Deus caritas est befassten Sie sich mit den unterschiedlichen Dimensionen der Liebe. Ich möchte hinzufügen, dass einer der berühmtesten polnischen Dichter des 19. Jahrhunderts, Cyprian Kamil Norwid, Schönheit als die Form der Liebe definierte. Ich würde den Gedanken etwas ändern, indem ich hinzufüge: die Form von Liebe und Schönheit ist die so sehr von Ihnen geliebte Musik. Wie nahestehend sind mir Ihre Worte, wie gefährlich derjenige sei, der die Musik aus der Liturgie wegschaffen möchte. Sie ist es doch, die einem Erlebnis Sinn gibt, uns in die Welt der Schönheit einführt und das Sacrum aufschließt. Wie notwendig es ist, nach der Offenbarung der Schönheit zu suchen, betonte in seinem Brief an die Künstler auch der heilige Johannes Paul II.
Zu Ihrem 90. Geburtstag möchte ich Ihnen viel Gesundheit und Gottes Segen wünschen. Mögen Sie Zeit finden, Bach und Mozart zu spielen.
Vielleicht auch Chopin?
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Wolfgang Seifen, geb. 1956, Komponist und Organist · Berlin
Mein Dank an Papst em. Benedkt XVI. gilt in meiner Eigenschaft als Kirchenmusiker und Professor für Liturgisches Orgelspiel und Improvisation in besonderer Weise den vielen Äußerungen und Aufsätzen über die Feier der Liturgie und den hohen Anforderungen an die Kirchenmusik, wie diese in den Konzilstexten des II. Vatikanums beschrieben sind. Leider ist eine um sich greifende Banalität und Trivialität der Gottesdienstgestaltung und des Vollzugs der Eucharistie zu verzeichnen. Hierzu hat sich Papst Benedikt stets und mit der ihm eigenen hohen Kompetenz schriftlich und in zahlreichen Vorträgen geäußert. Diese wertvollen Kommentare waren und sind mir eine wichtige Wegweisung im Hinblick auf die Ausbildung von Kirchenmusikerinnen und -musikern und bilden gleichsam die Basis auch der innerlichen Ausrichtung auf den zukünftigen kirchenmusikalischen Dienst in den Gemeinden. Der hohe Kunstanspruch auch an die Kirchenmusik, so wie es das II. Vatikanische Konzil fordert, war in den Papstgottesdiensten immer spür- und erfahrbar.
Meine Bewunderung für Papst Benedikt erwächst aus der Tatsache, theologisch komplexe Zusammenhänge nicht nur kompetent, sondern auch mit «einfachen Worten» für jedermann verständlich zu machen. Seine Schriften und Bücher sind daher auch für die Gläubigen von großem und überreichem Wert und konnten sicherlich zahllose Menschen im Glauben stärken und somit die heilige Schrift erschließen. So wünsche ich Papst em. Benedikt XVI. zu seinem 90. Geburtstag weiter Gottes Segen und sage Dank für Auslegung der heiligen Schrift und deren Deutung für uns und unser tägliches Leben.
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Christoph Kardinal Schönborn, geb. 1945 · Wien
1972/73 durfte ich für ein Jahr Gast in Professor Ratzingers Doktorandenkreis sein. Und seit er 1977 Erzbischof von München wurde, durfte ich gewissermaßen als Adoptierter an seinem inzwischen legendären Schülerkreis teilnehmen. Als Mitglied der Internationalen Theologenkommission konnte ich ihn von 1982 bis 1995 als deren souveränen Präsidenten erleben. Von 1995 bis 2005 konnte ich als Mitglied der Glaubenskongregation seine unvergleichliche Meisterschaft in der Leitung dieses wichtigsten Dikasteriums des Heiligen Stuhles kennen lernen.
Die für mich wichtigste und prägendste Zeit in diesen langen Jahren waren aber zweifellos die fünf Jahre (1987–1992) der intensiven Zusammenarbeit in der Erstellung des «Katechismus der Katholischen Kirche». Papst Johannes Paul II. hatte ihn 1986 zum Vorsitzenden der Kommission für die Erarbeitung eines Katechismus des II. Vatikanums bestellt. 1987 wurde ich zum Sekretär des Redaktionskomitees berufen.
Damit begann für mich eine Aufgabe, die ich nach wie vor als die größte, spannendste und schönste meines Lebens betrachte. Unter Kardinal Ratzingers Führung zu arbeiten, war ein Glück und ein Privileg. Er hatte den Rahmen für dieses mutige Projekt vorgegeben. Der Trienter Katechismus von 1566 gab mit seinen vier Teilen das Modell ab: Credo, Sakramente, zehn Gebote und Vater Unser. Auch die Darstellungsweise gab Kardinal Ratzinger vor: Die Schönheit, die Kohärenz, die Organizität der gesamten kirchlichen Glaubens- und Sittenlehre sollte in diesem Kompendium aufleuchten. Keine Polemiken, keine theologischen Dispute, allein das, was die Kirche lehrt und lebt, sollte dargeboten werden. Kardinal Ratzinger sprach gelegentlich davon, dass er es als ein Wunder betrachtete, wie, unbeschadet massiver Kritik an der Idee eines solchen Katechismus und trotz aller Behauptungen, ein solches Werk sei in einer Zeit des kulturellen und theologischen Pluralismus unmöglich, der «Katechismus der Katholischen Kirche» in nur fünf Jahren Arbeit zustande kommen konnte. Ich betrachte es auch als ein Wunder der göttlichen Gnade. Ich sehe aber auch, wie sehr unser Jubilar Instrument dieses Wunders war. Viel gäbe es zu erzählen, Anekdotisches, Theologisches, Geistliches und ganz Praktisches aus der Geschichte der Redaktion dieses Glaubensbuches. Ich kann nur meine bleibende Dankbarkeit darüber ausdrücken, dass ich mitarbeiten durfte und unseren Jubilar als Meister, Glaubenslehrer und Freund in diesen unvergesslichen Jahren erleben konnte.
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Federico Lombardi SJ, geb. 1942, ehem. Pressesprecher des Hl. Stuhls · Rom
Benedikt XVI. ist ein Sucher und Diener der Wahrheit und nicht des einfachen Kompromisses; ein mutiger Erbauer des Dialogs zwischen Glaube und Kultur in unserer Zeit – ohne Angst, mit Nachdruck auf die Risiken der modernen Gesellschaft hinzuweisen, hierbei insbesondere auf das Risiko der Gesellschaften in Europa, ihre spirituellen Fundamente zu verlieren; er ist ein aufmerksamer und intelligenter Wächter des Glaubens der Kirche; demütig und loyal im Auf-sich-Nehmen der Folgen von Schuld und Begrenzungen der Menschen in der Kirche sowie in der Beharrlichkeit, die es braucht, um eine persönliche und institutionelle Reinigung und Umkehr zu beginnen; in der Beharrlichkeit, die es braucht, die jeweils eigene Verantwortung zu übernehmen und eine tief verwurzelte Kultur der Prävention zu schaffen. Er ist ein kluger, klarer und deutlicher Kommunikator von tiefen Gedanken und überzeugenden Erwägungen; Zeuge der transzendentalen Einheit zwischen dem Wahren und dem Schönen, der spirituellen und erhebenden Bedeutung von Musik und Kunst; Vorbild in der Unterscheidung vor Gott in der Erwägung der eigenen Kräfte im Verhältnis zur Verantwortung des übernommenen Dienstes, bis hin zum konkreten Amtsverzicht, einmalig bisher im Laufe der Jahrhunderte. In der Aufgabe der Leitung der universalen Kirche öffnete er dadurch für seine Nachfolger einen neuen Raum der Freiheit.
Persönlich habe ich es als Privileg betrachtet, für ihn da sein und ihm dienen zu können. Die Kirche und die Menschheit unserer Zeit schulden ihm Respekt und Dankbarkeit.
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Christian Geyer-Hindemith, geb. 1960, F.A.Z. · Frankfurt am Main
Er hätte den Amtsverzicht nicht üben sollen. Er hätte stattdessen das Amt so führen können, dass es ihn persönlich entlastet. Warum sollte ein schriftstellernder, seiner Gesundheit und persönlichen Neigungen Rechnung tragender Papst nicht Papst bleiben können, wenn er die Amtsgeschäfte effizient delegiert? Woher der Imperativ, der Papst habe fit zu sein, vollumfänglich, wie es in der Management-Literatur heißt?
Drei Überlegungen ex post für den Verbleib Joseph Ratzingers im Papstamt. Erstens: Joseph Ratzinger steht für den Ärgernis- und Torheit-Charakter des christlichen Glaubens. Als Papst verkörperte er weit über seine Kirche hinaus die biblische Differenz von «in der Welt sein» und «von der Welt sein». Er stand für die Reserve der Religion gegenüber einer rund laufenden Welt. Damit sicherte er die Unentbehrlichkeit der Gottesrede auch in funktionaler Hinsicht.
Zweitens: Indem er die Spannung dieses zwiespältigen Weltverhältnisses nicht auflöste, sondern akzentuierte, blieb das, was dieser Papst zu sagen hatte, intellektuell interessant, für Gläubige wie für Nicht-Gläubige. Man stieß auf Gründe, von denen man sich überzeugen lassen oder ihnen Gegengründe entgegenhalten konnte. Die Vernunft, die Joseph Ratzinger immer schon als einen Markenkern des Christentums propagierte, schlug sich, wie strategisch der Vernunftnachweis im einzelnen auch geführt werden mochte, als Verpflichtung nieder, einen argumentativen Stil zu pflegen.
Drittens: Auf ein solches Pontifikat blieb man bezogen, ob als Freund oder Feind. Man sieht, was gemeint ist, wenn man auf das Papstamt nach Joseph Ratzinger schaut. Von seinem Projekt der «hermeneutischen Kontinuität» ist noch nicht einmal der Anspruch übrig geblieben. Die Weigerung, Tradition und Reform argumentativ zu vermitteln, riskiert jedoch, aus dem Christentum eine intellektuell belanglose Sache zu machen. Joseph Ratzingers Projekt einer «hermeneutischen Kontinuität» gab zumindest den Anspruch nicht auf, den Glauben mit Gründen nachvollziehbar zu machen. Wie weit er eingelöst wurde, steht auf einem anderen Blatt. Aber seit auf dem Stuhl Petri auf diesen Anspruch verzichtet wird, demonstrativ und mit scheinbar anti-autoritärer Freundlichkeit, setzt Rom keine Maßstäbe mehr. Man kann zur Tagesordnung übergehen.
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Charles Taylor, geb. 1931, Philosoph · Montreal
I am happy to send my very best wishes to Joseph Ratzinger on his 90th birthday, and to express my gratitude to him for his work as a theologian. We Christians constantly have to recentre our lives towards the essential core of our faith, agape. And that is what Ratzinger has done, in his writings in general, and in his famous encyclical. We are all in his debt for this.
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Ich freue mich, Joseph Ratzinger zum 90. Geburtstag meine allerbesten Glückwünsche zu senden und ihm meinen Dank für seine theologische Arbeit auszusprechen. Immer wieder neu müssen wir Christen unser Leben auf den wesentlichen Kern unseres Glaubens ausrichten: agape. Darauf hat Ratzinger in seinen Schriften und seiner berühmten Enzyklika hingewiesen. Dafür stehen wir alle in seiner Schuld.
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Jean-Luc Marion, geb. 1946, Philosoph · Paris
Souvent, dans les institutions, l’autorité se dispense de rationalité, et la rationalité manque d’autorité. Même dans l’Eglise, des évêques peuvent s’imaginer ne pas avoir vraiment besoin d’arguments théologiques, et des théologiens peuvent prétendre que le savoir universitaire leur tient lieu du charisme d’enseignement. Joseph Ratzinger, tel que je l’ai connu depuis 1975, en particulier lors des réunions de la Revue catholique internationale Communio, à Munich ou à Rome, a toujours validé son autorité institutionnelle par sa science théologique, parce qu’il éclairait toujours son immense érudition par le souci de confirmer la foi de ses frères. Cela reste son charisme propre: «annoncer le mustêrion du Christ» (Colossiens 4, 3) avec la seule exousia de son logos.
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Innerhalb von Institutionen kommt es häufig vor, dass die Autorität glaubt, ohne Rationalität auskommen zu können, und die Rationalität wiederum der Autorität ermangelt. Selbst innerhalb der Kirche gibt es Bischöfe, die glauben, sie seien im Grunde nicht auf theologische Argumente angewiesen, und Theologen, die das ihnen fehlende Charisma der Lehre durch akademisches Fachwissen zu kompensieren versuchen. Bei Joseph Ratzinger, den ich seit 1975 insbesondere von den Treffen der Internationalen Katholischen Zeitschrift Communio in München bzw. Rom her kenne, stützte sich die institutionelle Autorität stets auf profunde theologische Sachkenntnis; war doch seine immense Gelehrsamkeit stets von dem Anliegen beseelt, den Glauben seiner Brüder zu stärken. Darin besteht das ihm eigene Charisma: allein durch die Macht seines Wortes «das Geheimnis Christi zu verkünden» (Kol 4, 3).
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Julia Kristeva, geb. 1941, Philosophin · Paris
La rencontre d’Assise, le 27 octobre 2011. Intensité de son regard, fermeté et liberté de son discours… Benoît 16 parle après mon intervention au nom des invités non-croyants. Nous sommes pour lui des «personnes en recherche» qui, par «leur lutte intérieure» et «leur interrogation», «mettent en cause les adeptes de religions» et font «appel aux croyants», pour que personne ne se considère comme «propriétaire» de la vérité, mais que nous nous engagions «résolument pour la dignité de l’homme» et pour «servir ensemble la cause de la paix» (Discours à la Basilique Sainte-Marie-des-Anges).
Ce pape philosophe est convaincu des capacités de la culture européenne, il les porte en lui, il les interroge et il nous invite à les mettre en pratique. Tout au long de son œuvre et particulièrement durant les huit ans de sa papauté, Benoit 16 affirme sa conviction que l’Europe est capable de remonter «en deçà des Lumières», en «élargissant la raison» afin de l’«ouvrir» à la «raison de la foi»: seule voie possible pour le dialogue des cultures (Discours de Ratisbonne, le 12.9.2006).
A mon retour d’Assise, j’ai essayé d’approfondir ma réflexion sur le «cet incroyable besoin de croire»; et j’ai déplacé mon séminaire sur ce sujet, de l’Université Paris 7, à la Maison des adolescents (Hôpital Cochin, Paris), qui accueille aujourd’hui des jeunes en voie de radicalisation.
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Das Treffen in Assisi am 27. Oktober 2011. Sein durchdringender Blick, die Bestimmtheit und Freimütigkeit seiner Rede… Nachdem ich im Namen der nichtgläubigen Teilnehmer gesprochen habe, ergreift Benedikt XVI. das Wort. Für ihn sind wir «Menschen auf der Suche», die durch «ihren inneren Kampf» und «ihre kritischen Einwände» die «Anhänger der Religionen in Frage stellen» und «den Gläubigen ins Gewissen reden», damit sich niemand im «Besitz» der Wahrheit wähnen kann, sondern wir vielmehr «entschlossen für die Würde des Menschen» eintreten und «gemeinsam der Sache des Friedens dienen» (Ansprache in der Basilika Santa Maria degli Angeli).
Dieser Philosophenpapst ist von den Fähigkeiten der europäischen Kultur überzeugt; er trägt sie in sich, befragt sie und fordert uns dazu auf, sie umzusetzen. Während seines ganzen Wirkens und insbesondere während der acht Jahre seines Pontifikats hat Benedikt XVI. sich stets zu seiner Überzeugung bekannt, dass Europa in der Lage ist, «hinter die Aufklärung zurückzugehen», indem es «sein Vernunftverständnis erweitert», um es auf die «Vernunft des Glaubens» hin zu «öffnen», die den einzig möglichen Weg für den Dialog zwischen den Kulturen darstellt (Regensburger Rede vom 12.9.2006).
Nach meiner Rückkehr aus Assisi habe ich versucht, über dieses «unglaubliche Bedürfnis zu glauben» in vertiefter Weise nachzudenken, und habe mein Seminar zu diesem Thema, das ursprünglich an der Universität Paris VII hätte stattfinden sollen, in die «Maison des adolescents» («Haus der Jugendlichen») am Pariser Hôpital Cochin verlegt. In dieser Institution werden heutzutage junge Menschen aufgenommen, die im Begriff sind, sich zu radikalisieren.
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Holm Tetens, geb. 1948, Philosoph · Berlin
Es gab Philosophen auf dem Kaiserthron. Es gibt Philosophen auch auf dem Stuhl Petri. Bevor er zum Papst gewählt wurde, war Joseph Ratzinger ein bedeutender Theologe, besser: ein auf- und anregender theologischer Denker. Das ist er auch als Papst Benedikt XVI. geblieben, sogar ein bemerkenswert radikaler Denker. Nur ein einziges beeindruckendes Beispiel: Wann hat man schon eine schonungslosere und konsequenter durchdachte Diagnose unserer Unfähigkeit zu hoffen gelesen als in Benedikts Enzyklika «Spe salvi». Dort heißt es vom «ewigen Leben», ja nichts weniger als eines der zentralen Hoffnungsworte im christlichen Glaubensbekenntnis: «Wir möchten irgendwie das Leben selbst, das eigentliche, das dann auch nicht vom Tod berührt wird; aber zugleich kennen wir das nicht, wonach es uns drängt. Wir können nicht aufhören, uns danach auszustrecken, und wissen doch, dass alles das, was wir erfahren oder realisieren können, dies nicht ist, wonach wir verlangen. Dies Unbekannte ist die eigentliche ‹Hoffnung›, die uns treibt, und ihr Unbekanntsein ist zugleich der Grund aller Verzweiflung wie aller positiven und aller zerstörerischen Anläufe auf die richtige Welt, den richtigen Menschen zu. Das Wort ‹ewiges Leben› versucht, diesem unbekannt Bekannten einen Namen zu geben. Es ist notwendigerweise ein irritierendes, ein ungenügendes Wort.»
Es fällt mir kein Philosoph ein, der direkter und schnörkelloser unsere strukturelle Blindheit bei der Frage nach dem, wie die Philosophen sagen, «guten Leben», die irritierende Inhaltsleerheit unserer Vorstellungen vom guten Leben benannt hätte. Man muss dieses sprachlose Ungenügen im Hoffen der Christen (und der Nichtchristen) so kompromisslos und furchtlos formulieren wie Benedikt, erst dann fällt es einem wie Schuppen von den Augen, warum es geradezu zwingend ist, dass uns der «Geist aufs Beste vertritt», da wir ja wirklich «nicht wissen», was wir erbitten und erhoffen sollen. Dieser Folgerung kann sich selbst ein Philosoph nur schwer entziehen.
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Wolfgang Schüssel, geb. 1945, Bundeskanzler Österreichs 2000–2007 · Wien
Päpste sind große Vorbilder, Projektionsflächen für Erwartungen, Hoffnungen, Trost, Wegweisung, Warnung, Sinnstiftung. Für Benedikt XVI. trifft dies in einem noch größeren Ausmaß zu: Konzilstheologe, Autor zahlreicher Bücher und unzähliger Artikel, Leiter der Glaubenskongregation, enger Weggefährte Johannes Pauls II. Ab 2005 Papst und in einem ungewöhnlichen Akt der Selbstbescheidung 2013 zurückgetreten.
Ich habe Papst Benedikt einige Male persönlich erlebt und war immer tief beeindruckt von seiner Spiritualität und Gedankentiefe. Aufmerksam, neugierig, fokussiert, an großen Zusammenhängen interessiert. Bei einer Audienz vor der Übernahme des österreichischen EU-Ratsvorsitzes 2006 vergaß er die Zeit – er wollte alles wissen über Europa, seine Probleme und Herausforderungen, die Erweiterung, den Dialog der Religionen.
Sehr spannend fand ich Papst Benedikts Sozialenzyklika «Caritas in veritate», in der der Heilige Vater einerseits die schreienden Ungerechtigkeiten in der Welt anprangert, andererseits aber auch das attraktive Gegenmodell einer verantworteten Sozialen Marktwirtschaft dem gegenüberstellt. Wir dürfen nicht Opfer, sondern können Gestalter der Globalisierung werden. Und beinahe prophetisch: die Migration sei ein soziales Problem epochaler Art, das weitblickende Politik und internationale Kooperation erfordere.
In eindrucksvoller Erinnerung bleibt mir der große Besuch Papst Benedikts im Dezember 2010 in Österreich, das er ja als bayrischer Nachbar bestens kennt und schätzt. In seiner Rede in der Hofburg nannte der Heilige Vater ausdrücklich das «europäische Lebensmodell». Dieser spezifische «Way of Life» verbindet wirtschaftliche Effizienz mit sozialer Gerechtigkeit, politische Pluralität mit Toleranz, Liberalität, Offenheit und das Festhalten an Werten.
Und im Juli 2012 dirigierte Daniel Barenboim in Castel Gandolfo die 5. und 6. Symphonie Beethovens vor Papst Benedikt als aufmerksamem Zuhörer. Mit bewegenden Worten dankte er den israelischen, palästinensischen und anderen arabischen Musikern des East-West Divan Orchestra für ihre Botschaft des Friedens und der Versöhnung. Musik als Harmonie der Unterschiede, Beethoven als Interpret von Lebensweisen – Drama und Frieden, den Schicksalskampf und das Eintauchen ins Bukolische. Dieser Papst weiß, wovon er spricht und schreibt. Ein Weg-«Weiser», ein Vor- und Nachdenker. Ein Europäer und Weltbürger. Schön, dass es ihn gibt.
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Hans Maier, geb. 1931, Politikwissenschaftler · München
Der Theologe Ratzinger formulierte von Anfang an mit großer Genauigkeit, aber auch mit leichter und sicherer Hand. Alles Angespannte, Willentliche, Dezisionistische fehlte. Die Argumente wurden sorgfältig vorbereitet, entfaltet und verdichtet. Hinzukam ein natürlicher erzählerischer Fluß – am schönsten ausgebildet in der «Einführung in das Christentum»: die Sprache dieses Buches hat etwas donauländisch Strömendes, das die Leser in den Bann zieht.
Doch es gab von Anfang an auch den disputierenden, den streitbaren Theologen Ratzinger. Kritik, Polemik, in Maßen sogar Spott – das gehört zum Gesamtbild des Schriftstellers Joseph Ratzinger dazu. Gewiss, das polemische Temperament wird durch Rücksichten des Amtes in Schach gehalten – die Ironie, der kaustische Witz, der Sarkasmus verselbständigen sich bei Ratzinger kaum je in ähnlicher Weise wie bei Henri de Lubac oder gar bei Hans Urs von Balthasar (oder, in anderer Weise, bei Karl Barth). Aber vorhanden ist der reizbare Witz durchaus.
Dunkelheiten wird man bei Ratzinger kaum finden. Auch auf die bei deutschen Gelehrten manchmal üblichen hieroglyphischen Beimischungen verzichtet er. Dafür verbreiten seine besten Sätze Helle und Durchsichtigkeit. Er hält es mit den Franzosen (die seinen literarischen Habitus beeinflusst haben!) Hier gilt: Wenn dem Leser etwas dunkel bleibt, dann hat der Autor sein Werk nur halb getan. Klarheit hat Vorrang vor – echter oder vermeintlicher – «Tiefe». In Paul Valérys «Mon Faust» heißt der Teufel ironisch «der Vertiefer»!
Ludger Schwienhorst-Schönberger, geb. 1957, Bibelwissenschaftler · Wien
Bei Benedikt XVI. berührt mich immer wieder eine faszinierende Spannung zwischen der Klarheit und Stringenz eines argumentativ voranschreitenden Denkens und einem plötzlichen Innehalten vor dem, was da erschlossen und verstanden werden soll. Die Theologie steht immer in der Gefahr, dass sie das, was sie mit Hilfe ihrer Worte erschließen will und auch erschließen soll, mit eben diesen ihren Worten verdeckt. Dieser Gefahr erliegen progressive und konservative Gemüter in gleicher Weise. Es bedarf der Übung eines inneren Gewahrseins, diese Gefahr zu erkennen, und einer noch größeren Übung, ihr zu entkommen. Das spirituelle Verständnis der Heiligen Schrift, so schreibt Thomas Merton, «erwirbt man sich, indem man die Heilige Schrift im Schweigen der Nacht und in der Einsamkeit meditiert». Benedikt XVI. scheint dies ein Leben lang getan zu haben. Ihm ist gelungen, was der große jüdische Philosoph Maimonides beschreibt und was Meister Eckhart als das Modell einer wahrhaft gelungenen Schriftauslegung preist: «Die Wahrheit der Schrift ist wie ein goldener Apfel, der von silbernem Netzwerk in durchbrochener Arbeit übersponnen ist. Erblickt man ihn von weitem oder sieht ihn jemand ohne Verstand an, so meint er, er sei nur Silber. Betrachtet ihn aber jemand, der ein scharfes Auge hat, so wird sich ihm enthüllen, was drinnen verborgen ist, und er wird erkennen, dass es Gold ist». Dieses Gold hat uns Benedikt XVI. gezeigt. Er gehört zu jenen Lichtern, die uns nach einem Wort der heiligen Caterina von Siena der Herr immer wieder sendet, «damit sie die Blinden und das schwerfällige Verstehen erleuchten». Dem Jubilar sei dafür von Herzen gedankt.
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Hansjürgen Verweyen, geb. 1936, Theologe · Freiburg im Breisgau
Joseph Ratzinger hat immer wieder betont, daß 1959, mit seiner Lehrtätigkeit in Bonn, ein neuer Lebensabschnitt für ihn begann. Das ist schon seinen Erinnerungen aus dem Jahre 1998 zu entnehmen. Aber noch 2005, anlässlich des XX. Weltjugendtags in Köln, spricht der jetzt zum Papst gewordene Theologe in einem Grußwort von jener Zeit als den «unvergessene[n] Jahre[n] des Aufbruchs, der Jugend, der Hoffnung vor dem Konzil». In den Diskussionen seiner Bonner Seminare habe ich ihn mit dem ganzen Temperament eines jungen Studenten attackiert – und seine Offenheit dafür leider erst später als durchaus nicht selbstverständlich für einen «ordentlichen Professor» erkannt. Am 24. Februar 2007 schrieb er mir zu meinem Buch über «Die Entwicklung seines Denkens»: «Ich finde es gut, daß Sie das Ganze in der Form eines kritischen Gesprächs gestaltet haben.» Für diese Kontinuität in der Freundschaft, mit der mich mein Lehrer beschenkt hat, bin ich von Herzen dankbar.
Dank seiner Vermittlung konnte ich vor nun 50 Jahren als Assistant Professor (und «Laientheologe»!) meine Lehrtätigkeit an der University of Notre Dame beginnen. Dort habe ich das Zentrum seiner Theologie, das «Sein-für» Jesu Christi, als «being-for» weiterzugeben versucht. Schon in einem Vortrag von 1967 hatte er, das Abendmahlswort «Dies ist mein Leib, der für euch gegebene» kommentierend, unterstrichen, daß dieses «für euch» den Kern der Wirklichkeit Jesu, seine ganze Existenz näher präzisiert. Noch in einem auf dem Eucharistischen Kongreß des Bistums Benevent gehaltenen Vortrag von 2002 betonte er, daß der Herr nicht einfach sagt: «Dies ist mein Leib» (wie es noch in der Form des Römischen Meßkanons von 1962 heißt), sondern: «Dies ist mein Leib, der für euch hingegeben wird». Durch den Akt der Hingebung wird er sozusagen selbst in eine Gabe verwandelt. Hier liegt auch heute noch das, was mich am meisten mit Joseph Ratzinger verbindet.
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Ulrich Wilckens, geb. 1928, Bischof emeritus der Nordelbischen Evangelisch-
Lutherischen Kirche · Lübeck
Die Theologie des papa emeritus Benedikt XVI. ist elementar bestimmt durch das Zusammenwirken der Trias:
– das Kreuz Jesu Christi, des menschgewordenen Sohnes Gottes als Opfer für die Sünden aller Menschen;
– die Liebe Gottes, die in der Passion Jesu Christi und in der Auferweckung des Gekreuzigten ihre Vollendung gefunden hat;
– der Heilige Geist, der Gott den Vater und den Sohn eint und zugleich den glaubenden Christen als Kindern Gottes am Heilsgeschehen der Liebe Gottes teilgibt und sie so mit Gott und untereinander eint.
Diese Gotteskindschaft wird im Leben der Glaubenden konkret im sakramentalen Wunder der eucharistischen Mahlfeier. Darin wird das letzte Mahl Jesu mit seinen zwölf apostolischen Jüngern durch das Wirken des Heiligen Geistes so gegenwärtig, dass alle feiernden Gemeinden der ganzen Welt eins werden als Glieder des einen Leibes Christi. In diesem Sinn ist die Kirche wesenhaft eucharistische Gemeinschaft, die in der Liebe Gottes in Christus als una sancta catholica et apostolica lebt.
Ich weiß mich in diesem Glauben, in dem wir Sonntag für Sonntag in der Feier der Eucharistie die Wunderwirklichkeit des drei-einen Gottes dankbar erfahren, mit Ihnen, lieber Bruder Benedikt, zutiefst verbunden und grüße Sie am Festtag Ihres 90. Geburtstages mit dem biblischen Gruß: «Der Friede Christi sei mit dir!»