Jacques Maritain und das Zweite Vatikanische Konzil

Ich weiß nicht, ob die Älteren von Ihnen damit eine Erinnerung verknüpfen, in Frankreich jedenfalls denkt man beim Thema Jacques Maritain und das Konzil spontan an den Bauer von der Garonne, ein Buch von Maritain, das im November 1966 erschien und dessen wirklicher Sinn im Übrigen nicht erkannt worden ist.

Dieses Buch und seine Deutung ist aber nicht die einzige Beziehung Maritains zum Konzil. Man muss weit in der Zeit zurückgehen, um gewisse Zusammenhänge zu entdecken, die manchmal einen paradoxen Charakter erkennen lassen und sich auf unterschiedlichen Ebenen situieren: an der Oberfläche der Ereignisse wie auch in der Tiefe der Intuitionen und Vorbereitungen, der Einflussnahmen oder Übereinstimmungen.

Es geht also darum, diesen Bezug Maritains zum Konzil auf verschiedenen Niveaus wahrzunehmen. Wir bedenken, erstens, seine tatsächliche Teilnahme am Konzil und die Modalitäten dieser Teilnahme; zweitens, wie er das Konzil aufgenommen hat, was es für ihn bedeutet. Drittens konzentrieren wir uns auf eine andere, eher verborgene Präsenz Maritains am Konzil, die nicht in Bezug zu den Debatten und zur unmittelbaren Vorbereitung der Texte steht, sondern zu einer weit zurückliegenden Vorbereitung mit tiefgehenden Einflüssen und Ausrichtungen. Es ist eine Präsenz, die schwer zu durchschauen und doch fundamental ist.1

I

Um das Thema konkret zu situieren, ist es geboten, einige Worte über die persönliche Situation Maritains in den Jahren um 1960 zu sagen. Einige Wochen nach Eröffnung des Konzils im Oktober 1962 wird Maritain 80 Jahre alt. Mit Ausnahme der drei Jahre als Botschafter Frankreichs am Heiligen Stuhl in Rom (von 1945–1948) lebt er seit Beginn des 2. Weltkriegs außerhalb Frankreichs, ja Europas. In diesen Jahren ist das Leben der Maritains gezeichnet von Krankheiten, zuerst trifft es Jacques und dann Vera, die Schwester Raïssas; diese Sorge um die Gesundheit ließ gerade so viel Spielraum, um einige wichtige Bücher zum Abschluss zu bringen, die aber in Europa nicht bekannt sind. Dann kommen die Trauerfälle: Ende 1959 stirbt Vera in Princeton (U.S.A.) und einige Monate später Raïssa während einer Reise in Paris. Das lange gemeinsame, mehr als fünfzig Jahre dauernde Abenteuer geht dem Ende zu («ohne Raïssa und ohne Vera hätte es keinen Jacques gegeben», wird er einmal sagen2). Jacques steht nun allein da wie «ein alter, umgestürzter Baum, der noch einige Wurzeln in der Erde hat während einige andere den Winden des Himmels ausgesetzt sind».3 Im Jahr 1961 lässt er sich wieder in Frankreich nieder, in einem bewusst gewählten Ruhestand bei den Kleinen Brüdern Jesu in Toulouse, weil er «einen großen Durst nach Stille» verspürt und um sich «auf den Tod vorzubereiten».4 Er widmet sich der Veröffentlichung der Texte Raïssas, einer Aufgabe, von der er das Gefühl hat, dass er sie «um jeden Preis»5 zu erledigen hat. Als ein Mann des Glaubens und des Gebetes, für den das Mysterium der Kirche seit den fernen Jahren seiner Taufe im Mittelpunkt seiner Betrachtungen steht, begrüßt Maritain die Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils und schenkt ihm eine große Aufmerksamkeit. Sucht man aber nach Anmerkungen über das Konzil in seinen Notizbüchern oder in seinem Briefverkehr, wird man wenig finden.

Maritain fehlt indes keineswegs in den Projekten und in den Vorbereitungstexten des Konzils. Sein Name wird ausdrücklich in einem der vier schemata compendiosa vom September 19606, dem Schema «De ordine morali, individuali et sociali» (§ 8) genannt. Dort wird ihm eine Sanktion oder zumindest eine Mahnung wegen seiner Lehre über die Beziehung des Spirituellen zum Zeitlichen angedroht. Nach der Verurteilung «der Irrtümer des Materialismus, des Sozialismus, des Kommunismus, des Liberalismus und des Kapitalismus» scheint auch die «Doctrina Maritain et laicismus» im Text auf.

Weiß es Maritain? Sein Freund, der Schweizer Abbé Charles Journet, der noch nicht Kardinal, aber Mitglied der Vorbereitungskommission des Konzils war, sagt ihm nichts: zu diesem Zeitpunkt, im September-Oktober 1960, liegt Raïssa in Agonie. In seinen Anmerkungen zu den schemata compendiosa erstellt Journet ein Gutachten, um diesem Projekt Einhalt zu gebieten. Einige Monate später, am 10. April 1961, schreibt er Pater Gagnebet OP, dessen Stellung zu Maritain zweideutig ist (es scheint, er wolle Maritain verteidigen, doch gesteht er dessen Gegnern zu, Maritain solle seine Ansichten präziser darlegen):

Das, was Sie mir über Jacques sagen, stimmt mich traurig. Ich weiß nicht, ob Sie sich der Situation bewusst sind. Er hat gerade Schlag auf Schlag Vera und Raïssa verloren. Alle drei haben ihr Leben für das Wiedererwachen der Kirche in den Herzen der Gläubigen7 gegeben. Er hat ganz allein die Attacken und die Verleumdungen der Action Française ertragen, um den Papst zu verteidigen, der ihn nach Rom hatte kommen lassen. Eben hat er die Arbeit an dem außerordentlichen Buch über die Philosophie morale beendet, in dem in drei Kapiteln (Hegel und die Weisheit, Hegel und der Mensch, Hegel und Gott) die tiefste und entscheidendste Studie über Hegel dargelegt wird, die jemals geschrieben wurde; ein Buch, in dem Marx, Comte, Sartre klar ausgedeutet werden. Er lebt in der ständigen Gegenwart von Raïssa und Vera, und hat sich bei den Kleinen Brüdern zurückgezogen; sein Leben, sagt er, hat nur mehr einen Sinn für den Himmel. Und da sollte ich hingehen, ihm einen Dolch ins Herz zu stoßen, indem ich ihm sage, das Konzil droht, ihn zu verurteilen? Wie könnte ich so etwas tun! Zuerst frage ich mich, ob ich das Recht habe, ihm das überhaupt zu sagen. […]8

Es steht also etwas ganz Zentrales auf dem Spiel: im Kern der Frage geht es um das Verhältnis des Spirituellen und des Zeitlichen. Die Gegnerschaft ist nicht neu; sie reiht sich ein in die ständigen, sich häufig wiederholenden Angriffe9 und geht zum Großteil von etlichen lateinamerikanischen Bischöfen, von französischen Fundamentalisten und von einigen Mitgliedern der römischen Kurie aus. Wie wir wissen, werden die Vorbereitungstexte durch die Konzilsväter in Frage gestellt und die Problemfelder weitgehend erneuert werden. Die Sanktionsdrohung gegen Maritain wird fallen gelassen werden (sie kommt aber 1962 noch einmal auf10), doch seine Ansichten werden weiterhin von der so genannten «Minorität» bekämpft. Doch Maritain bleibt dieser Debatte fern und seinem Rückzug treu. Einige Freunde drängen ihn dazu, zu reagieren. Er antwortet ihnen am 13. Februar 1962: «Man muss verstehen, dass ich mich von der Welt zurückgezogen habe, und dass durch eine einzige Ausnahme von der Regel alles für mich verloren wäre. Man muss auch verstehen, dass ich ein gebrochener Mann bin, für den fast alles, was die Menschen interessiert, kaum noch einen Sinn hat…»11

Die Wahl Gianbattista Montinis auf den Stuhl Petri wird die Situation Maritains wesentlich verändern. Montini war für Maritain ein privilegierter Ansprechpartner und ein Freund, vor allem seit den drei Jahren seiner Zeit als Botschafter am Heiligen Stuhl. Beide gehörten derselben geistigen Familie an. Am Anfang der Vorbereitungsphase des Konzils schrieb Kardinal Montini am 25. Juli 1960 an Maritain, indem er ihn an die gemeinsamen Gespräche in dessen Zeit als Botschafter erinnerte: «Auch heute noch möchte ich mit Ihnen die Ereignisse der letzten Jahre erörtern und ihre Meinung über so viele Dinge wissen. Was denken Sie über die Einberufung des kommenden Konzils? Wie stellt sich Ihnen das Leben der Kirche in dieser Periode dar? Werden Sie in diesem Jahr nicht nach Europa kommen?»12 Maritain aber, der eben nach Frankreich zurückgekehrt war, harrte zu diesem Zeitpunkt mitten in der großen Prüfung der letzten Krankheit Raïssas aus und war so, auf andere Weise, «außerhalb der Welt».

Als Montini Papst wird, macht Maritain folgende Eintragung in sein Tagebuch: «Kardinal Montini wurde zum Papst gewählt und nimmt den Namen Paul VI. an. Das erfüllt mich mit großer Freude. (Wenn er mich nur nicht aus lauter Freundschaft anwerben will und mich ersucht, ‹Konzilsbeobachter› zu sein!)»13 Paul VI. wird das nicht tun, seinen Rückzug respektieren und damit Diskretion und Finesse erkennen lassen. Gleichwohl wird er Maritain auf eine freiere, nicht offizielle Weise gewissermaßen ins Konzil «einführen».

Die zweite und dritte Session des Konzils geht vorüber ohne dass Paul VI. Maritain anspricht. Aber nach der dritten Session, die oft sehr schwierig verlief, werden zwei Ereignisse, die der Papst selbst veranlasst, Bewegung in die Beziehung Maritains zum Konzil bringen. Als Erstes sendet Paul VI. am 27. Dezember 1964 seinen Privatsekretär Mgr. Pasquale Macchi, begleitet von Jean Guitton, nach Toulouse, um Maritain in einigen bestimmten Fragen zu konsultieren. Daraus entstehen vier Memoranden, die an den Papst adressiert und von Maritain Anfang des Jahres 1965 verfasst werden. (Wir werden auf diese Texte zurückkommen, welche in den Œuvres Complètes an die siebzig Seiten umfassen.)

Die zweite Initiative Pauls VI., die Maritain indirekt, aber ganz real trifft, ist die Ernennung von Abbé Charles Journet zum Kardinal im Februar 1965. Seit mehr als 40 Jahren war Journet als Theologe der Freund Maritains gewesen, sein Kompagnon in der Arbeit, in der Forschung und in so manchen Heimsuchungen. Auf diese Weise war die «Linie Maritain-Journet» (der Ausdruck ist von Paul VI.14) in der letzten Session des Konzils durch Journet aktiv vertreten. Im Übrigen erscheint dies als eine Neuheit, die so wichtig und bezeichnend ist, dass ein Kirchenhistoriker wie Guiseppe Alberigo in seinem fünfbändigen Werk über das 2. Vatikanische Konzil in den Kapiteln über die vierte Session Maritain und Journet einen ganz speziellen Paragraphen widmet. Er schreibt, dass deren Interventionen «auf verschiedene Art und Weise darauf hinweisen, dass der Papst dahin tendiert, Berater heranzuziehen, die dem Konzilsmilieu ganz fremd sind».15

Von diesem Zeitpunkt an wird Maritain mehrere Beiträge liefern, ohne dass er öffentlich interveniert und indem er noch mehr als bisher an seiner reservierten Haltung festhält («Es soll nicht so aussehen als würde ich mich in die Angelegenheiten des Konzils einmischen, das spüre ich ganz stark», sagt er im Juli 1965 zu Journet). Im Lauf dieses Jahres 1965 können drei Beiträge angemerkt werden:

1) Die Abfassung der vier Memoranden nach der Konsultation Mgr. Macchis. Zwei dieser Texte betreffen Themen, die unmittelbar im Zentrum der Debatten und der Streitgegenstände des Konzils stehen: die Religionsfreiheit und das Apostolat der Laien. Die zwei anderen Themen weisen schon auf die Nachkonzilszeit und auf die Umsetzung des Konzils hin. Zum einen schlägt Maritain eine Art Schema für eine Enzyklika über die Wahrheit vor; zum anderen erörtert das vierte Memorandum Fragen des spirituellen Lebens, der Kontemplation und der Liturgie (mit sehr konkreten Anmerkungen zur Umsetzung der Liturgiereform und zur Übersetzung in die Landessprachen), und schließlich findet sich noch ein sehr interessanter Paragraph über die philosophischen und theologischen Studien. Diese vier Memoranden stellen mit Sicherheit die größte und substantiellste Intervention Maritains dar.

2) Die zweite Intervention erfolgt auf ein Ersuchen Pauls VI. hin und betrifft die Schlusszeremonie des Konzils. Drei Tage vor der Eröffnung der vierten und letzten Session trifft Maritain Paul VI. in Castelgandolfo.16 Seit 17 Jahren, seit der Zeit Maritains als Botschafter, haben sie sich nicht mehr gesehen. Im Laufe des Gesprächs legt ihm der Papst sowohl seine Projekte für die Schlusszeremonie des Konzils als auch für die nachkonziliare Zeit vor, insbesondere das Projekt der «Botschaften», die er im Namen des Konzils an die Menschen der heutigen Zeit richten möchte. Und er lädt den Philosophen ein, ihm durch Mgr. Macchi «jegliche Anregung, die ihm einfällt» zu übermitteln. Dann erfolgt die Einladung Pauls VI. an Maritain, für den Schlussakt des Konzils nach Rom zu kommen. Maritain wird in einem Brief von 8 Seiten am 3. November 1965 an Mgr. Macchi zum Thema der von Paul VI. vorgesehenen Botschaften antworten.

3) Inzwischen hat Maritain auf eigene Initiative, wenn auch nur indirekt, durch Vermittlung Kardinal Journets am Konzil interveniert. Er ist beunruhigt, weil in der Deklaration über die nichtchristlichen Religionen im Kapitel über das jüdische Volk Änderungen eingefügt wurden. Insbesondere stört ihn, dass das Wort «damnat» («verdammt») in Bezug auf den Antisemitismus weggelassen wurde. Er schreibt am 7. Oktober 1965 an Mgr. Macchi und an Kardinal Journet: «Ich habe es als eine wahre Wunde empfunden, als ich sah, dass man die Worte et damnat nach dem Wort deplorat unterdrückt hat. Wenn das Konzil eine solche Auslassung akzeptiert, dann ist das ein großer Rückschritt im Hinblick auf die Verurteilung des Rassismus und Antisemitismus durch Pius XI.» Dann fügt er noch hinzu: «Charles, Sie, der Sie Destinées d’Israël geschrieben haben, ich hoffe, dass Sie auf die Konzilsväter einwirken können, um das Wort condamne, das wesentlich ist, wieder aufzunehmen.»17 Journet schreibt an Paul VI. am 13. Oktober und kopiert ihm die entsprechenden Zeilen aus dem Brief Maritains. Der Papst lässt antworten, dass er sofort die zuständige Kommission darauf hingewiesen habe, aber dass es zu spät gewesen sei, den Text abzuändern, der am 15. Oktober gewählt wird.

Diese drei Beiträge Maritains waren eine strikte Privatangelegenheit im Rahmen des Vertrauens und der Freundschaft zwischen dem Montini-Papst und ihm. Aber ein viertes Ereignis wird die Präsenz Maritains am Konzil öffentlich kundtun.

Am 7. Dezember 1965 nimmt Maritain an der letzten Sitzung des Konzils teil, an der über so bedeutende Texte wie die Erklärung über die Religionsfreiheit und die Konstitution Gaudium et spes abgestimmt wird; danach hält Paul VI. noch vor dem Erlass der Texte seine große Rede («dem Menschen dienen» – «dem integralen Menschen», integro homini18). Tags darauf befindet sich Maritain auf dem Petersplatz für den Schlussakt des Konzils. Am Ende übergibt Paul VI. sieben Botschaften an verschiedene Repräsentanten der Weltgesellschaft. Die Botschaft an die Intellektuellen übergibt er Jacques Maritain, der von Stefan Szwiezawski, Jean Guitton und Chako Kandankavil begleitet wird. Flüchtige Augenblicke, aber geladen von der Gemütsbewegung, der Ehrerbietung und der Freundschaft Pauls VI. für den alten Philosophen, und reich an Bedeutung. Maritain wird hierauf in sein Tagebuch schreiben: «Paul VI. erhebt sich, als ich auf ihn zugehe und sagt mir beim Übergeben der Botschaft einige ergreifende Worte: ‹Die Kirche ist Ihnen dankbar für die Arbeit ihres ganzen Lebens…›, und noch anderes sagt er, das ich vor lauter Rührung nicht behalten habe.»19

II

Soweit also die wichtigsten Geschehnisse. Sie gehen über bloß Anekdotisches hinaus, denn sie führen schon in die tiefere Bedeutung ein, die das Konzil in den Augen Maritains hat.

Wie also sieht Maritain das Konzil, seine Bedeutung, seine Reichweite, seine Umsetzung? Es ist nicht möglich, in dieser kurzen Zeit in angemessener Weise zu antworten. Ich möchte nur einige besonders bedeutsame Punkte ans Licht bringen, die, wie es mir scheint, auch die heutige Zeit noch erhellen.

Dazu ist es interessant, ganz zuerst jene Seiten zu lesen und zu hinterfragen, die den Bauer von der Garonne20eröffnen. Bald nach dem Konzil – das Kapitel trägt das Datum vom 13. Jänner 1966 – beginnt Maritain mit einer langen Danksagung für die Arbeit des Konzils, die sich an das Exultet der Osternacht anlehnt21: In sieben strophenartigen Abschnitten, die jeweils mit einem «man frohlockt…» beginnen, zählt er die Motive seiner Dankbarkeit auf und erläutert sie. Welche Motive sind das?

Als Erstes nennt Maritain die Anerkennung der «richtigen Idee der Freiheit» […] «unter den großen Leitideen der christlichen Weisheit»; und die Anerkennung der «richtigen Idee der menschlichen Person, ihrer Würde und ihrer Rechte».22 Insbesondere – und das ist der zweite Punkt des «Exultet» – führt er die Religionsfreiheit an. Diese ist nicht zu verstehen als Triumph des Relativismus und der Gleichgültigkeit. Sie meint vielmehr «die Freiheit, die jeder menschlichen Person angesichts des Staates oder irgendeiner anderen zeitlichen Macht zu eigen ist, ihr ewiges Geschick wachsam zu bedenken, indem sie mit ganzer Seele die Wahrheit sucht und sich entsprechend ihrem Erkenntnisstand nach ihr ausrichtet, um ihrem Gewissen gemäß dem zu folgen, was sie in den religiösen Dingen für wahr erachtet».23

In derselben «Strophe» fügt Maritain hinzu: «Zusammen mit der Erklärung der Religionsfreiheit hat das Konzil auch die heiligen Schätze der katholischen Lehre, welche die Kirche und die Offenbarung betreffen, in ein neues Licht gestellt, und derer unsere Zeit in besonderer Weise bedarf.» Dabei fällt auf, dass für Maritain die Religionsfreiheit nicht isoliert dasteht; vielmehr setzt er sie in Bezug zur weiter entwickelten und vertieften Lehre über die Offenbarung und über die Kirche, die Quelle und Ort der vollen Wahrheit sind. (Ich werde noch darauf zurückkommen.)

Das dritte Motiv seiner Freude drückt er wie folgt aus: «Es erfüllt mit Dank und Freude, dass die Kirche uns mit neuer Kraft und einem besonderen Nachdruck einschärft, alle diejenigen wirklich als Brüder […] zu behandeln, von denen wir wissen, dass sie der Wahrheit mehr oder weniger fern sind, seien es nun Christen, die nicht dem katholischen Credo anhangen, oder Nicht-Christen oder Atheisten. Das Konzil hat hervorgehoben, dass wir eine solche Brüderlichkeit besonders dem Volk der Juden schulden; der Antisemitismus ist eine widerchristliche Verirrung.»24 Dieser Punkt liegt Maritain besonders am Herzen. Er hatte ihn mit Mgr. Macchi bei der Begegnung in Toulouse angesprochen, ihn aber in den vier Memoranden nicht erwähnt. Er kommt im Bauer von der Garonne darauf zurück und widmet ihm dort das ganze 4. Kapitel.

Der vierte Punkt betrifft die Welt und das richtige Verhältnis der Kirche zur Welt. Es ist bekannt, dass über diese Frage heftig debattiert wurde und dass sie für gewisse Teilnehmer gravierende Schwierigkeiten aufwarf. Die Reaktion Maritains ist umso beachtenswerter. Er schreibt im Bauer von der Garonne: «Ein alter Thomist wie ich einer bin, freut sich, wenn er sieht, in welchem Maß die Pastoralkonstitution Gaudium et spes vom Geist und von den Grundansichten des doctor angelicus durchtränkt ist.»25 Er freut sich, dass die Pastoralkonstitution Gaudium et spes die Frage nach der Welt so angeht, dass sie sich zuerst in der ontologischen Perspektive der Genesis und der Summa theologiae situiert, das heißt «indem sie die menschliche Natur und die Welt in dem bedenkt, was sie in sich selbst konstituiert».26 Von diesem Standpunkt aus kann die Konstitution die in der Welt eingewurzelte Güte und Schönheit geltend machen und auf diese Weise mit einem lang gehegten Missverständnis über «die Verachtung der Geschöpfe» und ihre Folgen im Denken und im Verhalten der Katholiken aufräumen.27 So kann die spirituelle und transzendente Mission der Kirche und ihre Sorge um die Welt und um ihr zeitliches Endziel in einer erneuerten Weise definiert und situiert werden.28 So kann auch das Spannungsfeld zwischen Welt und Kirche gemäß dem Evangelium besser verstanden werden.

Der fünfte Punkt bekräftigt die zeitliche Mission des Christen. Das sechste Motiv der Freude betrifft das Aufzeigen und die Klärung des Status der Laien in der Kirche, insbesondere ihre Berufung zur Heiligkeit («zur Vollkommenheit der Liebe und der Weisheit des Heiligen Geistes») und zu einem kontemplativen Leben in der Welt. Schließlich hat der siebte Jubelruf den ausnahmslos spirituellen Charakter der Mission der Kirche zum Thema. Maritain wendet sich entschlossen der Umsetzung des Konzils durch den Papst und durch die Bischöfe der ganzen Welt zu. Es geht darum, so schreibt er, «den unermesslichen Schatz der Wahrheit, welcher der Kirche anvertraut ist, unversehrt in die Neuerungen einzubringen, die das Konzil ausgelöst hat, und die von nicht absehbarer Bedeutung sind.»29

Am Ende seines «Exultet» bekräftigt Maritain ohne Zögern: «Ein neues Zeitalter beginnt, in der die Kirche uns einlädt, die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Vaters [benignitas et humanitas (philantrôpia) salvatoris nostri Dei, vgl. Tit 3, 4] besser zu verstehen. Zudem ruft sie uns auf, alle Dimensionen dieses hominis integri, von dem der Papst in seiner Ansprache am 7. Dezember 1965, in der letzten Sitzung des Konzils gesprochen hat, mit anzuerkennen.» Die Bezugnahme Pauls VI. zum «integralen Humanismus» ist klar – eine Bezugnahme nicht nur zum Buch Maritains, sondern auch zur Grundperspektive, die darin dargelegt wird.

Auf diesen Seiten des Bauers von der Garonne drückt Maritain seine uneingeschränkte und glückliche Zustimmung aus. Man könnte sich aber fragen, ob diese Motive des Jubels eine getreue Darstellung der objektiven Beiträge des Konzils oder nur ein persönliches und subjektives Echo sind. Es ist richtig: Maritain geht kaum auf die das Konzil tiefgehend prägende biblische, liturgische und patristische Erneuerung ein. Das will nicht heißen, dass er nichts davon weiß oder ihre Bedeutung nicht erkennt. Auch hat er das erste Kapitel folgendermaßen begonnen: «Ich sage Dank für all das, was das Konzil beschlossen und vollbracht hat. Gern würde ich noch für andere Sachen danken, wenn das Konzil sie ebenfalls zustande gebracht hätte.»30 Vergessen wir nicht die vielen Seiten, in denen er sich in seiner eigenen Meditation über das Mysterium der Kirche häufig und systematisch auf die Konstitution Lumen gentium bezieht.31 Aber in den Seiten, auf die ich mich nun beziehe, liegt der Akzent auf einem anderen Gebiet und auf anderen Errungenschaften des Konzils, die sich vor allem in Gaudium et spes, in Dignitatis humanae und in Nostra Aetate finden.

Ich möchte nun zusammenfassend drei Interpretationsrichtungen vorschlagen, die uns verstehen helfen, wie Maritain das Konzil aufgenommen hat. In der ersten können wir anmerken, dass diese sieben Jubelrufe ein Bündel von Fragen bilden, die weiterhin gelten und die zusammen die Gestalt dieses «neuen Zeitalters» entwerfen, das Maritain mit Freude und Hoffnung mit dem Konzil herankommen sieht. Denn die charakteristischen Züge des «neuen Zeitalters» stimmen ziemlich genau mit den typischen Zügen überein, die Maritain ausgearbeitet hat, um den neuen «historischen Himmel» zu kennzeichnen, der heute die Aktivität der menschlichen Gemeinschaft bestimmt. Maritain hatte schon seit Langem die künftige Gestalt dieses «neuen Zeitalters» vorausgeahnt. Zudem kann der «Bauer von der Garonne» am Ende seiner Danksagung gar nicht anders als eine Sichtweise wieder aufzunehmen, die schon im Humanisme intégral32 der 30er Jahre dargelegt wurde: «Vollendet ist die große Umkehr, dank der die Menschen es nicht mehr auf sich nehmen müssen, die Sache Gottes zu verteidigen; Gott bietet sich an, die Sache der Menschen zu schützen, wenn diese die angebotene Hilfe nicht ausschlagen.»33 Maritain hatte unermüdlich gearbeitet, geschrieben, gebetet, gelitten, um diese neuen Perspektiven ins Bewusstsein der Christen zu hieven, aber auch, um ihnen eine philosophisch-theologisch solide Basis zu geben. Sicherlich hat Paul VI. dies auch mit gemeint, als er zu ihm sagte: «Die Kirche ist Ihnen für die Arbeit ihres ganzen Lebens dankbar.»34

Für Maritain geht zweitens dieses «neue Zeitalter» mit einer Erneuerung der inneren Einstellung und der Mentalitäten einher. «Das wahre neue Feuer», so der «Bauer von der Garonne», «die wesenhafte Erneuerung, wird eine innere Erneuerung sein.»35 In einem Ausspruch, den Maritain noch vor dem Konzil (im Februar 1962) zu einem Freund im Vorübergehen machte, merkt er ganz allgemein, aber doch bezeichnenderweise an: «Sicher, wir haben Recht, viel vom Konzil zu erwarten. Aber wenn wir nicht damit beginnen zu bereuen, was wird dann daraus?»

Die Erneuerung, die laut Maritain aus dem Konzil hervorgehen soll, liegt auf derselben Linie wie seine ursprüngliche Intuition. Sie schließt eine Reue über ganz bestimmte Punkte mit ein (erinnern Sie sich an die großen Gesten Pauls VI., wie seine Begegnung mit dem Patriarchen Athenagoras im Jahr 1964 oder wie die Aufhebung der wechselseitigen Exkommunikation zwischen Katholiken und Orthodoxen am 7. Dezember 1965; denken Sie auch an den Akt der Reue Johannes Paul II. anlässlich des 2000-Jahr-Jubiläums!). Doch eine Erneuerung verlangt noch Radikaleres, sie verlangt eine Umkehr der Mentalitäten und der Verhaltensweisen. Und das ergibt sich aus der Lehre des Konzils selbst; das ist nicht etwas Nebensächliches oder von außen Kommendes.

«Das Konzil hat den Elan und die Inspiration gegeben», sagte Maritain in seiner Ansprache an die UNESCO im April 1966, «es hat aber auch die Lehre gegeben, die uns verpflichtet, sie zu verstehen, zu meditieren und in die Praxis umzusetzen. Und wenn man von der Anwendung der Lehren des Konzils spricht, dann sollte man zuerst und vor allem an die Notwendigkeit denken, diese Lehre in unseren Seelen so zum Leben zu erwecken, dass sie unsere Denkregeln geradezu neu begründet.»36

Diese innere Erneuerung, so Maritain, hat sich nach mehreren Richtungen hin weiter zu entwickeln (ich zähle sie nur auf ). Erstens, eine Erneuerung in der Ordnung der geschwisterlichen Freundschaft unter den Menschen, und besonders unter Christen und Nichtchristen (das ist eine konkrete und praktische Konsequenz der Lehre der Kirche über die vielgestaltigen Möglichkeiten ihr anzugehören, wie sie in Lumen gentium dargestellt und seit Langem von Maritain und Journet meditiert wird). Zweitens, eine Erneuerung in der Ordnung der Vernunft. Schon im März 1965, also noch vor der Verlautbarung der großen Texte während der letzten Sitzung des Konzils, schrieb Maritain an katholische Intellektuelle in Amerika: «Das, was wir bitter notwendig brauchen, das ist eine gediegene intellektuelle Ausstattung, die uns befähigt, den tieferen Sinn der neuen Probleme und der neuen Entdeckungen unseres Zeitalters wahrzunehmen. Das soll so geschehen, dass die große Eroberung, die sie ermöglichen, tatsächlich in den Kontext einer gut fundierten und einleuchtenden theologischen und philosophischen Weisheit integriert werden kann.»37 Drittens, last but not least, eine Erneuerung in der Ordnung der konkreten Einbindung der Berufung aller zur Heiligkeit (gemeint sind die Erneuerungen der Wege der Kontemplation). Seine Rede vor der UNESCO beendete Maritain mit folgenden Worten: «Eine unsichtbare Konstellation von Seelen, die sich dem kontemplativen Leben hingeben, in der Welt selbst, innerhalb der Welt, das ist unser endgültiger Anlass, die ultima ratio zu hoffen.»38 Paul VI. wird sich auf diese Rede in seiner Enzyklika Populorum progressio beziehen.

Halten wir fest: Alle diese Wege innerer Erneuerung sind nicht nur angedacht, sondern zeit ihres Lebens von den «drei Maritain»39 zuerst gelebt und experimentiert worden.

Drittens die Auslegung des Konzils durch Johannes XXIII und durch Paul VI. Maritain besteht auf dieser Auslegung, welche die Sichtweise des Konzils in zwei Aspekte gliedert. Da ist der Aspekt der Bestätigung, der Weiterentwicklung und der Vertiefung der Wahrheiten, den die Kirche in ihrem Lehrgebäude bewahrt und der Aspekt der Erwägung der konkreten Bedingungen, unter denen die Personen leben, die sich aus freien Stücken der Wahrheit öffnen und sich ihr anschließen.

Hinter all dem verbirgt sich die seit Thomas von Aquin klassische Unterscheidung zwischen der Ordnung der Spezifikation und der Ordnung des Vollzugs, d. h. zwischen der gegenständlichen Bestimmung des Glaubens durch sein Objekt (die Offenbarung) und den Vollzugsbedingungen, die vom existentiellen Zustand des Subjekts abhängen. Diese Unterscheidung ist im Denken Maritains besonders maßgeblich und fruchtbar.40 Es ist eine Unterscheidung, ja, aber auch eine gegenseitige Ergänzung von zwei Begriffen, die es ermöglicht, die Herausforderungen der Wahrheit und der Liebe zusammenzuhalten. Diese Unterscheidung der zwei Aspekte und ihre Aufeinander-Bezogenheit ist ein Schlüssel für die Interpretation des Konzils, und auch für Maritain, wie er das Konzil versteht. Sie bestimmt, seiner Ansicht nach, die Bedingungen der Umsetzung des Konzils und der unumkehrbaren Erneuerungen, die es eingeführt hat. «Meiner Meinung nach», schrieb Maritain an amerikanische Intellektuelle, «sollten die katholischen Intellektuellen einerseits mit Treue und Enthusiasmus von den neuen, segensreichen Veränderungen und von den Impulsen profitieren, die vom Konzil zur unumstößlichen Lehre erklärt wurden. Diese Impulse betreffen die Kirche selbst und öffnen den Zugang zu den nichtkatholischen Brüdern und zu den Problemen der modernen Welt. Andererseits sollten sie sich unbeirrt an die Wahrheit halten und sich mit ganzer Hingabe ihrer Aufgabe widmen, dem Denkvermögen zu helfen, sich von der Vermengung der eben erwähnten Ordnungen fernzuhalten.»41 (Maritain ist sich wohl bewusst, dass es gleichzeitig gilt, einer schweren intellektuellen Krise die Stirn zu bieten. Sehr früh schon hatte er eine metaphysische Schwäche festgestellt, der die Keime der Erneuerung zu ersticken drohte, einer Erneuerung die er begrüßte und mit Enthusiasmus aufnahm, wie etwas, nach dem er sich schon lange gesehnt hatte). So haben wir gesehen, dass Maritain gleichzeitig für die Verteidigung der Religionsfreiheit wie auch für die Vertiefung der Lehre über die Offenbarung und über die Kirche Dank sagt. In der Sendung des Papstes und der Bischöfe erkennt er eine doppelte Aufgabe, und zwar «den immensen Schatz der Wahrheit, der im Schoß der Kirche Christi ruht, intakt zu bewahren und gleichzeitig die Erneuerungen von ungeheurer Tragweite, die das Konzil ausgelöst hat, voll und ganz zu verwirklichen».42

III

Die vorigen Anmerkungen haben schon meinen dritten Teil eingeleitet: Maritain, der «durch die Arbeit seines ganzen Lebens» latent am Konzil präsent ist wie auch durch die Reifung gewisser neuer oder wieder aufgefrischter Fragen, ähnlich einem Schriftgelehrten, der aus dem Schatz der Kirche «Neues und Altes», nova et vetera, hervorholt. Das alles wäre ein zu weit gefasstes Thema für meinen Vortrag. In diesem letzten Teil möchte ich mich nur auf ein wichtiges Beispiel festlegen: auf die Frage nach dem Verhältnis des Spirituellen zum Zeitlichen (und auf die Religionsfreiheit, die dafür ein Muster der Anwendung darstellt).

Sie erinnern sich, dass die Ansichten Maritains in diesen Fragen in der Vorbereitungsphase des Konzils suspekt gewesen waren. Ist es möglich in wenigen Worten die Auffassung Maritains zusammenzufassen, die er im Laufe der Zeit in seinem Werk entwickelt hat? Für ihn sind die unveränderlichen Prinzipien, wie die spirituelle Vorrangstellung der Kirche und die notwendige Zusammenarbeit zwischen der Kirche und den politischen Instanzen, welche die Beziehungen des Spirituellen und des Zeitlichen, insbesondere das Verhältnis der Kirche zur Welt regeln, von den analogen Anwendungen dieser Prinzipien zu unterscheiden. Diese Anwendungen richten sich nach der je konkreten historischen Existenz, nach verschiedenen «historischen Himmeln» und nach den sich ändernden existenziellen Bedingungen.

Nach dieser Sichtweise, gibt es nicht eine ideale Art und Weise, diese Prinzipien konkret umzusetzen (etwa in eine mittelalterliche und zudem idealisierte Christenheit). Laut Maritain ist die Auffassung einer einzigen idealen historischen Verwirklichung in sich selbst widersprüchlich: sie verkennt die der Zeit und der Geschichte innewohnende Wirklichkeit. Nicht nur das, diese Anschauung verkennt auch die Natur des Prinzips als Prinzip, und insbesondere die Natur eines praktischen Prinzips, indem sie das Prinzip an eine partikulare historische Verwirklichung bindet oder sich mit ihr identifiziert. Die feststehenden praktischen Prinzipien sind da, um die Verhältnisse der Zeit zu erhellen und ihnen eine Richtung zu weisen. Man muss daher die Bedingungen eines gegebenen historischen Klimas in Betracht ziehen, um neue Modalitäten zu entdecken, nach denen die inspirierende Kraft der unveränderlichen Prinzipien Anwendung finden kann.43

Diese hermeneutische Regel wird Jacques Maritain anwenden, um die Frage der Religionsfreiheit im «historischen Klima» unserer Zeit abzuklären. Man weiß, dass Kardinal Journet zur Frage der Religionsfreiheit am 21. September 1965 interveniert hat. Alle Zeugen sind sich einig, dass seine Intervention einen starken Eindruck auf die Konzilsväter hinterlassen hat und dass sie ein solches Gewicht hatte, dass die Abstimmung über die Erklärung Dignitatis humanae positiv ausging. Sie fasste das Denken, das Journet mit Maritain teilte (und das letzterer im Memorandum an Paul VI. vom März 1965 noch einmal vorgestellt hatte) erstaunlich gut zusammen. Journet schreibt tags darauf am Rand seines Textes einige Zeilen an Maritain: «Jacques, das ist das etwas dürftige Resümee der Einsichten, für welche Raïssa, Vera und Sie gebetet und gerungen haben.»44

Nun möchte ich noch anmerken, dass diese hermeneutische Regel genau die des Papstes Benedikt XVI. in seiner berühmten Rede des Jahres 2005 an die Kurie ist, in der er das Werk des Konzils gemäß einer «Hermeneutik der Reform» interpretiert. Da ich es nicht besser sagen könnte, zitiere ich Benedikt: «Es ist klar, dass der Versuch, eine bestimmte Wahrheit neu zu formulieren, es erfordert, neu über sie nachzudenken und in eine neue, lebendige Beziehung zu ihr zu treten.»45

In Bezugnahme auf die Abschlussrede zum Konzil von Paul VI. fährt Benedikt fort: «In der großen Kontroverse um den Menschen, die bezeichnend ist für die Moderne, musste das Konzil sich besonders dem Thema der Anthropologie widmen. Es musste über das Verhältnis zwischen der Kirche und dem Glauben auf der einen und dem Menschen und der heutigen Welt auf der anderen Seite nachdenken.»

Apropos Verhältnis Kirche – Staat und apropos Religionsfreiheit erklärt Benedikt XVI. präzise, was das Werk des Konzils war:

Es ist klar, dass in all diesen Bereichen […] eine Art Diskontinuität entstehen konnte und dass in gewissem Sinne tatsächlich eine Diskontinuität aufgetreten war. Trotzdem stellte sich jedoch heraus, dass, nachdem man zwischen verschiedenen konkreten historischen Situationen und ihren Ansprüchen unterschieden hatte, in den Grundsätzen die Kontinuität nicht aufgegeben worden war – eine Tatsache, die auf den ersten Blick leicht übersehen wird. Genau in diesem Zusammenspiel von Kontinuität und Diskontinuität auf verschiedenen Ebenen liegt die Natur der wahren Reform. Innerhalb dieses Entwicklungsprozesses des Neuen unter Bewahrung der Kontinuität mussten wir lernen – besser, als es bis dahin der Fall gewesen war – zu verstehen, dass die Entscheidungen der Kirche in Bezug auf vorübergehende, nicht zum Wesen gehörende Fragen – zum Beispiel in Bezug auf bestimmte konkrete Formen des Liberalismus oder der liberalen Schriftauslegung – notwendigerweise auch selbst vorübergehende Antworten sein mussten, eben weil sie Bezug nahmen auf eine bestimmte in sich selbst veränderliche Wirklichkeit. Man musste lernen, zu akzeptieren, dass bei solchen Entscheidungen nur die Grundsätze den dauerhaften Aspekt darstellen, wobei sie selbst im Hintergrund bleiben und die Entscheidung von innen heraus begründen. Die konkreten Umstände, die von der historischen Situation abhängen und daher Veränderungen unterworfen sein können, sind dagegen nicht ebenso beständig. So können die grundsätzlichen Entscheidungen ihre Gültigkeit behalten, während die Art ihrer Anwendung auf neue Zusammenhänge sich ändern kann.

Es ist leicht zu erkennen, denke ich, dass die hermeneutischen Perspektiven Maritains in dieser Domäne des Verhältnisses des Spirituellen und des Zeitlichen sich mit jenen Benedikts XVI. decken. Wie ich schon sagte, es sind Perspektiven, die am Anfang des Konzils (und für einige auch heute noch) weithin unverstanden waren und bekämpft wurden. So kann man ohne zu übertreiben sagen, dass Maritain für die Erneuerungen in dieser Domäne entscheidend dadurch beigetragen hat, dass er Prinzipien herausarbeitete, welche eine homogene Ausgewogenheit der kirchlichen Lehre gewährleisten.

* * *

Jacques Maritain ist in keiner Weise an der Abfassung der Konzilstexte beteiligt. Öffentlich präsent ist er am Petersplatz bei der Schlusszeremonie des Konzils. Seine Gegenwart am Petersplatz ist wie ein Zeichen einer verborgenen, helfenden und freundschaftlichen Nähe für Paul VI. Sie ist darüber hinaus das Zeichen einer noch tieferen Gegenwart eines inspirierenden Denkens und eines Werkes, von dem mehrere Leitideen Gemeingut der Kirche geworden sind.

Das Forschen nach den Ursprüngen der Ideen und der Texte des Konzils kann uns einen Wink geben, dass ein Denken, welches die gemeinsame Reflexion sehr tief geprägt und so dazu beigetragen hat, den Erneuerungen eine Richtung zu geben, noch immer zum besseren Verständnis der Lehre des Konzils beiträgt.

Der Historiker Michel Fourcade schreibt treffend: «Paul VI. hat in seiner großen Schlussrede vom 7. Dezember 1965 eine große Nähe zu Maritain bekundet und tags darauf, beim Schlussakt des Konzils, seine Verbindung zum Philosophen offen dargelegt. Damit bezeugte er nicht nur einfachhin eine private Freundschaft, sondern zeigte so seinen eigenen hermeneutischen Horizont auf, besonders was die zwei lange umstrittenen Texte Gaudium et spes und Dignitatis humanae betrifft.»46

In der Tat war Maritain in den letzten Jahren seines Lebens ganz und gar auf die Zukunft ausgerichtet, auf die Umsetzung des Konzils und auf die «Erneuerungen von nicht absehbarer Bedeutung, die das Konzil ausgelöst hat». Das, was ihn interessierte und leidenschaftlich bewegte, das war die Jugend der Kirche. Ich kann bezeugen, dass dies für einen 17- oder 18-Jährigen zu jener Zeit eine unvergessliche Lektion war.

Aus dem Französischen übersetzt von Herbert Hartl PFJ.

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