1. Das Herrengebet: unser Gebet?
Glaubens-Überlieferung verändert unmerklich, was sie überliefert. Wenn die Überlieferungs-Strecken groß genug werden, mag das irritierend ins Bewusstsein treten und die selbstverständliche Glaubens-Überzeugung unterminieren, im Wesentlichen sei immer und überall das Gleiche geglaubt worden. Überliefern heißt übersetzen. Und für alles Übersetzen gilt das Traduttore-Traditore-Dilemma. Der Verrat im Weitersagen und Übersetzen bleibt meist unbemerkt, solange niemand die weiten Wege zurückzugehen versucht, auf denen uns das Überlieferte erreicht hat. Und auch dann wird man das damals Gesagte aus dem heute Wiederholten heraushören oder das heute Gesagte im damals Gesagten wiedererkennen, weil man es darin wiedererkennen und vom Verrat nichts wissen will.
Über zwei Jahrtausende beten Christinnen und Christen das gleiche Gebet als das Gebet des Herrn. Sie beten es mit ihm, beten es ihm nach. Ist es das gleiche Gebet? Beten wir heute, wie Jesus gebetet und die Jünger «gelehrt» hat? Wir beten es in einem völlig veränderten Lebenskontext, in ganz anderen Vorstellungsräumen. Nicht auch mit anderen Hoffnungen und Erwartungen, mit anderen Erfahrungen, in anderen Bedrängnissen? Können wir in Jesu Gebet wiedererkennen, was uns zum Beten treibt – und den Mut dazu gibt? Können wir Jesu Beten, wenn wir es uns nach allen Regeln der zuständigen Künste in seiner Situation und der damals gehegten Intention nahebringen lassen, in unserem Beten wiedererkennen?
Man kann sich dieser Frage entziehen, wenn man unterstellt, in diesem Gebet komme doch nur auf allgemein verständliche Weise das übergeschichtlich zugängliche, allen Menschen in ihm angebotene Vater-Vertrauen Jesu zu Wort. Aber im aufmerksamen Sprechen des Herrengebets bewährt sich diese Ausrede kaum. Wir nehmen Worte in den Mund, die Gebets-Fremdworte bleiben, wenn wir nicht einfach über sie hinwegsprechen. Sie könnten uns das ganze Herrengebet zu einer Ansammlung von Formeln machen, die man rezitiert, um sich ins Gebetsvertrauen Jesu hineinzubeten, aber in ihrem originären Sinn nicht versteht: Reich Gottes? Von Gott – hoffentlich nicht! – in Versuchung geführt werden? Von ihm das tägliche (?) Brot erhoffen?
Wenn vom Reich Gottes und seinem Kommen die Rede ist, davon, dass Gottes Herrschaft endlich Wirklichkeit werde, ist die alltägliche Gebets-Verlegenheit vielleicht besonders groß. Man kann wissen, dass man es hier mit dem Zentralwort der Verkündigung Jesu Christi zu tun hat. Gottes Herrschaft ist nahe herbeigekommen; ja sie ist schon mitten unter den Menschen da, die sich Jesu Verkündigung und Reich-Gottes-Praxis öffnen. Was kommt da und ist schon angekommen? Und warum bittet Jesus darum, es möge – endlich – ankommen?
2. Was soll kommen, was kann kommen?
Dein Reich komme, endlich! Wenn es kommt, wird sich alles zum Guten wenden; wird Wirklichkeit geworden sein, was im zweiten Teil des Herrengebets erbeten werden muss, weil Gottes Herrschaft zwar angekommen, aber noch nicht da ist: auskömmliche Nahrung für den Leib, Vergebung, Bewahrtsein vor endzeitlicher Versuchung und Bedrängnis, der Sieg über das Leben zerstörende Böse. Gottes guter Wille wird geschehen, nicht nur im Himmel, sondern auf dieser Erde. Und das wird den Menschen zum Heil sein.
Wird sein Reich ein Reich zwar nicht «von dieser Welt» ( Joh 18, 36) sein, aber doch in ihr Wirklichkeit werden? Oder wird es diese Welt, den alten Äon, zu Ende bringen, und den neuen Äon heraufführen, einen neuen Himmel und eine neue Erde, eine neue Erde gar im Himmel? Worum bitten wir mit Jesus, wenn wir um das Kommen der Gottesherrschaft bitten? Worum hat Jesus selbst gebetet?
Man wird nicht ganz fehlgehen, wenn man im Blick auf Beterinnen und Beter des Vaterunsers über lange Jahrhunderte hinweg vermutet, sie hätten hier für sich um den Himmel gebetet; darum, dass die Erde ihr wohl verdientes Ende finde und sie selbst im Himmel geborgen sein würden, vom Jüngsten Gericht nichts zu befürchten haben müssten. So hat sich der christentumskritische Widerspruch gegen diese Himmels-Hoffnung, das «Eiapopeia vom Himmel» lautstark zu Wort gemeldet, «womit man einlullt, wenn es greint, / Das Volk, den großen Lümmel». Der Himmel ist den Spatzen – und den Engeln – zu überlassen. Hier auf der Erde wäre das Reich zu errichten und das Glück zu suchen «für alle Menschenkinder».1
Ist das nicht jesuanisch, geradezu den Seligpreisungen nach Lukas abgelauscht: Selig die Armen, die Hungernden, die Verfolgten. Und den hier angeschlossenen Wehe-Rufen: Wehe den Reichen, Satten, Hochgelobten…? Wenn es doch nur endlich so wäre! Dass es so kommt, ist aber in die Hände der Menschen gelegt, die in einer Geschichte der Klassenkämpfe das Reich der Freiheit herbeizukämpfen haben. Mit Karl Marx ist man dann doch weit vom Vaterunser weg; von der Bitte um das Reich Gottes, um eine neue, heilvolle Herrschaft, in der die Seligpreisungen wahr wären, weil Gott, der gebetene Vater, sie wahrmacht.
Wenn mit Paulus vom Reich Gottes gesagt werden darf, es sei nicht Essen und Trinken, vielmehr «Gerechtigkeit, Friede und Freude» (Röm 14, 17), hat es dann nicht gleichwohl mit einem Wohlergehen zu tun, das auch von den Weltmarktpreisen und den Systemen des Welthandels, den politischen und ökonomischen Bedingungen des Lebens in dieser Welt abhängt; mit einem In-der-Welt-Sein, das nicht nur phänomenologisch oder transzendental erhebbaren Bedingungen, sondern sehr konkreten Unrechtsverhältnissen unterliegt, die für die weitaus meisten Menschen Friede und Freude kaum aufkommen lässt? Bitten wir um Veränderung dieser Unrechtsverhältnisse, wenn wir darum bitten, dass Gottes Reich endlich kommt? Oder bitten wir doch um etwas ganz Anderes? Um das Erfülltwerden des inneren Menschen von Gottes heilender Gegenwart, in der wir zur Fülle des Lebens gelangen, inneren Frieden und die Freude an Gott und unseren Mitmenschen erleben dürften? Was kann, was soll denn kommen mit Gottes guter Herrschaft, in der wir werden und sein dürften, was Gott uns zugedacht hat? Und inwiefern soll Gott es endlich herbeiführen, inwiefern soll es durch den Einsatz der Reich-Gottes-Gläubigen Wirklichkeit werden?
Man spürt, wie nahe es liegt, bei falschen Alternativen seine Zuflucht zu suchen – und damit auch die Vaterunser-Bitte in Misskredit zu bringen oder ad absurdum zu führen; wie schwer es sein wird, sich diesen falschen Alternativen zu entziehen und mit den Spannungen zu leben – in ihnen zu beten –, in die das Evangelium von der nahe gekommenen Gottesherrschaft damals wie heute hereinholt.
3. Das (An-)Kommen der Gottesherrschaft
Das Evangelium Jesu von der nahegekommenen, ja schon angekommenen Gottesherrschaft gibt keine einigermaßen erschöpfende Auskunft darüber, was die Gottesherrschaft ist. Es spricht – in den Gleichnissen und der Bergpredigt (oder der Feldrede nach Lukas) – davon, wie Gottes Herrschaft geschieht und wie sie ankommt. Sie kommt an und geschieht, wenn Gottes guter Wille geschieht: in seiner ganzen Schöpfung, im Himmel und auf Erden. Aber was hindert diesen guten Willen daran zu geschehen? Was hindert den «allmächtigen» Gott daran, seinem guten Willen Geltung zu verschaffen? Will er – so lange schon – darum gebeten werden? Warum zögert er und schaut er zu, wenn geschieht, was niemals geschehen durfte und seinem heiligen Namen «Ich bin für euch da» (Ex 3, 14) Hohn spricht? Warum heiligt er seinen Namen nicht von sich aus, da er von Menschen entheiligt und zweifelhaft gemacht wird?
Es scheint geradezu so zu sein, dass Gottes guter Wille in dieser Welt nicht ohne die Menschen geschieht; dass er in der Menschenwelt nicht bestimmend wird, wenn sich die Menschen nicht von ihm bestimmen lassen, dass der Gottesname nicht ohne die Menschen geheiligt wird, Gottes Herrschaft nicht ankommt, wenn Menschen sie nicht bei sich, unter sich, ankommen lassen. Darf und wird sich Gott so viel Geduld leisten? Unverkennbar, dass die Propheten mitunter die Geduld verlieren und Gott in die Pflicht zu nehmen versuchen, er selbst möge endlich seinem heiligen Namen Geltung verschaffen. Genau so soll nach Ezechiel die Erneuerung des Bundes geschehen: JHWH wird es nicht länger zulassen, dass die ihm Angehörenden ihren Gott vor den Völkern blamieren und seinen großen Namen dementieren. Nun wird er seinen Namen von sich aus heiligen: um seinetwillen, aber den Seinen zugute: Das Herz aus Stein, das sie so kalt und unempfindlich für JHWHs guten Willen machte, wird er aus ihnen nehmen und ihnen ein fühlsames, hörendes Herz geben, einen lebendigen, inspirierenden Geist, der in ihnen wirkt, «dass ihr meinen Gesetzen folgt und auf meine Gebote achtet und sie erfüllt. Dann werdet ihr in dem Land wohnen, das ich euren Vätern gab» (Ez 36, 16–32). Dieser Geist wird sie «reinigen» und ihr Wollen umkehren, hinkehren zum Mitwollen des von Gott für die Menschen Gewollten.
Wenn das geschieht, kommt Gottes Herrschaft nicht über die Menschen wie ein blindes Schicksal, sondern in sie, in ihre Mitte, damit sie an ihr teilnehmen: in dem Geist an ihr teilnehmen, den der Vater ihnen nicht vorenthalten wird, wenn sie ihn darum bitten.2 Gottes Herrschaft ist eine gute Herrschaft, an der die Menschen teilnehmen sollen – nicht wie Mitherrscher, die sich möglichst viele Vorrechte sichern können3, sondern wie der Diakon Jesus, der sein Leben zur Auslösung der Menschen aus ihrer Versklavung einsetzt (vgl. Mk 10, 45) und dessen tägliches Brot es ist, den Willen des Vaters zu tun (vgl. Joh 4, 34). So kommt Gottes Herrschaft an – so möge sein Reich kommen und endgültig da sein, so dass nichts, nicht einmal der Tod, mächtiger wäre als Gottes guter Wille, der im Reich Gottes endlich zur Herrschaft gekommen sein wird.
Wenn so vom Kommen des Reiches die Rede ist, sind apokalyptische Vorstellungen von einem Tag des Gerichts und der Rache JHWHs, an dem der neue Äon über die Menschen kommt und den alten Vergangenheit sein lässt, in den Hintergrund getreten, so sehr sie in den synoptischen Evangelien anklingen.4 Der neue Äon hat schon begonnen; im Messias Jesus hat Gottes Herrschaft in der Welt Fuß gefasst; in der Gemeinschaft mit ihm nehmen die Seinen an ihr teil, wenn sie seinen Weg gehen und aus seinem Kelch trinken, statt Hoffnungen auf eine Mitregentschaft anzuhängen. Der neue Äon kommt von Gott und durch ihn. Gott richtet in dieser Welt seine Herrschaft auf; und sie soll nie mehr aufhören. Auch der Tod wird ihr kein Ende setzen. Aber diese Herrschaft kommt – und darin ist die Apokalyptik der Zeitgenossen Jesu überholt –, indem sie Menschen für sich gewinnt und zuinnerst für Gottes guten Willen öffnet. Sie kommt – darin ist der prophetische Impuls der Exilszeit aufgenommen – als die Erneuerung der Herzen, des innersten Wollens, der Gott-Zugehörigkeit der Menschen, die sie nicht einfach zu Beherrschten, sondern zu Mit-Akteuren dieser guten Herrschaft macht.
4. Von Gott und/oder durch die Menschen?
Noch einmal die Frage: Warum ist Gottes Herrschaft immer noch im Kommen und in der Welt oft weniger wahrnehmbar als das legendäre Senfkorn? Zögert Gott die Epiphanie seines Reiches hinaus? Lassen sich die Menschen von Jesu Evangelium nicht gewinnen? Selbst wenn es an den Menschen – den «mehr oder weniger» Glaubenden – läge: Warum wirkt Gottes Geist nicht überzeugungsmächtiger in den Menschen, wie es doch schon Ezechiel vorausgesehen hat? Die Fragen drängen sich auf, aber sie führen nicht weiter. Sie orchestrieren eine Ratlosigkeit, die sich einstellt, wenn man die Beobachterperspektive einnehmen will: auf das eigene Involviert- und Herausgefordertsein und Gottes Involviert- und Herausgefordertsein draufschauen und wissen will, wie das Eine sich zum andern fügt.
Das eigene Involviert- und Herausgefordertsein will zuerst von innen wahrgenommen werden: im Gebet, das Gott auf sein Involviert- und Herausgefordertsein anspricht. Die Beter(innen) wecken ihre innerste Sehnsucht auf, damit sie lebensmächtig werde: Dein Reich komme, dein guter Wille geschehe und werde mächtig gegen die Herrschaft des Zynismus und der Rücksichtslosigkeit; er werde mächtig auch in meinem Wollen, im Wollen der Jünger(innen)-Gemeinde, die jetzt betet! Gott und seinen guten Willen wird man nicht zum Mächtigwerden in dieser Welt aufwecken müssen. Und doch sprechen wir so: Mach deinen guten Willen mächtiger – in uns und den vielen, in denen er schwach geworden ist!
Wir sprechen so, weil wir uns in eine Willens-Einung, eine «Willensgemeinschaft mit Gott»5 hineinzubeten versuchen: Wir in Seinem Willen, Er in unserem Wollen – damit Seine Herrschaft geschehe, damit in ihr Gottes Name geheiligt werde und die Menschen eines Lebens in Fülle gewürdigt seien. Wir bitten die Kraft Seines guten Willens in unser schwaches Wollen hinein und vertrauen Ihm unser schwaches Wollen an, damit Er es mit Seinem guten Willen erfülle. Wie es mit diesem Gegenwärtigwerden des Einen im anderen zugeht? Beschreiben lässt es sich nicht mehr. Es ist ja schon im Mitmenschlichen nicht mehr «von außen» zu beobachten und zu beschreiben. In der Perspektive einer teilnehmenden Beobachtung lässt sich immerhin sagen und begründen: «Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen.»6 Es mag sein, dass damit im Blick auf die Gebetssituation zu wenig gesagt ist und Gottes Geistwirken theologisch deutlicher als die initiative Handlung herausgestellt werden muss. Aber die Gebetserfahrung ist die eines Ineinanders, die zum einverständigen Miteinander werden soll, damit Gottes Reich für die Beter, um ihretwillen und um Gottes Willen, endlich komme. So wird in der Bitte der Menschen Gottes Bitte hörbar: als die Bitte darum, die Bittenden mögen sich gewinnen lassen für Gottes guten Willen, den Menschen in seiner Herrschaft das Leben in Fülle zu bereiten, das mit sich selbst, mit den Nächsten, mit Gott versöhnte, in Freuden geteilte Leben. Paulus sieht sich als Stellvertreter des nach beiden Richtungen hin Bittenden. An Christi statt, sogar in Gottes Namen bittet er: «Lasst euch mit Gott versöhnen!» (2 Kor 5, 20). Aber in dieser Bitte spricht doch zugleich die Bitte des Menschen Jesus an den Vater mit, seine Kraft der Versöhnung möge die Menschen ergreifen und durch sie diese Welt in Gottes Herrschaft verwandeln, sein Reich möge kommen: von ihm her unter den Menschen befreiend und versöhnend mächtig werden.7 Das Eine im Anderen: Der Mensch, in dem Gott sein Wort spricht und bittet, selbst da ist; der Mensch, der den Vater hereinbittet in diese unversöhnte Welt, damit die Willkür der Mächte endlich ihr Ende finde. Er ruft die Menschen in die Gebetssituation, in der alle Theologie ihren Anfang nimmt und in die sie sich hineinzudenken hat: in die Situation, Bittende und Gebetene zugleich zu sein und nur so bitten zu können. Ihre Bitte ist das Hereinrufen Gottes in diese Welt, dem nachgesprochen, in dem Gott schon in der Menschenwelt angekommen ist. Es ist die Bitte darum, diese Ankunft glauben und von ihr her leben zu können; die Bitte darum, Gott möge das Glaubenkönnen durch seinen Geist hervorrufen und stärken – und das Sich-bitten-Lassen darum, sich dem Gott anzuvertrauen, der so machtlos in diese Welt kam, um in ihr seine Herrschaft aufzurichten.
Was geschieht und geschehen müsste, damit Gott das Bitten des Menschen nicht einfach mit seiner Bitte beantwortet, sie zurückgibt, sondern sich mit ihm verbindet; damit er durch seinen Geist den schwachen, von so Vielem beherrschten Willen der Menschen mit seinem guten Willen erfüllt und stärkt: In der Bitte wird es ihm anheimgestellt. Die Theologie kann die Einsicht dafür mobilisieren, dass es gar nicht anders sein kann: weil Gott die Menschen würdigt, an seinem Reich zu bauen und sich genau so in es hereinholen, hereinretten zu lassen.
5. Wie Gottes Reich kommt
Die Vaterunser-Bitte richtet sich auf das Kommen des Reiches: auf die Gott-erfüllte Zukunft, in der Gott alles in allem sein wird; auf den Anfang, der in Jesus Christus geschieht und von unendlich weit herkommt – von Gott, in einer Geschichte der Erwählung, in der dieser Anfang geschieht, der nicht aufhören wird anzufangen, um sich in Gott selbst zu erfüllen. Wie die Betenden in den Anfang hineinkommen, der ihnen geschehen ist und je neu geschieht, das ist die Frage, die sie in ihre Bitte um das Kommen des Reiches mitbringen. Sie möchten wenigstens eine Ahnung davon haben, wie das Kommen des Reiches mit ihnen anfangen soll, so anfangen kann, dass sie in sein Kommen einbezogen sind und an der Erfüllung teilhaben können, die es in Gott selbst finden wird.
Die Vision des kommenden Reiches Gottes und die Bitte darum, dass es ankommt – in mir und mit mir ankommt – hat ihren Ort bei Menschen, die sich anderen Herrschaften ausgeliefert erfahren und vor ihnen doch nicht kapitulieren. Das ist schon in der großen Vision des Daniel so, die er im Traum des Großherrschers Nebukadnezzar sich ankündigen (Dan 2) und im Kommen des Menschensohns zu seiner zutiefst menschlichen Herrschaft (Dan 7) Wirklichkeit werden sieht: «Sein Reich ist ein ewiges Reich, alle Mächte werden ihm dienen und gehorchen». Die unterdrückende Herrschaft ist die der Menschen; die befreiend-menschliche Herrschaft kommt «vom Himmel», über die widergöttlichen und widermenschlichen Herrschaften Gericht zu halten, sie endgültig «auszutilgen» (Dan 7, 26–27).
Was bleibt von diesem apokalyptischen Szenario in der Bitte des Herrengebets um das Kommen des Reiches? Die Erfahrungen mit üblen, unterdrückenden Herrschaften – und die immer angefochtene Erfahrung damit, dass es eine zuinnerst befreiende Herrschaft geben kann, in der das Gott-erfüllte Leben zugänglich wird. Beherrschtwerden ist Lebens-Schicksal: Beherrschtwerden «von außen und von innen»; außen und innen können einander so nah sei, dass es kaum noch gelingt, sie zu unterscheiden. Man ist dem Zugriff der «Mächte» ausgeliefert; und man liefert sich ihm aus, gibt ihnen die Macht zu herrschen, die sie sich «immer schon» genommen haben. Für den ersten Blick vielleicht ein logischer Widerspruch, aber bestimmt kein existentieller: Dass sie die Macht über uns haben und wir sie ihnen geben, ist ja beides unbestreitbar wahr. Wir sind uns selbst entzogen und weggenommen, unserer selbst nicht mächtig, da sie uns eingenommen haben – und daran nicht «unschuldig». Sie «nisten» in unseren Herzen, sind uns innerlicher, als wir selbst innerlich sein und sie aus uns «herauswerfen» könnten. Und doch «hängen wir unser Herz an sie», glauben wir an sie, wie es Martin Luther in den Erläuterungen seines Großen Katechismus zum Ersten Gebot darstellt.8 Wir lassen sie unsere Götter sein, da wir uns von ihnen versprechen, wofür nur der wahre Gott einstehen könnte: Leben in Fülle, Erfülltwerden mit einer schöpferischen Leidenschaft, die das Leben lebendig und fruchtbar und so auch im Ganzen zustimmungsfähig macht.9
Diese Leidenschaft ist nicht herstellbar, so sehr sich die öffentliche Kommunikation um das Management der Leidenschaften dreht; die freudige Zustimmung, die ihr das Herz schenkt, ist es ebenso wenig. Das unbedingt Zustimmungswürdige muss mir geschenkt sein, müsste mich für es öffnen und mich «einnehmen». Die Mächte können meine Zustimmung erschleichen, meine Zustimmungsbereitschaft unterwandern. Dann haben sie mich in der Hand, haben sie meine Leidenschaft auf sich gezogen und blind gemacht dafür, wovon ich mich habe ergreifen und hinreißen lassen. Woran mein Herz leidenschaftlich hängt: Ich «gehorche» diesen Leidenschaften und bin doch nicht unfähig, sie zu unterscheiden, ihnen zu widersprechen, wo sie lebensfeindlich sind, und der Leidenschaft zuzustimmen, die mich ins Leben hineinführt und ihm dienen lässt, mich «zur Freiheit befreit» (Gal 5, 1). Dass das geschieht, mag man theologisch als das Wunder der Gnade ansprechen, das durch die Menschen geschieht: ihnen ihr Selbst zurückgibt, da sie es – sich selbst – empfangen und leidenschaftlich leben.
Gottes Herrschaft kommt – und die «Mächte» verlieren ihre Macht. Der Glaube weiß, dass es so geschehen kann und geschieht. Aber er weiß nicht, wie Gottes Herrschaft sich gegen das Beherrschtwerden des Menschen durch die Unheilsmächte und die ihnen dienende Leidenschaft durchsetzt. Er weiß nicht, wie geschehen kann, was Menschen-unmöglich scheint, so sehr es in den Idealismen aller Couleur beschworen wird: dass Menschen mit sich und aus sich selbst das Gute anfangen und aus dem Griff der Mächte freikommen. Es wird mit ihnen angefangen – und ist oft schnell am Ende. Gott fängt seine Herrschaft mit mir an; er will zu mir durchkommen, durch mein Beherrschtwerden, mein Verstricktsein in die Herrschaft der Mächte, durch mein Inanspruchgenommensein von unheilvollen Verbindlichkeiten. Ich bitte darum, dass er zu mir durchkommt, mich in seinem Reich vom Zugriff der Mächte befreit, so dass ich in seiner guten Herrschaft ich selbst sein kann. Sie kommt zu mir durch, wo sich mein Einverstandensein mit der Herrschaft der Mächte lockert und in mir die Aufmerksamkeit dafür wach wird, was sie mir, den Anderen, unserer Welt antun. Gottes Herrschaft erreicht mich, wenn in mir die Herausforderung ankommt, ihr zu dienen und in ihr die Fülle meines Lebens zu suchen. Dann geschieht mir Umkehr: die Umkehr meiner Aufmerksamkeit und meiner Einbildungskraft10, die Umkehr meiner Zustimmungen und Identifikationen, meiner Leidenschaften. Ich lebe in einem anderen Raum von Möglichkeiten, in einer anderen Wirklichkeit, im Raum des von Gott her und durch ihn Selbstverständlicheren,11 in dem das unter der Herrschaft der Mächte Selbstverständliche jeden Kredit verliert.
Wer so redet, weiß aus leidvoller Erfahrung, wie wenig aus solcher Umkehr meist wird, wie fragil sie bleibt und wie schnell sie von den alten, unglaubwürdigen Selbstverständlichkeiten überwältigt wird, wie schnell die Mächte ihre Herrschaft zurückerobern. So bitten Glaubende und um ihren Glauben Ringende um die Gnade der folgenreichen Umkehr, um die Kraft dazu: dass Gottes Reich zu uns durchkomme, nicht steckenbleibe im Sumpf alltäglicher Verführungen und Verführbarkeiten: Dein Reich komme durch zu uns, reiße mich heraus aus der Versuchung, es allenfalls von den allerletzten Dingen zu erwarten. Es möge uns vergeben sein, dass wir genau so leben; nicht folgenlos, sondern herausfordernd vergeben, so dass wir von der findigen Sehnsucht nach den Spuren der Gottesherrschaft und ihrer göttlichen Gerechtigkeit angesteckt werden.
Warum das nicht schon geschieht und immer wieder erbeten werden muss? Offenbar ist das Gebet der Ort, an dem es geschehen kann, weil es nicht vergeblich um den Geist der Gottesherrschaft bittet.
6. Die Überlebens-Bitte
Es wird freilich auch so sein, dass die Bitte um das Kommen Seines Reiches in elementarer Bedrängnis durch die Mächte des «Antireiches» ( Jon Sobrino) laut wird; im Leiden an konkret bedrohlicher ökonomischer, politischer, ideologischer und religiöser Unterdrückung.12 Wo das «Antireich» der Mächte den Völkern an der Peripherie der Machtzentren, den vom Lebensnotwendigen und von der Teilhabe am menschenwürdigen Leben Ausgeschlossenen, ihr Kreuz aufdrückt, da wird man das Vaterunser anders beten als in der diffus-verführerischen Machtsphäre wirtschaftlich wohlhabender und politisch dominierender Nationen. Da wird in diesem Gebet vermutlich wieder die «apokalyptische» Dringlichkeit mitsprechen und mitflehen, mit der um das Widerstehenkönnen gegen die unheilvollen Mächte und Machtkartelle gebetet, gegen ihre so unüberwindlich scheinende Macht «angebetet» wird. Gott ist die Zuflucht derer, die sich von dieser Macht «auf Null gebracht» sehen, nicht anders aufstehen und widerstehen können als in diesem Gebet um Gottes Reich, das sie nicht abschreiben und auf ewig vertagt sehen wollen.
Für Wohlstandsbürger stellt sich bei jedem Vaterunser-Gebet die elementare Glaubensfrage, ob sie der so gebeteten Reich Gottes-Bitte solidarisch bleiben, sie an sich selbst gerichtet hören – und mitsprechen – können. Sie werden es sich mit dieser Bitte je länger, desto weniger leichtmachen können und sich davor wappnen müssen, sie aufs spirituell «Fruchtbare» zu ermäßigen. Anders wird man das Gebet des Herrn in der Zeuginnen- und Zeugengemeinschaft seiner Kirche nicht mehr sprechen können als in der Bereitschaft, sich von ihm vor dem Verrat an den Mitbetenden warnen zu lassen. Beter – Verräter? Das ist die Versuchung, die im Beten selbst liegt: Mit dem «Beten allein» davonkommen zu wollen.