Alfred Delps Vaterunser

Alfred Delp SJ wurde eine Woche nach dem Attentat vom 20.7.1944 auf Adolf Hitler verhaftet. Der Verdacht auf Mittäterschaft musste zwar bald fallen gelassen werden. Dennoch wurde er aufgrund seiner Mitarbeit im Kreisauer Kreis, einer Widerstandsgruppe um Helmuth Graf von Moltke, die sich mit dem Aufbau Deutschlands nach dem absehbaren Untergang des NS-Regimes beschäftigte, des Hoch- und Landesverrats und der totalen Ehrlosigkeit für schuldig befunden und zum Tod durch den Strang verurteilt. Er wurde am 2.2.1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Der Urteilsbegründung1 zufolge bestand sein Vergehen im Wesentlichen darin, an einigen Versammlungen des Kreises teilgenommen, katholische Soziallehre in die Debatte um eine tragfähige Erneuerung der staatlichen Ordnung im Nachkriegsdeutschland eingebracht und Kontakte zwischen den Gesprächspartnern vermittelt zu haben. Nach Delps eigenen Haftnotizen war es letztlich sein Christentum im Allgemeinen und sein Jesuitentum im Besonderen, was den Richter Roland Freisler zur Aufrechterhaltung der Anklage und schließlich zu seiner Verurteilung veranlasste: „Was wir überlegt haben, ist notwendig gegen den Nationalsozialismus gerichtet, denn es gibt keine Vereinbarkeit von Kirche und Christentum mit dem N.S.“2 Das Angebot der Gestapo, ihn bei Austritt aus der Gesellschaft Jesu aus der Haft zu entlassen, schlug Alfred Delp aus. Am 8.12.1944 legte er gegenüber einem Mitbruder die ewigen Ordensgelübde ab.

Während seiner mehr als 6-monatigen Haft, die er tags und nachts in Handschellen verbrachte, verfasste Delp eine Reihe von Schriften, die auf geheimen Wegen die Haftanstalt Tegel verließen und nach seinem Tod veröffentlicht wurden. Verbindendes Element dieser Notizen ist die zunehmende Gewissheit des unausweichlichen Todesurteils. Aus der Erfahrung, jenseits aller Hoffnung auf Menschenmögliches nur noch auf Gott zurückgeworfen zu sein, entstanden unter anderem seine Meditationen zum Vaterunser, aus denen die folgenden Auszüge entnommen sind.3

Julia Knop

Geheiligt werde dein Name

Die Bilder des Vaterunser sind die Lebensbilder der Menschen. Mit dem, was hier genannt ist, steht und fällt der Mensch und die Menschheit. Wo dies gilt, wachsen wir. Wo dies nicht gilt oder nicht ernst genommen wird, fallen wir und versinken. Das ist der Schlüssel auch zum Vexierbild, dem grausigen, unserer Tage. – Diese Bitte lehrt die Menschen um das rechte Ideal bitten. […] Mensch und Menschheit gehen aussichtslos zugrunde, wenn nicht ein unantastbarer Wert, ein unberührbares Gut in der Mitte des Daseins steht. Die Menschenordnung ist so auf die Notwendigkeit, etwas «heiligen» zu müssen, angelegt, dass immer dann, wenn die echte Mitte verdrängt und verstellt ist, sich ein Anderes, Unechtes an diese Stelle setzt und «Heiligung» erzwingt. Wir kommen doch gerade aus diesem mörderischen Dialog mit der selbstgesetzten Mitte. Diese Ersatzwerte sind aber viel absoluter und unerbittlicher als der lebendige Gott. Sie wissen nichts von der Vornehmheit des Wartenkönnens, von der freien Werbung, vom gnadenhaften Anruf, von der beseligenden Begegnung. Sie kennen nur Forderung, Zwang, Macht, Drohung und Vernichtung. Wehe dem, der anders ist! […]

Zu uns komme dein Reich

[…] Dass der Mensch in Gottes Gnade sei und die Welt in Gottes Ordnung: das ist das Reich Gottes. […] Um alles, was uns heute fehlt, beten wir in dieser Bitte. […] Das Reich Gottes ist Gnade, deswegen beten wir darum; aber die Gnade Gottes steht so oft vor dem geschlossenen Tor und klopft an und niemand öffnet ihr. Zweifach kann der Mensch sich als Hindernis zwischen sich und das kommende Reich Gottes stellen: durch die personale Verfassung seines Lebens, zu der er sich entscheidet, und durch die soziale Ordnung seines Lebens, in der er sich befindet, die er duldet oder fördert. […] Das frömmste Gebet kann leicht zur Blasphemie werden, wenn es unter Abfindung mit Zuständen oder gar unter ihrer Förderung gebetet wird, die den Menschen töten, ihn gottunfähig machen, ihn notwendig an seinen geistigen und sittlichen und religiösen Organen verkümmern lassen. Diese Bitte will Großes von Gott, ja letztlich ihn selbst. Sie entlässt den Menschen aber zugleich in eine große Verantwortung. Von deren Übernahme und Erfüllung hängt es ab, ob es sich wirklich um ein Gebet oder nur um frommes Gerede handelt.

Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden

Dies ist die Bitte des Menschen um seine Freiheit. Zunächst klingt das nicht so, aber es ist so. Der Mensch ist ein verwiesenes Wesen. Jeder Versuch, diese Verweisungen zu übersehen, aufzulösen, zu zerbrechen, führt zum Ruin des Menschen selbst. […] Es gibt keine schöpferische splendid isolation. […]

Gottes Freiheit ruft den Menschen […] in den heiligen Raum der persönlichen Fügungen, Berufungen, Schickungen und Sendungen. In diesem persönlichen Dialog mit dem fordernden Gott wird über die eigentliche, überdurchschnittliche Größe und Würde des Menschen entschieden. Gottes Größe aber, die auch mysterium absconditum heißt, heißt den Menschen mit den dunklen Wegen, den nächtlichen Sendungen, den überhellen Aussagen rechnen, eben mit dem Geheimnis der Übergröße, das sich in seinen Äußerungen nicht verbergen lässt. Nur in diesen Bejahungen gelingt der Mensch und wird er frei. […] Das heißt aber, der Wille Gottes, der an uns geschehen soll, ist immer und ursprünglich ein Heilswille. Die Begegnung, die hingebende Begegnung mit Gottes Freiheit und mit Gottes Geheimnissen, ist die Begegnung mit dem Heil.

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