Den Vaternamen zurückgebenZu einem Gedicht Rose Ausländers

Für Erich Kock

Rose Ausländer (1901–1988) gehört zu den Dichtern, die dem Grauen von Auschwitz nur knapp entronnen sind. Sie stammte – wie Immanuel Weißglas, Alfred Margul-Sperber und Paul Celan – aus Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, jener «der Geschichtslosigkeit anheimgefallenen ehemaligen Provinz der Habsburgermonarchie», in der, wie Celan nicht ohne Wehmut anmerkt, «Bücher und Menschen lebten»1. Allerdings musste Rose Ausländer aus Czernowitz schon 1915 während des ersten Weltkrieges mit ihren Eltern vor der russischen Okkupation über Budapest nach Wien fliehen, wo sie ihre Schulzeit beendete. Danach emigrierte sie ein erstes Mal in die USA, um 1927 nach Czernowitz zurückzukehren und ihre kranke Mutter zu pflegen. Trotz Warnungen ihrer Freunde blieb sie während der russischen, dann während der rumänisch-deutschen Besatzung in der Bukowina mit den befürchteten Folgen: Sie wurde ins jüdische Getto verschleppt und konnte Zwangsarbeit und Drangsalierung nur in einem Kellerversteck überleben: «Wir / in der Tonne / haben den Hunger gekostet / den bitteren Brei / aus Wermut und Lehm»2. Nur mit Glück entkam sie den Schergen Hitlers und ihren Helfern. «Rote Schatten / braune Schatten»3, resümiert sie später die dunklen Jahre. Doch nach dem Krieg musste sie erneut vor den Schikanen der Sowjets fliehen und ging nach New York, wo sie sich als Übersetzerin und Korrespondentin durchschlug und englische Gedichte zu schreiben begann.

Aus Sehnsucht nach ihrer Muttersprache ist sie 1964 über Wien in den deutschen Sprachraum zurückgekehrt, um ein Jahr später in Düsseldorf, der Stadt Heinrich Heines, ihre letzte Wahlheimat zu finden. Das Pendeln zwischen den Kontinenten, das der Härte der geschichtlichen Realitäten geschuldet ist, bringt sie rückblickend in ein eindrückliches und erstaunlich unbeschwertes Bild: «Ich fliege in der Luftschaukel / Europa-Amerika-Europa»4. Lange fand ihr Werk nur in kleinen Zirkeln Resonanz, erst als 1976 ihre Gesammelten Gedichte erschienen, setzte eine breitere Rezeption ein, die ihr dann auch die späte Anerkennung durch die Literaturkritik einbrachte. Bettlägerig und krank, aber dichterisch außergewöhnlich produktiv, hat sie das letzte Jahrzehnt ihres Lebens in einem Krankenzimmer des Nelly-Sachs-Hauses in Düsseldorf verbracht.

Schon diese knappen Angaben zu ihrer Biographie zeigen, dass Rose Ausländer Bedrohung, Flucht und Vertreibung wiederholt am eigenen Leib erfahren hat. «Ich bleibe heimatlos»5, heißt es lakonisch in einem späten Gedicht. Die Erfahrung des Exils, aus dem Eigenen vertrieben, in der Fremde anderen restlos ausgeliefert zu sein, bestimmt ihre Dichtung ebenso wie der Wunsch, ankommen zu dürfen und endlich zuhause zu sein. Nicht wenige Gedichte sind eingefärbt von der Trauer um die Verlorenen und halten das Eingedenken an die Opfer wach: «Tote Freunde / schwimmen an mein / Erinnerungsufer»6. Die stille Not und Verzweiflung führen bei Ausländer, deren Vater aus Sadagora, einem Zentrum des Chassidismus und der ostjüdischen Mystik stammte, zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Religion ihrer Väter. Die Brüche der Geschichte führen zu einer gebrochenen Haltung gegenüber den religiösen Traditionen des Judentums, die in ihrer Lyrik deutliche Spuren hinterlassen haben. Biblische Gestalten wie Kain und Abel, Noah, Mose, Salomo, aber auch der Baal-Schem oder Reminiszenzen an die jüdischen Feste der Kindheit begegnen in ihrer Dichtung, allerdings fast immer in verfremdeter Perspektive. Wollte man diese Perspektive in wenigen Worte beschreiben, könnte man sie in folgende Fragen fassen: Wo haben die Söhne und Töchter Israels, das erwählte Volk Gottes, in den dunklen Jahren der Verfolgung und Vernichtung den Schutz ihres himmlischen Vaters erfahren? Hat der Heilige Israels sein Antlitz verborgen? Warum hat er die unzähligen Schreie der Opfer um Rettung nicht erhört? Wie konnte das Bundesvolk trotz seiner Erwählung einem so furchtbaren Fluch unterliegen?

I

Rose Ausländer, die sich selbst einmal als «Mosestochter»7 bezeichnet hat, hat ein Gedicht mit dem Titel Vater unser 8 hinterlassen. Dieses Gedicht ist in Gestalt eines Gebets verfasst, kann aber durchaus als eine Art Anti-Gebet gelesen werden. Wie Paul Celan in seinem Gedicht Psalm den Gottesnamen durch «Niemand» ersetzt9, so bringt auch Ausländer einen verstörenden Widerruf des Vaternamens ins Wort:

 

Vater unser

Vater unser

nimm zurück deinen Namen

wir wagen nicht

Kinder zu sein

Wie

mit erstickter Stimme

Vater unser sagen

Zitronenstern

an die Stirn genagelt

Lachte irr der Mond

Trabant unserer Träume

lachte der tote Clown

der uns einen Salto versprach

Vater unser

wir geben dir zurück

deinen Namen

Spiel weiter den Vater

im kinderlosen

luftleeren Himmel

Das Gedicht, das auf jede Form von Interpunktion verzichtet, hat Gebetscharakter, ohne dass in den fünf Strophen irgendwo von «Gott» ausdrücklich die Rede wäre (als habe die Dichterin das Diktum Gottfried Benns beherzigt, dass das Wort «Gott» ein schlechtes Stilprinzip sei). Wohl ist vom «Vater unser» die Rede. Ohne näher auf das Gebet Jesu einzugehen, das in der Überschrift angezeigt wird, wird eine Bitte ausgesprochen. Sie ist direkt an Gott, den Vater, gerichtet, doch statt der Bitte um Heiligung seines Namens wird er aufgefordert, seinen Namen zurückzunehmen. Der Heilige Israels ist nach den biblischen Zeugnissen keine anonyme Größe, er hat sich den Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob zu erkennen gegeben und ist dem Mose im brennenden Dornbusch nahgekommen10; er hat das Elend seines Volkes Israel gesehen und seinem Knecht einen Namen geoffenbart, der kein gewöhnlicher Name ist: «Ich bin der Ich bin da» (Ex 3, 14). Dieser Weg- und Exodus-Gott hat sein Volk aus dem Sklavenhaus Ägypten befreit und ist seinen Söhnen und Töchtern bei Tag in der Wolkensäule, bei Nacht in der Feuersäule vorausgegangen. Er hat Israel wie seinen «Augapfel» (Sach 2, 12) gehütet, Jesus hat ihn «Abba, Vater» genannt – und in den Psalmen, die dieser ganz in der Tradition der Frommen Israels gebetet hat, wird der Höchste angerufen und gepriesen als Fels, als sichere Burg, als Retter und Herr.

An diese Gebetstradition, in der das «Vater unser» steht, knüpft das Gedicht Rose Ausländers an und stellt sich ihr zugleich entgegen, denn im Modus des Gebets wird eine Rücknahme des Namens des Angebeteten gefordert: «Nimm zurück deinen Namen / wir wagen nicht / Kinder zu sein.» So spricht das betende Kollektiv, dem die Dichterin in ihrem Gedicht stellvertretend die Stimme leiht. Warum die Betenden es nicht wagen, weiterhin Kinder zu sein, bleibt ungesagt. Das Gedicht spart aus, was zur Störung, ja zur fundamentalen Erschütterung des Vertrauens zwischen dem Vatergott und seinen Kindern geführt hat.

Diese Leerstelle wird in der zweiten Strophe durch die lakonische Frage gefüllt: «Wie / mit erstickter Stimme / Vater sagen»? Streng genommen ist es gar keine Frage, denn die Satzzeichen fehlen in der späten Lyrik von Rose Ausländer. Der Satz kann genauso als entsetzter Ausruf gelesen werden. Ist es die schluchzende Stimme der Versprengten und Gehetzten – oder sind es die «erstickten Worte»11 der in den KZs Zusammengepferchten und Ermordeten, die nicht mehr Vater sagen können? Ein guter Vater hätte jedenfalls, dies lässt sich dem verschwiegenen Subtext des Gedichts entnehmen, für seine Kinder gesorgt, er hätte sie bei heraufziehender Gefahr beschützt, hätte alles versucht, den Peinigern Einhalt zu gebieten. Nichts von dem ist geschehen. Daher die im Modus des Imperativs gesprochene Bitte um Rücknahme des Namens.12

Die dritte Strophe von Vater unser hingegen, kompositorisch die Mitte des Gedichts, wird konkreter und nennt den Grund für die Aufkündigung der Beziehung: die Söhne und Töchter des Gottes Israels wurden stigmatisiert. Sie mussten den Stern tragen, den «Zitronenstern», wie die Dichterin in einer ungewöhnlichen Wortprägung sagt. Die Farbe «gelb» und der bitter-herbe Geschmack der Zitrusfrucht stehen für das Los der Gezeichneten, das Rose Ausländer auch andernorts beim Namen genannt hat: «Ich rede von der brennenden Nacht // von Trauerweiden / Blutbuchen / verstummtem Nachtigallsang // vom gelben Stern / auf dem wir / stündlich starben / in der Galgenzeit.»13 Die Tatsache, dass der Zitronenstern «an die Stirn genagelt» wurde, weckt Assoziationen an die Passion Jesu, der von den römischen Soldaten mit Händen und Füßen an die Balken des Kreuzes genagelt wurde. Statt von den Händen und Füßen ist im Gedicht Vater unser allerdings – wie auch andernorts14 – von der «Stirn» die Rede. Der an die Stirn genagelte Judenstern könnte Leser, die mit der Heiligen Schrift vertraut sind, an das Diadem denken lassen, das der Hohepriester auf der Stirnseite seines Turbans trug. Dieses Diadem trug die Inschrift: «Heilig dem Herrn» (Ex 39, 30; vgl. Lev 8, 9).15 Die Stigmatisierung durch den Judenstern, die die Würde der Gezeichneten verletzt, zielte dann genau auf die Stelle, an der in der kultischen Kleidung des Hohepriesters das Bekenntnis zur Heiligkeit JHWHs eingraviert war. Das Gedicht würde in dieser Lesart die Dehumanisierung der Juden und die Entheiligung des göttlichen Namens zusammenschauen und gerade darin die Kulmination der Barbarei der Nationalsozialisten sehen.

Diese Vorgänge provozieren nun das «irre Lachen» des Mondes, wie es durchaus im Anklang an surrealistische Bildsprache in der vorletzten Strophe heißt. Häufig begegnen in der Lyrik Rose Ausländers Worte wie ‹Wolken›, ‹Wind›, ‹Nebel›, ‹Sonne›, ‹Mond› und ‹Sterne› – Topoi der romantischen Dichtung, die allerdings deutlich gebrochen werden. «Es war, als hätt’ der Himmel / die Erde still geküßt», heißt es in der berühmten Mondnacht von Eichendorff. Bei Ausländer scheint die harmonische Verbindung von Himmel und Erde allerdings zerschnitten zu sein. Der Mond, der «Trabant unserer Träume», lacht über die Entwürdigung der mit dem «Zitronenstern» Gezeichneten. Ebenfalls ist vom Lachen des toten Clowns die Rede, der den Kindern einen «Salto» versprach, den er offensichtlich nicht mehr einlösen konnte. Ob er durch einen Salto mortale den Tod herausfordern oder sogar außer Kraft setzen wollte, wird möglicherweise angedeutet, aber nicht gesagt. Ein anderes Gedicht der Ausländer spricht vom kalten «Schergengelächter», dem das Salz in den Augen der Weinenden kontrastiert wird.16

Das Gedicht Vater unser mündet ein in die verstörende Ansage: «Wir geben dir zurück / deinen Namen». Die Betenden wenden sich ein letztes Mal an den Vater, um die Beziehung zu ihm definitiv aufzukündigen – verbunden mit dem bitteren Ruf: «Spiel weiter den Vater / im kinderlosen / luftleeren Himmel». Der Himmel, Inbild eschatologischer Hoffnung, bleibt kalt und leer, dort ist keine Luft, um zu atmen und zu leben, der Vater bleibt ohne Kinder.

II

Auch wenn dieses Gedicht eine lyrische Absage an das «Vater unser» formuliert, lässt sich die Dichtung Rose Ausländers nicht auf ein rein negatives Vorzeichen gegenüber der überlieferten Religion festlegen. Wie gläubige Juden mit dem Schema Israel auf den Lippen in den Tod gegangen sind, so haben auch Christen, die offenen Widerstand gegen das Regime Hitlers geleistet hatten, in der Todesstunde das Gebet Jesu, das Vater unser, gesprochen. Damit steht die Frage im Raum, ob der himmlische Vater, dessen schreckliche Abwesenheit die Opfer des Terrors in ihrer hora mortis erfahren mussten, am Ende seinen verlorenen Söhnen und Töchtern die Treue halten und sie in sein Reich holen wird. Die jüdische Dichterin Rose Ausländer, die Christoph Gellner einmal als «gläubige Ketzerin»17 bezeichnet hat, konnte sich zu einer solch klaren Hoffnung nicht durchringen, neben Aussagen zum Erlöschen des Glaubens in dieser «Rauchzeit»18 finden sich gerade im Spätwerk immer wieder auch Hoffnungsspuren, die sich kontrapunktisch zur Nacht der Trauer Ausdruck verschaffen und gegen die Melancholie behaupten. «Dein gebrochenes Jetzt / hinkt in die Hoffnung»19, heißt es in einem Gedicht, und in einem anderen ist vom «Warten / auf ein / Osterzeichen // das / meiner Schwermut / Flügel leiht»20 die Rede. «Unsern täglichen Tod / begraben wir im Wort / Auferstehung»21 – und im Blick auf das Gespräch mit den Toten: «Wir reden / leise / mit auferstandenen / Brüdern»22. Aber diese Hoffnungsspuren, die eine Brüchigkeit des Zweifels erkennen lassen, verdichten sich am Ende nicht zu einem Credo. Es bleibt eine letzte Ungewissheit, die zwischen Zweifel und Hoffnung changiert:23

Die Auferstandenen

Wo sind

die Auferstandenen

die ihren Tod

überwunden haben

das Leben liebkosen

sich anvertrauen

dem Wind

Kein Engel

verrät

ihre Spur

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