In seinem Beitrag für die Festschrift von Eugen Biser aus dem Jahre 1983 bezieht sich Wolfgang Frühwald1 auf Ergebnisse des Heidelberger Psychopathologen Hubertus Tellenbach: Dieser spricht von der Dekomposition des Vaters und des Vaterbildes als einer der aktuell schwersten Krankheiten. Diese Dekomposition, so Frühwald, spiegle sich auch in der Literatur. Als Beispiel führt er «Die Reise» von Bernward Vesper an.2 In diesem Buch sagt sich Vesper von seinem Vater, dem völkischen Schriftsteller Will Vesper (1882–1962), los, der während des Nationalsozialismus ein anerkannter Dichter gewesen war und es zu hohen Staatsehren gebracht hatte. Bernward Vesper widmet sein Buch Felix, dem gemeinsamen Sohn mit Gudrun Ensslin. Das Motto des Buches lautet: «Wir können die Herrschenden nicht zwingen, die Wahrheit zu sagen, aber wir können sie zwingen, immer unverschämter zu lügen.» Die Geschichte seines Vaters gestaltet er zur «geschichte des mannes, der am kinderbett nicht nur als der mann überhaupt erschien, sondern als der magier, der gott, der mit unsichtbaren kräften kommuniziert» (668). Aus dieser Vaterikone wird dann der durchschaute Vater: «erst lakei, dann agent der herrschenden klasse, und im verein mit ihr unsere kindheit zerstört, unser gehirn verwüstet, unseren charakter geschwächt, unsere vernunft und kritik erstickt, und zu diesem zweck die heiligen gefühle, die kinder von geburt an an die eltern binden mißbraucht.» (675)
Zu einem ähnlichen Befund bezüglich Vaterbild kommt Helmuth Kiesel in seinem Aufsatz «Das Vaterbild der deutschsprachigen Literatur der Nach-68er-Zeit»3. Zu seinen untersuchten Beispielen gehören neben Bernward Vespers «Reise», Christoph Meckels «Suchbild» und Ingeborg Bachmanns «Der Fall Franza». Kiesels Urteil: die Literatur der 70er und 80er Jahre ging mit den Vätern hart ins Gericht, seit dem Beginn der 90er Jahre aber scheint sich der Ton zu ändern. Beispiele und Beweise dafür sind Hanns-Josef Ortheils «Abschied von den Kriegsteilnehmern» (1992) und Martin Walsers «Ein springender Brunnen» (1998). «Es scheint, dass die Tribunalisierung und Verurteilung der Väter, die in den 70er Jahren begann, ihren Höhepunkt überschritten hat und dass nun eine angemessenere Sichtweise aufkommt.»4
Mein Beitrag unternimmt eine Stichprobe zum Vaterbild in der aktuellen Literatur. Dabei wird keine moralische Sonde angelegt, auch kein repräsentativer Querschnitt versucht, sondern es wird eher nach dem Ton der jeweiligen Bücher gefragt, die sich mit Vätern befassen.
Prägung durch die Herkunft: Botho Strauß
Botho Strauß nimmt seinen 70. Geburtstag zum Anlass, über seinen Vater zu schreiben, der ihm in seiner Kindheit und Jugendzeit fremd geblieben war.5 Die tägliche Aufstehzeremonie des Vaters, das Anziehen vor dem drehbaren Ankleidespiegel, das Binden der Krawatte, das sich Abmühen mit den Manschettenknöpfen, die Befestigung des Strumpfes mit Halteriemen und das Stecken der Nadel mit Perle in den Krawattenknoten sind ihm erinnerlich. Er habe dieses Verhalten affig und eitel gefunden. Er wollte seinen Vater gewöhnlicher haben, er sollte nicht auffallen, nicht vornehm sein, sondern ein schmuckloser Mensch, so wie die Väter seiner Freunde.
Diese negative Bewertung und die Distanzierung von damals sind für den 70-jährigen Botho Strauß nicht mehr nachvollziehbar, er bemerkt an sich selber, wie ihn sein Vater geprägt hat und manche seiner Verhaltensweisen den seinen von heute ähneln.
Ich wundere mich, wie diese frühe Prägung nun, da ich längst selber ins Alter des Vaters eintrat, langsam, aber unerbittlich ihre Wirksamkeit entfaltet. Die Strenge des Vaters, sogar einzelne seiner Ansichten steigen wie eigene Erfahrungsbestände ins Bewußtsein. Man altert, trotz der sozialen Bedeutungslosigkeit von Tradition, immer noch geradewegs in das hinein, was man einst als rettungslos veraltet empfand. Vielleicht sucht man auch nur die letzten Spuren einer Überlieferung für sich selbst zu sichern, und dann tut sich auf einmal unter dem klapprigen, zugigen Verschlag einer deutschen Nachkriegsherkunft ein festerer Boden auf, als man ihn bei den späteren geistigen Landnahmen je unter die Füße bekam. (12f )
Die Schrulligkeiten des Vaters, seine ehernen Prinzipien, seine Unangepasstheit werden nun zur Pretiose, zum Schatz. Vor dem Blick dieser späten Einsicht werden eher die eigenen Verhaltensweisen von damals problematisch: Das Unverständnis dem Vater gegenüber, die ständig zur Schau getragene Skepsis, aber auch der nicht betrauerte Tod.
Ich habe deinen Tod nicht zu mir genommen damals, im Jahr des Aufbruchs, 1971. Ich war zum Vorwärtsblicken unterwegs, und die Trauer bewegte mich nicht. Ich dachte auch, er käme dir recht. Ich sah, daß du zuletzt genug hattest und dir das Leben zu schwer wurde. Sicher, nur um mich vor dem Angriff des Schmerzes abzuschirmen, habe ich dich für erlöst erklärt. Erst langsam bin ich dann hineingewachsen in deinen Tod und diesen umfassenden Sinn für Vermissen. (15)
Aus dieser nicht vollzogenen Trauer von damals erwächst nun Dankbarkeit und «nachgetragene Liebe» (Peter Härtling). Dieser versöhnte Blick zurück wird als Vorzug des Alterns erfahren und wahrgenommen: Die einzige Erweiterung des Horizontes bestehe im Alter ja darin, dass sich das Gewesene öffnet. Durch die Erinnerung wird man reicher, nicht mehr durch die unendlich offenstehende Zukunft. Solch ehrliche Erinnerung kennt freilich kein rührseliges «Weißt du noch» oder billige Verklärung, sondern sie wird zur Unmittelbarkeit des Damals, zur Überwältigung durch das Damals. Erinnerung ist kein Defizitgefühl, sondern ermöglicht eine neue Nähe und zoomt die Bilder von damals noch einmal heran; dabei entstehen Bilder voller Zärtlichkeit, aber auch von Reue.
Es sind die Hände meines Vaters, die mir den Sinn dafür gaben, daß die Eigenschaften, das Herz eines Menschen vordringen können bis in seine äußeren Gliedmaßen. Gliedmaßen von Güte und Mut, kein verlegenes Anhängsel. Sie lenkten mich […] ich kenne sie nicht als Faust […] Die Hand hat mich gestraft und liebkost; sie hat mir die ersten Blumen gewiesen und die erste Zeile im Buch. (36)
Die Beschreibung der Hände wird zu einer liebevollen Meditation des väterlichen Charakters. Im Unterschied zu seinen Händen zeigen sich die Hände der Menschen heute ganz anders: Zupfend, sich verhaspelnd, unstet, oft zur Faust geballt und zwar dort, wo sie die meiste Zeit verbringen, nämlich in den Hosentaschen. Aber auch Peinlichkeiten werden nicht verschwiegen, die Schuldgefühle aufkommen lassen: er habe sich geniert, wenn der Vater ihm mit seinen Freunden auf dem Schulweg begegnete, wenn er ihm entgegen kam auf dem Rückweg von seinem Morgenspaziergang. Nie vergesse er das bittere Lächeln, mit dem er zu verschmerzen suchte, dass er verleugnet wurde. Dabei hatte er sein ganzes Wesen abweisend und stolz gemacht um seine Entstellung herum.
Den Stolz des Vaters, seine Marotten, seine Achtsamkeit auf das Äußere deutet er nun als Reaktion auf seine Kriegsverletzung, den Verlust des linken Auges während des Ersten Weltkriegs, als ein Projektil oberhalb der Nasenwurzel die linke Stirnwand durchschlug. Ab diesem Zeitpunkt wird das Leben zur Herausforderung, Haltung zu bewahren. Während der jugendliche Sohn dieses Verhalten als seltsam abtut, wird es für den 70-jährigen zum bewunderungswürdigen Lebensausdruck.
Das Buch von Strauß ist nicht nur frei von jeglichem Ton der Tribunalisierung oder billiger Anklage, es ist nachgeholtes Verstehen, Vergebungsbitte, Ausdruck von Bewunderung und Verehrung. Das Gebot «Du sollst Vater und Mutter ehren» wird nicht moralisch eingefordert, sondern literarisch vollzogen. «Morgen wird die Wohnung entrümpelt. Morgen wird mein Zuhause aufgelöst» (96) – so endet das Buch von Botho Strauß. Gerettet aber wird das Bild des Vaters, die Erinnerung wird zur Buchstabierübung der eigenen Identität und zur Verdanktheit des Lebens.
Vaterhass oder Hiobsche Revolte: Sibylle Lewitscharoff
Sigrid Löffler hat den Roman «Apostoloff» von Sibylle Lewitscharoff ein Vaterhass-Buch genannt, hinter dem sich enttäuschte Vaterliebe verberge und zugleich ein Selbstbezichtigungs-, Selbstverspottungs- und Selbstverurteilungston der Ich-Erzählerin.6 Hinter dem Vaterhass zeigt sich meines Erachtens jedoch noch eine ganz andere Haltung. Die Autorin Lewitscharoff verabscheut es, das eigene Leben einfach hinzuschmeißen, sie hat eine eigene dezidierte Vorstellung mit Niederlagen umzugehen. Formuliert hat sie diese Gedanken pointiert in ihrer Klagenfurter Literaturrede7 aus dem Jahre 2010, in der sie zwei Spezialisten der Niederlage benennt: Hiob und Jesus. Hiob, der seine eigene Geburt verflucht, den Tag verwünscht, an dem er geboren wurde, schreit seine Klage hinaus. Er besteht aller Einreden der Freunde zum Trotz auf seiner eigenen Unschuld und stellt seine Fragen in solcher Drastik und Dramatik, dass er sogar Gott zur Antwort reizt. Jesus stirbt in Gottverlassenheit und fern von jeglicher Auferstehungsgewissheit. Hiob wird am Schluss von Gott als unschuldig erwiesen und Jesus wird der Auferstehung teilhaftig. Für Lewitscharoff sind Schriftsteller ebenfalls solche Verwandler von Niederlagen. Sie verwandeln Kränkungen, öffentlichen Liebesentzug, Geldmangel und Unbehaustheit in der Welt in einen ästhetischen Gewinn. Mag ein Text auch noch so von Schwärze geprägt sein, der Autor, der ihn geschrieben hat, trägt längst den Kopf wieder oben, hat seine Antennen ausgefahren und zelebriert nun seine Lust an der erlittenen, aber überwundenen Pein. So kann Lewitscharoff den Kandidaten und Kandidatinnen für den Bachmann-Preis Trost und Zuversicht spenden. Sie empfiehlt ihnen das Urteil gefasst entgegen zu nehmen, in der Haltung der gezeigten Demut, in der sie eine Hand auf den Handrücken der anderen legen und den Kopf leicht senken:
Nein, das bedeutet nicht, dass Sie beten. Die ineinandergeschobenen Finger zeigen nur an, dass Sie bei sich sind. Aber gerade in dieser Haltung ist es möglich, dass ein Härchen auf Ihrem Haupt keck nach oben weist und sich stracks auf die Suche nach den heimlichen Verbindungen begibt. Auf dass alles, was im Diesseits auf Sie hernieder geht, sich dereinst, wenn Sie vom höchsten Richter erkannt und mit sich selbst bekannt werden, wandle in himmelhoch jauchzende Freude.
Lewitscharoff entwirft hier geradezu ein Lebensmodell, mit Niederlagen umgehen zu können, das Urteil der Menschen nicht mit dem Urteil Gottes zu verwechseln und den ewigen Richter höher zu schätzen als alle medialen Staatsanwälte und Literaturpäpste. Diese Haltung hat allerdings eine Voraussetzung: eine Beziehung zur Transzendenz, das Bewohnen einer zweiten Welt.
Genau dies aber vermisst die Ich-Erzählerin im Roman «Apostoloff»8 an ihrem Vater. Dabei war er durchaus ein Vater im Sinne eines guten Ernährers, sie könne sich nicht beschweren. Sie wurde ernährt, nicht geschlagen, habe eine lange Ausbildung finanziert bekommen, zu guter Letzt reichte es sogar zu einem bescheidenen Erbe.
Der Vater, Gynäkologe von Beruf, wurde von seinen Patientinnen angehimmelt, die Familie erlebt ihn allerdings als Arzt-Wrack. Wie ein Alp liegt er auf der Familie:
Wenn er seine ausgeleierte Weste aus dem Schrank holte, wußten wir, was kam. Es verlosch die Welt um ihn her, für zwei Monate, immer im Frühjahr, und wir waren dazu verdammt, mit ihr zu verlöschen. Geschleich um seine verschlossene Kammer, schüchternes Gepoch, zaghafte Frage, ob er etwas essen wolle, und keine Antwort. Öffnete man die Tür einen Spalt, schwoll etwas so Muffiges daraus hervor, daß man sie schnell wieder zumachte. Er lag auf dem Sofa wie verwest.9
Der Vater wird als stinkendes Aas geschildert. Aber nicht diese ständige Frühjahrs-Depression macht die Erzählerin ungehalten, der Vater ist beileibe nicht so abwesend und verdrießlich wie die meisten Väter der Schulkameradinnen. Etwas anderes macht seinen Mangel aus: er hat keinen Draht nach oben, liest nicht in der Bibel. Sein Vorname Kristo wird ihm nicht zur Hilfe, sondern zur Belastung. Der Vater ist ein Transzendenzverweigerer. Gerade diese Verstopfung nach oben macht ihn einsam und sein Sterben wird schließlich zum Selbstausdruck seines Lebens.
Sibylle Lewitscharoff dagegen schwebt ein anderes Sterben vor. Dafür hat sie ein Beispiel, das sie in ihrer Dresdner Rede10 entfaltet hat: ihre schwäbische Großmutter, eine zutiefst religiöse Frau. Sie stirbt mit 73 Jahren an einer Krebserkrankung. Sie hatte ein einfaches Credo: hilf den Schwachen und führe ein gottergebenes Leben. Vor dem Jesus, von dem ihr die Großmutter immer erzählte, habe sie nie Angst verspürt:
Als es auf den Tod zuging, kam keine Klage über ihre Lippen. Ihre einzige Sorge galt uns, denen, die zurückbleiben würden. Für sich selbst war sie zuversichtlich, dass es ihr irgendwann vergönnt sei, das Himmelreich zu erlangen. Sie versprach, bei Jesus ein Wort für mich einzulegen, strich mir sanft über den Kopf, starb zuversichtlich und ruhig, ohne ein erschreckendes Sterbetheater aufzuführen. Was bei mir selbst als religiöse Bindung bis heute haften geblieben ist, verdanke ich der Erziehung meiner Großmutter, die – soweit ein Mensch dies zu sein vermag – ein guter Mensch gewesen ist.
Von diesem Sterben setzt sie das Sterbetheater ihres Vaters ab. Damit meint sie nicht nur seinen Selbstmord in der Arztpraxis, sondern auch den Pomp der bulgarischen Begräbnisse, den sie in ihrem Roman «Apostoloff» persiflierend inszeniert. Aber auch die Mutter starb keineswegs befriedet oder versöhnt, sondern als rebellische Wutperson in einem evangelischen Krankenhaus. Die Schwestern waren entsetzt, als sie alles, was auf ihren Nachtkästchen stand, gegen ein Kruzifix warf. Die Schwestern vermuteten, sie sei vom Teufel besessen, dabei richtete sich ihre Wutaktion ausschließlich gegen ihren Mann, der den Christusnamen, nämlich Kristo, als Vornamen trug. Bis in den Tod hinein verfolgte er sie.
Solcher Verfolgung im Tod will Lewitscharoff schon zu Lebzeiten wehren.
Ich fürchte mich sehr davor, auf eine verzweiflungsvolle Art sterben zu müssen, ohne himmlischen Trost, ohne auf vertrauensvolle Weise die Hände falten zu dürfen. Die Garantin dafür, dass es mir auf dem Totenbett vielleicht anders ergehen möge als denen, die ungetröstet ins Grab sinken und dass es mir hoffentlich vergönnt sein wird, vorbereitet zu sterben, ist natürlich meine geliebte Großmutter, wer sonst.
Sie gehört für sie zu den Menschen, die einfach im Herzen sind, aber gerade dadurch den Botschaftsverkehr zwischen oben und unten am Leben halten. Insofern ist der Roman «Apostoloff» kein monströses Vaterhass-Buch, sondern eine drastische Geschichte des Sterbens, der sie das Gegenbild eines anderen Sterbens entgegen hält:
Ich gebe zu, bei meinen Todesahnungen kommen altertümliche, leicht kitschige Vorstellungen mit ins Spiel. Ein dem Tod Geweihter liegt bei mir auf einem hoch aufragenden Sterbebett, er flüstert seinen Angehörigen wichtige letzte Worte ins Ohr, erhält die letzten Sakramente, auf welche hin er befriedet und ruhig stirbt. Natürlich ist das Testament längst gemacht. In einer Prozession schwarzgekleideter Menschen wird er im Sarg zum Friedhof getragen, wo eine würdige Beerdigung stattfindet.
Dabei muss kein pomp funebre entfaltet werden wie im Roman «Apostoloff» als Kompensat für ein verkorkstes Leben.
Die Distanz zum Vater bei Lewitscharoff ist ein Reinigungsakt, geradezu ein Exorzismus zu Lebzeiten, um nicht im Tod von teuflischen Anwandlungen heimgesucht zu werden.
Abschied von den Kriegsteilnehmern (Hanns-Josef Ortheil)
Einen neuen Ton der Vaterliteratur konstatiert Helmuth Kiesel im Roman «Abschied von den Kriegsteilnehmern» von Hanns-Josef Ortheil.11 Der Roman setzt ein mit der Beerdigung des Vaters. Für den Sohn ist alles fast unwirklich, er kann sich nicht vorstellen, dass die Leiche des Vaters im Sarg liegt. Unmittelbar nach dem Tod bringt er Stunden im Leichenhaus zu, um den toten Vater zu betrachten. Dabei gelingt es ihm, den verstorbenen Vater wieder zu finden. Diesen wieder gefundenen Vater will er nun noch deutlicher erfahren, er durchstöbert den Keller nach seinen Hinterlassenschaften, Arbeitsgeräten und Aufzeichnungen. Die Mutter fühlt sich vernachlässigt und in ihrer Trauer nicht unterstützt, so dass dem Sohn klar wird, er muss das Haus der Trauer verlassen. Eine Einladung eines Freundes nach St. Louis an den Mississippi kommt ihm gerade recht, er macht sich auf den Weg. In der Ferne rückt ihm der Vater erneut ganz nah, er rückt ihm geradezu auf den Leib. Er trägt mit ihm die Frage der Kinder der Kriegsväter aus, die Frage nach der Schuld an der Ermordung der Juden. Er durchlebt den Tod seiner vier Brüder und sieht sie und den Vater als Opfer des Krieges:
Du hast geglaubt, du kannst den Krieg hinter dir lassen, irgendwie kommt man […] über alles hinweg, doch der Krieg hat dich noch lange nicht frei gegeben. Du Kriegsteilnehmer, ja, Kriegsteilnehmer, du und deine vier Söhne, Kriegsteilnehmer seid ihr gewesen. (290)
Die Distanz, die räumliche Distanz bringt ihn seinem Vater wieder nahe. Nicht mehr in der Abgrenzung, sondern in der Inkorporation des Verstorbenen. Der Verstorbene übt keinen Sog der Auslöschung des eigenen Ichs mehr aus, sondern er kann jetzt in ihm weiterleben. Nun wird ihm deutlich, dass sein Schreiben kein ausschließliches Beschreiben der Vaterwelt mehr sein darf. Er kann den alten Schreibstil ad acta legen, der ihm nun wie ein Brueghelbild anmutet. Im Hemingway-Ton macht er das dem Vater im Selbstgespräch klar:
He, Dad, dachte ich, ich habe Dir ein Bild gemalt, ich habe Dir mit den Augen des Malers Brueghel ein Bild gemalt. Thal ist drauf und die Nister und der alte Hof, der Hähner Hof, auch der ist drauf, und Köln ist drauf, Köln vor dem Krieg, und der Rhein ist drauf, und in der Ferne das Meer, auch Antwerpen ist drauf. Ja, Dad, das ist Dein Bild, aber der Krieg, der Krieg, Dad, der Krieg ist nicht drauf. Das Bild ist Dein Bild, Dad, wir wollen es so lassen, es ist Dein Bild, nicht mein Bild, obwohl man unsere Bilder leicht verwechseln könnte. Du hast immer so getan, als müßte Dein Bild auch mein Bild sein, Du hast immer auf diese stumme Verständigung gesetzt, aber ich weiß jetzt, Dein Bild ist nicht mein Bild, sie sind sich nur lange sehr ähnlich gewesen. So war das, Dad, so ist das! (391)
Schließlich nimmt er seinen Vater und seine verstorbenen vier Brüder auf die Schultern und schleppt sie gegen Osten, nicht an den Rhein, sondern an die Elbe. In der Ferne ist Berlin sichtbar. Und dann nähern sie sich einem Hügel, dem trigonometrischen Punkt des Elternhauses. Dieser trigonometrische Punkt, auf dem das Elternhaus errichtet und ganz vom Vater besetzt war, liegt nun ganz woanders: Der Sohn kann in dieses Haus zurückkehren, er kann es zurückgewinnen, er hat seine Biographiearbeit geleistet.
Dieses Abschiedsbuch aus dem Jahre 1992, das deutlich gekennzeichnet war von den Spuren der Trauer, hat Ortheil längst weiter geschrieben in seinem Roman «Die Erfindung des Lebens» und in seinen anderen Büchern. Der Roman «Die Erfindung des Lebens» bringt noch einmal das Bild des Vaters zum Leuchten. Er hat ihm mehrmals das Leben gerettet, er hat ihn aus der Sprachlosigkeit, aus der Stummheit geführt, hat ihn in der Schule gegen die Hänseleien der Mitschüler, aber auch der Lehrer verteidigt, hat ihn vor einer großen Lebenslüge im Internat bewahrt und ihm seine künstlerische Laufbahn ermöglicht. All diese Erfahrungen machen es für Ortheil nun möglich, dass er seine frühe Schreibform jetzt an die Öffentlichkeit bringen kann: «Die Moselreise» und «Die Berlinreise», die seine ersten Schreibversuche gewesen waren und von denen er sich nach dem Tod des Vaters der eigenen Selbstfindung wegen distanzieren musste. Diese Erfahrungen fasst Ortheil in seinem neuen Vorwort zum «Blauen Weg» zusammen. Er beschreibt noch einmal die Trauer um den Tod seines Vaters. Um die Gewalt dieser Trauer zu verstehen, müsse man wissen, dass sein Vater in seinem Leben nicht nur eine herausragende, sondern eine lebensrettende Rolle gespielt habe. Seit den frühesten Kinderjahren sei er mit ihm eng verbunden gewesen. Er sei zu seinem wichtigsten Lehrer geworden.
Zur Rettung aus dieser Trauersituation sei das Stipendium an der Villa Massimo in Rom geworden. Dort verbrachte er die Zeit mit der gerade geborenen Tochter und das Leben wurde für ihn zum reinen Dasein, zu einem einzigen Freudentaumel.
Den Vormittag verbringe ich meist mit der Arbeit, erst nach dem Mittagessen geht es für mehrere Stunden hinaus, wobei ich oft der Fremdenführer des Kindes bin, dem ich die Stadt zeige, auf es einredend wie auf eine Erwachsene: «schau, siehst du?» Alle paar Minuten wird man angehalten und angesprochen, die Erscheinung des Kindes zieht sofort die Aufmerksamkeit auf sich und ich stehe Rede und Antwort. Gute Ratschläge gibt es, kleine Geschenke, herzliche Grüße, meine Gänge durch die nahen Geschäfte sind hohe Visiten, von Freudenturbulenzen unterlegt bis zum Verlassen, wo die Ladenbesitzer mich hinausbegleiten auf die Straße.12
Der graue Weg der Trauer hat sich nun zum «Blauen Weg» geöffnet. Das ist nicht nur die Adresse der Ortheils in Stuttgart, sondern auch der blaue Himmel über Rom. Der Sohn des Kriegsteilnehmers war Vater eigener Kinder geworden, aus dem Beschreiber des Stummseins der eigenen Kindheit wird der lustvolle Erzähler mit einer ganz neuen Grammatik des Lebens. Ein sapientialer Schreibton erwächst daraus und ein Verkosten der Dinge von innen her (Ignatius von Loyola). Die Herkunftswelt ist damit keineswegs abgewählt, sondern geht mit in die eigene neue Welt als Biographie mit Gravur.
Der Vater: König im Exil (Arno Geiger)
Aleida Assmann hat den Vaterbüchern in der Gegenwartsliteratur etwas Zombiehaftes bescheinigt: die Väter sind zu Lebzeiten als Anwesende abwesend und nach ihrem Tod als Abwesende anwesend.13 Ganz anders dagegen Arno Geigers Buch «Der alte König in seinem Exil».14 Es ist ein literarischer Text, der nicht nur über den lebenden, sondern auch über einen dementen Vater schreibt. Damit ist auch der Schreibton vorgegeben, weder akkusatorisch noch tribunalisierend, aber auch nicht verharmlosend und bagatellisierend. Vor einer solch unangemessenen Haltung bewahrt Arno Geiger die Erinnerung an seine Tante Berti:
Als ich an einem Samstagnachmittag Tante Berti besuchen ging, war ich knapp 19 Jahre alt. Berti wollte sich von ihren vielen Nichten und Neffen verabschieden. Ein Geistlicher verließ gerade das Haus. Er hatte Tante Berti beim Gehen gute Besserung gewünscht, sie sagte zu mir, man wünsche jemandem, der im Sterben liegt, nicht gute Besserung, das sei lächerlich. Sie schien enttäuscht und gekränkt. Dieser kurze Moment, in dem eine sterbende Frau, Mutter von drei Kindern, zwei davon halbwüchsig, angesichts des Todes forderte, vor den Tatsachen die Augen nicht zu verschließen, machte einen tiefen Eindruck auf mich. Ich habe mich von diesem Satz nie ganz erholt. (179f )
Arno Geiger war klar geworden, dass man über ein Leben nicht einfach trivial urteilen darf, dass es dafür Zeit braucht:
Ich wollte mir mit diesem Buch Zeit lassen, ich habe sechs Jahre darauf gespart. Gleichzeitig hatte ich gehofft, es schreiben zu können, bevor der Vater stirbt. Ich wollte nicht nach seinem Tod von ihm erzählen, ich wollte über einen Lebenden schreiben, ich fand, dass der Vater, wie jeder Mensch ein Schicksal verdient, das offen bleibt. (188f.)
Wer war dieser August Geiger, über den Arno Geiger schreibt? Er wurde am 4. Juli 1926 als drittes von zehn Kindern in Wolfurt, einer Vorarlberger Rheintalgemeinde geboren. Er machte 1944 die Kriegsmatura, wurde eingezogen, bekam wegen Infektion am Unterarm zweimal Genesungsurlaub und wurde 1945 schließlich an die Ostfront verlegt, geriet in Gefangenschaft. Dort nagte er einen verdorbenen Knochen ab, bekam die Ruhr, magerte auf 40 kg ab und entging nur knapp dem Tod. In einem Lazarett in der Nähe von Bratislava wurde er gepflegt und kehrte am 9. September 1945 nach Wolfurt zurück. Von dort hat er sich nicht mehr weg bewegt, wurde mit 26 Jahren Amtsleiter und blieb es bis zu seiner Pensionierung. Er hat ein Haus gebaut, heiratete 1963 eine Lehrerin aus St. Pölten und bekam mit ihr vier Kinder. Die nicht sehr glückliche Ehe wurde 1993 geschieden.
Auf seine Vaterbeziehung angesprochen antwortet Arno Geiger: «Mein Vater war ein begeisterter Vater von kleinen Kindern: extrem herzlich, begeisterungsfähig, einfach ein netter Vater. Wir haben ihn wahnsinnig gemocht. Aber mit Jugendlichen konnte er nichts anfangen, Jugendliche haben ihn verunsichert, er war ein sehr freundlicher, aber auch konfliktscheuer Mensch.»15 In den 90er Jahren beobachtet man anfanghaft eine Vergesslichkeit bei ihm, die sich als Demenzerkrankung herausstellt. Die Familie kümmert sich um den Vater, stellt Betreuerinnen ein und bringt ihn schließlich 2009 in ein Altenheim, in dem er 2014 gestorben ist. 2011 erscheint das Buch von Arno Geiger «Der alte König in seinem Exil», in dem er die Krankheit des Vaters, aber auch seine Beziehung zu ihm schildert. Dieses Buch macht zunächst die Hilflosigkeit gegenüber der Krankheit deutlich, aber auch das allmähliche Verstehen, das Herantasten an die Krankheit: «Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm. Dort drüben, innerhalb der Grenzen seiner geistigen Verfassung, jenseits unserer auf Sachlichkeit und Zielstrebigkeit ausgelegten Gesellschaft, ist er immer noch ein beachtlicher Mensch, und wenn auch nach allgemeinen Maßstäben nicht immer ganz vernünftig, so doch irgendwie brillant.» (11) Dieser Blickwechsel verändert den Umgang mit dem kranken Vater. Waren es vorher eher Vorwürfe oder Kommandos im Stil «Reiß dich zusammen!», so herrscht nun die Einsicht vor, dass ihn all das nicht mehr erreicht. Es bedarf einer Solidarisierung mit ihm und seiner Krankheit.
Arno Geiger beschreibt im Gespräch seine Haltungsänderung so:
Ich habe lange gebraucht, hier zu einer produktiven Haltung vorzudringen. Mein Vater hat das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, selber gebaut. Er hat die Ziegel selber gegossen, er hat das Elektrische, die Installationen, alles selber gemacht. Sein Haus war von enormer Wichtigkeit für ihn. Und plötzlich erkannte er es nicht mehr! Das überstieg meine Vorstellungskraft. Unvorstellbar. Ein Irrtum. Entsprechend hartnäckig habe ich versucht, ihm zu erklären: «Das ist dein Haus! Du hast es selber gebaut.»– Ich habe ihm Dinge gezeigt, die er eigentlich hätte kennen müssen. Aber er war nicht zu überzeugen. Das war schwer nachzuvollziehen. Und ich habe lange gebraucht, zu realisieren, dass die Krankheit ein Gefühl von Irritation erzeugt. Mein Vater hat hin und wieder gesagt: «Das stimmt schon, dass das aussieht wie bei mir zuhause. Aber irgendetwas ist anders.» – Und dieses «Irgendetwas ist anders», das ist eben die Krankheit. Mein Vater sehnte sich an einen Ort, an dem er die Irritation nicht mehr spürte, wo er sich geborgen fühlt, wo er sich wieder sicher fühlt, wo er nicht ständig angefochten ist. Und allmählich habe ich begriffen, der einzige Weg, ihm ein Gefühl von Geborgenheit zu geben, ist der, sich mit ihm zu solidarisieren, indem ich sage: «Ja, das ist nicht unser Zuhause, wir gehen gemeinsam nach Hause».16
Diese Solidarisierung verhilft ihm zu einer neuen Sprache. Der Vater wird beschrieben als alter König in seinem Exil. Arno Geiger versucht in seiner Darstellung dem kranken Vater Würde zu geben. Es fallen Sätze wie: immer noch ein beachtlicher Mensch. Freilich wird die Ambivalenz dieser Krankheit nicht übergangen oder bagatellisiert. Der Königsstatus kann sehr schnell in einen Irrsinnsgestus umschlagen. Der Vater versteckt sich vor seiner Betreuerin, schließt sich ins Badezimmer ein. Er will nicht duschen:
Nach mehrmaligem Bitten öffnete mir der Vater die Tür. Er saß auf dem Badeschemel, in langer Hose und weißem, ärmellosem Unterhemd, an den Oberarmen hing die Haut herunter, aller Spannkraft beraubt. Zwei Handtücher hatte er sich martialisch um den Hals gebunden, in der einen Hand hielt er eine nach oben aufgerichtete langstielige Rückenbürste, in der andern Hand einen Nagelzwicker, dessen Nagelfeile ausgeklappt war. Er sah jetzt tatsächlich wie ein König aus – mit Zepter und Schwert. Doch im Gesicht trug er den Stempel des Irrsinns. (105)
Stabilität und Vertrautheit vermitteln ihm vor allem ritualisierte Abläufe. Arno Geiger berichtet:
Mein Vater war Ministrant bis ins Erwachsenenalter. Er konnte noch im Alter die halbe lateinische Messe auswendig. Manchmal saß er am Küchentisch und hat die lateinische Messe gelesen. Das war so tief in ihn eingeschrieben, all diese rituellen, liturgischen Sätze, Formeln, die Lieder, die Gesänge. Ich glaube, dass man derlei mitnimmt und dass Wiederholung Vertrauen schafft, weil das richtige Wort wieder kommt, alles an seinem Platz, eine geordnete Welt.17
Das Buch von Arno Geiger ist ein außergewöhnliches Vaterbuch. Er schreibt es zu Lebzeiten des Vaters und versucht ihm Würde zu geben. Der Blick von Arno Geiger auf seinen Vater ist nicht geprägt von einer nachzutragenden Liebe. Diese Liebe zeigt er ihm schon zu Lebzeiten. Das Schreiben wird nicht zur Kompensation für eine nicht stattgefundene Beziehung, sondern zu ihrem literarischen Ausdruck. Ein ganz neuer Ton in der Tradition der Vaterbücher!
Beschreiben, was einen an der Gurgel packt
Höchst unterschiedliche Vaterbilder haben sich gezeigt. Botho Strauß wird sich angesichts des eigenen Älterwerdens neu der Eigenheiten seines Vaters bewusst. Was ihm ehedem schrullig erschien, hat nun Würde. Vor allem aber empfindet er ein Gefühl der Dankbarkeit. Er fühlt sich durch den Vater nicht einfach ins Leben gesetzt, sondern ins Leben geführt. Die Hand wird deshalb zum minutiös erinnerten Körperteil.
Sibylle Lewitscharoff dagegen wählt als Schreibhaltung den «gutmütig gepflegten Hass»18 – nicht aus Bösartigkeit oder Obsession, sondern als Selbstschutz, denn Liebe allein vermag die Toten nicht in Schach zu halten. Dahinter steckt ein Ausagieren von ambivalenten Gefühlen zu Lebzeiten, um an ihnen im Tod nicht ersticken zu müssen. Sie will nicht in Autoaggression sterben wie der Vater durch Selbstmord oder in Heteroaggression wie die Mutter, die Gegenstände gegen das Kreuz schleudert, weil der Mann Kristo hieß. Sie will in Frieden sterben wie die bewunderte Großmutter. Dazu bedarf es eines ehrlichen Lebens. Solche Ehrlichkeit schließt eine deutliche Sprache gerade nicht aus, sondern ein – auch gegenüber dem eigenen Vater.
Hanns-Josef Ortheil verdankt seinem Vater nicht nur das Leben, sondern auch Sprache und Schreiben. Durch seinen Beistand hat er ihm, dem stummen Kind zur Sprache verholfen. Seine Lebensaufgabe sieht er darin, eine eigene Sprache zu entwickeln. Deshalb muss er auf Distanz gehen zu seinem Vater, der als Kriegsteilnehmer geprägt ist von den Gräueln des Krieges, aber auch zu dessen Sprache, die eine objektivierende, sachliche, gefühlsarme ist. Im eigenen Vaterwerden entdeckt er selber eine lust- und gefühlvolle Sprache und Schreibweise.
Arno Geigers Verhältnis zum Vater ist geprägt von dessen Demenzerkrankung. Distanzierung wäre hier Verrat an der ihm gestellten Lebensaufgabe. Er findet zu einer Sprache zärtlicher Empathie, ohne dabei den eigenen Weg aus dem Auge zu verlieren. Mit dem Vorwurf exhibitionistisch über die Krankheit seines Vaters geschrieben, die Krankheit des Vaters in die Öffentlichkeit gezerrt, das Private öffentlich gemacht zu haben, geht er gelassen um:
In meinen Augen ist es Aufgabe von Schriftstellern, über die Dinge zu schreiben, die ihnen am wichtigsten sind. Nicht über irgendein Bla-bla-bla, sondern über das, was einen an der Gurgel packt.19