Wo ruft uns noch heute etwas «Samuel, Samuel!» zu – viel leiser vielleicht, als wir’s uns vorstellen können? Wo verschließen wir uns dumpf dieser Stimme oder verharren unbewußt, wie im Schlaf – einem tieferen vielleicht als Samuel ihn je schlief?
Ich habe den Eindruck: Wir verharren samuelgleich jeder in seinem Schlaf, verharren – das heißt, bleiben auch «offenen Auges» in solchem Schlaf, solcher Unbewußtheit, indem wir, in Projektionen gefangengeführt, stets glauben, es sei ein anderer Mensch, der uns ruft und der etwas von uns will. Und nicht Gott.
Es ist meine Vermutung – meine These –, daß jede Projektion eine unbewußt gelebte, noch nicht realisierte Prophezeiung enthält. Projektionen stellen noch-unbewußte Prophezeiung dar.
Ich könnte auch sagen: Jede Projektion enthält eine an uns persönlich gerichtete Prophezeiung. Eine Prophezeiung, die aus dem Unbewußten kommt: nicht von uns, nicht von Menschen gemacht. Eine Prophezeiung, die noch nicht verstanden, noch nicht gehört wurde, und die bis zum Moment der Bewußtwerdung: un-erhört bleibt.
Was meine ich mit Projektion?
Bei Matthäus spricht Jesus: «Was siehst Du aber den Splitter im Auge deines Bruders, doch den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?»
Psychologisch gesprochen diagnostiziert Jesus hier den Vorgang einer Projektion. Wir erkennen unser Problem nicht an uns selbst, in uns selbst, als uns selbst betreffend, uns selbst zugehörig, als ausgehend von uns. Wir «sehen» dieses Problem zwar, erkennen es als anstößig – mit entsprechend großem Affekt, mit Ärger, mit Wut, mit Liebe oder Haß –, aber zunächst immer am anderen, am «Bruder», an der «Schwester». Unentwegt außen. Und meist hält sie sich hartnäckig, unsere Projektion. Denn der unbewußte problematische Inhalt findet außen den passenden psychologischen Haken, an dem er sich aufhängt. Der «Haken», das ist der «Splitter im Auge des Bruders» oder der «Schwester».
Das Ärgernis, das Böse, das Problem bleibt dann nach außen verbannt, ist uns außen sofort «lokalisierbar» – in uns selbst bleibt es unbewußt-unerkannt. Es ist nur immer wieder «dort», bei «jenen» zu sehen, zu bekämpfen, «dort»: als Erstrebens- oder Verachtenswertes vorhanden.
Genau genommen ist es also so: Ein unbewußter Mensch – das heißt zunächst mal: wir alle –, ein unbewußter Mensch trifft sich notwendigerweise immer wieder «dort draußen» an, in der äußeren Welt, begegnet sich in diesem Ägernis, in jener Faszination, in den Objekten seines Hasses oder seiner Begierde, wo immer/wann immer er «heiß läuft», sich echauffiert oder glaubt, auf etwas mit besonderer Eiseskälte reagieren zu müssen. Immer dann trifft er eigentlich sich selbst, einen jener «Geringsten», von denen Jesus spricht und mit denen er sich recht eigentlich identifiziert (Mt 25, 45), trifft sich und – weiß es nicht. Das heißt, wir begegnen versprengten Teilen unserer selbst, eben diesen unbewußten Inhalten, und wissen nicht, daß wir, kümmerten wir uns um sie, Göttlichem Herberge gäben, Heiligem Asyl.
So bleiben wir, im schlimmsten Fall, lebenslänglich dazu verdammt, uns unwissentlich immer wieder anzutreffen, in anderen zu begegnen, ohne uns je zu erkennen. Ohne, psychologisch gesprochen, diese Projektionen je zurückzunehmen und die Arbeit am Kreuz zu beginnen, das wir selbst tragen sollen, das heißt: die Arbeit am «Balken im eigenen Auge». Die Arbeit, die darin bestünde, diesen «Balken» im eigenen Auge – im Licht des Bewußtseins,Licht der Bewußtwerdung– aufzuheben, Jesus so nachzufolgen (vgl. Mt 10, 38).
Den Balken «aufzuheben», «aufzunehmen», an sich zu nehmen, ihn als eigene Aufgabe, als das eigene assignment, den eigenen gottgegebenen Auftrag – und nicht als auswärtiges Problem eines anderen – zu verstehen, darin bestünde die Zurücknahme einer Projektion.
Man sollte, meine ich, die Rücknahme von Projektionen als ein «Zurück-binden», ein religare, bzw. als ein sorgsam-genaues Beachten der oft schmerzvoll zurückgewonnenen Inhalte begreifen, also als ein relegere der Stimme, die zu Samuel sprach. Der Stimme, die uns – in unseren Projektionen – meist unerhört-unbeachtet umgibt. Die Leistung solcher «re-collection», Rücknahme, d.h. eines Zurückversammelns Verlorener, Geringster, ist als grund-legend religiös anzusehen.
Inwiefern wäre solche Rücknahme einer Projektion nun auch erlöste, erhörte Prophezeiung? Insofern das Problem, die Wunde, der un-erhörte, nie-gehörte, bisher nicht angesehene Schmerz, die uneingestandene, nie ausgesprochene Scham, die besessen-sehnsüchtige Liebe zu einem anderen: dann als unser eigenster Auftrag verstanden wäre. Als unser prophezeites assignment, unser nur uns Zugeschriebenes erkannt würde.
So erkannt, so gesehen, so zurückgelesen, ist das Schwere, das Dunkle im Leben, das es zu tragen gilt, das Schwärende, das Sinn-Verstellende, das Blindmachende, das es zu lösen, zu heilen, zu extrahieren, zu separieren, zu reinigen und assimilieren gilt: Teil unseres Auftrags. Nicht mehr in Projektion unbewußt gelebt und anderen befohlen, sondern als Prophezeiung begriffen, füruns und inuns – Deo concedente – als Teil unseres Lebenswerks verstanden. Jede Projektion wäre, einmal erkannt, einmal zurückgenommen und integriert: nicht als menschengemacht zu verstehen, sondern als prophetische Handschrift, die es zu lesen und zu erkennen, dann «mit allem, was wir haben», den uns zu Verfügung stehenden Kräften, im eigenen Leben zu realisieren gilt.
Jeder Traum offenbart uns, einmal genauer untersucht, unsere Projektionen und eben damit seinen prophetischen, seinen noch einzulösenden Aspekt. Auch Joseph hat seine Träume nicht so gedeutet: «Den ‹Messias› muß ich beschützen, den Erlöser der Welt.» Zumindest hat er sich nicht mit dieser message identifiziert und sich für Weiß-Gott-wen gehalten. Sondern er hat seinen Traum, der allerdings prophetisch war, gerade auch, was sein eigenes Leben, seine Beziehung zu seiner Verlobten betraf, persönlich interpretiert. Es ging ihm darum, den Inhalt des Traums zu realisieren, ihn mit seinen Mitteln für sich und seine Familie zu inkarnieren, wahr zu machen, ins Leben zu bringen und dort zu bewahren. Mit allem, was er hatte, dieser Joseph, mit allem was er hat, steht Joseph für den Archetyp des notwendigen Propheten von heute. Der Prophet unserer Zeit muß zuallererst sich selbst einer sein. An dieser Arbeit muß er sich beweisen. Und wenn er das tut, wird die Frucht dieser Arbeit – sich weiter bewahrheitend – auf andere übergehen. Das Schwere an der Aufgabe, dem Traum im eigenen Leben gerecht zu werden, hält den Propheten von heute bescheiden, humble, in «Erdnähe», bodenverhaftet wie Joseph. Und hielte auch uns bescheiden, d.h. weniger in Gefahr, Projektionen zu verfallen. Wer den eigenen Balken aufhebt, hebt nicht ab.
Am gleichsam kinematisch-bewegten Beispiel Samuels läßt sich nochmals, zusammenfassend, das Muster erklären, der Prozeß, dem wir alle unterworfen sind – ob wir es wissen oder nicht.
Samuel schläft. Er schläft im Tempel, in der Nähe der Lade. Schon das ist bezeichnendes Bild. Diese Nähe genügt nicht mehr; sein naiv-zutraulicher Schlaf im Heiligtum ist nicht Aufgehobensein, er genügt nicht mehr. Gott durchkreuzt seinen Schlaf – denn was Samuel sieht, hört, durchmißt und im Ritus verehrt: es genügt nicht mehr.
Samuel erwacht aus dem Schlaf. Wir kennen dieses Bild: daß man nämlich einen Traum hat, der beim Erwachen so wirklich noch ist, daß jegliche Trennung zwischen Wirklichkeit und Traum fehlt, wir beides noch als eins leben, agieren, als seien beide, Tag und Nacht, ununterscheidbar, ureins. Dreimal erwacht Samuel so, rennt zu Eli, denn er glaubt, der habe gerufen. Eli lehrt ihn dann, recht verstanden: sein Geheimnis. Es ist das Geheimnis jedes Propheten. Das Geheimnis eines jeden, der ernsthaft Gott hören will. Es ist so beschämend einfach, so «obvious», daß es – wie der Stein, den man überall findet, den daher jeder übersieht – kaum ergriffen, kaum als Mittler, zwischen Gott und uns zu vermitteln, benutzt wird. Elis Geheimnis besteht in dem einzigen Satz: «Sprich, Gott, dein Knecht hört».
»Sprich, dein Knecht hört» – diese vom zukünftigen Propheten Samuel nun wiederholten Worte, sind in Sprache gefaßte Er-wartung, daß Gott zu ihm reden wird. «Sprich, Gott…». Diese Worte kommen einer Tempelreinigung gleich. Man kann sie aussprechen… – und wenn man so spricht, Elis dem Samuel anvertrauten Satz mit eigenem Mund wieder-holt: dann macht man sich zum Erwartenden, macht sich leer, das Kommende aufzunehmen. Man muß das wirklich einmal – bei welchem Auftrag auch immer, bei Arbeiten, die noch anstehen, beim Erwachen am Morgen, mitten im Alltagsbrast – ausprobieren, man muß es wagen. Denn dieser Satz, unsere Erwartung, daß ER uns antworten wird, ist ein Wagnis. Ein Wagnis, das bewußt eingegangen werden muß, wenn einer Samuels Beispiel folgt, «den Balken aufzuheben».
Samuel rennt also zu Eli, weil er die Stimme – die große Stimme, die ihn ruft – unwillkürlich auf den verehrten Eli, den Gottespriester, projiziert. Aber Eli, so könnte man’s sehen, erkennt die Stimme, ohne gehört zu haben, und gibt Samuel mit jenem Satz: den Schlüssel, der Stimme-die-rief, der Stimme-die-ist, der Stimme-die-rufen-wird, richtig zu begegnen. Nicht in Projektion, sondern in Erfüllung ihres an Samuel gerichteten prophetischen Potentials. Ein ganzes Leben, wenn man so will, wird hier prophezeit. Und ein Untergang. Das Ende des Hauses Eli. Denn das ist das Erste, was Samuel zu hören bekommt. Die Stimme Gottes prophezeit es.
Was wäre «das Ende des Hauses Eli» nun psychologisch betrachtet? Es ist das Ende der Projektion. Samuel wird die Stimme Gottes nicht mehr mit der Elis verwechseln, nun nicht mehr «dort» suchen. Hier löst sich die Projektion in der Fülle der Prophezeiung auf.
Daß das aber, dieses Muster, insofern wir ständig projizieren, unser gelebtes Leben unzählige Projektionen enthält, auch uns gilt, auch uns trägt, würde bedeuten, daß «Samuel» heute zunächst einmal auf den Einzelnen gekommen ist. Dem Einzelnen heute gilt der «Ruf», und sich selbst, nicht anderen, sollte er die Prophezeiung entschlüsseln. Prophetie – verstanden als Stimme Gottes, als einzulösender Auftrag an unser individuelles Leben – wäre in Fülle vorhanden. Sie wartet auf uns in jeder Projektion – als Aufgabe, als Erwartung, als Stimme des immer noch Unerhörten.