PISA-STUDIE 2025Fürs Leben lernen

Treffen die Ergebnisse der PISA-Studie den Kern des Bildungsproblems? Nein, sagt Marie Schmitt. Dagegen plädiert Simon Lukas dafür, die Studie ernst zu nehmen.

Man muss nicht in Alarmismus oder billige Schülerschelte verfallen, um die Ergebnisse der aktuellen PISA-Studie zumindest bedenklich zu finden. Rund ein Drittel der Jugendlichen in Deutschland schaffte es in Lesen und Mathematik nicht auf Kompetenzstufe 2 und verfehlt damit das Mindestniveau. Das sind junge Menschen, die es im Zweifel sehr schwer haben werden, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, wenn ihnen die Fähigkeit fehlt, ein Parteiprogramm, einen Arbeitsvertrag oder auch eine Zeitung erfassend zu lesen oder einfachste mathematische Zusammenhänge im Kopf zu überschlagen.

Es geht hier um grundlegende Kompetenzen, ohne die ein selbstbestimmtes Leben in einer modernen Gesellschaft kaum funktionieren kann. Ganz abseits von den uralten „Wozu braucht man das denn?“-Debatten, denen sich andere Fächer immer wieder stellen müssen: Lesen und Rechnen sollte jeder können. PISA trifft hier zielsicher den Kern eines Problems, das uns auf Generationen beschäftigen wird. Und das gerade in einer Zeit, in der der Sirenenruf der Künstlichen Intelligenz mit dem Versprechen lockt, nicht mehr selbstständig lesen, rechnen, denken zu müssen.

Neben der wachsenden Versuchung durch KI schlägt auch der Faktor Migration deutlich spürbar zu Buche. Mit statistischer Unparteilichkeit – die bei diesem sensiblen Thema so wichtig ist – zeigt die Studie in sehr klaren Zahlen aufgeschlüsselt, wie schwierig es sein kann, Jugendliche ins Schulsystem zu integrieren, die wenig Berührungspunkte mit deutscher Kultur und Sprache haben. Auch das ist eigentlich keine große Neuigkeit: Es hätte schon gereicht, auf all die Lehrerinnen und Lehrer zu hören, die seit Jahren darauf hinweisen, dass die Politik hier ein Thema auszusitzen versucht, das deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient.

Immerhin eine positive Überraschung gab es beim Lesen der Studie: 64 Prozent der Schüler gaben an, dass sie sich besonders anstrengen, wenn eine Aufgabe schwierig wird. Das liegt spürbar überm Durchschnitt der teilnehmenden Länder und könnte eine gute Erinnerung für all jene Entscheidungsträger sein, die versuchen, konstruktive Schlüsse aus den neuen Studienergebnissen zu ziehen. Die Aufgabe, das zeigt PISA deutlich, ist schwierig genug.

Simon Lukas

Alle drei Jahre sorgen die Ergebnisse der PISA-Studie für Erschütterung, doch die Debatte verfehlt den Kern des Problems. Meist sucht die Gegenrede den leichtesten Weg und trifft jene, die am wenigsten für die systemischen Ursachen können: die Schülerinnen und Schüler. Doch statt PISA nur als Maßstab für ein vermeintliches Versagen zu nutzen, sollten wir den Rückgang der Bildung zum Anlass nehmen, ganz neue Wege zu beschreiten, statt auf kleinschrittige Reformen zu hoffen.

Schule muss ihre Rolle als reine Wissensvermittlerin grundlegend überdenken. Statt starrer Lehrpläne brauchen wir freiere Lernkonzepte und Lehrkräfte, die eigenverantwortlicher auf individuelle Bedürfnisse eingehen können. Auswendiglernen ist keine Zukunftskompetenz, sondern Nachdenken, Tiefenverständnis und Reflektieren.

Schule soll Kindern und Jugendlichen vor allem dabei helfen, eigenständig denkende, selbstsichere und glückliche Menschen zu werden. Ein holistischer Ansatz schafft einen Ort der freien Entfaltung, an dem individuelle Begabungen erkannt und gefördert werden. Menschen wollen sich eingebunden fühlen und autonome Entscheidungen über ihre Lernwege treffen dürfen. Ein ganzheitlicher Bildungsansatz würde nicht nur zur reinen Geistesarbeit zwingen, sondern auch die körperlichen Bedürfnisse einbeziehen, die wir Menschen qua Menschsein haben. Weg von einem angstbesetzten Raum der körperlichen Bloßstellung hin zu einem Ort der Freude, Selbsterfahrung und des Ausprobierens. Pauschale Schuldzuweisungen an die Migration greifen zu kurz. Zugewanderte sind längst fester Teil unserer Gesellschaft! Schon früh zu lernen, mit unterschiedlichen Menschen friedlich zusammenzuleben, ist ein Gewinn! Vielfalt und Multilingualität sind eine Bereicherung und keine Schwäche.

Ein gutes Schulsystem zeichnet sich nicht durch die rigorose Auslese von vermeintlich Leistungsschwachen aus, sondern durch die Vermittlung sozialer, emotionaler, körperlicher und kognitiver Kompetenzen. Statt Kindern zu suggerieren, alle müssten gleich sein, sollte ein modernes Bildungssystem individuelle Talente fördern. Schule sollte Mut machen und jungen Menschen nicht das Gefühl vermitteln: „Ihr seid unser Problem.“ Nein, sie sind die Lösung.

Marie Schmitt

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