Ende des Jahres 56 nach Christus setzt sich der heilige Paulus in Korinth, Griechenland, an seinen Schreibtisch. In Kürze will er nach Jerusalem aufbrechen, um dort Spendengelder abzugeben, die die korinthischen Christen ihren ärmeren Glaubensgeschwistern in Jerusalem zugewendet haben. Paulus zählt in seinem Arbeitszimmer aber nicht nur Geld; er beginnt einen neuen Brief zu schreiben, diesmal an die Christen in Rom. Dort war Paulus noch nie, aber er möchte nach seinem Aufenthalt in Jerusalem dorthin reisen.
In Rom existiert das Christentum bereits seit zehn, fünfzehn Jahren. Durch den regen Handel zwischen dem Heiligen Land und der Hauptstadt des römischen Weltreichs sind nämlich schon zahlreiche Christen nach Rom gelangt und praktizieren dort ihren Glauben, vor allem in Hausgemeinden; denn in Rom leben die Christen noch mehr als anderswo unter Beobachtung durch die Staatsmacht. Weil sie sich weigern, den Kaiser als Gott anzuerkennen, werden sie benachteiligt; nicht lange wird es mehr dauern, dann werden sie brutal verfolgt.
Mit seinem Brief an die ihm bis dato unbekannten Christen in Rom will Paulus Mut machen, trotz aller Nachteile am christlichen Glauben festzuhalten. Vor allem teilt Paulus seinen römischen Adressaten mit, was für ihn die zentralen Wahrheiten des Christentums sind, und er bittet sie, sich diese zu eigen zu machen; denn bisher sind die Christen in Rom noch ziemlich unorganisiert. Sie verfügen über keine oberste Autorität, und so treten immer wieder Leute bei ihnen auf, die Halbwahrheiten oder Falsches in ihre Verkündigung des Glaubens einfließen lassen.
Somit dient der Brief des heiligen Paulus an die Christen in Rom deren Ermutigung, der Klarheit und Einheit ihres Glaubens sowie nebenbei auch der Vorstellung des Verfassers, der ja bald zu ihnen reisen will.
Liebe Schwestern und Brüder, einen kurzen Abschnitt aus diesem Brief haben wir als Lesung gehört. Sie stammt ziemlich genau aus der Mitte des Briefes, und auch inhaltlich kann sie als sein Herzstück gelten.
Das Herzstück ist die zentrale Aussage, der Teil, auf den es am allermeisten ankommt. Dieses Herzstück des Römerbriefes stellt zugleich das Herzstück des Christentums dar; es beschreibt die Liebe Gottes zu den Menschen.
Diese göttliche Liebe nennt Paulus ganz zu Beginn der Lesung und ein zweites Mal zum Schluss, wie um das Herzstück seines Briefes durch die Liebe Gottes einzurahmen. Innerhalb dieses Rahmens betont Paulus anhand von verschiedenen Beispielen: Nichts und niemand kann uns trennen von der Liebe Gottes; jede irdische und auch himmlische Macht ist schwächer als Gottes Liebe – oder positiv formuliert: Gott ist der Machthaber im ganzen Universum, seine Liebe ist stärker und beständiger und wirksamer als jede andere Kraft.
Und diese machtvolle Liebe Gottes gilt jedem Menschen; deshalb verwendet Paulus hier mit Recht das vereinnahmende Wort »uns«. Wer um Gottes grenzenlose Liebe weiß, darf und soll diese auf sich persönlich beziehen in der Gewissheit: Gott liebt mich; keine Kraft dieser Erde und darüber hinaus kann verhindern, dass die Liebe Gottes mich erreicht.
Dieses Herzstück des Römerbriefes bringt die Anliegen des heiligen Paulus auf den Punkt:
Paulus will den Christen in Rom versichern, dass sie auch dann, wenn sie für ihren Glauben leiden müssen, nicht von Gott vergessen sind; Gott gibt ihnen die Kraft, Unrecht auszuhalten, ohne es mit neuem Unrecht zu beantworten.
Darüber hinaus legt Paulus dar: Die Liebe Gottes ist das Herzstück des christlichen Glaubens; auf Gottes Liebe kommt es an bei allem, was über den Glauben gesagt und wie der Glaube praktiziert wird. Die Verkünder des Christentums müssen sich daran messen lassen, ob sie die Liebe Gottes weitergeben; nur dann sind sie glaubwürdig, nur dann können sie ein gelingendes Miteinander unter den Christen ermöglichen. Gottes Liebe ist das Klarheit schaffende und verbindende Element jeder christlichen Gemeinschaft, das sie im Inneren zusammenhält und nach außen viel Gutes bewirken lässt.
In diesem Zusammenhang stellt Paulus sich selbst vor als einer, der die Liebe Gottes zur Grundlage seines Redens und Handelns gemacht hat. Paulus war ja, bevor er Christ wurde, ein brutaler Christenverfolger, und manche Christen hatten nach wie vor Angst vor ihm. Ihnen und allen Lesern seines Briefes sichert Paulus zu: Ich habe mich von Grund auf geändert, ich habe der Gewalt abgeschworen, ich habe mich von Gottes Liebe ergreifen lassen – und diese göttliche Liebe verkünde ich mit aller Konsequenz, mit allen Fasern meiner Persönlichkeit.
Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, und mir, will dieses Herzstück des Römerbriefes, das zugleich als Herzstück des christlichen Glaubens taugt, ebenfalls Ermutigung und Klarheit schenken sowie am Vorbild des heiligen Paulus zeigen, wie wir als Christen unseren Glauben weitergeben können.
Gottes Liebe ist uns sicher – und sie bleibt uns sicher, auch dann, wenn Leid in unser Leben einbricht. Keine Macht kann Gott davon abhalten, uns seine Liebe zu schenken; wenn wir dies für wahr halten, gewinnen wir die Gewissheit, dass zu jeder Zeit unseres Lebens – in den glücklichen wie in den leidvollen Etappen – Gott zuverlässig bei uns ist und uns in eine gute Zukunft begleitet.
Gottes Liebe ist die klare, eindeutige Basis unseres Lebens als Christen. Sie verbindet uns miteinander als Glaubens-Gemeinschaft, die alle konfessionellen Grenzen überschreitet, und darüber hinaus mit allen Menschen guten Willens.
Wenn wir aus Gottes Liebe heraus leben, geschieht viel Gutes für unsere Mitmenschen, unsere Welt und nicht zuletzt für uns selbst. Damit verkünden wir unseren christlichen Glauben, ob wir explizit von Gott sprechen oder nicht. Denn in unserer Liebe wirkt Gott.
Das Herzstück des Briefes des heiligen Paulus an die Christen in Rom hat uns dieser Gottesdienst nahegebracht. Es ist das Herzstück unseres Glaubens, für das wir von Herzen dankbar sein dürfen: die Liebe Gottes, die uns gilt, die uns verbindet, die uns sicher ist wie das Amen in der Kirche.
Matthias Blaha