„Religion ist nicht mehr das identitätsstiftende Integral einer Gesellschaft“, stellte der TheologeGeorg Essen klar, um direkt auf „das Eigentliche der Kirche“ einzugehen, das es angesichts dieser Diagnose heute hochzuhalten gelte. Bereits Duns Scotus, Franziskaner und Philosoph der Scholastik, habe gezeigt, was das Wesentliche des Christentums sei: die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe, die je ineinander übergehen. Ebenso habe ein Sozialreformer wie Adolph Kolping in seinem Einsatz für die Arbeiterklasse diese Einheit verwirklicht. Ein so verstandenes Christentum tätiger Gottes- und Nächstenliebe stehe gegen jeden Anspruch einer Entweltlichung eines Papst Benedikt XVI. Es stehe ebenso gegen die Meinung, die Kirchen sollten sich nicht in die Tagespolitik einmischen, wie es Bundestagspräsidentin Julia Klöckner forderte. In einer Gesellschaft allerdings, in der die Annahme Gottes nicht mehr selbstverständlich sei, falle der erste Part in diesem Duo weg – zulasten der Plausibilität der Kirchen.
Es ging um das Verhältnis von Staat und Kirche, um die Rolle des christlichen Erbes in der westlichen Kultur. In Fortführung des gerade erschienenen Bands der Edition Herder Korrespondenz „Was vom Westen bleibt. Theologische Argumente im Streit um Religion in säkularer Gesellschaft“ moderierte der Journalist Joachim Frank am Donnerstag in Köln eine Podiumsdiskussion mit den beiden Gesprächspartnern des Bandes, Georg Essen und Magnus Striet, sowie der Bundestagsabgeordneten und früheren parlamentarischen Staatssekretärin Elisabeth Winkelmeier-Becker (CDU), die die politische Praxis reflektierte: Was bedeutet die Krise der Demokratie für die Gottesfrage und die Tragfähigkeit religiöser Urteile? Inwiefern gilt eine „Verantwortung vor Gott“ für Politikerinnen und Politiker?
Offensichtlich sind die liberale Demokratie, die Ideen von Freiheit und Menschwürde weltweit unter Druck geraten – und faktisch tragen Katholiken und katholische Positionen aktiv zur Schwächung bei. Das liege entscheidend auch an illiberalen Lehren des katholischen Lehramts, so die beiden Theologen, die mit Kritik daran nicht sparten.
Die liberale Demokratie beruhe auf dem universalistischen Diktum, dass Menschenwürde jedem einzelnen Menschen zugeschrieben wird. Nach Immanuel Kant sei der Mensch stets „als Zweck an sich selbst“ anzusehen. Diese intrinsische Überzeugung gelte allerdings völlig frei von jeder religiösen Überzeugung, wie Striet hervorhob. Aus einem universalistischen Ansatz heraus habe die Kirche lange nicht von einer explizit „christlichen Moral“ gesprochen, weder ein Augustinus noch ein Thomas von Aquin. Die Vorstellung einer spezifisch christlichen oder gar katholischen Moral sei eine neuzeitliche Erfindung. Vor allem die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. hätten sie zuletzt vertreten – und aus dieser Vorstellung heraus musste sich für sie der Vorrang einer katholischen Moral vor einer universalistischen ergeben. Mit Konsequenzen auch für den Rechtsstaat: Johannes Paul II. habe etwa den Vorrang der kirchlichen Lehre vor der Volkssouveränität hervorgehoben. Jedes Volk habe demnach zwar das Recht, sich eine Verfassung zu geben, aber die Legitimität des Inhalts ergebe sich aus der Übereinstimmung mit der katholischen Lehre. Ein Viktor Orbán habe in diesem Sinne Recht, wenn er sage, die Kirche vertrete eine illiberale Demokratie. Für einen Peter Thiel sei Liberalität gar nichts weniger als der Antichrist. Umso mehr hob Essen gegenläufige christliche Traditionen von Origines über Duns Scotus bis Kolping hervor: Solche Freiheitstraditionen seien stärker einzubringen als die versteinerten Auffassungen von Johannes Paul II. oder Benedikt XVI., die sich der Gegenwart verweigerten.
Die offizielle kirchliche Lehre sei für ihre Art, Politik zu machen, nicht entscheidend, ließ Winkelmeier-Becker durchblicken. Für sie gelte das Grundgesetz, erstens die Menschenwürde von der Zeugung bis zum Tod, zweitens die Freiheit, die erst an der Freiheit des anderen ende. Als Paradebeispiel nannte sie die Abtreibung, in der sowohl die Rechte der Mutter als auch des Kindes geachtet werden müssen. Der Paragraf 218 als Kompromiss beachte beide Seiten und solle deshalb viel mehr wertgeschätzt werden, statt ihn anzugreifen.
Die Verfassung konstituiere die liberale Demokratie als Ordnung der Freiheit, sekundierte Essen. Eine Autonomie der Freiheit werde aber oft einseitig als strikt individualistisches Selbstbestimmungsrecht ausgelegt. Dadurch gerieten Individuen leicht in eine Überforderung. Die AfD und andere extreme Ansichten profitierten davon. Sie hätten vor allem aus zwei Gründen Erfolg: Erstens werde die Demokratie mit der Notwendigkeit von Kompromissen und Mehrheitsfindungen, mit ihrem Minderheitenschutz und Rücksicht auf Verfassungsgerichte als nicht fähig erlebt, durch existenzielle Krisen steuern zu können. Autoritäre Regierungen würden als deutlich effektiver angesehen: Die liberale Demokratie schütze nicht genug. Zweitens gebe es ein Problem der Repräsentativität: Menschen fühlten sich von der Politik nicht verstanden und nicht gesehen; gefühlt seien nur Eliten in Regierungen vertreten.
Wie also könnte unsere Gesellschaft sozial integriert werden? Und das auch noch unter freiheitlicher Rede? Darf der Staat überhaupt das Wagnis eingehen, auf Freiheit zu setzen, die so sehr überfordert? Und wie sollte sich die Kirche hier verorten?
Für Winkelmeier-Becker müssen Kriterien für eine gelingende Politik sein, liberale, konservative und soziale Wurzeln ins Gleichgewicht zu bringen. Auch sie selbst erhoffe sich dabei eine praxisnahe Orientierung durch ihre Kirche. Striet und Essen sehen die Kirche in der Pflicht, Ideal und Praxis wieder zusammenzubringen. Christen müssten, wie ein Duns Scotus, ein Adolph Kolping oder auch ein Universalgelehrter wie Hans Maier es vorgelebt haben, Gottes- und Nächstenliebe pragmatisch ins Hier und Jetzt übersetzen, statt Menschen an Kompromisslosigkeit zerschellen zu lassen.