Konversion und neues katholisches Selbstbewusstsein in den USAGewählt statt geerbt

US-Vize J.D. Vance ist derzeit einer der prominentesten katholischen Konvertiten. Die Geschichte der Konversion, wie der einflussreiche Politiker sie darstellt, wird zu einer biografischen Antwort auf eine kulturelle Diagnose. Damit steht er nicht allein da.

Porträtbild von Andreas G. Weiß
© Lorenz Masser

Als der republikanische US-Politiker J.D. Vance im Jahr 2019 katholisch wurde, blieb dies außerhalb kirchlicher Kreise nahezu unbeachtet. Heute ist seine Konversion Teil seiner politischen Erzählung geworden (vgl. HK, Juli 2025, 26−28). Es verwundert nicht, dass der persönliche Weg des konservativen Staatsmannes in die Gemeinschaft der katholischen Kirche spätestens seit seinem Aufstieg zum Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten als Schlüssel zu seinem Menschen- und Weltbild gilt, das sich auch auf seine Art, Politik zu treiben, niederschlägt.

Nicht zuletzt ist seine Reflexion, wie er selbst seinen Schritt zum Übertritt in die katholische Kirche einordnet, im Jahr 2026 zu einem Thema von politischer und kultureller Aufmerksamkeit geworden. Dass das Pew Research Center aus Anlass seines neuen Buches (James David Vance, Communion: Finding My Way Back to Faith, New York/London 2026) jüngst erneut Zahlen zur katholischen Kirche und deren Mitglieder in den USA veröffentlicht hat, verweist auf eine bemerkenswerte Dynamik: Die katholische Kirche stellt nach wie vor die größte geschlossene Religionsgemeinschaft in den USA dar. Sie ist im Gesamtgefüge der Vereinigten Staaten eine Größe, die nicht wegzudenken ist. Obwohl sich kein großer „Run“ auf die katholische Kirchenmitgliedschaft eingestellt hat – katholische Konvertitinnen und Konvertiten machen mit 1,5 Prozent auf den ersten Blick nur einen kleinen Teil der amerikanischen Bevölkerung aus –, sind sie für die öffentliche Wahrnehmung des Katholizismus weit stärker, als ihre Zahl vermuten lässt.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, wie viele Amerikanerinnen und Amerikaner katholisch werden. Interessanter ist, weshalb gerade Konvertitinnen und Konvertiten so häufig besonders sichtbaren und selbstbewussten den katholischen Glauben vertreten. Wer den gegenwärtigen Katholizismus und dessen öffentliches Bild in den USA verstehen möchte, kommt an dieser Fragestellung kaum vorbei.

Katholisch werden in Amerika

Aus europäischer Perspektive wirkt dies zunächst ungewohnt: Religiöse Zugehörigkeit wird hierzulande vielfach als Herkunfts- und Familienmerkmal wahrgenommen. Man bleibt in jener Tradition, in der man aufgewachsen ist, oder man entfernt sich von jeglichem religiösen Bekenntnis. Religiöse Wechsel als bewusster Übertritt in eine andere Tradition sind vergleichsweise selten und werden meistens als private Angelegenheit betrachtet. In den Vereinigten Staaten stellt sich die Situation anders dar. Die religiöse Landschaft war stets von hoher Mobilität geprägt, der persönlich gelebte Glaube auch dementsprechend nach außen kommuniziert. Der Wechsel zwischen Gemeinden und Konfessionen gehört für viele Gläubige zum normalen Bestandteil ihres religiösen Lebensweges. Nicht selten wird eine Gemeinschaft verlassen, weil sich Lebensumstände verändern, persönliche Schwerpunkte verschieben oder andere Angebote attraktiver erscheinen – eine Tendenz, die häufig als ein „religiöser Markt“ beschrieben wird (vgl. etwa: Rodney Stark und Roger Finke, Acts of Faith. Explaining the Human Side of Religion, Berkeley/Los Angeles/London 2000, 193–217).

Vor diesem Hintergrund besitzt die Konversion zum Katholizismus eine entscheidende Bedeutung. Wer katholisch wird, entscheidet sich nicht lediglich für eine andere Glaubensgemeinschaft. Er entscheidet sich gegen zahlreiche Alternativen. Gerade deshalb wird die Konversion häufig als bewusster Akt der Identitätsbildung verstanden und inszeniert. Sie besitzt einen symbolischen Gehalt, der weit über die persönliche Spiritualität hinausreicht.

Vom Rand in die Mitte

Diese Besonderheit wird noch einmal verständlicher, wenn man die Geschichte des amerikanischen Katholizismus betrachtet. Über lange Zeit waren Katholiken keineswegs salonfähiger Teil der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein galten sie vielen protestantisch geprägten Gesellschaftsbereichen als bedrohlicher Fremdkörper. Der Vorwurf lautete, ihre Loyalität gelte nicht den Vereinigten Staaten, sondern dem Papst in Rom. Antikatholische Bewegungen warnten vor einer angeblichen Unterwanderung der amerikanischen Demokratie. Katholische Einwanderer aus Irland, Italien oder Polen entwickelten deshalb eigene soziale und kulturelle Milieus (zum Beispiel „Little Italy“). Schulen, Universitäten, Medien und karitative Einrichtungen entstanden nicht zuletzt als Antwort auf gesellschaftliche Ausgrenzung.

Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts veränderte sich diese Situation grundlegend. Im Kalten Krieg erschien die katholische Kirche zunehmend als Verbündete gegen den atheistischen Kommunismus. Mit John F. Kennedy erreichten Katholiken schließlich auch symbolisch das Zentrum amerikanischer Politik. Was einst als verdächtig galt, wurde Teil gesellschaftlicher Normalität (vgl. Jay P. Dolan, The American Catholic Experience: A History from Colonial Times to the Present, Colorado Spring/New York 1985).

Gerade deshalb ist die heutige Situation so bemerkenswert. Früher bedeutete die Konversion zum Katholizismus oft einen Schritt an den Rand der gesellschaftlichen Mehrheitskultur. Für manche Konvertitinnen und Konvertiten war sie Ausdruck einer bewussten Distanzierung von etablierten Erwartungen. Heute wird derselbe Schritt von vielen als Rückkehr zu einem verlorenen Zentrum verstanden – zu einer Tradition, die Orientierung, Kontinuität und Verbindlichkeit verspricht.

Die Sehnsucht nach Heimkehr – Konversion als kulturelle Standortbestimmung

Damit berührt die Konversion eine identitätspolitische Ebene, die weit über religiöse Fragen hinausreicht. Viele Konvertitinnen und Konvertiten schildern ihren Weg als Suche nach Halt in einer als fragmentiert wahrgenommenen Gesellschaft. Die katholische Kirche erscheint dabei nicht selten als Gegenmodell zu einer Kultur permanenter Veränderung, Liberalisierung und rasanten gesellschaftlichen Wandels. Liturgie, Lehramt, Sakramente und historische Kontinuität werden als Zeichen einer Stabilität verstanden, die andernorts verloren gegangen scheint (vgl. Patrick Allitt, Catholic Converts. British and American Intellectuals Turn to Rome, Ithaca/New York 2018).

Auffällig ist dabei die Sprache, mit der viele dieser Konversionen beschrieben werden: Häufig ist von „Heimkehr“ die Rede – so auch bei J.D. Vance. Die Entscheidung für den Katholizismus wird nicht als Aufbruch in unbekanntes Terrain erzählt, sondern als Rückkehr zu etwas Ursprünglichem und Verlässlichem. Darin liegt nicht zuletzt eine indirekte Kritik an der Gegenwart, denn: wer heimkehrt, hat zuvor etwas verlassen. Die Konversionsgeschichte wird zur biografischen Antwort auf eine kulturelle Diagnose. Der Weg zur Kirche markiert in dieser Sicht einen Weg aus Orientierungslosigkeit, Beliebigkeit oder gesellschaftlicher Zersplitterung.

Dies erklärt auch, weshalb viele prominente katholische Konvertitinnen und Konvertiten in den Vereinigten Staaten Positionen vertreten, die bewusst an klassische katholische Deutungsmuster anknüpfen. Natürlich gilt dies nicht für alle. Dennoch fällt auf, dass zahlreiche öffentlich sichtbare Bekundungen von konvertierten Gläubigen gerade jene Elemente des Katholizismus betonen, die sich von modernen gesellschaftlichen Entwicklungen inner- und außerhalb der Kirche abgrenzen wollen. Fragen von Autorität, Tradition, Familie, Moral oder gesellschaftlicher Ordnung stehen dabei häufig im Mittelpunkt. Die Attraktivität des Katholischen stellt sich für viele dieser Menschen nicht trotz seiner Besonderheiten ein, sondern gerade wegen dieser Besonderheiten.

Mehr als eine Minderheit: Die symbolische Macht der Konvertiten

Vance verkörpert viele dieser Entwicklungen in exemplarischer Weise. Seine Konversion lässt sich nicht losgelöst von seiner Deutung der amerikanischen Gesellschaft verstehen. Der Katholizismus erscheint bei ihm nicht nur als spirituelle Heimat, sondern auch als kulturell-politischer Orientierungsrahmen. Seine religiöse Biografie wird damit Teil einer umfassenderen Erzählung über Identität, Gemeinschaft und gesellschaftliche Ordnung.

Gerade deshalb wäre es verkürzt, katholische Konversionen als bloßes Randphänomen zu betrachten. Ihre Bedeutung liegt weniger in ihrer Zahl als in ihrer symbolischen Funktion. Sie machen sichtbar, welche Erwartungen Menschen heute an Religion richten und welche Hoffnungen sie mit kirchlichen Traditionen verbinden. An ihren Geschichten lässt sich ablesen, wie sich das Verhältnis von Glaube, Kultur und Politik in den Vereinigten Staaten im 21. Jahrhundert verändert.

Der amerikanische Katholizismus wird in den kommenden Jahrzehnten sicherlich noch ethnisch vielfältiger und zugleich innerlich pluraler werden. Die Konvertitinnen und Konvertiten werden dabei eine Minderheit bleiben. Ihre öffentliche Wirkung dürfte jedoch weiter zunehmen. Denn in einer Gesellschaft, deren gemeinsame Erzählungen zunehmend umstritten sind, werden jene Lebensgeschichten besonders aufmerksam wahrgenommen, die sich bewusst für eine Tradition entscheiden. Die Frage wird sein, ob der Katholizismus dabei vor allem als kulturelle Antwort auf gesellschaftliche Verunsicherung gesucht wird – oder ob in ihm mehr entdeckt wird: die Möglichkeit einer religiösen Wahrheit, die den Menschen nicht nur Orientierung gibt, sondern verwandelt. Gerade darin könnte sich entscheiden, ob diese Konversionen bloße Stellungnahmen zur Gegenwart bleiben oder zu Zeugnissen eines Glaubens werden, der über die Zeitdiagnose hinausweist.

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