In der Islamismusprävention ist gerade einiges in Bewegung. Dies zeigt sich in der Einrichtung eines neuen „Beraterkreises Islamismusprävention und Islamismusbekämpfung“ des Bundesinnenministeriums (BMI), aber auch in den Akzentverschiebungen, die jüngst für das mit knapp 200 Millionen Euro ausgestattete Förderprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesfamilienministeriums ankündigt wurden. So wolle man dem Narrativ, dass Musliminnen und Muslime in Deutschland „Opfer einer rassistischen Mehrheitsgesellschaft“ seien, etwas entgegensetzen, hieß es dazu in der Tageszeitung „Die Welt“ mit Verweis auf das Innenministerium. Schließlich diene der Hinweis auf Rassismus gegenüber Musliminnen und Muslimen radikalen Gruppen dazu, Anhängerinnen und Anhänger zu ködern. Die Kritik von Rassismus legitimiere damit den Islamismus.
Auch Seyran Ateş plädierte kürzlich für eine Wende im Umgang mit dem Islamismus, um diesen „mit aller Härte“ zu bekämpfen (vgl. HK, Oktober 2025, 6). Der Islamismus, so Ateş, die im neu gegründeten „Arbeitskreis Politischer Islam“ aktiv ist, gehöre nämlich vor allem deshalb zu Deutschland, weil Politik und Zivilgesellschaft ihn in der Vergangenheit „nicht nur geduldet, sondern oftmals toleriert und sogar unterstützt“ hätten.
Diese Ansätze deuten auf einen Richtungswechsel in der Präventionspolitik. Präventionsarbeit, die Jugendliche im Umgang mit Diskriminierungserfahrungen stärken und damit auch Opfererzählungen entgegenwirken will, gerät damit in den Ruf, Islamisten das Wort zu reden. Güner Balcı, Integrationsbeauftragte von Neukölln und Mitglied des neuen Beraterkreises im BMI, ging zuletzt so weit, das Engagement gegen antimuslimischen Rassismus mit einer islamistischen Unterwanderung gleichzusetzen: „Wer heute von antimuslimischem Rassismus spricht, will den grassierenden Antisemitismus relativieren und den Islamismus“, sagte Balcı dem „Spiegel“ und sprach von einem zunehmenden Einfluss von Islamisten in der Neuköllner SPD.
Unbestritten ist die Gefahr, die von islamistischen Ideologien in Deutschland ausgeht. Das betrifft nicht allein terroristische Anschläge und islamistisch motivierte Gewalttaten, deren Zahl zuletzt wieder zugenommen hat und nicht zuletzt Aktivistinnen und Aktivisten wie Seyran Ateş und Ahmad Mansour samt ihrer Familien bedroht. Es geht auch um den Einfluss sogenannter legalistischer Prediger und Influencerinnen und Influencer, die sich im Rahmen der Gesetze bewegen. Sie rufen nicht zu Gewalt auf, befördern und verbreiten jedoch mit ihren religiösen Wahrheitsansprüchen sowie mit Abwertungen von Andersdenkenden und Anderslebenden ein Klima, das Gewalttaten begünstigt: Wenn Dragqueens mit Inzest und Pädophilie gleichgesetzt werden oder behauptet wird, dass Jesiden den Teufel anbeten, ist der Schritt zur Tat nicht weit. Und auch jenseits physischer Übergriffe hinterlassen sozialer Druck und verbale Abwertungen ihre Spuren, zum Beispiel in der Schule oder in Chatrooms. Für Frauen, Jüdinnen und Juden oder Homosexuelle sind diese Erfahrungen psychisch und körperlich äußerst belastend und ein massiver Eingriff in ihre Rechte und Freiheiten.
All das ist gut dokumentiert und gibt Anlass genug für die verschiedenen Präventionsangebote, die in den vergangenen Jahren entstanden sind. Dabei ist die Situation in Deutschland auch aufgrund der öffentlichen Förderungen einzigartig. Gibt es hier doch, anders als zum Beispiel in Frankreich oder Großbritannien, eine Vielzahl zivilgesellschaftlicher Träger, die in unterschiedlichen Handlungsfeldern – etwa in Schule und Jugendarbeit oder Sport und Soziale Medien – den vielschichtigen Ursachen von Radikalisierungsprozessen und den Angeboten islamistischer Akteure begegnen können.
Pullfaktoren: Vereinfachung und Identitätsversprechen
Fast 40 Mitglieder zählt die „Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus“ (BAG RelEx) mittlerweile, darunter neben kleineren lokalen Trägern auch große und bundesweit tätige Organisationen wie die „Aktion Courage e. V.“, „Violence Prevention Network“ oder die „Türkische Gemeinde in Deutschland“, die junge Menschen in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit und der Kinder- und Jugendhilfe gegenüber islamistischen Angeboten sensibilisieren und stärken. Das ist ein komplexes Unterfangen, denn dass diese Angebote auf junge Menschen attraktiv wirken und in Radikalisierungen münden können, hat unterschiedliche Ursachen. Dazu gehören familiäre ebenso wie religiöse Faktoren – zum Beispiel rigide Glaubens- oder gewaltbegünstigende Männlichkeitsvorstellungen – oder psychische Belastungen, aber auch soziale und andere diskriminierende Erfahrungen von Ausgrenzung, die eine Abwendung von der Gesellschaft und eine Hinwendung zu den radikalen Gegenkulturen des Islamismus begünstigen können.
Tatsächlich besteht in der Radikalisierungsforschung mittlerweile ein weitgehender Konsens darüber, dass die Hinwendung zu islamistischen Szenen stets auch den Versuch darstellt, individuell und gesellschaftlich erfahrene Unsicherheiten und Krisen zu bewältigen: Eindeutige Identitäts- und niedrigschwellige Gemeinschaftsangebote, einfache Schwarz-Weiß-Antworten und klare Feindbilder gehören zu den Pullfaktoren, die diese Szenen attraktiv machen.
Dieser vielschichtige und komplexe Hintergrund zeigt sehr deutlich, dass die angekündigte Wende in der Islamismusprävention mit ihren eher populistischen Parolen von „hartem Kampf“, „klarer Kante“ oder „Klartext“ viel zu kurz greift. Steht sie doch für den Versuch, die auch wissenschaftlich gut erforschte Rolle gesellschaftlicher Risikofaktoren auszublenden und Radikalisierungen stattdessen auf kulturelle, religiöse und vermeintlich selbst verschuldete Eigenschaften und Motive junger „Muslime“ zu reduzieren. Das entlastet Politik und Gesellschaft, verkennt aber die Ergebnisse der Radikalisierungsforschung, die auf die verstärkende und katalysierende Wirkung von realen oder wahrgenommenen gesellschaftlichen Missständen in der Hinwendung zu islamistischen Szenen und Ideologien aufmerksam macht.
Pushfaktoren: Ausgrenzung und Diskriminierung
Und das bereits seit fast 30 Jahren, denn schon Mitte der Neunzigerjahre wies Wilhelm Heitmeyer in seiner Studie „Verlockender Fundamentalismus“ auf diesen Zusammenhang hin: „Wesentliche Ursachen für die Hinwendung zu einer religiös fundierten Gewaltbereitschaft sind nach unseren komplexen Analysen demnach die Reaktionen auf fremdenfeindliche Gewalt und die Verweigerung der Anerkennung einer kollektiven Identität der Mehrheitsgesellschaft, aber auch konkrete Diskriminierungserfahrungen im privaten Bereich sowie die negativen Folgen der gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse.“
Es ist zu befürchten, dass die angekündigte Wende in der Islamismusprävention dazu beiträgt, genau diesen Teufelskreis zu befeuern.