Der messianisch-jüdische Rabbiner Mark S. Kinzer soll im November mit der Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg geehrt werden. Kinzer kann als einer der exponiertesten und systematisch profiliertesten Vertreter des Messianischen Judentums angesehen werden kann. In der jüdischen Wochenzeitung Tacheles (5. Juni) fasst der Berner Rabbiner Jehoschua Ahrens jedoch die Kritik und das Unbehagen zusammen: Für das Judentum ist das Messianische Judentum nicht Teil der jüdischen Religion, auch wird es nicht als Bindeglied zwischen Judentum und Christentum angesehen. Der Vorwurf lautet, dass das Messianische Judentum für sich in Anspruch nimmt, etwas zu sein, das es selbst eigentlich nicht definieren kann. Die Kritik von jüdischer Seite ist gewichtig und muss ernst genommen werden. In den Bedenken von Rabbiner Ahrens geht es auch um den christlich-jüdischen Dialog, wie er sich in den letzten Jahrzehnten positiv entwickelt hat.
Doch nicht nur von jüdischer Seite gibt es Einspruch gegen die geplante Würdigung des wissenschaftlichen Werks von Kinzer, sondern auch von christlicher Seite begegnen die Verantwortlichen des jüdisch-christlichen Dialogs dem Messianischen Judentum mit Vorbehalten. Die Bewegung, die schätzungsweise 150.000-300.000 Anhänger weltweit hat, ist eine in sich plurale Gemeinschaft, die stark vom protestantischen und evangelikalen Christentum geprägt ist. Messianische Juden sind jesusgläubige Juden, wollen aber mit dem Bekenntnis zu Jesus als dem Christus nicht nur jüdische Traditionen, sondern auch die jüdische Identität beibehalten. Immer wieder gibt es in deren Gemeinden Tendenzen zur Judenmission und die Überzeugung eines christlichen Zionismus. Neben einer weit verbreiteten wörtlichen Auslegung der Bibel wird dem Staat Israel eine heilsgeschichtlich-religiöse Bedeutung zugeschrieben. Dies sind nur wenige der Kritikpunkte am Messianischen Judentum, die die christliche Theologie aufmerksam im Auge behalten muss, um der fundamentalen Überzeugung gerecht zu werden, dass das Judentum im ungekündigten Bund steht.
Klar muss sein, dass kein weiterer Dialog mit jesusgläubigen Juden den offiziellen Dialog mit dem Judentum ersetzen darf. Das Erbe von Nostra aetate 4 bleibt das Fundament in dieser Beziehung: Tritt christliche Theologie mit dem Messianischen Judentum in den Dialog, dann ist die Ablehnung der Mission unter Juden eine der Grundüberzeugungen. Auch müssen substitutionstheologische Theorien, die die Ersetzung des Judentums durch die Kirche oder eine andere christusgläubige Gemeinschaft annehmen, strikt abgelehnt werden.
Grundlegendes Nein zur Judenmission
Mark S. Kinzer gehört zu den führenden Persönlichkeiten des Messianischen Judentums. Er steht in seiner Theologie für ein postmissionarisches Messianischen Judentums ein, das jede Form der Judenmission ablehnt. Seine Theologie bietet Anknüpfungspunkte für eine akademische Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Messianischen Judentums. Eine Tagung in Tübingen hat sich nun dieser Aufgabe gestellt. Matthias Morgenstern, Hanna Rucks und Guido Baltes haben die Tagung in einem Sammelband mit dem Titel Judenchristentum und "messianische Juden". Diskussionsbeiträge im Spannungsfeld von Kirche und Synagoge (Leipzig 2026) herausgegeben, der in seiner Fülle von Beiträgen das Themenfeld der Theologie Kinzers abschreitet. Der Tagungsband zeichnet sich dadurch aus, dass nicht nur christliche Theologinnen und Theologen sowie Vertreter der jesusgläubigen Juden sich dem Thema zuwenden. Auch jüdische Stimmen kommen zu Wort und bewerten die Gemeinschaft aus ihrer Perspektive. In der Auseinandersetzung um die Ehrendoktorwürde hilft dieser Band zum Verständnis, was die theologischen Positionen Mark S. Kinzers sind.
Die grundlegende Auseinandersetzung zwischen Judentum und messianisch-jüdischen Gläubigen ist, wer sich als Jude verstehen darf. Es steht die Frage zur Debatte, ob es sich um eine eigenständige religiöse Identität oder eine Identitätsvermischung handelt. Hier wird sich christliche Theologie bescheiden müssen, nicht das Selbstverständnis des Judentums von außen bestimmen zu wollen.
Das Selbstverständnis des Messianischen Judentums ist in sich selbst unterschiedlich gewichtet. Die "moderne messianische-jüdische Bewegung" – so Richard Harvey – "[ist] ein heterogenes, ständig im Wandel befindliches und von verschiedenen theologischen Strömungen, kulturellen Standorten und Organisationsstrukturen beeinflusstes Phänomen." (214) Es nimmt jedoch für sich in Anspruch, Teil des gegenwärtigen Judentums zu sein. Dabei sind die Mitglieder der Bewegung sich dessen bewusst, was der Judaist Matthias Morgenstern in der Einleitung des Bandes formuliert: "Die jüdische Gegenwart ist gekennzeichnet durch eine schier unübersehbare Fülle von Möglichkeiten, wie Jüdinnen und Juden sich selbst verstehen." (15) In der Diskussion um die Ehrendoktorwürde für Kinzer, aber auch in der generellen Kritik am Messianischen Judentum stellt sich die Frage, ob dies eine legitime Selbstwahrnehmung ist. Die grundlegende Auseinandersetzung zwischen Judentum und messianisch-jüdischen Gläubigen ist, wer sich als Jude verstehen darf. Es steht die Frage zur Debatte, ob es sich um eine eigenständige religiöse Identität oder eine Identitätsvermischung handelt. Hier wird sich christliche Theologie bescheiden müssen, nicht das Selbstverständnis des Judentums von außen bestimmen zu wollen.
Messianisches Judentum als Grenzphänomen
So gesteht Morgenstern zu, dass das Messianische Judentum ein "spezielles Grenzphänomen" (19) ist. Verschwimmen in dieser Bewegung die Grenzen zwischen Judentum und Christentum oder gilt doch der Grundsatz beider Religionen: semel – semper, einmal Jude oder Christ, immer Jude oder Christ? So plural das Judentum ist, so unterschiedlich ist das Selbstverständnis messianischer Juden. Es reicht von der Integration von Glaubensaussagen zu Jesus in das jüdische Leben bis hin zum Auffinden der jüdischen Identität und zu deren Übertragung auf Jesus. Die Geschichte der Bewegung zeigt, dass es in reformierten Kreisen des 17.–19. Jahrhunderts ein starkes Interesse am jüdisch-christlichen Glauben gab, das aber mit Abgrenzungen verbunden war: Etablierung durch Identitätsmarkierung.
Die Haltung der Grenzziehung zeigt sich in der Geschichte der messianischen Juden auch dadurch, dass mit der Bewegung bis heute gezielte Judenmission verbunden ist, wofür eigene Missionszentren gegründet wurden. Eine prämillennialistische Sicht, gemäß der die Parusie Christi ein tausendjähriges messianisches Reich in der Geschichte eröffnen wird, und ein dispensationalistischer Glaube, der die Geschichte in sieben Phasen einteilt, sind bei messianischen Juden weit verbreitet. Hier wird dem jüdischen Volk die entscheidende Rolle zugesprochen, dass es Jesus als den Messias erkennen wird und damit das Endstadium der Geschichte einleitet. Dies sind Glaubenshaltungen, die auch im protestantisch-evangelikalen Christentum verbreitet sind. So finden sich bei jesusgläubigen Gemeinden Elemente der protestantischen Traditionen und ihrer Liturgie sowie Theologie, die sich mit jüdischen Lebensweisen und Gebetspraktiken verbinden.
Neben dem Messianischen Judentum muss auch das Hebräische Christentum erwähnt werden, das sich in seiner Identität eher im Christentum verortet, als dass es sich eine jüdische Identität zuschreibt. Zudem gibt es die Bewegung Jews for Jesus, die sich als eine Missionsorganisation versteht und christusgläubige Juden an christlich-protestantische Gemeinden heranführt, um in diesen Gemeinden das jüdische Erbe zu pflegen. Im Gegensatz zum Messianischen Judentum werden hier jedoch keine eigenen Gemeinden gegründet.
Ähnlich verhält es sich mit den Hebräischen Katholiken, zum katholischen Glauben konvertierte Juden, die sich in die katholische Kirche integrieren. 2013 hat der Vatikan das 1955 gegründete Werk des hl. Jakobus zum Vikariat erhoben, das den jüdisch-stämmigen Katholiken mehr Eigenständigkeit ermöglicht. Hebräische Katholiken pflegen den Dialog katholischer Liturgie und Theologie mit der hebräisch-israelischen Kultur. In dieser vielfältigen und vielschichtigen Ausprägung eines jüdischen Christusglaubens ringt auch das messianische Judentum um seinen Ort. "In seinem Kampf, sowohl als echtes Judentum als auch als vollwertiges Christentum akzeptiert zu werden, baute das messianische Judentum mehr als frühere Gruppen von Judenchristen eine eigene Subkultur auf – mit nationalen und internationalen Organisationen, Jugendbewegungen, Konferenzen, Gemeindefreizeiten, Gebets- und Gesangsbüchern, Zeitschriften und theologischen, apologetischen und evangelistischen Veröffentlichungen." (Yaakov Ariel, 143)
Die Theologie des Judentums ist selbst in seiner Pluralität eine andere als die Theologie des Messianischen Judentums. Dies muss für alle, die an einem aufrichtigen Dialog zwischen Judentum, Christentum und Messianischem Judentum interessiert sind, gelten.
Junge Gestalt in der langen Geschichte der jüdisch-christlichen Geschichte
Der Tagungsband hilft, einen ersten Eindruck des Messianischen Judentums zu erhalten und einzuordnen, indem auch jüdische Theologinnen und Theologen sich des Themas annahmen und bewerteten. Gerade hier wird deutlich, dass die Bewegung als Teil des Judentums gesehen werden kann, was nicht selten aber von den Verstehensvoraussetzungen abhängt. Die Bewertung ist problematisch, weil messianisch-jüdische Gemeinden auch Mitglieder haben, die nach der Halacha keine Juden sind, sich aber als Juden bezeichnen. Für jüdische Theologinnen und Theologen sind falsche theologische Vorstellungen von einigen messianisch-jüdischen Akteuren nicht annehmbar und erschweren daher den Dialog. Messianisch-gläubige Juden dürfen keinen Triumphalismus vertreten, als ob sie gegenüber dem Judentum ein Plus im Glauben an den Messias Jesus von Nazareth hätten.
Die Theologie des Judentums ist selbst in seiner Pluralität eine andere als die Theologie des Messianischen Judentums. Dies muss für alle, die an einem aufrichtigen Dialog zwischen Judentum, Christentum und Messianischem Judentum interessiert sind, gelten. Allen muss deutlich sein, dass es sich um eine junge Gestalt in der langen Geschichte der jüdisch-christlichen Geschichte handelt. Die der Messianisch-jüdischen Bewegung wohlwollende Theologin Amy-Jill Levine stellt daher zu Recht fest: "Es ist richtig, dass messianische Juden weniger eine Fortsetzung der Praxis und des Glaubens des ersten Jahrhunderts als vielmehr ein modernes Phänomen sind." (184) Es käme einer ungeschichtlichen Betrachtung gleich, würde das heutige Messianische Judentum mit der urkirchlichen Kirche der Beschneidung (ecclesia ex circumcisione) gleichgesetzt werden.
In seinen meist exegetischen Schriften hat Mark S. Kinzer das Verständnis des postmissionarischen messianischen Judentums entwickelt, das gänzlich auf Missionsaktivitäten verzichtet. Kinzer sieht sich und seine Theologie daher in Beziehung zur christlichen Theologie, insbesondere der katholischen Theologie, wie auch zum Judentum. Ein postmissionarisches messianisches Judentum, das an einer strengen Toraobservanz festhält, nimmt die Präsenz Jesu in der Mitte des Volkes Israels und seiner Traditionen an. Es geht weniger darum, das Judentum zu Jesus Christus zu führen. Es soll die Völkerkirche mit dem Judentum bekannt gemacht werden: "[p]ostmissionarische messianische Juden sind Repräsentanten" (Mark S. Kinzer, 152) und bezeugen die Gegenwart Jesu in der jüdischen Gemeinschaft, auch wenn er nicht als Messias erkannt wird. In diesem, und nur darin, hat die Kirche aus den Völkern Anteil an der Mission Israels in der Welt.
Die Trennung zwischen Kirche und Synagoge überwinden?
Kinzer sieht sich damit jedoch nicht den anderen Gesprächspartnern überlegen. Vielmehr erkennt er im Jesusglauben die Erfüllung seines jüdischen Glaubens. Er ist überzeugt, dass er mit dem Jesus-Glauben auf dem Weg zum Heil ist, ebenso wie das rabbinische Judentum. Damit verbunden ist eine bilaterale Ekklesiologie, die das Messianische Judentum als eine kirchliche Wirklichkeit neben den Christusgläubigen aus den Völkern wahrnimmt. Die bilaterale Ekklesiologie versucht das Verhältnis von jüdischen und nichtjüdischen Christusgläubigen, die die eine Kirche bilden, zu beschreiben. Bedenkenswert an den ekklesiologischen Überlegungen Kinzers ist, dass er die Kirche nicht als Grund der Trennung von Judentum und Christentum ansieht. Es ist das genaue Gegenteil: die eine Kirche besteht ihrem Wesen nach aus einem jüdischen und einem nicht-jüdischen Teil im Glauben an Christus. Es ist der entschiedene Versuch, die fast zwei Jahrtausende andauernde Trennung zwischen Kirche und Synagoge zu überwinden.
Die bilaterale Ekklesiologie, so wie sie Kinzer versucht zu denken, überwindet substitutionstheologische Stereotypen. Messianisch-jüdische Identität erkennt im Glauben an Jesus und in der jüdischen Identität eine gegenseitige Bestärkung. Die "Solidarität mit Israel" ist inneres Kennzeichen dieser bilateralen Identität. Im Messias sind Juden und Völkerchristen geeint, was die eigentliche Katholizität aussagt. Wird dies ernst genommen, dann verlangt dies eine sichtbare und institutionelle Verankerung in der Kirche. Die Kirche "braucht" – so ist Kinzer überzeugt – "entweder eine judenchristliche Kirche (die als jüdischer Ausdruck der christlichen Tradition fungiert) oder eine messianisch-jüdische Gemeinschaft (die als Jesus-bekennender Ausdruck der jüdischen Tradition fungiert) oder vielleicht beides." (159) Dabei darf dies nicht so verstanden werden, dass die Kirche die Summe zweier Größen sei, noch ist keine Gleichsetzung der ecclesia ex circumcisione und der ecclesia ex gentibus gegeben.
Für den Dialog zwischen Judentum und Christentum mit dem Messianischen Judentum ist es daher wichtig zu verstehen, dass es eine doppelte Trennung gibt, die überwunden werden soll: die Trennung zwischen Judentum und der Kirche und eine Trennung zwischen jüdischen Christusgläubigen und Gläubigen aus den Völkern.
"Postmissionarische messianische Juden und postmissionarische Judenchristen mögen sich in ihrer primären Bezugsgemeinschaft unterscheiden, aber sie haben eines gemeinsam: Sie identifizieren sich beide mit dem gesamten zweifachen Volk Gottes und werden sich weder gegenüber 'heidnischen' Völkerchristen noch gegenüber 'unerlösten' Juden abgrenzen." (Mark S. Kinzer, 308) Für den Dialog zwischen Judentum und Christentum mit dem Messianischen Judentum ist es daher wichtig zu verstehen, dass es eine doppelte Trennung gibt, die überwunden werden soll: die Trennung zwischen Judentum und der Kirche und eine Trennung zwischen jüdischen Christusgläubigen und Gläubigen aus den Völkern.
Thomas Schumacher stellt in seinem Beitrag heraus, dass die frühe Kirche eine Pluralität an Ausdrucksformen kannte. Juden, die zum Glauben an den Messias Jesus kamen, verstanden dies nicht als einen Religionswechsel. Dennoch müssen sich messianische Christusgläubige mit einem postmissionarischen Selbstverständnis darüber verständigen, wie sie sich zu den neutestamentlichen Missionsbewegungen (Mt 10,6; 15,24; 28,19) verhalten; zudem trägt die Kirche insgesamt im Dialog mit Jüdinnen und Juden die Verantwortung, wie Textpassagen des Neuen Testaments, die eindeutig substitutionstheologische Aussagen enthalten, zu interpretieren sind.
Wie lässt sich eine christologische Vereinnahmung des Judentums verhindern?
Der jüdisch-christliche Dialog wird allerdings die Positionen Kinzers nicht eins zu eins übernehmen können, sondern wird sie auch kritisch reflektieren müssen. Insbesondere wird verstärkt darüber nachzudenken sein, wie die heilswirksame Gegenwart Jesu in Israel gedacht werden kann, ohne dass es durch die Hintertür zu einer "anonymen christologischen" Vereinnahmung des Judentums kommt. Die Vorstellung der verborgenen Gegenwart Jesu im Volk Israel ist auch eine Anfrage an das Christentum hinsichtlich der universalen Heilsbedeutung Jesu Christi und seiner Verbindung zur Kirche. Wenn Kinzer eine institutionelle Verortung des Messianischen Judentums andenkt, dann muss dies verstärkt mit dem Selbstverständnis der Kirche, wie es sich in LG 8 ausdrückt, zusammengedacht werden. Inwiefern gehört zur Katholizität der Kirche notwendig das messianisch-jüdische Element hinzu? Hier wird der Dialog auch schwierig werden, da Kinzer zwar ein "römisch-katholisches Feingefühl" hat, der Großteil des Messianischen Judentums allerdings dem protestantischen Christentum zuzurechnen ist.
Insgesamt wird das Christentum darauf achten müssen, dass ein Gespräch mit den messianischen Juden nicht als ein "inoffizieller jüdisch-christlicher Dialog" geführt wird, der die legitimen Anfragen des Judentums ausblendet.
Es dürfte eher fraglich sein, ob die Pluralität der konfessionellen Kirchenbilder und ekklesiologischen Selbstverständnisse einfach mit der Pluralität einer biblischen Ekklesiologie abgeglichen werden kann. Vielleicht wäre im Gespräch mit dem Messianischen Judentum nicht so sehr nach der Verortung in der Kirche zu fragen, sondern vertieft über das Verständnis von Volk Gottes nachzudenken. Das ist ein Begriff, der alttestamentlich grundgelegt ist, im Neuen Testament aufgenommen wird und vom II. Vaticanum in der Kirchenkonstitution Lumen gentium stark gemacht und inhaltlich rezipiert wurde. Insgesamt wird das Christentum darauf achten müssen, dass ein Gespräch mit den messianischen Juden nicht als ein "inoffizieller jüdisch-christlicher Dialog" geführt wird, der die legitimen Anfragen des Judentums ausblendet.
Wenn die Verleihung der Ehrendoktorwürde an Mark S. Kinzer Unverständnis und Ablehnung hervorruft, so müssen die Verantwortlichen diese Fragen klären. Doch lädt das Denken Kinzers und der Tagungsband Judenchristentum und "Messianische Juden" dazu ein, sich durch die postmissionarische Theologie und durch die bilaterale Ekklesiologie messianischer Juden in einen Dialog zu begeben, bei dem sich die Pluralität der gesamten Bibel widerspiegelt. Ziel des Dialogs kann nicht nur ein gegenseitiges Verständnis sein, dass man voneinander weiß, sondern dass im Licht des Anderen das Eigene tiefer verstanden werden kann. Letztlich geht es um "die Fähigkeit, in der Tradition des Nächsten die Wahrheit zu sehen, sich inspirieren zu lassen und die Herausforderung anzunehmen." (Amy-Jill Levine, 284)