Mallorca, im 13. Jahrhundert. Auf den Straßen begegnen sich Christen, Juden und Muslime; es ist noch nicht lange her – wenige Jahre nur –, dass der christliche König Jaume I., der "Eroberer", die Insel aus maurischer Hand zurückeroberte. Die arabische Sprache und Kultur sind noch allgegenwärtig, der Alltag ist geprägt von der "convivencia", dem Miteinander der Religionen und Kulturen. In dieser Welt wächst Raimundus Lullus auf: ein Paradiesvogel unter den mittelalterlichen Theologen, Autodidakt, Missionar, prägend für die Entstehung des Katalanischen wie Luther für das Deutsche und mit einem Nachleben, das zwischen Verehrung, Vergessen und Verketzerung schwankt.
Lullus sticht aus dem missionarischen Mainstream seiner Zeit bereits dadurch hervor, dass er größten Wert darauf legte, die Sprache der Menschen zu erlernen, die er erreichen wollte.
Wenn man diese außergewöhnliche Gestalt einzuordnen versucht, dann legen sich dazu die Begriffe "Berufung" und "Mission" nahe. Das Leben des Mallorquiners ist von einer einschneidenden Kehrtwende geprägt: In höfischem Kontext aufgewachsen und als Erwachsener dem mallorquinischen Königshof als Seneschall verbunden, lebt Lullus zwischen Trobadordichtung und Ritteretikette, heiratet, wird Vater zweier Kinder – und hat während der Abfassung einer wohl nicht an die eigene Gattin gerichteten Liebesdichtung eine Vision des gekreuzigten Christus, nach der er das bisherige weltliche Leben, seine Familie, seinen Besitz und seinen höfischen Stand hinter sich lässt, um sein Leben dem einen großen Ziel zu widmen, das ihm bereits kurz nach der Bekehrungswende klar vor Augen steht: Muslime und Juden für Christus zu gewinnen und ihnen damit den Liebesdienst der Bewahrung vor dem ewigen Höllenfeuer zu erweisen.
Mission beginnt mit dem Verstehen
Stellt bereits diese Lebenswende eine biographische Besonderheit dar, so gilt dies umso mehr für die meisten Schritte, die Lullus danach in Konkretisierung seiner Zielsetzung unternahm. Da ist zunächst die Sprachenfrage: Lullus sticht aus dem missionarischen Mainstream seiner Zeit bereits dadurch hervor, dass er größten Wert darauf legte, die Sprache der Menschen zu erlernen, die er erreichen wollte. Er wollte überzeugen, nicht überwältigen – und das bedeutete für ihn, dass er zunächst verstehen musste. Er musste die Kultur der anderen verstehen, ihre geistige Welt ernst nehmen, sie erreichen, und deswegen musste er ihre Sprache sprechen. Er lernte Arabisch und bemühte sich jahrzehntelang, unter Aufbietung all seiner höfischen Beziehungen und durchaus erfolgreich um die Gründung von Sprachschulen für Missionare.
Wo keine Einigkeit über Autoritäten und deren Deutung besteht, verbieten sich Autoritätsargumente. Der Missionsdialog braucht eine andere Form der Wahrheitsbegründung.
Noch ungewöhnlicher ist seine Überzeugung, dass das missionarische Religionsgespräch universal akzeptable Spielregeln benötigt. Christen, Juden und Muslime können einander argumentativ ihre jeweiligen heiligen Schriften vorhalten (und haben das immer und immer wieder getan) – überzeugen werden sie damit aber kaum. Denn was den einen Offenbarung ist, besitzt für die anderen keine entsprechende Autorität; und selbst dort, wo man dieselben Texte als Offenbarungszeugnisse anerkennt, stößt die Autoritätsargumentation nur allzu rasch an Grenzen, wenn man sich über die Auslegung der betreffenden Textzeugnisse streitet. Lullus zieht daraus eine bemerkenswerte Konsequenz: Wo keine Einigkeit über Autoritäten und deren Deutung besteht, verbieten sich Autoritätsargumente. Der Missionsdialog braucht eine andere Form der Wahrheitsbegründung. Lullus entwickelt eine solche Form, partiell auf der Basis einer visionären Eingebung, die ihm am Berg Rande geschenkt wird: seine berühmte ars, die "Kunst" der verkündigenden Argumentation.
Von der machtförmigen Überzeugung zum argumentativen Austausch
Es würde zu weit führen, die Details dieser kombinatorisch konfigurierten ars zu erläutern, die Lullus den Ehrentitel eines Vorläufers der modernen Informatik eingebracht hat. Bemerkenswert ist aber eine Grundcharakteristik dieser Argumentationskunst: Sie versucht, ein gemeinsames Fundament für die interreligiöse Wahrheitssuche bereitzustellen. Ausgangspunkt sind eine Reihe deutlich neuplatonisch geprägter Überzeugungen, die in der gesamten mittelalterlich-mediterranen Kulturlandschaft verallgemeinerbar waren: Gott ist gut, weise, mächtig und vollkommen; er offenbart sich in seiner Schöpfung; der Mensch soll Gottes Willen erfüllen, sich an ethischen Maßstäben orientieren und die Sünde meiden; und die Wirklichkeit ist geordnet und verstehbar. Historische Einordnungen gehen davon aus, dass es Lullus mit diesem Prämissensystem tatsächlich gelungen sein dürfte, ein im 13. Jahrhundert allgemein akzeptables Kriterienset und damit ein konsensuell tragfähiges Fundament für den Religionsdialog aufzustellen.
Nötig ist Redefreiheit, die Abwesenheit von Angst, eine gewisse Gleichheit der Beteiligten, Empathie und gegenseitige Wertschätzung.
Damit aber verändert sich der Charakter von Mission in einer Weise, der gemessen an der Entstehungszeit doch überraschend modern anmutet: Die Begegnung mit Andersreligiösen wird von der machtförmigen Überzeugung zum argumentativen Austausch; die anderen sind nicht lediglich Empfänger einer Botschaft, sondern echte Dialogpartner, deren mitdenkendes Urteil gefragt ist – weil sie die Wahrheit überzeugt annehmen, nicht gewaltsam bekehrt werden sollen. Das setzt nach der festen Überzeugung des mallorquinischen Theologen zudem eine ganz bestimmte Gesprächsatmosphäre voraus: Nötig ist Redefreiheit, die Abwesenheit von Angst, eine gewisse Gleichheit der Beteiligten, Empathie und gegenseitige Wertschätzung. Für Lullus ist eine solche Atmosphäre keine höfliche Zugabe zum eigentlichen Missionsgeschäft, sie gehört vielmehr zu dessen Grundkonfiguration selbst. Und dazu gehört auch – ebenfalls ein seine Zeit überschreitender Gedanke –, dass der christliche Missionar nicht nur durch Worte, sondern durch sein ganzes Leben und Tun glaubwürdig sein muss. Das Wort allein genügt nicht, es muss sich in der Praxis derjenigen bewahrheiten, die es aussprechen.
Vertrauen in die freie Vernunft der anderen
Das vielleicht eindrucksvollste Zeugnis dieser Missionsvision hat Lullus in einem Frühwerk gegeben, seinem "Buch vom Heiden und den drei Weisen": Ein Jude, ein Christ und ein Muslim treffen dort auf einen Menschen, der keiner der drei Religionen angehört und verzweifelt nach Wahrheit sucht. Nacheinander legen die drei Weisen ihm ihre Überzeugungen dar. Der Heide entscheidet sich schließlich für eine Religion – doch Lullus verrät dem Leser nicht, für welche. Mehr noch: Die drei Weisen wollen seine Entscheidung gar nicht erfahren. Statt den Wahrheitssieg einer der drei Religionen festzulegen, beschließen sie, ihr Gespräch zu dritt fortzusetzen, weiterhin in einer Atmosphäre der Geschwisterlichkeit, des Respekts und der gegenseitigen Wertschätzung, in der sich jedes beleidigende Wort gebannt ist.
Für eine mittelalterliche Apologie ist das ein ziemlich verblüffendes Ende. Gewiss: Es steht außer Frage, dass Lullus von der überlegenen Wahrheit des Christentums überzeugt war und seine Gesprächspartner zum Christentum hinführen wollte, und es gibt auch Anzeichen im Text, dass die Religion, die der suchende Heide am Schluss annimmt, die christliche war. Das "Buch vom Heiden und den drei Weisen" als Zeugnis für einen mittelalterlichen Religionspluralismus avant la lettre zu verstehen, wäre eine anachronistische Fehlinterpretation. Aber trotzdem bleibt der Religionsdialog des Mallorquiners bis in die Gegenwart hinein ein bemerkens- und lesenswerter Text, der seine eigene Zeit weit überschreitet: Weil Lullus die Andersgläubigen nicht nur als Objekt missionarischer Bemühung, sondern als vernunftbegabte, mündige Gesprächspartner ernst nimmt. Weil er begriffen hat, dass Verständigung nur dort geschehen kann, wo man die Sprache, das Denken und das Fragen der anderen zu verstehen versucht. Weil er einen festen Wahrheitsanspruch mit einem ebenso festen Vertrauen in die freie Vernunft der anderen verbindet. Und weil er davon überzeugt ist, dass Wahrheit stark genug ist, keine Gewalt zu benötigen.