Am 27. Oktober wird Papst Leo nach Assisi reisen. An der von Sant’Egidio organisierten Konferenz "Entwaffneter und entwaffnender Friede" wird er an das Friedensgebet erinnern, zu dem Johannes Paul II. vor 40 Jahren Vertreter verschiedenster Religionen eingeladen hatte. Die interreligiösen Treffen in Assisi sind seither zu einem viel beachteten, aber auch kontroversen Ausdruck des interreligiösen Dialogs geworden.
Kritiker warfen Johannes Paul II. vor, die Treffen würden Synkretismus fördern, obwohl er unterstrichen hatte, es gehe nicht darum, gemeinsam zu beten, sondern sich zu treffen, um zu beten. So werden beim Besuch von Papst Leo in Assisi die Religionsgruppen an verschiedenen Orten gleichzeitig in der Stadt ihre Gebete verrichten, um sich danach für eine gemeinsame Friedensbotschaft vor der Basilika des Heiligen Franziskus zu treffen.
Dass die verschiedenen Religionsgemeinschaften in einer immer stärker polarisierten Gesellschaft darauf achten müssen, sich nicht politisch instrumentalisieren zu lassen, sondern ihre Botschaft der gewaltfreien Förderung von Gerechtigkeit und Frieden zu leben, hat Papst Leo gerade auch in Metz bei seinem Besuch in Frankreich unterstrichen. In seiner Anwesenheit hatten am 28. September Religionsvertreter einen Appell für einen anspruchsvollen Dialog auch unter politisch und gesellschaftlich widrigen Umständen und für die Förderung der interreligiösen Bildung in der jungen Generation veröffentlicht.
Vatikanisches Dokument zur Zukunft des interreligiösen Dialogs
Wie die katholische Kirche den Dialog zwischen den Religionen versteht, legte kürzlich das vatikanische Dokument Ein Weg der Hoffnung dar. Es ist nicht nur vom Dikasterien für interreligiösen Dialog und für die Einheit der Christen, wozu die Beziehungen zum Judentum gehört, sondern auch von der Glaubenskongregation unterzeichnet. 60 Jahre nach Nostra aetate will die "Note" die wichtigsten Etappen nachzeichnen, Errungenschaften bewerten und Zukunftsperspektiven aufzeigen. (3) Dialog sei weder eine aus der Not entstandene Strategie noch ein Verzicht auf eigene Identität, sondern "authentischer Weg im Sinn des Evangeliums". (7)
Dass Dialog ein Suchen von Gerechtigkeit und Wahrheit in der Gestalt der jeweiligen Kultur darstellt, das in geschwisterlichem und freundschaftlichem Geist zu bewerkstelligen ist, klingt wie ein Refrain durch das Schreiben.
Die Kapitel "Anhaltende Widerstände und Missverständnisse" und "Eine zu vertiefende Pädagogik" lassen erkennen, dass der Text einerseits gegen identitäre katholische Tendenzen anschreibt, die im Dialog nur eine liberale und säkularisierende Theologie sehen, die es zu überwinden gilt. So wird die Dialoggeschichte durch die Autorität aller Päpste untermauert (16-36), angefangen mit Aussagen von Paul VI. über Papst Benedikt bis hin zu Papst Leo. Da Dialog von dia logos kommt ist er "theologischer Natur". (28) Er verweist auf den biblischen Offenbarungsmodus.
Andrerseits fordert der Text umfassende Ausbildung und Kompetenz (48) und erinnert die säkularen Gesellschaften, die interreligiöser Dialog als subjektiver Meinungsaustausch zuweilen an den Rand drängen (45), daran, dass es um Wahrheitssuche geht. Dass Dialog ein Suchen von Gerechtigkeit und Wahrheit in der Gestalt der jeweiligen Kultur darstellt, das in geschwisterlichem und freundschaftlichem Geist zu bewerkstelligen ist, klingt wie ein Refrain durch das Schreiben.
Religionstheologische Überlegungen fehlen
Demgegenüber ist auffallend, dass in der sechzig Paragrafen starken Note religionstheologische Überlegungen fehlen. In jenen zu den Religion (6-10), wird der interreligiöse Dialog in den Dialog mit der gesamten Kultur eingeordnet. Jede Diskriminierung von Islam und Judenhass wird zurückgewiesen. Von den Religionstraditionen Asiens und Afrikas wird nur gesagt, dass Dialog geführt wird (37), ohne irgendeine theologische Fragestellung zu nennen.
Der Islam erscheint nur zwei Mal, wobei die Hochachtung für den Glauben der Muslime aus Nostra aetate zitiert wird. (43) Es geht um gesellschaftliches Zusammenleben, wenn danach betont wird, es müsse zwischen Islamisten und Muslimen unterschieden werden, die als Einwanderer in Europa mit "Zuneigung und Achtung" (45) aufzunehmen seien. Das Fehlen theologischer Fragestellungen lässt den glaubensinteressierten Leser unbefriedigt zurück, zumal die allgemeine Menschenwürde und die Geschwisterlichkeit aller Geschöpfe schöpfungstheologische begründet wird, ohne sich dem Phänomen Religion eigens zuzuwenden.
Die jüdische Tradition wird theologisch nicht genauer bestimmt und der umstrittene "Heilsstatus" nicht weiter angesprochen. Doch genau hier kann und muss die theologische Arbeit heute weitergeführt werden.
Allein das Verhältnis zum Judentum führt der Text theologisch aus. Seit je Motor und Paradigma interreligiöser Dialogbemühung und in seiner Sonderstellung mehr der Ökumene zugeordnet, wird in sieben Paragrafen (10-16) die jüdisch-christliche Beziehung prägnant formuliert: "Mit dem Juden Jesus übernahmen die ersten Christen tatsächlich Grundsätze des damaligen Judentums und passten sie der neuen nachösterlichen Situation an… Was aber Jesus an jüdischem Erbe in das Christentum eingebracht hat, ist Teil der theologischen Struktur des Christentums selbst." (10;11) Der Dialog mit dem Judentum sei "nicht als Nebensache zu betrachten… Es geht vielmehr darum, sich der eigenen ursprünglichen Identität voll und ganz bewusst zu werden." (13)
Die konstitutive Beziehung zum Judentum für christlichen Glaubensvollzug betrifft nicht nur die biblische Zeit, sondern auch das gegenwärtige Judentum, weil Gott weiterhin "im Volk des Alten Bundes" wirkt, wird Papst Franziskus zitiert. (13) Entscheidend ist dabei, dass das vatikanische Kommissionsdokument zu 50 Jahre Nostra aetete bekräftigend zitiert wird: Der Bund mit Israel ist unwiderrufen, steht nicht einfach als paralleler Heilsweg neben der Kirche, hat aber in sich "theologische Bedeutung… Die jüdische Glaubenspraxis kann nämlich als eine Auswirkung des offenbarten Wortes betrachtet werden… handelt es sich um einen tatsächlichen und dynamischen Wert, der uns stets bereichern kann." (13) Die jüdische Tradition wird theologisch nicht genauer bestimmt und der umstrittene "Heilsstatus" nicht weiter angesprochen. Doch genau hier kann und muss die theologische Arbeit heute weitergeführt werden.
Katholisch-jüdisches Verhältnis weiterhin angespannt
Die Ausführungen zum Judentum schliessen einerseits mit einem langen Zitat von Papst Benedikt in Auschwitz und verurteilen jeden Antisemitismus. (14) Andrerseits sprechen sie den Nahostkonflikt an, der den Dialog "auf die Probe gestellt" hat: "Dennoch sind die Säulen des Dialogs unter Gläubigen… stabil geblieben." (15)
Angesichts der akuten Auseinandersetzung um Israel seit dem Massaker der Hamas empfinden sie umso mehr, von der Kirche nur als Religion und nicht als jüdisches Volk und als jüdische Kultur wahrgenommen und angesprochen zu werden.
Dass das gegenwärtige katholisch-jüdische Verhältnis aber angespannt ist und unter Druck steht, kann nicht verschwiegen werden. Nicht Lappalien wie das vermeintliche Spucken eines Schweizergardisten oder ein deplatzierter Vergleich israelischer Politik mit den Nazis bei Veranstaltungen zu 60 Jahre Nostra aetate, wie einige Journalisten feilhalten, sind der Grund. Vielmehr schweigt Ein Weg der Hoffnung wie andere Vatikandokumente wieder zur Frage von Land und Staat Israel. Juden und Jüdinnen monierten dies bereits vor zehn Jahren lautstark. Angesichts der akuten Auseinandersetzung um Israel seit dem Massaker der Hamas empfinden sie umso mehr, von der Kirche nur als Religion und nicht als jüdisches Volk und als jüdische Kultur wahrgenommen und angesprochen zu werden.
Wenn Papst Franziskus sich auf die palästinensische Konfliktseite stellte, heute "Priester gegen den Genozid" in Rom demonstrieren und Kardinal Parolin vor den UNO sich für die Zwei-Staaten-Lösung einsetzt, ohne einen Zusammenhang zwischen Antizionismus und Antisemitismus anzuerkennen, dann ist nur leicht zu verstehen, dass gewichtige jüdische Stimmen, wie zum Beispiel Oberrabbiner Di Segni von Rom, die Note bei allen guten Aussagen als unglaubwürdig kritisieren.
Dialogpapier ohne Einbeziehung der Dialogpartner
Dabei macht sich die Kritik an der unglücklichen Aussage von der "jüdisch-palästinensischen Umwelt" Jesu fest. (5) Es handelt sich um ein Zitat aus dem Jahr 1985. Doch die Problematik liegt tiefer, und zwar auf zwei Ebenen: Einerseits kann die Kirche im Dialog die theologische Auseinandersetzung um Land und Staat Israel nicht weiter ignorieren und in der säkular-liberalen Haltung verharren, man wolle Religion und Politik trennen. Sie sind zu unterscheiden, doch die politische Theologie ist in der globalisierten Postmoderne gerade rund um den Nahostkonflikt längst zurück.
Andrerseits kann die Kirche nicht ein Dialogpapier erarbeiten und veröffentlichen, ohne die Dialogpartner aktiver in den Prozess einbeziehen. Seit Nostra aetate waren jüdische Experten als Konsultoren an der Entstehung kirchliche Dokumente beteiligt und bei ihrer Veröffentlichung zuweilen Gesprächspartner. Dies ist heute zu einer unabdingbare Notwendigkeit geworden und gehört zur Professionalität der Dialogführung.