Shannon Seban lebt ein Leben wie viele andere Politiker auch. Bei ihr geht es von einem Termin zum anderen. Anfang Mai ist sie zuerst in Israel, reist dann für die Verleihung eines Preises nach Wien, wo sie im Haus der Europäischen Union eine Rede hält, und kurz danach geht es dann schon wieder weiter mit dem Flugzeug in Richtung Heimat nach Paris. Die 30-Jährige postet täglich auf Instagram und anderen Social-Media-Plattformen. Sie teilt kurze Videos und Fotos von sich, wo sie mal im Sommerkleid, Blazer oder einem anderen Businessoutfit zu sehen ist. Inhaltlich geht es meistens um politische Inhalte mit ihrem Schwerpunkt dem Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus.
Seban hat einen vielfältigen Hintergrund. Sie wuchs im Pariser Vorort Seine-Saint-Denis auf, einem der ärmsten Orte Frankreichs. Dort gibt es, wie sie berichtet, viele Arbeitslose, Sicherheitsprobleme und eine Menge junge Menschen. Ihre Eltern stammen aus dem Maghreb, aus Algerien und Marokko. Shannon Seban ist Jüdin, doch diese Identität hält sie lange Zeit aus der Öffentlichkeit. Das ändert sich, so Seban, im Sommer 2023. Damals griff sie ein rechtsextremer Neonazi-Aktivist online an. "Er hat behauptet, dass ich eine schmutzige jüdische Nase habe und meine jüdische Identität eine Bedrohung für die Welt darstellt." Sie ging schließlich gemeinsam mit ihrem Anwalt dagegen vor und gewann.
Durch den 7. Oktober 2023 hat sich die Lage für Juden in Frankreich deutlich verschlechtert.
2019 zog es sie in die Politik. Von 2020 bis 2026 war sie Mitglied des Gemeinderats eines Pariser Vororts. Bisher kandidierte sie zweimal für das französische Parlament und einmal für das EU-Parlament, bekam aber jeweils kein Mandat. Im Dezember 2025 wechselte sie von Macrons Partei ("Renaissance") zur konservativen Partei "Les Républicains". Der 7. Oktober 2023, jener Tag, an dem die Hamas Israel angriff und mehr als 1.200 Menschen starben, hinterlässt auch bei Shannon Seban seine Spuren. Im Wahlkampf im Juli 2024 sei sie als "dreckige Zionistin" angeschrien worden: "Es war heftig, ich habe den Menschen nur meine Broschüre gegeben", berichtet sie. Nach der Attacke bekam sie Polizeischutz. Wir hätten definitiv ein Problem in Europa, "wenn eine jüdische Politikerin aus Frankreich Polizeischutz mit vier Männern an ihrer Seite braucht." Nur, damit sie auf der Straße politische Flyer verteilen könne.
Durch den 7. Oktober 2023 hat sich die Lage für Juden in Frankreich deutlich verschlechtert. Früher gab es dort und in Europa keine täglichen antisemitischen Vorfälle, berichtet Seban. Nun sind sie geradezu in Mode gekommen. Juden in Frankreich und Europa, so erlebt es die Politikerin, fühlen sich nicht mehr sicher. Als Beispiel nennt sie London, wo eine spezielle Polizeieinheit eingerichtet wurde, um diese zu schützen. Viele Juden würden im Moment nach Israel oder in die Vereinigten Staaten fliehen wollen. "Das ist besorgniserregend und bedeutet, dass unsere Demokratien beim Schutz jüdischer Gemeinschaften versagen." Konkret beschreibt Seban die Konsequenzen wie folgt: Juden können keine Restaurants betreten, sie können nicht zur Universität gehen, weil sie Angst haben, dort boykottiert zu werden, wenn sie die Hörsäle betreten, und auf Uber ändern sie ihren Namen, um nicht aufzufallen.
Antisemitismus zwischen Islamismus, Links- und Rechtsextremismus
Dem, wie sie es nennt, "linksextremem Lager" in Frankreich wirft Seban vor, Antisemitismus als Strategie einzusetzen, um bei Wahlen gezielt Stimmen zu gewinnen. Doch auch von der "extremen Rechten", dem Rassemblement National, ist sie alles andere als begeistert. Die Partei sei zwar nach dem 7. Oktober sehr aktiv geworden, habe Antisemitismus und Terroranschläge verurteilt. Aber das reiche nicht: "Es ist zu wenig, dass Jordan Bardella (aktueller Kandidat für die Präsidentschaftswahl 2027, Anmerkung der Redaktion) nach Yad Vashem in Jerusalem fährt, um der beste Freund der Juden zu werden", so Seban. Sie könne nicht vergessen, dass es in dem Umfeld der Partei einige Leute gäbe, die den Nazis immer noch sehr nahestehen und rassistisch seien. "Wenn man Antisemitismus bekämpfen will, muss man auch mit denen zusammenstehen, die Rassismus bekämpfen."
Ursprünglich, so berichtet die Politikerin, hat sie sich entschieden, sich politisch zu engagieren, wegen der Überwindung der traditionellen Links-Rechts-Grenze, für die sich Präsident Macron eingesetzt hatte. Doch im Dezember 2025 tritt sie aus seiner Partei, der Renaissance-Bewegung, aus. Die Entscheidung sei ihr nicht leichtgefallen: "Ich habe sie getroffen, weil ich aktuell das Gefühl habe, dass mein Land sich gerade selbst schadet." Konkret meint sie damit: Unkontrollierte Einwanderung, Sicherheitsprobleme und nicht mehr zu wissen, was es bedeutet, Franzose zu sein. "Wenn man sich entscheidet, die französische Flagge zu zeigen, wird man als Faschist und Rassist abgestempelt und gilt als rechtsextrem." Das sei ein Problem.
Dass der französische Präsident Emmanuel Macron im September 2025 Palästina als Staat anerkannte, spielte eine Rolle für die Entscheidung, erzählt Seban. Sie sei für die Zwei-Staaten-Lösung, aber: "Man kann einen palästinensischen Staat nicht anerkennen, wenn es Terroristen der Hamas gibt, die immer noch Tunnel unter der Erde haben." Es sei auch eine Art, Terrorismus zu normalisieren, um auf diplomatischer Ebene an sein Ziel zu gelangen. Seban wechselte nach dem Austritt in die Mitte-Rechts-Partei Les Républicains und ist dort heute Nationalsekretärin.
Engagement für den interreligiösen Dialog
Sie engagiert sich auch für den interreligiösen Dialog und ist Direktorin für europäische Angelegenheiten beim "Combat Antisemitism Movement", einer Bewegung gegen Antisemitismus. Hier geht es darum, Brücken zwischen den verschiedenen Communitys zu bauen. Seban arbeitet dafür unter anderem mit Imamen, Priestern und Rabbinern zusammen, etwa durch Events und Reisen: "Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, zu zeigen, dass es viele Dinge gibt, die Christen, Muslime und Juden miteinander verbinden." Eine der vergangenen Reisen war im Dezember 2025. Damals fuhr Seban mit Musliminnen und Christinnen aus den USA durch Israel: "Wir haben ihnen gezeigt, wie schön und belebt Jaffa im Süden von Tel Aviv ist, wo Menschen in Koexistenz zusammenleben." Zudem hätten sie auch Jerusalem besucht, wo man sehen könne, wie dieses Zusammenleben der drei Religionen zur Normalität wird.
"Wir sehen heute, dass Menschen gar nicht wissen, was es bedeutet, Muslim, Christ oder Jude zu sein", meint Seban. Sie glaubt, dass viel, insbesondere durch die nationale Regierung, investiert werden muss, um Klischees und Stereotypen schon von klein auf abzubauen.
Seban setzt sich aktiv gegen Islamismus und die Muslimbruderschaft ein. Sie könne nicht verstehen, dass die Muslimbruderschaft in arabischen Ländern wie Ägypten, Syrien und den Vereinigten Arabischen Emiraten verboten sei, aber nicht in Frankreich oder Europa. Auf dem europäischen Kontinent würden diese langsam und gezielt Moscheen und auch andere Einrichtungen unterwandern, mit dem Ziel, westliche Werte zu untergraben.
"Die französischen Juden erwarten davon eine starke Reaktion der Regierung."
Die 30-Jährige rechnet damit, dass die kommende Präsidentschaftswahl in Frankreich Anfang 2027 vieles verändern wird: "Die französischen Juden erwarten davon eine starke Reaktion der Regierung." Sie sei optimistisch, aber nicht naiv. Klar für sie sei: Die jüdische Gemeinschaft in Frankreich, die etwa 450.000 Menschen umfasst, wird nicht wachsen. Ihr Ziel ist es, dafür zu kämpfen, dass diese zumindest so bleibt, wie sie ist, und nicht schrumpft.