Friede und politische Verantwortung: Nachlese zur Rezeption Robert Schumans bei Leo XIV.

Hat Leo XIV. das Denken des europäischen Gründervaters Robert Schuman "amputiert"? Eine Kritik an seiner Rede in Metz trifft einen wunden Punkt: Wie viel militärische Stärke braucht der Frieden?

Papst Leo XIV. grüßt die Menschenmenge bei seiner Fahrt im Papamobil am 26. September 2026 auf den Champs-Élysées in Richtung Place de la Concorde in Paris (Frankreich).
© Vatican Media/Romano Siciliani/KNA

Dass die Apostolische Reise Leos XIV. nach Frankreich ein voller Erfolg war, steht für kirchliche wie säkulare Medien außer Frage. Der Kontrast zwischen den feiernden, vielfach jungen Menschen an den Stationen der päpstlichen Reise und den ausufernden Protesten an Frankreichs Schulen könnte kaum größer sein. Nun beginnt die Nachlese der Gedanken, die der Pontifex in Paris, Lourdes und Metz hinterlassen hat.

Weiterführend scheint dabei die Kritik, die Manfred Spieker in einem Leserbrief an die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13. Oktober an der päpstlichen Deutung der Person Robert Schumans übt. Leo habe in seiner Rede An den Wurzeln Europas für Frieden und Einheit am 28. September einen "amputierten Schuman" präsentiert, indem er die gegenwärtigen Rüstungsausgaben der NATO den Friedensbemühungen Schumans entgegengesetzt habe. Spieker trifft damit einen wunden Punkt – vielleicht nicht nur der Schuman-Rezeption, sondern auch der Friedensethik insgesamt.

Leos Rede in Metz und Spiekers Kritik

In seiner Rede in Metz ging der Papst auf das Wesen Europas sowie den Beitrag des Christentums zur europäischen Geschichte und zur Herausbildung der Menschenrechte ein. Ausgangspunkt war Robert Schuman, der in Metz lebte, das Département Moselle als Abgeordneter vertrat und in einem Vorort der Stadt bestattet ist. Leo XIV. zitiert vor allem Schumans Rede vom 9. Mai 1950, mit der dieser die Gründung einer gemeinsamen Kohle- und Stahlunion ankündigte, sowie die aus verschiedenen Reden zusammengestellte Monographie Für Europa. Besonders hebt er Schumans auf Jacques Maritain zurückgehenden Gedanken hervor, dass die Entwicklung der Menschenrechte ohne das christliche Ferment nicht zu denken sei.

Neben der "Öffnung für den Dialog mit dem Anderen", die Europa attestiert wird, geht der Papst auf das Friedensengagement Schumans ein, das angesichts des heutigen Krieges in der Ukraine neue Aktualität gewinnt. Zwar bedeute dieses Engagement keinen "naiven Irenismus", aber – wie Leo bereits in der Vergangenheit betonte – man müsse sich vor der "Illusion der Wiederaufrüstung" hüten. Stattdessen seien nach Schuman "kreative Anstrengungen" zu unternehmen, "um den Weltfrieden zu fördern", anstatt "lediglich [zu] versuchen, 'das Blutvergießen des Krieges einzudämmen' und uns besser auf jene Kriege vorzubereiten, von denen wir annehmen, dass sie noch kommen werden".

Spieker weist mit Recht darauf hin, dass für Schuman Völkerrecht und Multilateralismus militärische Rüstung keineswegs ausschlossen. Angesichts der aggressiven Expansionspolitik des sowjetischen Kommunismus war diese für ihn vielmehr ein legitimes und notwendiges Mittel zur Sicherung von Frieden und Freiheit. Ebenso erinnert Spieker daran, dass Schuman den Nordatlantik-Vertrag (NATO) unterstützte – 1949 unterschrieb er den Vertrag als Außenminister für Frankreich. Anfang der 1950er-Jahre befürwortete er zudem den Pleven-Plan zur Gründung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) – als Ergänzung zur wirtschaftlichen Einigung. "Europas rechtliche und politische Einheit und Europas militärische Verteidigungsfähigkeit bildeten für Schuman wie für Adenauer eine Einheit", bilanziert Spieker.

Schuman und die Frage militärischer Verteidigung

In der unmittelbaren Nachkriegszeit sprach sich Schuman vehement gegen eine Wiederbewaffnung Deutschlands aus. Zu tief saßen in Frankreich die traumatischen Kriegserfahrungen und die Angst vor einem Wiedererstarken des deutschen Nationalismus. Wollte man die Fehler der Bestrafungspolitik von Versailles nicht wiederholen, konnte die Lösung der "deutschen Frage" nur in der Einhegung der neu gegründeten Bundesrepublik in ein europäisches Gefüge liegen. Dazu war die Zusammenlegung der Montanindustrie unter der Aufsicht einer Hohen Behörde ebenso notwendig wie das Ziel, eine europäische Armee zu schaffen, um zu verhindern, dass weitere europäische Länder dem Kommunismus zum Opfer fallen, aber auch um einer Wiederbewaffnung Deutschlands zuvorzukommen. Insofern war auch die Haltung Schumans gegenüber Deutschland von Vorsicht geprägt, die seiner Verantwortung als Teil der französischen Regierung entsprach.

In seinen mittlerweile edierten politischen Reden aus der Zeit nach 1953, also nach seinem Ausscheiden aus dem Außenministerium, drängt Schuman immer wieder darauf, das Friedensideal in konkreten Institutionen zu verwirklichen. Nicht bloße Willensbekundungen, sondern die reale Verflechtung von Interessen soll Kriege unmöglich machen. Besonders die Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands führte 1956 zu einer Desillusionierung hinsichtlich einer möglichen Verständigung mit Moskau. Entsprechend kritisch äußerte sich Schuman in diesem Kontext gegenüber der Effizienz der UNO und dem Projekt der Abrüstung, die für ihn "nicht der Ausgangspunkt, sondern die Vollendung eines breiten Unternehmens der Entminung und Entgiftung" sein konnte.

Dies stellt in keiner Weise das grundsätzliche und zutiefst verinnerlichte Engagement Schumans für Frieden und Völkerverständigung in Frage. Schon in der Zwischenkriegszeit verband sich diese Haltung jedoch mit einem konstanten Realismus hinsichtlich der unmittelbaren Möglichkeiten. So unterstützte Schuman sowohl das Projekt der Maginot-Linie als auch die Aufnahme von Darlehen zur Finanzierung der französischen Aufrüstung Ende der 1930er-Jahre. Letzteres weist durchaus Parallelen zum heutigen "Sondervermögen" für die Bundeswehr in Deutschland auf. Analog hierzu erblickte Schuman auch in den Projekten der NATO und der EVG gerade ein konkretes Mittel, um den Frieden in Europa zu bewahren, wohingegen er bekräftigte, dass die UNO "unfähig ist, die Mission des Friedens zu erfüllen, für die sie geschaffen worden ist".

Wiewohl Schuman die Stärkung der militärischen Verteidigungsfähigkeit für wichtig erachtete, so ist diese Notwendigkeit bei ihm immer eingerahmt von der Verteidigung auf politischem, kulturellem und wirtschaftlichem Gebiet. Gerade die geistige Resilienz ist entscheidend, um der materiellen Gewalt zu widerstehen. Gleichzeitig muss mitbedacht werden, dass Schuman auf die Enzyklika Pacem in Terris (April 1963) und auf den flammenden Abrüstungsappell Johannes' XXIII. aufgrund einer 1959 schon einsetzenden Krankheit nicht mehr reagieren konnte. Hätten sich seine Positionen angesichts einer Welt am Rande des Abgrunds (Kuba-Krise) gewandelt? Die Antwort bleibt offen.

Christentum und Politik als Spannungsfeld

Auch im Falle Schumans, für den gegenwärtig ein Seligsprechungsverfahren läuft, kann es nicht darum gehen, zeitgebundene politische Ideen zu kanonisieren. Doch gerade sein Beispiel zeigt das Spannungsverhältnis zwischen christlichem Engagement und konkreter staatspolitischer Verantwortung. Umso dankbarer darf man für das Bemühen Leos XIV. sein, der den Frieden seit den ersten Minuten seines Pontifikats in den Mittelpunkt stellt. Wie der Pontifex seine Rolle und seine Äußerungen verstehen möchte, brachte er während seiner Pressekonferenz auf dem Rückflug von Frankreich nach Rom zum Ausdruck:

"Es braucht eine Stimme, die versucht, die Werte der Menschenwürde, der Bedeutung des Lebens und der Möglichkeit, mehr für Gesundheit und Bildung und weniger für Waffen auszugeben, zu fördern; und ich glaube, dass die Kirche die Verantwortung hat, diese Werte zu fördern, indem sie immer wieder führende Politiker – wie die aus Russland und der Ukraine sowie anderer Länder – einlädt, zu kommen, sich zusammenzusetzen, miteinander zu reden und nach Lösungen für die Probleme zu suchen, ohne diese Kriege fortzusetzen, die längst keinen Sinn mehr haben."

Während der Papst diese Rolle auszufüllen versucht, müssen Staatschefs und Politiker auf reale Bedrohungen und die beharrliche Weigerung eines Aggressorstaates reagieren, Friedensverhandlungen unter Achtung der Souveränität und des Freiheitswillens des angegriffenen Staates zu führen.

Weiterführende Fragen

Vom Beispiel Schumans aus könnte man nachdenklich noch weitere Fragen stellen: Müsste der Versuch, nach dem Fall der Sowjetunion mit Russland wirtschaftliche Beziehungen aufzunehmen (Stichwort: Nord Stream) nicht als "kreative Anstrengung" betrachtet werden, zu einer Zusammenlegung der Interessen zu kommen, die Kriege als "Verrücktheit" erscheinen lässt? Und ist nicht auch die kostenintensive, gegen Widerstände durchgesetzte militärische Unterstützung der Ukraine, die unter anderem Menschen vor Raketenangriffen schützt, Ausdruck jener Solidarität zwischen Staaten, für die Leo XIV. wirbt?

Gerade diese Fragen machen die Beschäftigung mit Robert Schuman in seinem historischen Kontext weiterhin lohnend. Sie bewahren zugleich vor einer vorschnellen Gleichsetzung seiner geschichtlichen Situation mit der heutigen wie auch vor einer hagiographischen Überformung, die sein Vorbild meist eher kleiner als größer erscheinen lässt.

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