Vom Papst empfohlenAugustins Brief an Proba über das Gebet

Die Grundhaltung des Betens ist die menschliche Sehnsucht nach wahrer Erfüllung, die nur in Gott zu finden ist.

Gerard Seghers (1591–1651) (zugeschrieben): Die vier lateinischen Kirchenväter: Augustinus von Hippo
Gerard Seghers (1591–1651) (zugeschrieben): Die vier lateinischen Kirchenväter: Augustinus von Hippo© gemeinfrei/Wikimedia Commons

Auf dem Flug nach Algier anlässlich seiner ersten Afrika-Reise gab Papst Leo XVI. kürzlich vor den anwesenden Journalisten einige Empfehlungen für die geistliche Lektüre. Hierbei nannte er insbesondere Augustins Brief an die vornehme Römerin Proba, die sich an den Bischof gewandt hatte, um ihn über die rechte Weise des Betens zu befragen. Der Papst hob die Bedeutung des Antwortschreibens hervor und betonte:

"Augustinus gibt, wenn man so will, einige wunderbare Leitlinien und Hinweise, wie unser Gebet wirklich sinnvoll sein kann."

Als unermüdlicher Briefschreiber griff der Bischof von Hippo nicht selten solche Anfragen auf, um sie in einer Weise zu beantworten, die den unmittelbaren Anlass überstieg und zu einer kleinen Abhandlung grundsätzlicher Art wurde. So ist auch dieses Schreiben, im augustinischen Briefcorpus als Epistula 130 zu finden, zu einer kleinen, aber gehaltvollen Gebetsschule geworden. Auch Papst Benedikt XVI. bezog sich 2007 in seiner Enzyklika Spe salvi über die Hoffnung auf diesen Brief, der offenkundig innerhalb der umfangreichen Korrespondenz des Kirchenvaters einen besonderen Stellenwert besitzt und größere Beachtung gefunden hat.

Wer war die Adressatin? Was war ihr Anliegen? Wie ging Augustinus darauf ein? Falconia Anicia Proba entstammte der römischen Nobilität, war Mutter dreier Konsuln und verwitwet. Im Jahr 410 erlebte sie die für die Zeitgenossen traumatische Eroberung Roms durch die Westgoten unter Alarich. Ihr Palast ging in Flammen auf. Die Witwe begab sich, wie viele begüterte Römer, nach Nordafrika, wo sie in Karthago den Bischof Augustinus kennenlernte. Gemeinsam mit anderen Witwen und Jungfrauen führte sie in einem Kloster ein asketisches Leben. Wenn im Ersten Timotheusbrief (5,5) den Witwen das Gebet als besondere Aufgabe zugewiesen wurde, irritierte Proba ein Wort des Apostels Paulus: "Um was wir in rechter Weise beten sollen, wissen wir nicht" (Röm 8,26). Sie wusste jedoch, wer ihr in diesem Dilemma helfen konnte.

Augustinus, selbst ein erfahrener Beter, dessen Schriften vom Gebet durchtränkt sind, erkannte offenkundig die Chance, in Form eines Briefes sein Verständnis des Gebetes in grundsätzlicher Weise darzulegen. Proba erschien ihm vermutlich als geeignete Multiplikatorin, diese Gedanken auch anderen zugänglich zu machen.

Die eigene Bedürftigkeit erkennen ...

Die Genialität der augustinischen Antwort, um 411/12 verfasst, besteht darin, dass er die Lebenssituation seiner Adressatin – ihr Verlassensein nach dem Tod ihres Mannes sowie der Verlust ihrer Heimat nach der Plünderung Roms – transparent werden lässt für die menschliche Existenz überhaupt.

Fern von Gott, hier auf Erden, ist jeder Mensch, nicht anders als eine verwitwete Frau der damaligen Zeit, im Zustand des Verlassenseins und der Hilflosigkeit. Mochte die Witwe Proba aufgrund ihrer vornehmen Herkunft durchaus privilegiert sein, immer noch über Ansehen, Vermögen und eine große Familie verfügen, sind doch all diese Güter, so Augustins bohrende Frage, letztlich nicht auch vom Verlust bedroht, also nicht wirklich erfüllend und sinnstiftend für unser Leben?

"Welchen Trost bergen Reichtum, eine hohe Stellung und andere Dinge, worin Menschen, die das wahre Glück nicht kennen, ihr Glück suchen? Wer all das nicht nötig hat, ist schließlich glücklicher als der, der es im Überfluss hat. Hat er es nämlich erreicht, so quält ihn die Sorge, es zu verlieren, mehr noch als vorher die Begierde, es zu erlangen."

Augustinus versucht, der Witwe Proba die wahre conditio humana bewusst zu machen:

"Ich möchte, dass Du Dich in diesem Leben ungetröstet fühlst. (…) Noch hast Du ja jenes Leben nicht erreicht, in dem der wahre Trost liegt."

Proba soll ihre wahre Bedürftigkeit erkennen und nicht versuchen, mit äußeren Gütern ihre vordergründigen Bedürfnisse zu stillen.

Wo aber wäre ein wahrhaft erfülltes Leben zu finden? Augustinus wusste es aus eigener Erfahrung. In seinen "Bekenntnissen" hatte er die Irrungen und Wirrungen seines ruhelosen Herzens geschildert, bevor es Ruhe und Erfüllung fand in Gott selbst. Daher soll auch Proba sich das Wort des Psalmisten zu eigen machen:

"Eines nur habe ich vom Herrn erbeten, danach verlangt mich: wohnen zu dürfen im Hause des Herrn alle Tage meines Lebens, dass ich die Freundlichkeit Gottes betrachte und seinen heiligen Tempel besuche" (Ps 27,4).

Die Grundhaltung des Betens ist daher die menschliche Sehnsucht nach wahrer Erfüllung, die nur in Gott zu finden ist. Erst wenn diese Grundbedürftigkeit bewusst geworden ist – Augustinus nennt es das Ungetröstetsein in dieser Welt –, ist die Grundlage wahren Betens bereitet.

... und sich Gott überlassen

Augustinus kann nun zum zweiten Schritt in seiner Gebetsschule übergehen:

"Du hast gehört, in welcher Haltung Du beten sollst. Höre nun auch, worum Du beten sollst."

Der Inhalt des Gebetes war ja der eigentliche Anlass, den Bischof von Hippo zu konsultieren. Dieser räumt ein, dass es durchaus viele legitime Wünsche gibt, warnt jedoch, diese zum Hauptinhalt des Gebetes zu machen:

"Wenn aber die Menschen nicht andere, größere, bessere und an Nutzen und Anerkennung reichere Güter besitzen, dann sind sie vom glücklichen Leben noch weit entfernt. (…) Warum also verlieren wir uns an das Viele und fragen, worum wir eigentlich beten sollen?"

Der Bischof erinnert an das Wort Christi, seine Jünger sollten bitten, suchen, anklopfen, um vom himmlischen Vater Gutes zu empfangen (vgl. Lk 11,9-13). Wie aber lässt sich diese Aufforderung mit der Allwissenheit Gottes vereinbaren?

"Warum lenkt er uns zum Gebet? Er weiß doch, was für uns notwendig ist, noch ehe wir ihn darum bitten. Wir können es wohl nur so verstehen, dass unser Herr und Gott nicht etwa unseren Willen kennenlernen will, der ihm ja nicht unbekannt sein kann. Vielmehr soll durch das Gebet unser Verlangen gestärkt werden, damit wir in der Lage sind, aufzunehmen, was Gott uns zu geben beabsichtigt. Denn seine Gabe ist sehr groß, wir aber sind klein und eng im Annehmen."

Das Gebet soll also den Menschen bereiten, für die Gaben Gottes wirklich empfänglich zu werden.

Noch eine weitere neutestamentliche Weisung über das Gebet verlangte nach einer Erklärung: "Betet ohne Unterlass" (1 Thess 5,17). Augustinus vertiefte den Begriff des Betens, indem er es mit der Sehnsucht, dem Gottverlangen des Menschen gleichsetzte:

"Was anderes will das Wort des Apostels 'Betet ohne Unterlass' sagen, als dass man das glückselige Leben, nämlich das ewige Leben, ohne Unterlass von dem ersehnen soll, der es als einziger zu geben vermag."

Das Beten mit Worten bleibt jedoch unerlässlich, damit die Sehnsucht sich nicht zu einem vagen Gefühl verflüchtigt:

"Für uns sind also Worte notwendig, damit wir durch sie uns selbst ermahnen und auf den Inhalt des Gebetes achten."

Die besten Gebetsworte finden sich im Vaterunser. Es ist die Summe allen Betens, wie Augustinus anhand der einzelnen Bitten zeigt. Das Herrengebet ist aber zugleich der Maßstab aller sonstigen Gebete. Was in Absicht und Inhalt davon abweicht, ist kein wahres Gebet mehr, das dem Willen Gottes entspräche.

Schließlich die letzte Empfehlung und zugleich Erklärung des Pauluswortes: "Wir wissen nicht, worum wir in angemessener Weise beten sollen" (Röm 8,26). Nicht zu wissen, um was man beten soll, bedeutet, positiv verstanden, es voller Vertrauen Gott zu überlassen, was er uns schenken möchte. Augustinus spricht in diesem Zusammenhang von der docta ignorantia, der belehrten Unwissenheit, die darum weiß, dass Gott uns besser kennt als wir uns selbst und geben will, was uns wirklich zuträglich ist, um zu ihm zu gelangen.

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