Als vor einigen Wochen die Pläne für die Herbstreise Leos XIV. nach Frankreich an die Öffentlichkeit gelangten, haben sich manche Beobachter vielleicht erstaunt die Augen gerieben: Neben Paris und Lourdes – beides durchaus naheliegende Destinationen – zieht es den Papst nach Metz, in die deutsch-französische Grenzregion. Metz, so wurde schnell klar, genießt das Privileg des Besuchs nicht allein aufgrund der Schönheit seiner Kathedrale, sondern weil die Stadt eng mit dem Namen eines Juristen und Politikers verbunden ist, der maßgeblich am Wiederaufbau Europas im 20. Jahrhundert beteiligt war und im nahegelegenen Scy-Chazelles lebte und begraben ist.
Die Rede ist von Robert Schuman, der 1950 als französischer Außenminister das Projekt der "Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl" initiierte – die Vorgängerin der späteren Europäischen Union. Das Nachdenken über die Möglichkeiten von Einheit und Frieden verbindet Papst Leo mit Robert Schuman, für den derzeit ein Seligsprechungsverfahren läuft.
Der Weg zur Einheit bei Schuman
Die Frage, wie unterschiedliche nationale Identitäten, Traditionen und Kulturen miteinander in einen fruchtbaren Einklang gebracht werden können, ist bei Schuman bereits früh grundgelegt:
Schuman, in Luxemburg als Sohn eines Lothringers und einer Luxemburgerin geboren, war ein "Mann von der Grenze", der in Deutschland studierte und erst mit der Wiederangliederung des Elsaß und des zuvor annektierten Teils Lothringens nach dem Ersten Weltkrieg Franzose wurde. Vorrangige Orientierung bot ihm zeitlebens seine regionale Identität als Lothringer. Schuman ließ sich in Metz als Rechtsanwalt nieder, obgleich ihn zwischenzeitlich auch der Gedanke an eine geistliche Laufbahn beschäftigt hatte. Sein Eintritt in die Politik geschah unter dem Einfluss eines Priesters, der ihn dazu aufrief, Lothringens "Seele vor großen Gefahren zu bewahren".
In den Verhandlungen über die rechtliche Eingliederung der ehemals deutschen Gebiete setzte er sich für deren regionale Eigenarten ein und trug damit zur Begründung eines bis heute geltenden Sonderstatus bei. Seine Devise lautete: "das kleine Vaterland (d. h. Lothringen) im großen Vaterland (d. h. Frankreich)". Bekannt geworden ist Schuman dann aber natürlich für die programmatischen Worte der "Schuman-Erklärung" vom 9. Mai 1950, mit denen der französische Außenminister die Schaffung einer "Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl" in Aussicht stellte:
"Der Friede der Welt kann nicht bewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die den Gefahren entsprechen, die ihn bedrohen. Der Beitrag, den ein organisiertes und lebendiges Europa für die Zivilisation erbringen kann, ist unerlässlich für die Erhaltung friedlicher Beziehungen. […] Europa wurde nicht geschaffen – und wir haben den Krieg gehabt."
Der Vorschlag Schumans, die für wirtschaftlichen Aufschwung wie Rüstungsindustrie zentrale Montanindustrie unter eine gemeinsame, übernationale Autorität zu stellen, war maßgeblich von Mitarbeitern, insbesondere Jean Monnet, ausgearbeitet worden. Er gründete auf der Theorie des Funktionalismus: Die Integration setzt in einem konkreten Wirtschaftsbereich mit einer "Fusion der Interessen" bzw. einer "de-facto-Solidarität" (solidarité de fait) an, aus der die Integration weiterer Bereiche folgen soll. Anders als frühere "Europa-Pläne" setzte dieser Ansatz keine vorgängige ideelle Übereinkunft voraus; sie sollte vielmehr im Zuge des fortschreitenden Zusammenwachsens entstehen. Die zukünftige Friedensordnung sollte so auf einer faktischen Selbstdetermination der Mitgliedsstaaten gründen, die weitere Kriege verunmöglicht.
Geistige Einheit Europas?
Die wirtschaftliche Integration wird bei Schuman durch eine politische und geistige Dimension ergänzt. So bezeichnet er europäische Institutionen ohne einen "europäischen Geist" als einen "Leib ohne Seele". Europa müsse auch als communauté spirituelle, als geistige Gemeinschaft verstanden werden, wobei mit "Geist" hier das Bewusstsein gemeint ist, "zu einer kulturellen Familie zu gehören, den Willen zu haben, dieser Gemeinschaft in einem Geist der Solidarität zu dienen, ohne den Hintergedanken an Hegemonie oder an egoistische Ausbeutung". Diese geistige Gemeinschaft setzt voraus, die Eigenheiten der Nationalstaaten zu bewahren, statt sie in einen "Superstaat" zu absorbieren. Geformt wird dieser europäische Geist vor allem durch persönliche Begegnungen, durch das gegenseitige Kennenlernen der Geschichte, der Tradition und der menschlichen Werte.
Ein gemeinsames christliches Verständnis von Freiheit und Menschenwürde gilt Schuman als Fundament dieser geistigen Verständigung, allerdings ist bemerkenswert, dass er gegenüber dem Vorwurf eines "vatikanischen Europas", d. h. einer hintergründigen Beeinflussung der Integration durch den Papst, den säkularen Charakter des europäischen Projekts hervorhebt: "Das vatikanische Europa ist ein Mythos. Das Europa, das wir anvisieren, ist profan, sowohl in den Ideen, die ihm zugrunde liegen, als auch in den Menschen, die es umsetzen." Zwar gebe es "eine Art Prädisposition und eine Ähnlichkeit in den Anliegen", welche die Christen "besonders empfänglich für die europäischen Ideen" machten, aber kein Monopol auf die europäische Idee.
Schuman redet weder einem gleichmachenden Zentralismus noch einem selbstzentrierten Partikularismus das Wort. In verschiedenen Reden hebt er vielmehr das Subsidiaritätsprinzip und eine "Einheit in Vielfalt" hervor.
Demgegenüber steht die im Rückgriff auf Jacques Maritain von ihm behauptete Verbindung zwischen Christentum und Demokratie: Obwohl es gerade Strömungen gewesen seien, die sich vom "dogmatischen Christentum" entfernt hatten, die die Grundlagen der Demokratie (z. B. die Menschen- und Bürgerrechte) verwirklicht haben, so seien diese Prinzipien doch undenkbar ohne das "überlebende christliche Gedankengut im Unterbewusstsein" der Menschen. Mit einem Wort: Christlichen Prinzipien leben auch in Personen fort, die den religiösen Glauben an sich bereits aufgegeben haben oder ihm distanziert gegenüberstehen.
Einheit und Vielfalt bei Schuman
Schuman redet weder einem gleichmachenden Zentralismus noch einem selbstzentrierten Partikularismus das Wort. In verschiedenen Reden hebt er vielmehr das Subsidiaritätsprinzip und eine "Einheit in Vielfalt" hervor. Seine Idee einer supranationalen Ordnung, die um größerer Fruchtbarkeit willen die partielle Übertragung von Kompetenzen sowie die Zusammenfassung von Interessen und Ressourcen impliziert, unterscheidet sich sowohl vom nationalstaatlichen Individualismus als auch von zentralistischer Fusionierung. Die übernationale Struktur soll den Wirkungskreis der Nation erweitern: Sie bedeutet nicht deren Verkümmerung, sondern ihre Entfaltung.
Wiewohl bei Schuman eine gewisse Faszination für das amerikanische System des "E pluribus unum" zu erkennen ist, so betont er doch die Andersartigkeit der gewachsenen Struktur in Europa und bewertet die Vorstellung von "Vereinigten Staaten von Europa" als unrealistisch. Mit einem gewissen Recht hat man eine Verbindung zwischen Schumans Einheitsdenken und der klassischen Devise des Studentenvereins Unitas erkannt, dessen Mitglied Schuman während seiner deutschen Studienzeit wurde: "In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas" – "Im Notwendigen Einheit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem die Liebe".
Einheit der Kirche bei Leo XIV.
Dass die Frage der Einheit zu den wesentlichen Schwerpunkten im Programm Leos XIV. gehört, wurde schnell klar, als der päpstliche Wahlspruch an die Öffentlichkeit gelangte: In illo uno unum – "In dem einen (sind wir alle) eins". Leo unterstrich damit von Beginn an die Aufgabe des Papstes, Diener der Einheit zu sein. Der augustinisch inspirierte Satz begründet die Einheit von Christus selbst her und der Papst erkennt die Notwendigkeit der Einheit nicht nur innerhalb der Kirche, sondern ruft die Kirche zugleich dazu auf, in einer polarisierten und fragmentierten Welt Zeugnis für die Einheit abzulegen. Dass die Kirche so zum "Sauerteig der Einheit" werden soll, brachte Leo bereits in seiner Predigt zum Pontifikatsbeginn zum Ausdruck: "ich würde mir wünschen, dass dies unser erstes großes Verlangen ist: eine geeinte Kirche, als Zeichen der Einheit und der Gemeinschaft, die zum Ferment einer versöhnten Welt wird."
In den folgenden Monaten griff Leo das Thema der Einheit in unterschiedlichen Zusammenhängen wieder auf. Dabei ging es u. a. um die Einheit im Glauben, die das Fundament der Ökumene bildet und zugleich erbetet werden will, sowie um die kollegiale und individuelle Repräsentation der Einheit durch die Bischöfe. Besonders bemerkenswert sind die Ausführungen Leos in seinem Apostolischen Schreiben In unitate fidei anlässlich des 1700-jährigen Jubiläums des Konzils von Nizäa. Der einheitsstiftende Charakter des Glaubensbekenntnisses wird hier ebenso hervorgehoben wie das letztlich trinitarische Fundament dieser Einheit in Verschiedenheit:
"Einheit in der Dreiheit, Dreiheit in der Einheit, denn Einheit ohne Vielheit ist Tyrannei, Vielheit ohne Einheit ist Zerfall. Die trinitarische Dynamik ist nicht dualistisch, wie ein ausschließendes aut-aut, sondern eine einbeziehende Verbindung, ein et-et: Der Heilige Geist ist das Band der Einheit, das wir zusammen mit dem Vater und dem Sohn anbeten."
Das Thema der "Einheit in (legitimer) Vielfalt" kehrt so in gewisser Weise bei Leo wieder, diesmal auf der Grundlage der vom Geist geschenkten Charismen selbst, die auf dem Fundament desselben Glaubens in der Verkündigung fruchtbar werden.
Einheit und Friede
Mit der Frage der Einheit ist sowohl bei Schuman als auch bei Leo eine zweite Thematik verknüpft, nämlich jene des Friedens, die in der Schuman-Erklärung bereits in den ersten Worten anklingt und auf die Leo in seinem Gruß von der päpstlichen Loggia ("La pace sia con tutti voi") die Aufmerksamkeit lenkte.
In Schumans Biographie zieht sich das Bemühen um den Frieden als ein roter Faden durch, zu stark waren seine Erfahrungen als "Mann von der Grenze" mit den blutigen und zerstörerischen Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und Frankreich. Im Ersten Weltkrieg waren es vor allem die vom deutschen Militär in Belgien verübten Gräuel, von denen Schuman durch seine belgischen Verwandten erfuhr, die ihn innerlich von Deutschland Abstand nehmen und zum Franzosen werden ließen. Darüber hinaus war Schuman schon vor diesem Krieg in der katholischen Friedensbewegung des Unternehmers Alfred Vanderpol engagiert. In seinen Jahren als Außenminister musste dieses Ideal des Friedens mit der konkreten Realität der Nachkriegsjahre in Beziehung gesetzt werden, die vor allem durch den zunehmenden Vormarsch des Kommunismus in Europa gekennzeichnet war, dessen Propaganda ebenfalls für sich in Anspruch nahm, Frieden schaffen zu wollen.
Wie das Protokoll einer Besprechung zwischen dem amerikanischen Außenminister Dean Acheson und Schuman vom 8. Mai 1950 zeigt, war die Orientierung am Frieden auch Teil einer gemeinsamen Kommunikationsstrategie, um den europäischen Zusammenschluss nicht als Kriegsallianz dastehen zu lassen. Gleichwohl hatte dieser Zusammenschluss eminent verteidigungspolitische Bedeutung, was später auch im Projekt der von Schuman vorangetriebenen Europäischen Verteidigungsgemeinschaft sichtbar wurde, die dann bekanntermaßen nicht zustande kam. So verbindet sich bei Schuman der Wille und die Anstrengung zum Frieden mit einer realistischen geopolitischen Einschätzung, wenn er 1956 in Bezug auf die Frage eines europäisch-russischen modus vivendi bekräftigt:
"Man muss sich davor hüten, aus der Abrüstung eine Mystik und aus dieser Mystik eine greifbare Realität zu machen. Sie darf kein Spiegel sein, der uns hinsichtlich der Notwendigkeit und der unmittelbaren Möglichkeiten täuscht. Man bewaffnet sich nicht aus der Lust, sich zu bewaffnen, sondern weil man eine Bedrohung oder die Übermacht des anderen fürchtet; weil es einen offenen oder latenten Konflikt gibt."
Die Arbeit am Frieden dürfe "nicht nur in einem propagandistischen Arbeiten für eine abstrakte Idee oder für die Verbreitung einer friedensfreundlichen, gefühlmäßigen Stimmung und Geistesverfassung" bestehen, sondern müsse vor allem den Aufbau tragfähiger "Institutionen nationaler und übernationaler Art" vorantreiben, "die den Friedensgeist verkörpern und den Frieden dauernd sicherstellen". So war nach Schuman die Verteidigung der Freiheit Europas auch nicht zuerst auf militärischem Gebiet zu realisieren, sondern auf den Gebieten der Politik, der Kultur und der Wirtschaft, um so dem "Kult der brutalen Gewalt und der rein materiellen Macht" wirksam entgegenzutreten.
Angesichts der wiederholten Appelle des Papstes und des Heiligen Stuhls für diplomatische Lösungen des Friedens werden sich für Leo in Metz zahlreiche Anknüpfungspunkte ergeben. Zugleich kann die Verbindung von christlichem Ideal und den realen Notwendigkeiten der Politik bei Schuman auch zum Nachdenken in friedensethischer Hinsicht anregen, vor allem auf dem Hintergrund der jüngsten Kritik des Papstes an den gestiegenen Verteidigungsausgaben in Europa vor den Studierenden der römischen Sapienza: Wie kann sich der Wille zum Frieden und zur Freiheit realisieren angesichts ungehemmter Aggression eines Staates im Osten Europas? Die Wortmeldungen des Pontifex kann man deshalb mit einer gewissen Spannung erwarten.