Den Nerv der Zeit treffen800 Jahre Dominikaner in Wien

Von den Anfängen als innovativer Predigerorden bis zur Glaubensverkündigung in der Gegenwart: Der Wiener Dominikanerkonvent blickt auf acht Jahrhunderte bewegter Geschichte zurück. Studium und Predigt, Krise und Erneuerung kennzeichnen den Weg eines Ordens, der in wechselnden Zeiten seine Sendung bewahrte.

Dominikanerkirche in Wien
© Henning Klingen

In den vergangenen zwei Jahren hat sich, von der Öffentlichkeit weithin unbemerkt, der Dominikanerkonvent in Wien auf seinen 800. Geburtstag vorbereitet. Auf die Erfolge und Errungenschaften im Lauf der Jahrhunderte, aber auch auf die Bedeutung, die ihm heute noch zukommt, darf der Dominikanerorden mehr als stolz sein.

Einen religiösen Orden allein für die Predigt zu gründen, war ebenso innovativ wie die Verfassung, die sich die ersten Frates Praedicatores hierfür gaben: pragmatisch, anpassungsfähig, und nahezu demokratisch. Die oberste Leitung obliegt dem Generalkapitel, einem Kollegialorgan, das sich aus Vertretern aller Provinzen zusammensetzt und das den Ordensmeister wählt. Dieser ist dem Kapitel rechenschaftspflichtig und kann von diesem auch abgesetzt werden.

Die Innovation eines Predigerordens

Die beiden markanten Kennzeichen des Ordens waren von Beginn an Studium und Predigt. Das Studium hatte auf die Predigt vorzubereiten, und die Predigt führte zum Studium zurück. An diese beiden Hauptzwecke wurde die Struktur des Ordens angepasst, ihnen musste sich auch das monastische Leben unterordnen. Die Statuten sahen von Beginn an vor, dass kein Konvent ohne einen Prior und ohne einen Lehrer für die theologische Ausbildung der Brüder des Konvents gegründet werden dürfe. Neben diesem obligatorischen Hausstudium errichtete der Orden in einer späteren Phase auch anspruchsvollere Schulen auf Provinzebene, die einer spezialisierten philosophischen und theologischen Ausbildung dienten, und schließlich sogenannte Generalstudien, die das Niveau von Universitäten erreichten und nur von den begabtesten Brüdern besucht wurden. Die Dominikaner formten damit das Ideal des Theologiestudiums bis in die Gegenwart.

Eine weitere Innovation der Dominikaner wie auch der sie nachahmenden anderen Bettelorden – Franziskaner, Augustinereremiten, Karmeliten – war, dass sie das Kloster, den klassischen Ort der asketischen Gottessuche, aus der ländlichen Abgeschiedenheit in die Stadt holten, um hier vita contemplativa und vita activa zu verbinden. Durch die Klöster der Bettelorden erfuhr die Stadt eine religiöse Aufwertung, nicht nur weil sich die Anzahl der Kirchen und Gottesdienste sowie das geistliche Personal vermehrte, sondern auch durch eine intensivere und individuellere Seelsorge. Die intellektuelle Religiosität der Dominikaner, ihre Mobilität und Flexibilität passten daher gut zur mittelalterlichen Stadt, die selbst ein Laboratorium von Innovationen war.

Die Predigerbrüder kamen vermutlich 1226 an die Donau, fünf Jahre nach dem Tod des Ordensgründers Dominikus.

Daher überrascht es nicht, dass eine der frühesten Niederlassungen des Ordens im deutschsprachigen Raum im aufstrebenden Wien erfolgte, einem "pulsierendem urbanen Zentrum, das sich in den 1220er Jahren in einer überaus dynamischen Wachstumsphase befand" (Christian Lackner). Die Predigerbrüder kamen vermutlich 1226 an die Donau, fünf Jahre nach dem Tod des Ordensgründers Dominikus. Die genaueren Umstände sind nicht bekannt, auch die Namen der ersten Brüder sind nicht überliefert. Der früheste urkundliche Beleg stammt aus dem Jahr 1228, ein Privileg Papst Gregors IX., das dem Bischof von Passau aufträgt, die Dominikaner und ihre Predigt unter seinen Schutz zu stellen. Die Wiener überließen den Dominikanern eine Unterkunft in der Nähe des nach Osten führenden Stubentors, wo sich der Konvent seither befindet. Damit zählt das Wiener Dominikanerkloster zu den wenigen weltweit, die seit ihrer Gründung vor 800 Jahren ununterbrochen an gleicher Stelle wirken.

Der Wiener Konvent als Zentrum dominikanischer Gelehrsamkeit

Im Rahmen der 800-Jahrfeier wurde auf einer Tagung die reiche Geschichte des Konvents und seine Rolle in der Wirtschaftsmetropole, Universitäts- und Residenzstadt Wien beleuchtet. Dabei kamen sowohl historische, theologische und kunsthistorische Aspekte zur Sprache. Die daraus hervorgegangene Publikation verdeutlicht, wie die Dominikaner die Stadt prägten, aber auch von ihr geprägt wurden; wie sie ihr Apostolat flexibel an die jeweilige historische Situation anpassten und dabei gestaltender Teil der kirchlichen, kulturellen und politischen Gemengelage der Metropole Wien wurden. 

Dominikanerkloster in Wien
© Henning Klingen

Eine dominierende Konstante des Wiener Konvents über die Jahrhunderte hinweg war das Studium. Vermutlich zu Beginn des 14. Jahrhunderts stieg die Klosterschule in den Rang eines Provinzstudiums auf. Ende des 14. Jahrhunderts, mit der Gründung der Universität Wien, wurde den Dominikanern auch ein Lehrstuhl an der Theologischen Fakultät zuerkannt.

Als Mitte des 16. Jahrhunderts eine erste Gruppe von Jesuiten in Wien Fuß fasste, wollte man ihnen das weithin leer stehende Dominikanerkloster übergeben.

Zwar erlangte das Wiener Studium nie die Bedeutung von Paris, Bologna oder Köln, wohin die fähigsten Köpfe des Ordens — Thomas von Aquin, Albertus Magnus oder Meister Eckhart — zum Studieren und Lehren geschickt wurden, aber es vermochte über die Jahrhunderte hinweg, selbst in den schweren Zeiten, seinen Status zu bewahren und dem theologischen und intellektuellen Leben der Stadt einen Stempel aufzudrücken. Nicht zuletzt die reiche Bibliothek mit ihrer beeindruckenden Sammlung von mittelalterlichen Handschriften zeugt noch davon. Der Wiener Konvent wurde über die Jahrhunderte hinweg ein immer wichtigeres Zentrum des Ordens für den mitteleuropäischen Raum.

Bewährung in den Stürmen der Reformation

Der Konvent durchlief aber auch seine Krisen, kleinere und größere. In den Stürmen der Reformation, als große Teile der Bevölkerung Wiens dem evangelischen Glauben zuneigten, ging die Zahl der Brüder schmerzhaft zurück. Über Jahre hinweg gab es keine Eintritte, mehr als 30 Jahre lang keine theologischen Abschlüsse mehr. Als Mitte des 16. Jahrhunderts eine erste Gruppe von Jesuiten in Wien Fuß fasste, wollte man ihnen das weithin leer stehende Dominikanerkloster übergeben. Dagegen wehrten sich die verbliebenen Dominikaner ebenso erfolgreich wie gegen den kompletten Untergang.

Die an einer Hand zu zählenden Brüder hielten trotz der misslichen Umstände das Klosterleben, aber auch den Studienbetrieb aufrecht. Der Orden schickte Verstärkung aus Italien, wodurch das Kloster überdauern konnte. Die "ausländischen" Ordensleuten stießen in Wien nicht überall auf Zustimmung. Selbst der um die Kirchenangelegenheiten besorgte Kaiser Ferdinand I. forderte mehr heimisches Personal. Die Dominikaner ließen sich dadurch nicht beirren. Man vertrat seit jeher eine universale und internationale Ausrichtung, die man sich auch in Zeiten konfessioneller Verengung nicht nehmen lassen wollte.

Mit der Gründung der Rosenkranzbruderschaft gelang es den Dominikanern, eine egalitäre, alle Stände und Schichten umfassende Gebetsverbrüderung ins Leben zu rufen, in die sich selbst das Kaiserhaus eintragen ließ.

Die Standhaftigkeit wurde belohnt. Nach der Reformation trug der Konvent zur katholischen Erneuerung in Wien bei. Das überregionale Studium behauptete sich trotz der Dominanz der Jesuiten, denen die Leitung der Universität übertragen worden war. 1631–1634 wurde eine neue Kirche erbaut, nachdem der stattliche mittelalterliche Bau der Verstärkung der städtischen Wehranlagen weichen musste. Im Innern erhielt der Neubau ein sorgfältig durchdachtes Freskenprogramm, das die Theologie der Erlösung in den Geheimnissen des Rosenkranzes inszenierte.

Der Rosenkranz war nicht nur theologisches, sondern auch politisches und kirchliches Programm. Mit der Gründung der Rosenkranzbruderschaft gelang es den Dominikanern, eine egalitäre, alle Stände und Schichten umfassende Gebetsverbrüderung ins Leben zu rufen, in die sich selbst das Kaiserhaus eintragen ließ. Die einzige Verpflichtung bestand darin, einen Rosenkranz pro Tag im Gedenken aneinander zu beten.

Das Kaiserhaus, das das Geld für den Neubau der Dominikanerkirche bereitgestellt hatte, legitimierte seinen Herrschaftsanspruch ebenfalls mit Hilfe der Gottesmutter: "Per nos principes Austriae imperant, per nos reges regnant et conditores legum pie iusta decernunt – Durch uns herrschen die Fürsten Österreichs, regieren die Könige und entscheiden die Gesetzesgeber gerecht", steht selbstbewusst auf einer Medaille, die anlässlich der Grundsteinlegung des Kirchenneubaus geprägt wurde. Darauf ist Maria mit ihrem Kind zu sehen, wie die beiden vom Dach der neuen Kirche herab den Habsburgerkaisern die Herrscherkrone überreichen.

Während große Teile der Gläubigen der Stukturdebatten in der Kirche überdrüssig werden und mehr und mehr Fernstehende sich neugierig dem Christentum nähern, braucht es Experten, die das Evangelium nicht nur authentisch leben, sondern es auch attraktiv und diskret vermitteln und erklären können.

Die Loyalität des Kaiserhauses mit den Dominikanern war nicht immer von solch festlichem Pathos getragen. Kaiser Josef II., der die Religion den Grundsätzen und Direktiven des aufgeklärten Staates unterwarf, konnte 1783 in allerletzter Minute davon abgehalten werden, das Kloster aufzuheben. Im Gegenzug mussten sich die Dominikaner mit der Tatsache abfinden, neben ihrem bisherigen pastoralem Engagement und dem Studium nun auch eine Pfarre zu betreuen.

Contemplata aliis tradere: Die Sendung der Dominikaner heute

Der Wiener Dominikanerkonvent nimmt heute wiederum wichtige Aufgaben in der religiösen und kirchlichen Landschaft wahr. Während große Teile der Gläubigen der Stukturdebatten in der Kirche überdrüssig werden und mehr und mehr Fernstehende sich neugierig dem Christentum nähern, braucht es Experten, die das Evangelium nicht nur authentisch leben, sondern es auch attraktiv und diskret vermitteln und erklären können. Ordensgemeinschaften spielen daher eine nicht zu überschätzende Rolle, wenn es heute darum geht, Sinnsuche neu zu buchstabieren, Spiritualität in einer beschleunigten Welt einzuüben, das Zusammenspiel von Glaube und Vernunft plausibel zu erklären. Ein solches Programm spricht nicht nur Fernstehende und Suchende an, sondern auch eine große Anzahl praktizierender Katholiken.

Die Brüder des hl. Dominikus lassen sich dabei von der reichen Tradition ihres Ordens inspirieren: Contemplata aliis tradere – Das, was man aus der Schriftbetrachtung gewonnen hat, anderen weiterzugeben. Dies meint zunächst die Pflege einer engen Christusnachfolge als einzelner wie als klösterliche Gemeinschaft, sodann eine Freude an der Theologie, verstanden als Aneignung und intellektuelle Durchdringung der Offenbarung und des Glaubens, welche schließlich die Predigt und eine aufmerksame Seelsorge befeuern. Man kann den Dominikanern nur wünschen, dass sie eingedenk der langen Erfahrung des Predigerordens, der Weisheit seiner großen Meister und der Betrachtung seiner reichen Geschichte weiterhin gelassen und zuversichtlich ans Werk gehen.

 

Literaturhinweis: Wortgewandt, kunstsinnig und standhaft. 800 Jahre Dominikaner in Wienhg. v. Viliam Štefan Dóci OP, Thomas Prügl, Armand Tif (†), Münster: Aschendorff, 2026.

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