Alles, was in den nächsten Zeilen folgt, lässt sich als "anekdotische Evidenz" abtun. Ja, meine These basiert nicht auf systematischen Erhebungen oder kontrollierten Studien, sondern auf Erfahrung. Sie lautet: In einer Phase des Übergangs, die oft einhergeht mit Unsicherheit, Verwirrung, Irritation oder Heimatlosigkeit kann eine Klosterauszeit - neben intakten Beziehungen und Familie - Stabilität geben. Hier ist die Geschichte, die diese These unterstützt.
Tag 1 (Freitag)
Bevor ich Zuflucht finde im Herzen Kölns bei den Schwestern von Jerusalem in Groß St. Martin, einer der grandiosesten der grandiosen romanischen Kirchen in Köln (kein Eintritt!), gilt es, diesen Freitag zu überleben. Als der Wecker um 6:00 Uhr schellt, fühlt sich das an wie der Weg zum Schafott. Um 7 Uhr wird ein Entrümpler klingeln. In der Kölner Zweitwohnung hat sich ein Leben angesammelt. Welche "Reste" schaffen es in die gemeinsame Berliner Wohnung? Alles muss angefasst werden. Briefmarken-Alben mit DDR-Marken aus den 1970-er Jahren, bundesdeutsche Wohlfahrtsmarken aus derselben Zeit.
Um 10 Uhr liegt alles kreuz und quer in einem 40-Kubikmeter-Container. Rund 25 Kubikmeter meines Münsteraner und meines Kölner Lebens in einer Riesentonne. Das ist Einübung ins Loslassen schlechthin. Aber immerhin: Rund fünf Kubikmeter werden umgezogen.
Noch schlimmer und furchteinflößender: ein Schrank im Keller. Darin gestapelt in Ordnern der 1980-er Jahre alle Unterlagen aus allen Seminaren und Vorlesungen - beginnend im Sommersemester 1984 bis Mitte 1989. Tiemo Rainer Peter, Johann Baptist Metz, Herbert Vorgrimler und immer wieder und vor allem Arnold Angenendt - alle inzwischen verstorben. All diese Ordner sind bereits viermal umgezogen. Jetzt ist Schluss. Um 10 Uhr liegt alles kreuz und quer in einem 40-Kubikmeter-Container. Rund 25 Kubikmeter meines Münsteraner und meines Kölner Lebens in einer Riesentonne. Das ist Einübung ins Loslassen schlechthin. Aber immerhin: Rund fünf Kubikmeter werden umgezogen.
Am Ende des Tages klingele ich bei den Schwestern in der Kölner Altstadt. Seit mehr als zehn Jahren gehe ich dort regelmäßig in die Vesper. Jetzt - da meine Kölner Wohnung unbewohnbar ist - finde ich hier Obdach. Um 18 Uhr in der Vesper wird etwas gesungen, was ich hier noch nie gehört habe: das Schma Israel, das zentrale jüdische Gebet: "Höre, Israel! Der HERR ist unser Gott, der HERR allein." Wann wird das wo in katholischen Kirchen gebetet? Es ist "O 33" im Liederheft der Communauté de Jerusalem. Schwester Marlene wird mir später erklären, dass sie das Schma Israel jeden zweiten Freitag in der Vesper singen. Und dass es schön wäre, wenn das auch woanders gesungen würde.
Tag 2 (Samstag)
Heute stehen die Vorbereitungen fürs Streichen auf dem Programm. Ich bin im Grunde kein Freund solcher Veränderungen: eine Stadt zu verlassen, in der ich seit 1990 ganz oder zur Hälfte lebe und arbeite. Aber an einem Tag, der mit der Laudes und den engelsgleichen Gesängen der Schwestern beginnt, gehe ich frohen Mutes ans Werk - ahnungslos, wie Wandfarbe und anderes Material vom Baumarkt in die Ex-Wohnung kommen sollen, die zum Auszug gestrichen werden muss.
Das Motto des Tages und der kommenden Tage: "Bete und streiche!"
Das Motto des Tages und der kommenden Tage: "Bete und streiche!" Und prompt schießt auf dem Rad ein Gedanke durch den Kopf, wie das Problem zu lösen sei: Direkt gegenüber der Ex-Wohnung in der Kölner Südstadt gibt es einen Laden, der nennt sich Der Fahrraddoctor. Heilung durch Handauflegen. Sehr empfehlenswert. Ich frage den Fahrraddoctor - und er leiht mir sein privates Lastenrad. Lastenräder werden von vielen belächelt. Ich gehöre auch zu jener Fraktion. Jetzt nehme ich das Angebot dankend an, lasse mich kurz einweisen und schieße wenige Minuten später mit diesem Elektrorad durch Köln. Es ist das Vertrauen des Klosters, das überschwappt.
Tag 3 (Sonntag)
Auferstehungsoffizium und später Messe. Zumindest den Vormittag lebe ich sonntäglich. Mit der Deadline der Wohnungsabnahme im Nacken arbeite ich dennoch ein paar Stündchen am Nachmittag: abkleben und abkleben und abkleben. Nach der Vesper fängt mich Schwester Rebekka ab. Dass die Priorin Sarah-Marie zu einem Priorinnen-Treffen der Gemeinschaft unterwegs ist, war klar. Aber nun kommt auch noch ein Todesfall in der Familie einer der Mitschwestern hinzu. Die Laudes am Dienstag fällt auch aus. "Wir sind zu wenig, um diese komplexen Gesänge gut zu singen." Und der Montag ist generell "Wüstentag" der Schwestern. Das heißt: Es gilt damit klarkommen, dass es 48 Stunden lang keine Liturgie geben wird. Schon wieder eine Loslass-Übung.
Tag 4 (Montag)
Wüstentag. So fühlt sich dieser Tag auch an. Der Rhythmus des klösterlichen Lebens fehlt bereits. Stattdessen wird ohne Unterlass gestrichen - fast ohne Pause. Mehr streichen als beten. Ohne Unterbrechung. Das ist zwar für heute effektiv. Flur und Küche sind fertig. Aber das ist ja oft der Modus unseres Lebens im Alltag: zu viel, zu lange, elf Stunden Streichen. Erst gegen 21 Uhr zurück im Kloster.
Tag 5 (Dienstag)
Noch nie habe ich den markanten Turm von Groß St. Martin im Morgenlicht gesehen. "Einer meiner Heimathäfen", schießt es durch den Kopf während der Fahrt auf dem Rad rheinaufwärts. Vieles gilt es loszulassen: Freunde, aber auch dieses Kloster der Fraternités de Jerusalem. Diese Monastischen Gemeinschaften von Jerusalem sind 1975 entstanden. Der Grundgedanke: Orte der Stille zu ermöglichen im Trubel von Großstädten oder an touristischen Hotspots. Insgesamt rund 80 Schwestern und 30 Brüder leben, arbeiten und beten etwa in Paris oder Straßburg, in Florenz oder Montreal, in Vezelay oder auf dem Mont-Saint-Michel, in Warschau - oder eben in Köln.
Heute komme ich in den Streich-Fluss. Es liegt an dem Rahmen, den das Kloster gibt. Nicht den Stift fallen lassen, sondern die Rolle und den Pinsel, wenn die Vesper näher kommt.
Die beiden Gemeinschaften haben 2025 gemeinsame Konstitutionen entwickelt, die im Vatikan zur Prüfung und Approbation vorliegen. Zur Zeit geben sich Männer und Frauen jeweils zusätzlich eigene Statuten. Ein mühsamer, aber dringend notwendiger Prozess, wie die Kölner Frauen finden. Die Gemeinschaften räumen ein, dass es in einem Fall innerhalb der Gemeinschaft Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe seitens des 2013 gestorbenen Gründers gegeben habe.
Heute komme ich in den Streich-Fluss. Es liegt an dem Rahmen, den das Kloster gibt. Nicht den Stift fallen lassen, sondern die Rolle und den Pinsel, wenn die Vesper näher kommt.
Tag 6 (Mittwoch)
Auf das Lastenrad hatten zwei Zehn-Liter-Eimer gepasst. Der Baumarkt-Berater hatte gemeint, 25 Liter bei 50 Quadratmeter seien besser. Er sollte Recht behalten. Nun geht die Farbe langsam zur Neige. Statt sich von Nervosität überfallen zu lassen, wird die Farbe verdünnt und eine Technik entwickelt, sie noch besser dünn aufzutragen und zu verteilen.
Der Eimer ist leer, als das iPhone zur Vesper läutet. Alles liegen und stehen lassen, umziehen und mit Sprenkeln im Gesicht zur Vesper fahren. Ich bin zufrieden, ruhig und in einem guten Abschiedsmodus.
Tag 7 (Donnerstag)
Heute heißt es nicht: Bete und streiche. Sondern: Bete und Schrubbe! Türen, Heizungen, Kacheln, Fenster. Die Wohnungsabnahme verläuft reibungslos. Alles in Ordnung. Warum alles so rund lief? Ich habe einen Fixpunkt. Einen Rahmen. Und dieser Fixpunkt macht alles anders.
Ein kleiner Exkurs: Auch Anfang September war ich ein paar Tage im Kloster - in der Benediktinerabtei Maria Laach. Um mir vor dem Start bei COMMUNIO klar zu werden, wie ein Abschied gut gelingen und wie er einen neuen Anfang ermöglichen kann.
All das sollte besprochen werden mit Mauritius Wilde. Sein Buch Der Mönch in dir macht genau das zum Thema: den "Weg zu Gelassenheit und Loslassen". Auch der Benediktiner hatte gerade eine Erfahrung des Loslassen-Wollens oder -Müssens hinter sich. Und so sollte nach dreißig Jahren als Autor, Moderator und Redakteur im Deutschlandfunk das Gespräch mit Mauritius Wilde mein letztes sein. Die letzte Sendung mit Mauritius Wilde bestreiten, bevor ich in Zukunft Gespräche mit klugen Köpfen im Podcast Communicatio führe.
Menschen, die etwas Neues beginnen und etwas hinter sich lassen, wollen im Übergang möglichst perfekt sein. Aber: "Es gibt keine Perfektion. Mich tröstet, dass Gott Unperfektes abrundet und vollendet. Und so kann ich etwas lockerer die Sachen halbfertig stehen lassen."
Mauritius Wilde OSB ist der neue Abt von Maria Laach, seit einem Jahr. Er kam im November 2025 in der Vulkaneifel an. Der November ist der schlimmste Monat in der Eifel, sagen die Einheimischen. Rom verlassen, die Sonne, die Internationalität, das gute Essen. Das kann nicht leicht gewesen sein. Er musste Adieu sagen, sein römisches Leben los- und hinter sich lassen. Aber der das vatikanische Ordensdikasterium hatte entschieden und ihn berufen. Vorher war es den Mönchen elf Jahre lang nicht gelungen, einen Abt aus ihrer Mitte zu wählen. Und so mussten, um diese veritable Führungskrise zu beenden, zwei Mönche von außen übernehmen.
Ein Halbitaliener und ein Österreicher kommen also in die Eifel. "Was mir besonders gut gefallen hat in Rom", sagt Abt Mauritius, "war die Internationalität. Im Kloster, in dem ich gelebt habe, waren wir 110 Mönche aus vierzig Kulturen und Ländern. Das habe ich mit schwerem Herzen losgelassen." Er ist mit einem Kleintransporter umgezogen. Die Kisten hat er nicht gezählt. "Aber auch wir Mönche häufen zu viel an. Das ist echt ein Problem. Es waren überwiegend Bücher und ein Cello. Wenn ich die Bücher um mich herum habe, dann fühle ich mich zu Hause."
Menschen, die etwas Neues beginnen und etwas hinter sich lassen, wollen im Übergang möglichst perfekt sein. Aber: "Es gibt keine Perfektion. Mich tröstet, dass Gott Unperfektes abrundet und vollendet. Und so kann ich etwas lockerer die Sachen halbfertig stehen lassen."
Es geht alles glatt. Ballast ist abgeworfen. Erleichterung macht sich breit. Ein Neuanfang ist möglich.
Wer einen beruflichen Neustart wagt, fragt sich, wie so ein Übergang zu gestalten sei. Abt Mauritius sagt aus eigener Erfahrung: "Was mir den Abschied in Rom erleichtert hat: dass ich mich konzentriert habe auf das, was vor mir lag. Wichtig war der Ruf nach Maria Laach. Ich wusste, warum ich weggehe. Das hat mir Rückenwind gegeben bis heute."
Rückenwind nicht nur beim Streichen, sondern auch bei der Abnahme der Wohnung. Es geht alles glatt. Ballast ist abgeworfen. Erleichterung macht sich breit. Ein Neuanfang ist möglich.
Tag 8 - der letzte Morgen in Groß Sankt Martin in Köln
Ganz früh in der noch geschlossenen Kirche. Ich habe den Schlüssel. Es ist wirklich kaum etwas zu sehen. Nur das Ewige Licht am Tabernakel verströmt Wärme in diesem düsteren Raum. Es strahlt aus, schenkt Orientierung und Sicherheit. Von Minute zu Minute passen sich die Augen an. Es ist möglich, den Kirchenraum zu durchschreiten. Eine der Schwestern hat mir auch erklärt, wie ich das Licht einschalte.
Dieser Sakralbau wurde zwischen 1150 und 1240 errichtet. Aber seit 960 beteten hier Benediktiner in einem Vorgängerbau. Mehr als tausend Jahre. Im Zweiten Weltkrieg war auch diese Kirche schwer beschädigt worden. Der Wiederaufbau zog sich über Jahrzehnte hin und wurde 1985 abgeschlossen. Schlicht und einfach wirkt sie heute - als würden die Mauern all die Gebete der Mönche über die Jahrhunderte und die Gesänge und Gebete der Nonnen heute ein- und ausatmen und diesen Raum zum Klingen bringen.
Beim Entsorgen des Gästemülls treffe ich Schwester Rebekka an den Mülltonnen. Wir umarmen uns zum Abschied. Ich werde aber wiederkommen. Kloster einmal im Jahr - das muss sein. Mindestens.