I.
Den Anstoß dieser Überlegungen gab Lutz Seiler, der im Juni dieses Jahres seine Grimm-Poetik-Professur an der Universität Kassel antrat. Traditionell ist die entsprechende Vorlesung eine poetologische – ein Nachdenken von Schreibenden über das Schreiben. In dem Fall war es eine Reflexion auf das Scheitern des Schreibens, was ja ungeheuer produktiv sein kann. Man denke nur an Roland Barthes’ La préparation de Roman (dt. Die Vorbereitung des Romans), der sein Versagen als Romancier in eine hunderte Seiten starke Vorlesung darüber verwandelt hat, was es für das Gelingen eines Romans braucht und wo die Probleme liegen.
Das Projekt, an dem Lutz Seiler scheiterte, hieß "Frieda" und hätte in einen Roman münden sollen, der sich aus einer komplexen Konstellation der Nachahmung speist. Die Idee entstand während seines Aufenthalts als Stipendiat in der Villa Aurora, dem legendären Wohnhaus des Ehepaars Lion und Marta Feuchtwanger in Los Angeles, das heute als Künstlerresidenz dient. Gemeinsam mit ein paar Mitstreiterinnen und Mitstreitern hatte er Fotos von dort – von Bertolt Brecht, von Thomas Mann, den Feuchtwangers etc. – nachgestellt. Mithilfe von Requisiten und Verkleidungen hatten sie Szenen an den Originalorten imitiert und in neue Fotos gebannt. Aus dieser Nachahmungskonstellation war die Idee zu dem Roman entstanden. Es wäre um Schriftsteller gegangen, die Schriftsteller nachgeahmt hätten, und Frieda wäre in dem Setting eine fiktive Figur gewesen.
Irgendwann erschien Seiler diese Nachahmungs-Konstellation allerdings ein wenig künstlich. Der zentrale Grund für das Scheitern lag jedoch darin, dass der Roman in der Ich-Perspektive der Frieda hätte geschrieben werden sollen. In diesem Schreiben eines anderen Ichs aber hätte Seilers eigenes Ich dem geschriebenen Ich immer wieder ins Rad gegriffen. Der gar nicht so tote Autor hätte die Figur verfälscht, ihr das Eigenleben genommen und – so seltsam dies auch klingt – der Fiktion ihre Authentizität geraubt.
Während also das Spiel aus Ähnlichkeit und Differenz in der Nachahmung von anderen bei den nachgestellten Fotos eher interessant und unterhaltsam war, geriet es hier zum Problem. Denn Seiler vermochte das fiktive Ich nicht in einer Weise zu imitieren, dass er selbst dahinter verschwand. Die Imitatio scheitert am doppelten Ich. Das mag auch theologisch einiges heißen.
II.
Es mag deshalb einiges heißen, weil die Imitatio oder die Verähnlichung eine Grundfigur des Christlichen ist. Nicht nur sollen die Einzelnen "sich selbst verleugnen" (Mt 16,24) und Christus nachfolgen. Sie sollen darin auch Gott ähnlich werden, denn "Gott wird Mensch, damit der Mensch vergöttlicht wird", so hatte es der Kirchenvater Athanasius von Alexandrien formuliert. Was aber passiert mit dem Ich, das sich verleugnet, der Seele, die sich angleicht?
Nirgends ist diese Frage so sehr experimentiert worden, wie in der mystischen Tradition. Und kaum jemand hat ihre Radikalität so sehr ausgelotet wie Bernhard von Clairvaux. Für ihn war es eine Erfahrungstatsache, dass sich im letzten das eigene Ich gegen die Imitatio sperrt – gegen die Angleichung an Gott mit ihrem Höhepunkt in der unio mystica, die es eigentlich ganz dringend ersehnt. Die extreme Askese des Zisterziensers kann als ein vehementer und dennoch aussichtsloser Kampf gegen das eigene Ich verstanden werden. Auch bei Bernhard ist dieses Scheitern literaturproduktiv. Denn nur weil der Widerstand des Ichs die unio verhindert oder durchbricht, gibt es ein schreibendes Ich.
Und dieses Ich, das Bernhard so vehement bekämpft, ist als schreibendes ein zweifellos großes Ich. Denn auch wenn seine Texte voll von Demutsgesten sind und er seine eigenen Erfahrungen als allgemeinen Seelenwege darstellt – die Sicherheit, mit der Bernhard verkündet, kritisiert, figuriert, zeugt nicht gerade von schwachem Selbstbewusstsein.
III.
Vielleicht hat Bernhard gerade aufgrund seines Kampfes gegen sich selbst so verbissen seinen Zeitgenossen Abaelard verfolgt, der das eigene Ich, sein ingenium, mit für das 12. Jahrhundert durchaus großer Chuzpe hervorgehoben hat. Abaelard hat mit der (auch Trostbrief genannten) Historia calamitatum denn auch eine der ersten Autobiographien des Mittelalters geschaffen. Autobiographie freilich im mittelalterlichen Sinn: Die dort dargestellten Verwandlung Abaelards von der Konkupiszenz hin zur Gottesliebe ist exemplarisch, zur Nachahmung empfohlen. Dabei ist Abaelard als erzählte Figur bereits eine Imitatio. Wenig verhohlen ist sie als alter christus stilisiert, denn sobald die Wandlung geglückt und Abaelard voller hehrer Absichten ist, handelt er ebenso altruistisch wie das große Vorbild, der Gottessohn. So kann auch Abaelard, wie Jesus, als Seelenführer fungieren. Und wie eben jener wird er angefeindet und muss Leiden auf sich nehmen. Ich bisschen kann man verstehen, dass dieses große Ego Bernhard über die Hutschnur ging.
Es ist dieser Zwischenraum, der wenigstens mein Interesse weckt und weswegen ich lese: Weil ich in diesen Texten realen Menschen begegne. Anders als KI, die darin womöglich immer besser wird, scheitert das Ich an der Imitatio – und bringt genau deshalb anderes, neues hervor.
Dabei ist das Verständnis von Imitatio bei Abaelard grundlegend anders als bei Bernhard. Für Abaelard, den Ethiker, geht es nicht um die Identifikation mit Gott in der unio. Sein Ziel ist die Nachahmung Jesu im altruistischen Handeln, und das setzt nun einmal eine urteilende und handelnde Instanz, ein Ich, voraus. Ob das Handeln vom eigenen Nutzen absieht und darin tatsächlich als imitatio christi gelten kann, ist dabei von außen gar nicht so leicht erkennbar. Denn dies entscheidet sich nach Abaelard im Inneren – und über die inneren Intentionen wissen nur Gott und das handelnde Ich Bescheid. Abaelard war das wohl zu wenig, jedenfalls dient die Historia calamitatum wohl auch dazu, der Öffentlichkeit seine Intentionen darzulegen. Nicht zuletzt beharrt er darauf, dass sein Verhältnis zu seiner einstigen Geliebten und späteren Äbtissin Heloisa, deren Nonnengemeinschaft er nach Kräften unterstützt, nicht von Konkupiszenz, sondern von selbstloser Liebe motiviert ist. Altruismus pur, Nachahmung Christi geglückt, diese Version bietet Abaelard an. Aber ist das erzählte Ich "Abaelard" auch eine gelungene Imitatio seines "realen" Ichs? Also wäre Lutz Seilers Problem der Ich-Erzählung aufgehoben, wenn denn nur das eigene Ich erzählt würde?
IV.
Weit gefehlt. In Abaelards Selbsterzählung geht es um ziemlich viele verschiedene Ichs. Im Text begegnet Abaelard sowohl als erzählendes Ich und als erzähltes Ich und beides ist wiederum verschieden vom realen Abaelard als dem Autor des Textes. Die Brüche zwischen diesen verschiedenen Ichs sind im Text erkennbar und werden interessanter Weise schon im Überlieferungskontext thematisiert: im an die Leidensgeschichte angeschlossenen Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloisa. Den wiederum hat die kanadische Dichterin und Literaturwissenschaftlerin Anne Carson in Form eines Drehbuchs H & A Screenplay in ihrem Band Decreation verarbeitet. Mit triefender Ironie entlarvt sie die Doppeldeutigkeiten schon der historischen Vorlage und kreist die blinden Flecken von Abaelards Selbsterzählung ein. Diese verdichten sich nicht zuletzt in der Frage, ob Abaelard Heloisa noch begehrt oder nicht. Der erzählende Abaelard sagt Nein, der erzählte Abaelard lässt die Eindeutigkeit vermissen. Und was ist mit dem "realen" Abaelard? Die Imitatio ist gebrochen und öffnet Türen – für die Phantasie der Lesenden und für das wahre Leben.
V.
Das Ich, das beständig dazwischen pfuscht, ist aus dem Text nicht abzuziehen. Lutz Seiler ist gescheitert an seinem Bemühen, seine Frieda in einer Weise zu figurieren, so dass er selbst nicht Teil des Textes ist. Diese Konstellation gleicht der von der Mystikerin Simone Weil skizzierten Sehnsucht, "[e]ine Landschaft so zu sehen, wie sie ist, wenn ich nicht darin bin." Unter anderem anhand von Weil hat Ann Carson hier das Paradox des Schreibens ausgemacht: Das Bestreben, das eigene Ich hinter dem Text verschwinden zu lassen, um einen "wahren" Text zu schreiben, ist ebenso notwendig wie zum Scheitern verurteilt. Denn das Schreiben lebt davon, "sich ein großes, lautes, spiegelblankes Ich-Zentrum zu konstruieren, aus dem heraus das Schreiben seine Stimme erhält, und mit jeder Behauptung, man sei gewillt oder darauf aus, dieses Selbst auszulöschen, wird sich die Schreibende zwangsläufig in erhebliche Tricksereien verstricken."
Das schreibende Ich hält sich zwischen den Zeilen auf, wird spürbar in den Reibungen, die aus den Ähnlichkeiten und den Differenzen zum Figurierten erwachsen. Es ist dieser Zwischenraum, der wenigstens mein Interesse weckt und weswegen ich lese: Weil ich in diesen Texten realen Menschen begegne. Anders als KI, die darin womöglich immer besser wird, scheitert das Ich an der Imitatio – und bringt genau deshalb anderes, neues hervor.