Der EinzelneSören Kierkegaards bleibende Herausforderung

Andere für mich denken lassen? Von ihnen gleichsam gelebt werden? Das kann es doch wohl nicht sein! Zur unübertragbaren Verantwortung für eine Wahrheit müssen "wir" uns vielmehr entscheiden, so der dänische Welt-Philosoph. Dabei schreibt er nicht zuletzt den Christen Gravierendes ins Stammbuch.

"Wenn ich eine Aufschrift für mein Grab verlangen sollte", dann "keine andere als: 'jener Einzelne'": Auf dem Assistenzfriedhof in Kopenhagen weist bis heute nichts auf Sören Kierkegaards Wunsch hin.© Thue, Public domain, via Wikimedia Commons

I.

Eigentlich müsste ich damit beginnen, um was es sich bei ihm alles nicht handelt. Nun denn: Kein Selbstverwirklicher auf Ego-Trip ist er, kein nur um sich selbst kreisender Solipsist, kein narzisstisches Elementarteilchen. Auch keiner, der sich für besonders großartig hielte. Elitärer Snob genauso wenig wie zu Eigenbrötelei neigend oder (brandneu, dieser Lifestyle-Trend) ein solitude influencer. Erst recht daher kein Feind des Gemeinschaftlichen.

Wohl aber auf der Hut, wenn irgendwelche Kollektive übergriffig werden. Wenn sie sich anheischig machen, für ihn, den Einzelnen, zu denken. Wenn das bevormundende "man" an ihn herantritt, das inklusive "wir" mittlerweile eher.

Souverän nämlich möchte er bleiben. Von diesem Postulat an sich selbst jedenfalls nicht ablassen. Wie immer er dafür gescholten wird (was ab und an noch das Geringste sein mag). Einzelner zu sein ist inopportun. Riskant.

II.

Verschiedene Arten von Distanz staffeln diesen Entwurf. Partielle Rückzüge nicht selten, ins "Hinterstübchen" etwa (für Michel de Montaigne war es ein veritabler Turm), bei fortgesetzten Lese-Exerzitien sich zur Abkehr "vom Herdentrieb in unserem Inneren" erziehend. Oder (wie Ernst Jünger zuletzt) als "Waldgänger", mit "ursprünglichem Verhältnis zur Freiheit". Auch öffentlich streitbar jedoch, wenn es sein muss.

Zentral für sämtliche Versuche, einzeln zu werden, ist das Bewusstsein der Verantwortung vor dem Anspruch eigener Erkenntnis. Niemand kann sie einem abnehmen, an niemanden ist sie delegierbar.

III.

"Jener Einzelne". Wäre es nach ihm gegangen, sollte das auf seinem Grabstein stehen. Dem Sören Kierkegaards, des unzeitgemäßen und bis in die Gegenwart hinein so gebliebenen dänischen Welt-Philosophen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er hat besagte Maxime entworfen. Keineswegs bloß eine Theorie ist sie freilich. Permanent auf das Gegenteil zielend vielmehr: praktische Umsetzung. So erst begründet sich die Gültigkeit einer Lebensform, die von ihm (als erstem vollumfänglich) "Existenz" genannt wird.

Nach happy few steht ihm der Sinn dabei nicht. Allen eigne das Potenzial, sich dorthin durchzuringen. "Jeder Mensch, unbedingt jeder Mensch" könne (insistiert er), solle, ja "müsse der Einzelne sein". Vonnöten dazu sei die individuelle Selbstwahl.

Eine Wandlung zum Widerständler gegen das Vorgekaut-Bekommen, das Zurecht-Gebogen- und damit letztlich Fremd-Gelebt-Werden. Zum Antagonisten, der sich herausnimmt, gegebenenfalls Nein zu sagen, wo welche-auch-immer-Tonangebenden etwas als "gesichert" ausgeben. Zu jemandem, der noch in seinen Zugehörigkeiten ohne Furcht vor Abweichung bleibt.

IV.

"Menge ist die Unwahrheit". Kierkegaard notiert das nicht lediglich mit Blick auf den vorgeahnten Aufstieg der Massen. Die große Zahl, Meinungsführerschaften, mediale Wasserfälle neuerdings, sind keine relevanten Maßstäbe. Warum? Hinter ihnen kann ich mich bequem verstecken. Sie entlasten mich von der ur-eigensten Pflicht zur Rechenschaft vor mir selbst.

V.

Was daran aber wäre besonders? Befinden "wir" uns in modernen Gesellschaften nicht unter permanentem Individualisierungsdruck? Und führt um beschleunigte Pluralisierung nicht gerade zu neuen Möglichkeiten un-soufflierten Lebens?

Durchaus. Ganz abgesehen davon jedoch, dass "man" vor deren (oft als überfordernd empfundener) Zumutung sehr gern dem Reiz des Konformen folgt: der Vergesellschaftung entkommen wir nicht. Neu-alte Vorgaben und Zwänge treten auf, funktionale Bindungen, Prozesse des Erfasst-, Eingebettet- und Verwaltet-Werdens. Unter diesen Bedingungen mag es deutlich mehr Einsame als Einzelne geben.

Was letztere zuinnerst umtreibt, bleibt der soziologischen Herangehensweise ohnehin kaum zugänglich.

VI.

Die Forderung, Einzelner zu sein, gilt bei Kierkegaard zwar prinzipiell, doch tritt für ihn selbst noch etwas höchst Wesentliches hinzu. "Es gilt, eine Wahrheit zu finden, die Wahrheit für mich ist, die Idee zu finden, für die ich leben und sterben will", hielt er bereits 22-jährig fest. Der eigenverantwortliche Selbstdenker soll zugleich bis ins Letzte hinein von einem ihn Übersteigenden herausfordernd ergriffen sein.

Eine Wahrheit für mich! Nur einzeln jeweils ist sie dingfest zu machen, durch ein konkretes Subjekt – ohne damit subjektivistischer Beliebigkeit anheim zu fallen! Kierkegaard findet derlei im Christentum, das zwar keine vérité de raison sei, sehr wohl aber eine, die existenziell beglaubigt werden könne. Unhintergehbar ich selbst muss mich zu ihr verhalten, wie denn auch von Gott gilt, dass vor ihm "jeder ein einzelner ist". Dessen bewusste Bildung gerät für Kierkegaard zur christlichen Existenzform schlechthin.

VII.

Rangiert bei den theistischen Religionen indes nicht das Kollektiv an erster Stelle? Ist die Gruppe Gleichgesinnter nicht das große Wunsch- und Ziel-Wort speziell des Christentums? Sollen "wir" dort nicht stets Teil einer solchen sein?

Doch ausschließlich?

Kierkegaard zieht dies in Zweifel. Umgekehrt verhalte es sich. Auch "mit anderen vereint", bleibe "`Gemeinschaft´ eine niedrigere Bestimmung als `der einzelne´". Bis zur "Rechenschaft am Tage des Gerichts" sei er ihr vorgeordnet. "Die Gemeinde gehört daher eigentlich erst der Ewigkeit an". (Wäre jenseitiges Wesen überhaupt als Verlängerung irdischer Biographien vorstellbar?)

VIII.

Eine gewisse Zeit hindurch dachte ich, Kirche – die mir so wohlbekannte Zweigstelle Deutschland – vermöchte Zusammenkunft solcher Einzelner sein. Ein Paradox, zugegeben, doch wenigstens anpeilbar vielleicht. Derlei Flausen gingen mir (hélas!) inzwischen restlos verschütt.

Manche Bizarrerien kirchlicher Sozialität jedoch wuchern weiter. Außenseiter von jeher, begriff ich rasch, dass unverkürzt Gläubige – d. h. solche, die mitreden dürfen – offensichtlich organisiert zu sein haben. Religiöse Kompetenz aufgrund von Einbindung in Strukturen oder Verbände. Wie angesichts komplexer Gemengelagen das tumbe Geschwisterlein sich über das dort Definitiv-ChristlicheTM als instruiert zu betrachten habe, wird ihm zigfach kommuniziert.

IX.

Das Christentum, schreibt Kierkegaard, ist "keine Lehre, sondern eine Existenzmitteilung". Wumms! Eine mich vor Entscheidungen stellende Nachricht, es als Einzelner jeweils ernsthaft zu aktualisieren. Zum ersten Teil der Wendung findet sich (bevor es zur Phrase gerann) auch bei wichtigen katholischen Theologen wie Hans Urs von Balthasar, Karl Rahner oder Joseph Ratzinger ein Echo: Kein abstraktes Regelwerk habe Jesus verkündet, sondern er selbst, als Ereignis, sei die Botschaft, bei welcher alles auf lebendige "Begegnung" ankomme. Da in ihm der Einbruch des Ewigen in die Zeit statt hatte, so Kierkegaard, nie bloß Vergangenheit, sondern unablässig neue Gegenwart.

Von wegen also irgendwelche "Werte" oder ein "Menschenbild" gar, welche (selektiv meist noch dazu) heute recht penetrant als christliches Super Heavyweight vorgezeigt werden (wo es sich doch bestenfalls um nachgetragene Derivate handelt)! Von Person zu Person vielmehr geht es zu. Beziehungsgeschehen, unhintergehbar in mir allein stattfindend. Sämtlichen äußeren Formen und Vollzügen, wie hilfreich sie jeweils sein mögen, wächst dadurch erst ihr Glutkern zu.

X.

"Christus hat keine Dozenten eingesetzt – sondern Nachfolger." Doppel-Wumms! Theologen (und nicht nur diese!) müssen tapfer sein, wenn sie in Kierkegaards Tagebüchern darauf stoßen. Weniger der Einweisung bedarf es, sondern der Einübung. Weniger des Wissens, sondern des Seins. Weniger der intellektuellen Durchdringung (ohne solche zu desavouieren), sondern der Durchdrungenheit.

XI.

Nach Kräften soll der Einzelne sich bemühen, in seine erfahrene Wahrheit hinein verflochten zu sein. Und die Repräsentanten der "Körperschaft"? Verdienen sie per se schon die Bezeichnung "Wahrheitszeugen"?

Sonderbarer Begriff. Wie aus einem Lexikon ausgestorbener Worte mutet er an.

Der letzte von Kierkegaards Konflikten nimmt von hier seinen Ausgang. Leidenschaftlich wie keinen zuvor führte er ihn während seines letzten Lebensjahrs gegen die damalige dänische Staatskirche, nachdem ein gerade verstorbener Bischof von dessen Nachfolger gleichlautend gepriesen worden war. "Nimm ein Brechmittel!" Krass und bündig teils vermochte Kierkegaard seinen Ekel vor religiös drapierten Mitläufern der Konvention zu äußern, welche er hier am Werke sah.

Paradigmatisch wird von ihm bereits die nach wie vor manifeste Anpassungsbereitschaft christlicher Glaubensgemeinschaften attackiert. Mit dem Staat (auch in finanzieller Hinsicht) partnerschaftlich verbandelt, am Puls der Zeit penibel auf Anschlussfähigkeit bedacht, transformieren Kirchen unter der Hand ihren Charakter. Hin zu Dienstleistern mannigfacher Art, auch in dem, was sie kundtun oder beschweigen, politischer Macht nützlich und gesellschaftlicher Stromlinie gefällig.

Ob hier noch "Existenzmitteilungen" auszugehen vermögen?

XII.

Kierkegaard hingegen pocht auf Rigorosität. Das authentische "Christentum", welches er der bestehend-verfassten "Christenheit" entgegenstellt, die es nur "weltklug spiele", hatte für ihn allemal "ein Ärgernis" zu bleiben. Es stört, ist anstößig, stachelig – und was die öffentliche Ablehnung betrifft, verlangt es, sich dieser gegebenenfalls bis zur letzten Konsequenz zu überantworten.

Auf dem Sterbebett (er wurde nur 42 Jahre alt), an der Schwelle zu dem, was er als Ewigkeit verstand, wies der Philosoph selbst das Abendmahl zurück. Von einem Pfarrer "mit königlicher Bestallung" (und d. h. eben auch geistig konturlos!) wollte er es nicht gereicht bekommen.

Lange hat mich dies erschreckt. Heute verstehe ich ihn.

XIII.

Eine alte Dame (ich kannte sie sehr gut), deren Treue zur Institution von niemandem zu übertreffen war, wenige Jahre vor ihrem Tod, wie beiläufig: "Am Ende werde ich allein vor Gott stehen. Nur ihm muss ich dann Rechenschaft ablegen. Ganz persönlich. Kein Papst und keine Kirche kann mir dabei helfen." Wovon sie spreche, rief ich überrascht, sei ja fast wie bei Kierkegaard. Der Name war ihr unbekannt. Im damals schon fixen Testament hatte sie selbstverständlich um Geleit durch Fürbitte und Messintentionen ersucht.

Dem Aufblitzen ihrer sozusagen anonymen Überzeugung, Einzelne zu sein, tat dies keinen Abbruch. Welchen Bestand jene definitiv existenzielle Hauptsache in den unaufhaltsam voranschreitend Wir auch!-und-lernen-bei-Bedarf-selbstverständlich-gerne-dazu-Christlichkeiten wohl noch haben mag, steht allerdings dahin.

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