Gibt es so etwas wie eine "Glaubenshaptik"? Die Haptik überhaupt ist ja ein Spätling auf dem Feld der Sinneserforschung. Es war der deutsche Philosoph, Mediziner und Psychologe Max Dessoir, der 1892 einklagte, die Haptik als gleichrangige Disziplin neben Akustik und Optik einzuführen.
In Glaubensfragen scheint es ähnlich vor allem um Sehen und Hören zu gehen. Die Berührung aber ist von nachrangiger Bedeutung. Allerdings gewinnt die Berührung ihre eigene Relevanz im Spannungsfeld der Begegnung des endlichen Menschen mit dem ewigen Gott. Elementar scheint dabei zunächst die existentielle Vitalfunktion eines von Gott Berührtwerdens zu sein - Gott dabei eindeutig in der Vorderhand aktiv berührend, der Mensch passiv angerührt von Gott. Das ist faszinierend schön in der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo ins Fresko gebannt: Gottes Finger berührt den des erschaffenen Adam – nur beinahe, eine Art Berührungsfunke springt über. Allein schon dieses Motiv verlockt dazu, die Geschichte einer "Theohaptik" zu schreiben.
Wenn der Mensch Initiative ergreift
Das Gegenüber einer solchen Theohaptik müsste eine Art Glaubenshaptik sein. In ihr müssen jedenfalls auch Konstellationen thematisiert werden, in denen nicht Gott berührt, sondern ein Mensch die Berührungsinitiative ergreift. Das hat etwas Gewagtes. Goethes erste Strophe in seinem Gedicht Grenzen der Menschheit macht darauf aufmerksam:
"Wenn der uralte,
Heilige Vater
Mit gelassener Hand
Aus rollenden Wolken
Segnende Blitze
Über die Erde sät
Küss ich den letzten
Saum seines Kleides,
Kindliche Schauer
Treu in der Brust."
Hier schimmert die antike Überzeugung durch, dass die Ambition, proaktiv einen Gott berühren zu wollen, lebensgefährlich ist. Es scheint ratsam, als Mensch bei Gott haptisch ganz weit unten anzuklopfen, nicht nur beim Saum, sondern beim letzten Saum. Denn es ist nicht Aufgabe des Menschen, Gott im Glauben an sich zu reißen. Vielmehr geht es darum, von Gott hingerissen zu sein.
"Wer hat mein Gewand berührt?"
Vor diesem Hintergrund zeugt es von einiger Glaubenscourage, zugleich aber auch von hoher haptischer Sensibilität, wenn im Evangelium eine chronisch erkrankte Frau, als sie von Jesus hörte, "in der Menge von hinten heran" kam und sein Gewand berührte. "Denn sie sagte sich: Wenn ich nur seine Kleider berühren könnte, so würde ich gesund." (Mk 5,27f.)
Entfacht wird sodann die Dynamik einer ungeheuren Kraftübertragung: "Euthys!" Sofort, gleich zweimal taucht dieses für den Evangelisten Markus typische und die narrative Inspiration anzeigende Signalwort auf. Die Frau wird "sofort" geheilt. Und "sofort" fühlt Jesus, "dass eine Kraft von ihm ausströmte". So stellt er die Frage in den Raum: "Wer hat mein Gewand berührt?" Die Frau gesteht – und ihre Courage zahlt sich aus: Sie wird geheilt. "Dein Glaube hat dir geholfen", sagt Jesus. Und die Jünger haben nichts verstanden, ordneten sie doch zuvor ein: "Du sieht doch, [Jesus] wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst Du 'Wer hat mein Gewand berührt?'"
Was ist schon die Berührung eines Gewandes in einem Menschengedrängel? Es zeigt sich: Die Jünger haben keine Ahnung von der Ahnung der Frau, dass bereits die Berührung des Gewandes des Gottessohnes spirituell erheblich ist. So wird diese Frau ohne Namen zur Maßstab-gebenden "Glaubenshaptikerin" in der Geschichte des Christentums. Und der Himmel weiß, warum das Verhalten der Frau als "Demut" eingeordnet wurde, ist sie doch eine souveräne Kennerin göttlicher Berührungsmacht.
In Jesu Passion wird die Berührung des Gottessohnes zum handgreiflichen Abgrund, die nicht den berührenden Menschen, sondern Gott zugrunde zu richten scheint.
Gottferne haptische Übergriffigkeit
Diese Berührungsmacht hat es eben immer schon in sich. Jakob kämpft am Jabok (Gen 32,22-33) "mit einem" – ist es ein Engel, ist es Gott selbst? - und wird dabei massiv handgreiflich, weil er von Gott gesegnet werden will. Dieser Ringkampf, in dem Jakob Gott seinen Segen abringt, hat seinen Preis. Jakob wird auf die Hüfte geschlagen, weshalb er in der Folge ins Gottesreich hineinhinken muss. In einer anderen Szene fällt die Gottesberührung tödlich aus. Usia berührt die Lade Gottes und stirbt. (2 Sam 6,6f).
Diese mit der Berührung Gottes verknüpfte Wucht erfährt nun in der Passionsgeschichte Jesu eine radikale Inversion. In Jesu Passion wird die Berührung des Gottessohnes zum handgreiflichen Abgrund, die nicht den berührenden Menschen, sondern Gott zugrunde zu richten scheint. Jesus wird mit "Fäusten geschlagen" (Mt 26, 67). Er wird gefesselt (Mt 27,2). Bar jeder Kleidungsehrfurcht, von der noch jene Frau wusste, wird er entkleidet und umgezogen (Mt 27,28). Ihm wird eine Dornenkrone auf den Kopf gezwungen, ihm wird ein Schwamm mit Essig an den Mund geführt (Mt, 27,48), dem Gestorbenen wird eine Lanze in die Seite gestoßen (Joh 19,34).
Das alles liest sich wie schreckliche Variationen gottferner haptischer Übergriffigkeit, die Jesus und mit ihm Gott über sich ergehen lässt. Keiner der sich an Jesus Vergreifenden fällt auf der Stelle tot um. Einen gewissen pervertierenden intentionalen Höhepunkt erreicht diese Berührungsübergriffigkeit nun allerdings mit einer interessanten Lebensfolgenpointe, wenn Judas im Garten Gethsemane scheinbar glaubenshaptisch die Initiative ergreift, auf Jesus zukommt, ihn grüßt ("Sei gegrüßt, Rabbi!") und küsst. Eine haptische Freundschafts- und Vertrauensgeste wird zum Inbegriff des Verrats. Hier zeigt sich: Die Berührung wirkt nicht ex opere operato. In gleichsam sakramentaler Verdichtung kommt es auf die Intention an, in der sie vollzogen wird. In ihrer intentionalen Perversion aber richtet sich diese Glaubenshaptik bei Judas selbst und führt in ihrer bitteren Konsequenz in seinen Selbstmord.
Entzieht sich Christus der Berührung?
Der enge Zusammenhang von Intention und Berührung zeigt sich auch an Thomas, dem Jünger. Der traut seinen Augen nicht und möchte ganz haptisch glauben, seine Finger in die Wundmale und seine Hand in die Seite des auferstandenen Christus legen. (Joh 20,25) Gewährt wird es ihm zwar. Aber gut kommt es nicht an. Der Auferstandene lässt sich zwar berühren, geht aber sofort aufs Optische: "Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben!" (Joh 20,28). Ist am Ende ein berührungsfreier Glaube die Ansage? "Noli me tangere, rühr mich nicht an", ruft der Auferstandene Maria zu (Joh 20,16).
Das Abendmahl gemeinsam am Tisch des Herrn geteilt ist Glaubenshaptik pur, schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist, ist ein Aufbruch durch Berührung, ist Begegnung mit dem ungesäuerten Leib Jesus Christi.
Das mag nun freilich damit zu tun haben, Maria und alle, die ihr in ihrem Glauben folgen, vor dem Missverständnis zu bewahren, die Auferstehung sei die schlichte Restitution des irdischen Leibes. Dass seine Auferstehung deutlich mehr und auf eine leiblebendige Verewigung aus ist, signalisiert Jesus, indem er die Berührungsverweigerung damit begründet, er sei noch nicht aufgefahren. (Joh 20, 17b). Das wirft wiederum nicht nur aus protestantischer Perspektive ein interessantes Licht auf die Frage, was denn dieser Tage an Ferragosto gefeiert wird, wenn Maria Himmelfahrt die Auffassung zugrunde liegt, "Maria" sei "nach Ablauf ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen" worden ("[...] immaculatam Deiparam semper virginem Mariam, expleto terrestris vitae cursu, corpore et anima fuisse ad caelestem gloriam assumptam." (Denzinger-Hünermann, Nr. 3903).
"Noli me tangere"
"Rühr mich nicht an!", das ist genauerhin ja nicht eine ewige Berührungsverweigerung des Auferstandenen. Der Aufgefahrene wird sich und will sich berühren lassen, schon jetzt! Deshalb feiert die Christenheit das Abendmahl. Das Abendmahl gemeinsam am Tisch des Herrn geteilt ist Glaubenshaptik pur, schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist, ist ein Aufbruch durch Berührung, ist Begegnung mit dem ungesäuerten Leib Jesus Christi.
Im Abendmahl bricht die feiernde Gemeinde mit ihrem himmlischen Herren aus der ägyptischen Gefangenschaft so mancher Alltagsszenerie aus, die sie gefangen hält, in eine Freiheit hinein, in dem ein Mensch mit Kopf und Herz mit all seinen Sinnen von Gott berührt werden kann. Nun ist das Abendmahl, wie sich am Zustand der es feiernden Kirche greifen lässt, beileibe noch nicht die leibhaftige Umarmung Jesu Christi. Es ist aber sakramental zugleich deutlich mehr als die Tuschierung des Saums eines göttlichen Gewandes, nämlich ein leibhaftiges Schmecken und Sehen auf eine gezielte Hoffnung hin, mit der eben auch jene Frau ohne Namen sich anschickte, das Kleid Jesu Christi zu berühren.