Es ist Sonntagnachmittag im Juni 1975 – eine dieser klassischen Familienerkundungen von Mainz aus in die Umgebung. Dieses Mal geht es in die Wetterau. Ziel: die evangelische Kirche in Münzenberg. Und dann sehe ich ihn – und er lässt mich nicht mehr los, nimmt meinen Blick gefangen, wie er da hängt, vor einem gotischen Chorfenster in rotem Sandsteinmaßwerk und Wabenglasscheiben: der Crucifixus. Nicht nur deshalb, weil er dort übergroß und machtvoll mit dem feinen Aderwerk an Füßen und Händen zu den besonders ausdrucksstarken Christusfiguren aus dem 15. Jahrhundert zählt, will er mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Es sind seine Haare, die echten Menschenhaare, mit denen er mich emotional heftig anfasst, seltsam, mit einem leichten Schauer hingezogen, etwas, das mich bis in die Nacht hinein nicht mehr loslässt. Diese merkwürdigen Haare Jesu …
Haare haben es in sich, sind Blickfänger, erzeugen Aufmerksamkeit, fordern heraus, sich zu entscheiden, sich zu verhalten, können erotisch anfixen. Mit der ikonischen Energie der Haare hat die Antike mindestens in dreifacher Weise so gespielt, dass dies noch heute inspiriert.
Drei haarige Inspirationen
So standen Haare schon in biblischen Zeiten erstens für existentielle Triggerkraft: Johannes, der Täufer, ein religiöser Querkopf mit kräftigem Bartwuchs, den wilden Haaren und einem dicht behaarten Körper: eine Person gewordene Buße, ein in die Flusslandschaft des Jordans gestellte haarige Ansage, endlich umzukehren. Mit seinem Kamelhaargewand und Ledergürtel , die auf die Tracht des Propheten Elija, den "Haaresmann" (îš baʿal śeʿār) anspielen (2 Kön 1,8), wird Johannes zum zweiten Elija. Wer ihm über den Weg läuft, macht anders weiter.
Zweites signalisierte langes, volles Haar ebenso wie der Vollbart in der Antike Kraft, ja göttliche Energien. Haarpracht verkörperte Lebenssaft. Simson, der "Geweihte Gottes ... von Mutterleibe an bis zum Tag seines Todes" (Ri 13,7) von Gott erwählte Nasiräer, "dem kein Schermesser aufs Haupt kommen soll" (Ri 13,5), verdankte seinem ungeschorenen Schopf von Gott zuwachsende Kräfte, die ihn einen Junglöwen mit bloßen Händen zerreißen (Ri 14,6) und die Mittelsäulen eines großen Hauses umstürzen ließen (Ri 16,29).
Drittens verkörperten Haare die Ausstrahlungs- und Anziehungskraft der Liebe. So wird im Lukasevangelium (Lk 7,36-50) berichtet, wie Jesus bei einem Pharisäer zu Tisch sitzt. Von hinten tritt eine "Sünderin" an ihn heran, fängt an zu weinen. Ihre Tränen benetzen seine Füße. Und die trocknet sie mit ihren Haaren und salbt sie mit Salböl ein. Offenes Haupthaar im Wechselspiel mit Küssen. Man mag das exegetisch auch als Ausdruck eines demütigen Ehrfurchtsgestus deuten. Aber das ist viel zu schwach. Phänomenologisch vergegenwärtigt schwingt– und das scheint doch zentral zu sein - eine geradezu erotische Verdichtung der Zuwendung mit. Denn für Jesus drückt sich in dieser hautnahen Berührung und Episode aus, dass die Frau ein Mensch sei, der "viel geliebt habe". Wer aber viel liebe, dem werde viel vergeben (Vgl. Lk 7,47f.).
Haar – Küsse – Salböl - erotisch konnotiert, als Träger von Liebe, der Vergebung verheißen ist. Noch einmal wird im Johannesevangelium davon erzählt, wie Maria als Schwester des Lazarus, dem Jesus das Leben wieder einhauchte, Jesus die Füße mit teurem Nardenöl (myrou nardou pistikēs polytimou) salbt und ihm das Haar trocknet (Joh 12,1-8). Die Anspielung auf das Hohelied der Liebe ist mit Händen zu greifen.
"Du bist wie ein Lustgarten von Granatäpfeln mit edlen Früchten, Zyperblumen mit Narden, Narde und Safran, Kalmus und Zimt, mit allerlei Weihrauchsträuchern, Myrrhe und Aloe, mit allen feinen Gewürzen." (Hoheslied 4,13f.)
Intimität der Zuneigung, Wechselspiel von Füßen und Haaren: eine emotional verdichtete Szene, die vom belebenden Geruch des Nardenöls durchwirkt ist, ein lebensverheißender Duft, der Haare durchströmt.
"Bei Euch aber sind die Haare auf dem Haupt alle gezählet"
In diesem ikonischen Resonanzraum gewinnt die dem Topos Haar gewidmete Wendung des Evangeliums des 12. Sonntags im Jahreskreises noch einmal eine ganz neue geistliche Tiefenschärfe: "Bei Euch aber sind die Haare auf dem Haupt alle gezählet", ruft Jesus seinen Jüngern zu. Da ist mehr als nur die akribische Aufmerksamkeit Gottes, die nicht nur auf das Große Ganze, sondern auch auf jedes empfindliche Lebensdetail all jener Menschen gerichtet ist, die in ihrem Glauben offen zu Gott stehen. Da schwingt noch mehr mit als das, was Martin Luther im Blick auf die sich in diesem Bild ausdrückende Liebe erfasst hat, indem er notierte:
"Und dies alles wird darumb beschrieben, daß wir sehen sollen, wie gar herzlich uns Gott liebt und wie wohl er uns gewogen ist, wie große ängstliche Sorge er für uns trage. So genau sieht er auf mich, daß er Sorge hat, ich verliere ein Haar".
Ob Löwenmähne, breiter Scheitel oder Krauskopf – jedes einzelne Haar ist bei Gott gezählt im Zeichen von Kraft, Liebe, Vergebung und Umkehr. So ist Gottes Aufmerksamkeit. Haare, erwachsen aus der schöpferischen Hingabe Gottes an seine Geschöpfe, einzeln gezählt und wahrgenommen: In ihnen verweben sich die Lebenskraft eines Simson, die johanneische Energie der Umkehr, die erotische Anmutung einer Maria und die Vergebungsenergie des gesalbten Jesus Christus, dessen Haare von einer Dornenkrone und einem Leiden derart gezeichnet waren, dass sie Blut und Schweiß durchwirkten.
Gewebe der Hoffnung
So ikonisch ineinander verflochten und je einzeln gewürdigt werden sie zum leibhaftigen Sinnbild eines Gewebes der Hoffnung, deren Weber weltweit zu werden Papst Leo XIV. am Ende seiner Enzyklika Magnifica Humanitas die Glaubenden weltweit jüngst aufgefordert hat: Tag für Tag im Namen dessen, der uns hochachtet, jedes Haar auf unserem Haupt hoch achtet, im täglichen Leben Weber der Hoffnung werden, um die Gegenwart des Jesus Christus zu fördern, auf dass sein Reich komme.