Sag, wie hast du's mit der Barmherzigkeit?Über eine Gretchenfrage der Theologie

Zwischen österlichem Psalmklang, Gleichnis und Dogmatik steht eine zentrale Frage: Wie lässt sich von Gottes Barmherzigkeit sprechen – als Gefühl, als Wirkung oder als Wesenszug und gar tragendes Prinzip von Kirche? Ein Erkundungsgang durch Kunst, Musik und Theologie.

Christus und die Samariterin am Brunnen - Gemälde von Annibale Carracci (1560 Bologna - 1609 Rom) Mit freundlicher Genehmigung des kunsthistorischen Museums Wien (KHM)
Christus und die Samariterin am Brunnen. Gemälde von Annibale Carracci (1560-1609).© Erzdiözese Wien / Stephan chönlaub

Misericordias domini – was für ein Anfang! So schön, so das Gemüt bergend dieser österliche Psalmklang, passend zu den raumgreifenden Vogelstimmen am frühen Morgen, jetzt, wo die Frühlingstage reifer werden. Ein Klang, in dem für mich auch Marianisch-Weihnachtliches mitschwingt. Unweigerlich muss ich an die Motette von Johannes Eccard – Über Gebirg Maria geht – denken, die dann singend einschwingt in den Lobpreis: "Er will allzeit barmherzig" sein. Traumhaft das.

Misericordias domini, die lateinische Fassung von Psalm 89 fällt in die Fülle des Plurals: Barmherzigkeiten! Gnade und zugewandte Herzenstreue in einem: "Ich will singen von der Gnade des HERRN ewiglich und seine Treue verkünden mit meinem Munde für und für." (Psalm 89,2).

Fremdelt Gott mit seiner Kirche?

Und die Kirche? Was schwingt und klingt da mit? Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter lässt mir keine Ruhe: Die Kirche liegt zerschunden und halbtot im Graben, ihre Kräfte schwinden, ihre Existenz und Lebensgestaltungsrecht wird immer stärker in Frage gestellt. Und Gott? Schert ihn das, spürt er was, ficht ihn das an? Das Elend nimmt ja nicht eben ab. Zieht Gott am Ende vorbei an dieser ekklesiologischen Dürftigkeit wie der Priester im Gleichnis Jesu? Geht er vorüber wie der Levit? Oder ist Gott deutlich anders als von den Religionsbeobachtenden innerhalb und außerhalb der Kirche gedacht? Ist er ein ekklesiologisch Fremder, der sich der ihm fremd gewordenen Kirche annimmt?

Anders als im Gleichnis sind nun nicht einfach kirchenfremde Kräfte über die Kirche hergefallen und haben sie ausgeräubert. In ihrer ekklesiologischen Fraglichkeit ist die Kirche kein Opfer in einem Täter-Opferverhältnis.

Ist Christus also so gesehen ein himmlischer Samariter, der in sieben ekklesiologischen Werken der Barmherzigkeit die Kirche erstens wieder lebenshungrig macht, sie zweitens vor dem geistlichen Verdursten errettet, sich drittens der Entfremdung in ihren eigenen Reihen annimmt, viertens ihr Schützendes überwirft, wo sie auf einmal ganz nackt dazustehen droht, sie fünftens pflegt, wo sie erkrankt vor sich hinfiebert, und sie sechstens in ihrer sozialen Befangenheit besucht, eins aber hoffentlich siebtens nicht tut, sie bestattet?

Anders als im Gleichnis sind nun nicht einfach kirchenfremde Kräfte über die Kirche hergefallen und haben sie ausgeräubert. In ihrer ekklesiologischen Fraglichkeit ist die Kirche kein Opfer in einem Täter-Opferverhältnis.

Barmherzigkeit – ein Kategorienfehler?

Noch einmal von vorne: Die Barmherzigkeiten Gottes … In seinem Proslogion philosophiert Anselm von Canterbury über die Eigenart der Barmherzigkeit Gottes. Wer sage, dass Gott barmherzig sei, setze voraus, dass Gott ein Herz (cor) habe, das mitleiden könne (compati). Anselm fragt aber. Wie könne das angehen? Denn das alles verträgt sich für Anselm nicht mit dem von ihm geteilten Apathieaxiom. So gesehen scheint es eigentlich ein Kategorienfehler zu sein, Gott Barmherzigkeit zuzuschreiben. Zugleich stellt sich für Anselm an Gott gerichtet die Frage: "Wenn du aber nicht barmherzig bist, woher kommt den Elenden ein derart großer Trost (At si non es misericors, unde miseris est tanta consolatio)"?

Anselm löst die mit diesem Umstand verbundene Crux in der Denkbarkeit einer göttlichen Barmherzigkeit so auf, dass er zwischen Gottes Innen- und Außenperspektive unterscheidet. Gott secundum nos, bzw., secundum nostrum sensum sei barmherzig, secundum se bzw. secundum suum sensum sei er es jedoch nicht. Die Menschen, insbesondere die Elenden bekommen es mit einem effectus misericordis eines Gottes zu tun, von dem Anselm behauptet: "Du spürst keine Rührung (tu non sentis affectum)".

20 Jahre später wird Anselm in seinem Cur deus homo in Inkarnation und Kreuz Christi eine Barmherzigkeit entdecken, die mit einer göttlichen Gerechtigkeit übereinstimme, die größer und gerechter nicht gedacht werden könne, und die dem wesentlichen Schöpfungsziel diene, das Gott mit dem Menschen verbunden habe, nämlich der ewigen beatitudo. Diese Zielbestimmung habe ihren Grund in Gottes Weisheit, denn Gott schaffe nichts umsonst.

So gesehen wäre jedenfalls Jesus Christus selbst ein denkbar schlechter Dogmatiker gewesen...

Barmherzigkeit als Eckstein der Dogmatik

Das ist ausdrücklich etwas deutlich anderes als eine Aufrichtung und Sündenvergebung sola misericordia. Bloß keine gedanklich isolierten Lobgesänge auf die Barmherzigkeiten Gottes, die nur die menschlich-perzipierbare Außenseite göttlichen Wirkens zur Darstellung bringt. Jahrhunderte später sollte Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher aus gar nicht so unverwandten Gründen die Rede von der Barmherzigkeit Gottes in das "homiletische und dichterische Sprachgebiet" verweisen, weil Dichtung und Homiletik es "minder genau" nehmen könnten mit "anthropopathischen Ausdrücken".

Dogmatisch sei sie eine windige Bestimmung, baue sie doch auf einem "sinnlichen Mitgefühl" mit "fremden, gehemmten Lebenszuständen" auf. Sie sei ein "durch fremdes Leid besonders aufgeregte[r] und in Hülfeleistung überegehender Empfindungszustand[…]". Gott aber als eine dem "Angenehmen und Unangenehmen" höchstpersönlich ausgesetzte Instanz zu denken, sei dogmatisch gänzlich inadäquat.

So gesehen wäre jedenfalls Jesus Christus selbst ein denkbar schlechter Dogmatiker gewesen, hat er doch zu folgendem ermuntert: "Seid barmherzig, wie Euer Vater im Himmel barmherzig ist" (Lk 6,36) und das auf der Überzeugungslinie des ersten Testamentes heraus, dass Gott als einen anbetet und preist, "der sich seines Volkes Israel annimmt" (Ex 34,6).

Luther hätte den Kopf geschüttelt

Ein Thomas von Aquin, der in der Barmherzigkeit die Königsdisziplin göttlicher Eigenschaften entdeckte und sie als Inbegriff der Allmacht Gottes verstand, hätte entsprechend über solche Ausgliederung der Barmherzigkeit Gottes aus dem dogmatischen Gelände nur den Kopf schütteln können. Ein Martin Luther nicht weniger, der meinte: "Got ist nit anders, wan eittl lautter … barmhertzigkeyt". Die Denkrichtung hat genau umgekehrt zu verlaufen.

Die elementaren Verkündigungsvollzüge und der zentrale sakramentale Ritus der Kirche ist die durch keine innere oder äußere Macht irritierbare Pfingstschneise der Barmherzigkeit Gottes.

Die Barmherzigkeit Gottes ist keine antropopathische Projektion. Vielmehr verdankt sich die Barmherzigkeit des Menschen einer theopathischen Ableitung: Der Mensch hat ein Herz, im glücklichen Falle ein mitfühlendes Herz, weil Gott allererst ein solches Herz hat: "ein mensch … barmhertigk … gegen seinem negsten ist Die weil er … weiß, das Gott gegen yhm … dermassen auch thut". Evangelium sei der Inbegriff der Gnade und Barmherzigkeit Gottes. Die Messe sei "eyn tesament …, darynnen … got … gibt gnad und barmhertzickkeit." Überhaupt sei "das Sacrament … ein zeichen seiner grundlosen barmhertzigkeit".

Das aber bedeutet doch wohl: Die elementaren Verkündigungsvollzüge und der zentrale sakramentale Ritus der Kirche ist die durch keine innere oder äußere Macht irritierbare Pfingstschneise der Barmherzigkeit Gottes. Sie bricht sich Bahn selbst in einer moribund anmutenden Kirche. Ich stelle mir vor, und denke dabei an Vincent van Goghs Der gute Samariter, wie Christus nicht nur den einzelnen Menschen, wie Christus vielmehr auch seine müde gewordene, erschöpfte und verletzte Kirche unter die Arme fasst und sie auf das Lasttier der Lebensgegenwart stemmt, um sie einer elementaren Heilung zuzuführen.

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