Weil Gottes Allmacht die Liebe ist, kann Gott eins gewiss nicht: Weghören, wenn jemand nach ihm schreit. Überhaupt spricht sich im Himmel sofort herum, was Gottes Geschöpf umtreibt. Der Sonntag Exaudi ist ein Tag, an dem sich diese Einsicht verdichten kann. Ihr Gestalt und Farbe zu verleihen, ist an diesem Tag eine theologische und kirchliche Aufgabe.
Gott ist ein Hörereignis
Es gilt, sich bewusst zu machen: Gott selbst ist ein Hörereignis. Menschen entsprechen Gott und ihrer geschöpflichen Bestimmung folglich, wenn und insofern sie hellhörig werden. Diese Hellhörigkeit ist die beste Freundin der Hellsichtigkeit – im Himmel und auf Erden. Die metaphorische Dominanz des Blickes, des Angesichtes und des Bildes überspielt dies allzu leicht, wird doch in der christlichen Anthropologie eingeschärft, der Mensch sei ein Ebenbild Gottes.
Auch der aaronitische Segen vertieft: "Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig". Und an anderer Stelle heißt es im Neuen Testament vom reichen Jüngling: "Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb" (Mk 10,21). In eschatologischer Perspektive hinwiederum kündigt der Apostel an:
"Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin." (1 Kor 13,12).
Wie wäre es also am Sonntag Exaudi einmal für einen gedanklichen Augenblick der Hellhörigkeit Gottes die Ehre und den Vorrang zu geben und also Vater, Sohn und Heiligem Geist nachzusinnen als einer trinitarischen Hörgemeinschaft, als eines dynamischen Vernehmungszusammenhanges also, in der die Trinität als reiche Gemeinschaft gegenseitigen und wechselseitigen Andersseins (Eberhard Jüngel) jeweils ein Andershören und Hören des Anderen bereits und gerade in Gott ermöglicht und von Ewigkeit zu Ewigkeit realisiert. Die Stimme Gottes, die es zu vernehmen gilt, entspringt so verstanden einem inneren Vernehmungszusammenhang, in dem Gott selbst in einer Stimmgemeinschaft zugleich Hörgemeinschaft ist.
Hellhöriger Mensch
Das akustische Ebenbild dieser Hörgemeinschaft wäre dann der in sich hellhörige Mensch, der in sich selbst nicht auf die eine laute Stimme hört, sondern im Konzert der vielen auf ihn eindringenden und in ihm aufklingenden Stimmen die Stimme des Gewissens heraushört, die unter Umständen gerade als die unaufdringliche und leise Stimme sich als Stimme Jesu Christi erweist, eine Stimme, die einem Menschen und seinem Leben den entscheidenden Richtungssinn gibt. Gerade in einem solchen Hören wird der Mensch zur Entsprechung eines jesuanischen Hörens, von dem das Johannesevangelium einprägt: "Ich kann nichts von mir aus tun; selbst dann, wenn ich richte, höre ich auf den Vater." (Joh 5,30).
Vor diesem Hintergrund gewinnt die kühne Behauptung Martin Luthers, dass der Glaube die Person mache in der Verknüpfung mit dem paulinischen Gedanken, dass der Glaube aus dem Hören komme, eine ganz eigene anthropologische Tiefenschärfe. Dem Hören kommt so nachgerade eine aus dem Schöpfer selbst entspringende schöpferische Produktivität zu, aus der in der Hörresonanz der Mensch zu jener Person ausgeformt wird, die ihm zu einem auf Gott verweisenden kreativen Echo Gottes macht, einem Echo, aus dem gerade deshalb Gutes entspringt. Als dieses kreative Echo ist die Person wiederum in die Schöpfung überhaupt als Hörereignis eingestellt. Dem hat Thomas Weiß in einem Poem eine lyrische Fassung gegeben.
am anfang/
das wort/
aber noch kein ohr/
da schufst du dir/
schall/
raum und gehör/
die welt war/
ausgesprochen/
gut.
Es raschelt, es klingelt, es donnert
Dem Anfang dieses Gedichts wäre allerdings Gottes ewiges in sich Hineinhören voranzustellen, das sich zu einem Aus-sich-Heraushören entfaltet in den Klang und Schall des Weltalls hinein, in dem dann nicht gleich alles ebenbildliche Figuration Gottes ist. Denn es gilt: Im Unterschied zur Lautwerdung ist Hören immer persönlich und personal.
Im Unterschied dazu kann der bloßen Lautwerdung nicht vorweg schon etwas untergeschoben werden, "das den Laut trägt, oder jemanden, der ihn hervorbingt". Etwas wird "hörbar". So wie wir auch sagen: "Es raschelt, es klingelt, es donnert." Aus diesem vorpersonalen Rauschen der Welt entspringt ein personaler Klang vor Gott und der Welt, nämlich der Mensch, das Stimmecho Gottes, das Gott täglich zurufen darf und kann: "Höre, Gott, laut rufe ich, sei mir gnädig und erhöre mich" (Ps 27,7).