Vor 100 Jahren, am 25. Juni 1926, wurde Ingeborg Bachmann geboren. Seit 50 Jahren findet jährlich der nach ihr benannte Literaturwettbewerb "Ingeborg-Bachmann-Preis" statt. An beide Ereignisse – die Geburt der österreichischen Schriftstellerin und das Jubiläum eines der wichtigsten Ereignisse der deutschsprachigen Literatur – erinnerte die Schriftstellerin Helga Schubert in ihrer diesjährigen "Klagenfurter Rede zur Literatur". Diese Rede steht unter dem Titel "Und führe uns nicht in Versuchung". Ein Zitat aus dem Evangelium, eine Bitte aus dem Vaterunser – und ein ungewöhnlicher Titel für eine Rede zur Literatur.
Schubert selbst verweist zu Anfang ihrer Rede auf die Quelle ihres Titels und zitiert dabei auch die folgende Vaterunser-Bitte: "sondern erlöse uns von dem Bösen." Sie habe, so bekennt sie, noch gelernt: "sondern erlöse uns von dem Übel." Doch was ist die Versuchung, in die sie nicht geführt werden möchte – in dieser Rede? Was ist das Böse, was das Übel, von dem sie erlöst zu werden erbittet? Welches Übel gibt es in der Literatur, bei einer Rede zur Literatur, über eine Schriftstellerin, vor dem sie sich fürchtet? Schubert benennt gleich zu Beginn dieses Übel. Es ist kein allgemeines oder abstraktes Übel, sondern persönlich, individuell, konkret: "Die Versuchung, der ich widerstehen musste und noch immer widerstehen muss, […] ist, das Spektakuläre um diese Schriftstellerin zu sehr zu beachten, das die Sicht auf ihr Werk verdeckt und behindert." Es ist die "Versuchung […], sich dem Boulevard-Journalismus anzunähern" – statt Bachmann selbst, ihre großen Werke zu lesen.
Gefahr der Reduktion auf Äußerlichkeiten
Bei Bachmann liegt - wie bei vielen anderen großen Menschen - diese Gefahr nahe: Man reduziert ihre Biografie, ihr Werk, ihre Bedeutung auf einzelne Dimensionen, auf oberflächliche Seiten, auf reißerische Details, auf Äußerlichkeiten: "Denn natürlich habe auch ich", so Schubert, "zuerst an ihr Nachthemd und die Zigarette gedacht." Der frühe Tod Ingeborg Bachmanns rückt schnell in den Blick, wenn man über sie spricht. Bachmann, war das nicht die, die rauchend in ihrem Bett eingeschlafen war, die aufgrund ihrer Abhängigkeit von Betäubungsmitteln keinen Schmerz mehr spüren konnte, die wenige Wochen nach ihrem Unfall an ihren Verbrennungen verstarb? Ein Leben, ein Werk, das auf einen einzigen Aspekt, auf Unwesentliches reduziert wird, das vom Privaten und auch Intimen her erschlossen wird: das tragische Ende der Bachmann. Alles, was sie schrieb und sagte und tat, steht dann in diesem Lichte. Damit hat man sie dann auch verstanden, die Dichterin, die Frau, den Menschen und auch ihr Werk.
Wie oft zeigt sich nicht diese Versuchung – nicht allein bei großen Menschen, sondern auch bei anderen, weniger bekannten, weniger herausragenden Menschen? Schubert weiß um diese Versuchung, dieses Übel – und spricht in ihrer Rede dagegen an. Sie lässt Bachmann selbst zu Worte kommen, zu Worten, die sie "genial in ihrem Sprachrhythmus und ihren poetischen Bildern" nennt. Die "Qualität dieses Werkes" steht für sie außer Frage. Manche "Sätze" seien "vollendet". Ihr Urteil über Bachmanns Schreiben, so positiv, so begeistert, so eindrücklich formuliert, geht auf Erfahrungen mit ihren Texten zurück, darauf, dass sie sich wirklich eingelassen hat auf das Werk:
"Ich habe beim Lesen dieses Textes in den letzten Monaten, in denen ich weiß, dass ich heute vor Ihnen stehen werde, vergeblich versucht, nicht in Tränen auszubrechen: aus Einverständnis mit dem Inhalt und der Bewunderung für den Wohlklang – und auch aus Erbarmen mit der Dichterin."
Tragischer Grundton
Helga Schubert liest Bachmann nicht nur nicht aus einer Distanz heraus, sondern lässt sich von ihr, ihrer Erzählung Jugend in einer österreichischen Stadt berühren – und erbarmt sich Ingeborg Bachmanns, der Dichterin, ja, auch das, des Menschen: "Wer möchte darum zu mir reden von Blätterfall und vom weißen Tod, angesichts dieses Baums, wer mich hindern, ihn mit Augen zu halten und zu glauben, dass er mir immer leuchten wird wie in dieser Stunde und dass das Gesetz der Welt nicht auf ihm liegt," so zitiert Schubert Bachmanns Erzählung. Bewegende, hoffnungsvolle Worte. Zeugnis des Glaubens an ein gutes, ein sinnvolles, ein leuchtendes Leben. Doch wurde Bachmann genau dieser Glaube unmöglich gemacht: "Denn sie selbst hat sich wohl daran gehindert, zu glauben, dass der Baum ihr immer leuchten wird."
Ingeborg Bachmanns Leben durchzieht daher ein tragischer Grundton – und so auch ihr Werk. Sie habe, so Schubert, "in ihren wunderbaren, am Ende oft traurigen Gedichten, Erzählungen, Hörspielen und Romanen so eindringlich vom Tod, vom Verlust, vom endgültigen Verschwinden in einem Mauerspalt oder vom Rückzug ins Wasser, von Todesarten geschrieben".
Das Schreiben erwächst aus dem Menschlichen – und weist wieder zurück ins Menschliche. Doch ist das Menschliche gerade nicht das Spektakuläre. (...) Diese Menschlichkeit ist der Horizont, in dem Bachmanns Worte erklingen und nach Resonanz, nach einem Du suchen.
Im Schreiben zeigt sich das Leben – und im Leben spiegelt sich das Schreiben. Aus diesem Grund ist für die Literatur das Menschliche nicht unwichtig. Ganz im Gegenteil. Das Schreiben erwächst aus dem Menschlichen – und weist wieder zurück ins Menschliche. Doch ist das Menschliche gerade nicht das Spektakuläre. Es ist auch nicht das Private, das eine Schriftstellerin wie Ingeborg Bachmann schützen konnte – und auch schützen musste. Es geht darüber hinaus, verweist auf das, was allen Menschen eigen ist, was sie betrifft, berührt und bewegt und was sich daher an andere Menschen richtet, richten muss.
Worte der Menschlichkeit
Diese Menschlichkeit ist der Horizont, in dem Bachmanns Worte erklingen und nach Resonanz, nach einem Du suchen: "Der Schriftsteller – und das ist auch seine Natur – ist mit seinem ganzen Wesen auf ein Du gerichtet," so zitiert Schubert Bachmann, "auf den Menschen, dem er seine Erfahrung vom Menschen zukommen lassen möchte (oder seine Erfahrung der Dinge, der Welt und seiner Zeit, ja von all dem auch!), aber insbesondere vom Menschen, der er selbst oder die anderen sein können und wo er selber und die anderen am meisten Mensch sind." Worte der Menschlichkeit – um des Menschen willen, an den Menschen gerichtet, für den anderen Menschen. Worte, geniale, vollendete Worte für ein Du. Ja, welche Versuchung wäre es, diese Menschlichkeit des gedichteten Wortes nicht zu erkennen, das Leben und Werk einer großen Dichterin auf Einzelheiten ihres Privatlebens, auf die tragischen Umstände ihres Todes zu reduzieren – als verdienten diese Dimensionen ihres Lebens nicht gerade Scheu, Respekt, Verhaltenheit.
Helga Schubert verweist in ihrer Rede auf den Zusammenhang von Leben und Werk, auf die Menschlichkeit der Literatur aber auch durch das Zeugnis ihres eigenen Lebens. Ihre Rede in Erinnerung an Ingeborg Bachmann, ihre Worte zu Ehren dieser großen österreichischen Dichterin sind auch Worte der Selbstreflexion: Denn sie erinnert nicht nur an die Jahre, in denen sie, nachdem sie 1980 nicht am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teilnehmen durfte, da die DDR-Regierung ihr nicht die Genehmigung zur Ausreise erteilt hatte, von 1987 bis 1990 zur Wettbewerbs-Jury gehörte. Sie erwähnt auch ihre spätere Teilnahme und ihren Sieg im Jahr 2020. Auch diese Passagen sind nicht "spektakulär" oder boulevardesk. Leicht könnte man auch ihr Leben reißerisch darstellen: Schubert, ein Opfer der DDR-Diktatur, dem späte Gerechtigkeit widerfahren ist. Was für eine Geschichte! Was für ein Leben! Schubert vermeidet auch diese Versuchung.
Das Vollendete, das nach einem Du sucht
Auch ihr Werk steht im Horizont einer Menschlichkeit, die sich nicht aufs Spektakuläre reduzieren lässt. Auch ihr Schreiben steht in der Tradition der Menschlichkeit Ingeborg Bachmanns. Und wenn sie in ihrer Rede, und zwar schon im Titel, Gott anruft, ihn bittet, sie nicht in Versuchung zu führen, so mag dies ein leiser Hinweis darauf sein, dass sie seiner Hilfe bedarf, darauf, wie stark und kräftig die Versuchung des "Spektakulären" ist. Darauf, dass diese Versuchung menschlich, allzu menschlich ist, dass aber in ihrem Falle die Bitte, das Wissen, dass diese Bitte notwendig ist, der göttliche Beistand es ihr erlauben könnte, das Übel der Oberflächlichkeit zu vermeiden – und Tiefendimensionen des Menschlichen zu erschließen. So zeigt sie, dass das Große, das Geniale, das Vollendete tief im Menschlichen wurzelt und nach einem Du sucht, das sich auf es einlässt, sich berühren und zu Tränen rühren lässt, ganz unprätentiös, ganz unspektakulär.