Traumvergessenheit
Von Nicolaes Maes, einem Schüler Rembrandts, stammt ein berührendes kleines Bild. "Mädchen am Fenster" heißt es. Man sieht eine junge Frau, die versonnen aus dem Fenster schaut. Woran mag sie gerade denken? Doch denkt sie überhaupt – wenn denn Denken bedeutet, aktiv einen bestimmten Gedankengang zu entwickeln und seinem Denken eine bewusste Richtung vorzugeben? Folgt sie nicht eher inneren Bildern, ohne zu wissen, wohin ihre Reise führen mag, Bildern, die aus dem Dunkel des Unbewussten zu ihr kommen? Ist sie nicht eine "Tagträumerin", die den Tag zur Nacht macht? Denn dieses Mädchen, so scheint es, gibt sich träumerisch dem hin, was in ihrem Inneren geschieht, vernimmt es, lässt es wirken. Ein anderer Titel für das Bild ist daher auch "Die Tagträumerin". Und so sitzt sie da, in sich versunken, und bewirkt selbst nichts, auch wenn sich vieles, sehr vieles in ihr ereignen mag.
Genau aus diesem Grund genießt das Tagträumen bei vielen Menschen keinen guten Ruf. Aus einer verbreiteten, oberflächlichen, rein äußerlich verbleibenden Sicht bringt es nichts. Wenn überhaupt, so erlaubt man es sich in kurzen Pausen. Der Tagtraum gilt als Zeichen für Trägheit, für fehlende Spannung und widerspricht dem Aktionismus, dem Tun-und-Machen-Müssen, dem Imperativ der Produktivität – es sei denn, er ordnete sich dem Alltag und seinen Verrichtungen unter. Als kleine Unterbrechung von der Arbeit, die wieder fit macht. Als Ausflug ins Unwirkliche, damit sich die Wirklichkeit dann umso prägnanter zeigen kann. Als flüchtige Abschweifung, die zu neuer Konzentration führt.
Doch auch der nächtliche Traum steht für nicht wenige Menschen in keinem guten Licht. Der Traum – das scheint das ganz Andere zur Wirklichkeit zu sein. Eine Gegenwelt. Eine Illusion. Alles fake. Und wer zu viel träumt oder sich allzu sehr mit seinen Träumen beschäftigt, flieht vor der Realität. Will man das? Kann man das überhaupt? Und, falls man es denn könnte, darf man es überhaupt? Was können Träume in einer fakten- und effizienzorientierten Welt, in einer Welt, die allein der Ratio und nicht dem Zusammenspiel des Rationalen und des Irrationalen verpflichtetet ist, schon "bringen"?
Patrick Roth weiß, dass viele Menschen in der späten Moderne traumarm, traumblind, traumvergessen geworden sind. Ihr Leben dient nur noch der Ratio, dem Verstand, dem Ich, das die Welt erkennt und, vor allem, die Welt beherrscht und meistert. Gegen diese Idolatrie des rationalen, das Irrationale verdrängenden Subjekts schreibt Roth an
Traumarbeit
Doch ist dies eine äußerst verkürzte Sicht – der Träume und der Wirklichkeit. Es ist die allzu beschränkte Wahrheit einer Welt, die alles in ein allzu aufgeklärtes, klares Licht zu stellen versucht und für Träume, ihr Licht und ihre Botschaft nicht mehr offen ist. Es ist die Perspektive einer Welt, die allein dem Verstand verpflichtet ist, die sehen und erklären will, die sucht und hinschaut und die Welt schließlich durchschaut, so durch-schaut, dass sie allgemeine Zusammenhänge erkennt, aber die Fülle der konkreten Welt nicht mehr wahrnimmt. Es ist eine begrenzte Sichtweise, die sich nicht träumerisch etwas zeigen lässt, die nicht wagt, das, was sich ihr in Träumen zeigt, zuzulassen, die auch keinerlei Verbindung mit einem Höchsten, einem Unendlichen mehr sucht, das sich in Träumen zeigen könnte – und sich oft selbst auf den Thron des Höchsten setzt.
Doch gibt es eine andere Optik, die die Wahrheit des Traumes, das "Licht aus dem Dunkel", in den Blick nimmt und anerkennt, dass sich in Träumen das Unbewusste, ja, sogar etwas Heiliges, eine göttliche Botschaft, Gott selbst zeigen kann. Patrick Roth ist ein Lehrmeister einer solchen Optik, die Träume ernst nimmt und gerade von ihnen, ihrer Wirklichkeit her das Andere des Traumes, das Nicht-Geträumte erschließt. Er weiß, dass viele Menschen in der späten Moderne, immer noch aufgeklärt, immer noch um Aufklärung bemüht, traumarm, traumblind, traumvergessen geworden sind. Ihr Leben dient nur noch der Ratio, dem Verstand, dem Ich, das die Welt erkennt und, vor allem, die Welt beherrscht und meistert. Gegen diese Idolatrie des rationalen, das Irrationale verdrängenden Subjekts schreibt Roth an, und zwar nicht vor dem Hintergrund einer abstrakten Theorie, nicht aufgrund lebensferner Überlegungen, sondern aus eigener Lebenserfahrung.
Träume können sich, wie er in seinem neuen Buch Licht aus dem Dunkel betont, gerade "zu Anfang einer kreativen Arbeit zeigen". Roth stellt dies nicht einfach fest. Er lässt zu, dass sich diese Träume zeigen, verweilt bei ihnen, sinnt ihnen nach und setzte sich mit ihnen auseinander. Ja, er kann gerade als Schriftsteller gar nicht anders, als diese Auseinandersetzung zu suchen, als seine Träume, die Botschaft des Unbewussten in ihnen zu erinnern, sie zu vergegenwärtigen, anzuschauen, mit dem Bewusstsein zu befragen – danach, was sie im Leben, für ihn, jetzt, hier und heute bedeuten. "Worin besteht nun meine Aufgabe als Schriftsteller?", fragte er in den Heidelberger Poetikvorlesungen, um diese Fragen so zu beantworten:
"Immer wieder darin, das Unbewußte, Unpersönlich-Numinose und Zeitlose mit dem Bewußtsein, mit dem Persönlich-Individuellen, mit dem ganz und gar Zeitlichen in Beziehung zu setzen, Schnittstellen der Bewußtwerdung dieser uns alle bestimmenden Gegensätze zu schaffen, zu entdecken, freizulegen. […] Das Buch als Durchgangs-Ort, an dem die Zusammenführung der Gegensätze im Individuum, das heißt die Wandlung beginnen kann."
Man muss, so Roth immer wieder, das Irrationale des Traumes mittels der Ratio – Zusammenarbeit des einen mit dem anderen, complexio oppositorum, Vereinigung des Gegensätzlichen – verarbeiten und durchdringen. Jeder einzelne Mensch muss dies für sich selbst, in Anbetracht seiner eigenen Träume tun, muss sie über-setzen, hinübersetzen vom Reich des Unbewussten ins Reich des Bewussten. Eine solche Übersetzung ist kein mechanischer Akt. Träume kann man nur verstehen, wenn man sie zulässt, wenn man sich ihnen hingibt. Das ist mühsam. Es macht Arbeit. Doch auch die Israeliten mussten, wie Roth nur zu gut weiß, vierzig Jahre in der Wüste wandern, bevor sie das verheißene Land betreten konnten. Sie mussten sich im Angesicht Gottes läutern und andere werden, um weiterziehen zu können. Das bedeutet für die Arbeit an den Träumen: Der Weg zu den Träumen ist keine gradlinige Straße, deren Verlauf sich auf lange Distanzen hin vorhersagen ließe.
Heilige Träume
Traumwege sind Wege, in denen das bloß rationale Ich, sein Alltag, sein Machen, sein Streben in Frage gestellt werden. Wege, in denen sich Außerordentliches ereignen kann. Etwas Heiliges kann sich zeigen. Ein Gott kann erscheinen. Das erklärt die besondere Nähe von Traumwegen mit religiösen Wegen. Nicht nur die Bibel berichtet von vielen Träumen, auch andere religiöse und mythologische Texte, Sagen, Legenden und Märchen. Das Unbewusste, ein Weg zu Gott. Die Möglichkeit einer Begegnung mit Gott. Vielleicht sogar die Stimme Gottes.
Auch die Religionen sind in aufgeklärten Zeiten traumarm geworden. Die religiöse Praxis scheint traumscheu. Kann man verträumt glauben? Wer heute noch an Gott glaubt, sieht sich ohnehin schon angefragt: durch die Ansprüche der Vernunft, die Anfragen der Wissenschaften, die vermeintlich unhintergehbaren Logiken der spätmodernen Welt.
Doch auch die Religionen sind in aufgeklärten Zeiten traumarm geworden. Die religiöse Praxis scheint traumscheu. Kann man verträumt glauben? Wer heute noch an Gott glaubt, sieht sich ohnehin schon angefragt: durch die Ansprüche der Vernunft, die Anfragen der Wissenschaften, die vermeintlich unhintergehbaren Logiken der spätmodernen Welt. Der Gottesglaube rechtfertigt sich angesichts dieser Anfragen durch scharfe Vernunftschlüsse, durch kluge Überlegungen, durch gutes Handeln, durch gesellschaftliches Engagement, durch politische Dienste. So darf man weiter glauben, ganz vernünftig, ganz begründet. Eine Religion der Vernunft. Eine Religion des Aktivismus. Eine Religion, die herrscht – und die beherrschbar geworden ist. Eine Religion, die nicht mehr nach innen geht, die nicht mehr dafür offen ist, dass in Träumen sich eine Verbindung zu Gott eröffnet.
Wenn Träume in religiösen Kontexten überhaupt noch eine Rolle spielen, werden sie schnell gebändigt und gezähmt. Ihre Botschaften werden auf Metaphern reduziert, auf Bilder oder Symbole, die sich leicht übersetzen lassen. Doch sind solche Träume noch "heilig"? Offenbart sich in ihnen noch ein Gott, ein immer auch dunkler, unfassbarer, unbegreiflicher und, wenn er sich denn äußert, den Menschen ergreifender Gott? Was wäre, wenn Patrick Roths Impuls ernst genommen würde und "wir die Träume, die das Unbewusste uns nächtlich opfert, als ein heiliges Abendmahl verstehen könnten, als ein Sakrament, als einen Aspekt der Eucharistie, einen Aspekt, der bisher verkannt, übersehen, missachtet wurde, bis in unsere Zeit recht eigentlich unverstanden geblieben ist"? Der Traum als Opfer des göttlichen Unbewussten, als Hostie, als Auftrag, den ein Mensch – als Gefäß, als Kelch der göttlichen Wahl – erhält und ernst zu nehmen, anzunehmen hat. Was für ein Gedanke!
Eucharistische Wandlungen
Schwierig ist der Gedanke, dass sich in Träumen nicht nur eine illusionäre, unwirkliche Welt eröffnet, sondern etwas Wesentliches, Wirkliches, Wahres – wie der göttliche Logos im Johannesevangelium. Ähnlich schwierig, fragwürdig, skandalös ist in allzu aufgeklärten Zeiten der Glaube an die Eucharistie, der Glaube, dass in den Gestalten von Brot und Wein Christus gegenwärtig ist: "Dies ist mein Leib!" Glaube und auch Theologie ringen mit diesem Glauben: Wie soll man das genau verstehen? Was bedeutet das "ist"? Der Gedanke, dass im Sakrament eine reale Wandlung geschieht, die ihrerseits den Menschen real, ganz wirklich wandeln soll, dieser Gedanke erscheint immer unverständlicher. Die Eucharistie, verstanden als wirkliche und die Wirklichkeit verändernde Wandlung, als Ineinanderfall des Gegensätzlichen, als Einheit von endlicher Form und unendlicher Substanz, scheint Überbleibsel einer längst vergangenen Welt zu sein.
Traum und Eucharistie sind Mysterien der Transformation, der Wandlung und Verwandlung. Das Ich empfängt im Traum eine "göttliche Nahrung".
In seiner Offenheit für die Botschaften der Träume stößt Roth nun auf einen tiefen Zusammenhang zwischen Eucharistie und Traum. Vielleicht gewinnen Traum und Eucharistie – auf der einen Seite der ganz individuelle Empfang der "Hostie", der Traum-Substanz und auf der anderen Seite das kirchliche Ritual, das ebenfalls der Deutung, des Verstehens bedarf – dadurch, dass sie zueinander in ein Verhältnis gebracht werden, nicht an Verständlichkeit oder Zugänglichkeit. Und liegt ihre Nähe nicht auf der Hand: Das Abendmahl geschieht am Abend, an der Grenze zur Nacht, in der Nähe des Reiches der Träume. Und im Traum zeigt sich, was geschieht, als etwas ganz Reales, als reale Gegenwart.
Welchen tieferen "Zusammenhang" zwischen Traum und Eucharistie könnte es also geben? Und warum ist dieser "dramatisch"? Der Schlüssel zur Antwort auf diese Fragen liegt in der "Wandlung". Traum und Eucharistie sind Mysterien der Transformation, der Wandlung und Verwandlung. Das Ich, so Roth, empfängt im Traum eine "göttliche Nahrung": "Das Ich darf sie nicht horten, darf sie nicht aufbewahren, in dem irrigen Versuch, die Rolle des Erlösers zu spielen und damit zu vermeiden, zu Seinem Gefäß zu werden." Das Ich muss seine Träume analysieren, um sie zu verstehen. Es muss sich selbst transformieren, verwandeln, offen werden und bereit sein für das, was sich ihm gibt. Es muss also loslassen, um zu empfangen; sich verlieren, um zu gewinnen. Das bringt Schmerzen mit sich, ist zutiefst dramatisch, aber nur so kann etwas Anderes, etwas Neues überhaupt entstehen.
Auch die Eucharistie ist für das Ich, das stark und selbstbewusst ist, das herrschen und machen und tun will, schmerzhaft. Auch in ihr liegt die Möglichkeit, dass der Mensch gewandelt wird. Auch sie ruft zur Wandlung und Verwandlung auf. Die Kirche, die aus der Eucharistie heraus lebt (oder leben sollte, leben könnte), ist in den Worten des Paulus "ein Leib in Christus". "Ich bin mit Christus gekreuzigt worden", so schreibt er im Galaterbrief (Gal 2,20), und erklärt dies weiter: "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir." Paradoxe, dramatische Logik von Tod und Leben. In jeder Eucharistiefeier geschieht diese Kreuzigung. Sie ist Erinnerung an Kreuzestod und Auferstehung Jesu, an seine Hin-Gabe, und göttlicher Ruf zum Wandel, zur eigenen Hingabe und zur persönlichen, aus dem Herzen der Person erfolgenden Nachfolge. Transsubstantiation, die göttliche Wandlung der Gaben, führt zur Transformation, zur Verwandlung des endlichen und sterblichen Menschen auf das Leben in Christus hin.
"Nehmet und träumt", so könnte man diesen Imperativ seiner Ausführungen formulieren. Es ist ein Aufruf, sich mit den eigenen Träumen auseinanderzusetzen und die Arbeit des Bewusstmachens des Unbewussten auf sich zu nehmen.
Aufgrund dieser inneren Nähe von Traum und Eucharistie kann Roth Träume als "unsere tägliche Eucharistie", als "Hostie" verstehen. Auch sie sind etwas, das von Gott gereicht wird, in dem sich Gott selbst zeigt und das Menschen sich mit ihrer Kunst – und dazu gehört auch die Ratio – assimilieren, sich anverwandeln sollen. Sie sind, so Roth, "unsere tägliche Nahrung aus dem Numen, als jene heilige Substanz also, die uns – den begrenzten Menschen – auf ein Unendliches bezieht". Deshalb muss man sie, so furchtbar, so obskur, so paradox, so beschämend, so ärmlich sie auch erscheinen mögen, mit allem, was man hat, also auch mit der Vernunft, der Ratio, zu verstehen und, nach einer Auseinandersetzung mit ihren Bildern, ins Leben zu integrieren suchen. Ein Leben vom Traum her – so wie der gläubige Mensch von der Eucharistie her leben kann.
Zeichen der Hoffnung
"Nehmt und esset alle davon", so heißt es im eucharistischen Hochgebet. "Nehmt und trinket alle daraus". Auch Roths Ausführungen sind mit einem Imperativ verbunden. Er lässt seine Leserinnen und Leser an seinen eigenen Träumen und Gedanken teilhaben. Seine Worte kommen aus der Tiefe seiner Träume und sind Frucht seiner Arbeit an seinen Träumen. Doch zeigt sich in diesen Worten – traumhaft, traumgesättigt, traumverwandelt – auch ein Gebot: "Nehmet und träumt", so könnte man diesen Imperativ seiner Ausführungen formulieren. Es ist ein Aufruf, sich mit den eigenen Träumen auseinanderzusetzen und die Arbeit des Bewusstmachens des Unbewussten auf sich zu nehmen. Dieser Aufruf bedeutet nichts anderes als: Nehmet und lasst Euch wandeln und verwandeln und wandelt und verwandelt Euch.
Zukunft liegt im Geheimnis der Wandlungen begründet. Es geschieht nicht nur ewig Gleiches, immer wieder, tagein, tagaus. Es kann Neues unter der Sonne geben, Zukunft sich ereignen – und geschehe es nachts, in einem Traum, der aus dem Dunkel heraus die Welt des Tages durchleuchtet und wandelt, oder sei es in einem Stückchen Brot, einem Schluck Wein, der, selbst verwandelt, Menschen und ihre Welt wandeln kann. Wäre es daher falsch, Traum und Eucharistie in ihrer inneren, dramatischen Verbindung als Zeichen, als wandelnd-verwandelnde, machtvolle Zeichen der Hoffnung zu verstehen?