Warum zieht es Menschen immer wieder in die Ferne – und was macht eine Reise eigentlich zu einer wirklichen Reise? Eine literarische wie theologische Spurensuche im Ausgang von Felicitas Hoppes neuem Buch "Reisen".

I.

Sommerzeit ist Reisezeit, und auch wenn die Verheißungen des Urlaubs ins Unendliche reichen: kaum eine andere Saison führt uns so unweigerlich die eigene Endlichkeit vor Augen. Denn selbst wenn technisch und ökonomisch alles besuchbar wäre, was eine Reise wert ist, so reichte doch keine Urlaubs- oder selbst Lebenszeit, um alles dieses aufzusuchen. Zum Glück, möchte man seufzen, ist doch ohnehin schon jedes als solches definierte lohnenswerte Reiseziel längst dem Overtourism anheimgegeben. Und es gibt ja andere Möglichkeiten, sich in die Fremde zu bewegen. Von der Couch aus sind Städte und Strände immer nur eine App entfernt, und natürlich geht es auch noch klassisch: mittels Reiseprospekten, Bildbänden, Reportagen oder Reiseliteratur, die womöglich spätere Besichtigungen der Orte immer schon geprägt haben werden. Schließlich lässt es sich noch einmal grundsätzlicher, quasi aus der Vogelperspektive angehen: mittels Reflexionen über das Reisen.

Felicitas Hoppe hat jüngst unter dem lapidaren Titel Reisen eine solche vorgelegt, erschienen bei Hanser Berlin in der schönen Reihe, in der Autorinnen über das Leben anhand verschiedener seiner Vollzüge schreiben. Gerne lasse ich mich von Felicitas Hoppe mitnehmen: quer durch die USA, auf dem Frachtschiff um die Welt oder in Gesellschaft von 100 Schriftstellern in den Zug von Lissabon nach Moskau. Sie trifft die Entscheidungen, ich folge lesend. "Ein Mensch muss reisen. Mit allen Risiken und Nebenwirkungen." So strahlt es mir schon vom Umschlag entgegen. Und ehe ich mich versehe, treffe ich auch beim erlesenen Reisen auf das Endliche im Unendlichen.

II.

Als Reisende, nicht als Reise-Schriftstellerin wohlgemerkt, ist Felicitas Hoppe in aller Regel beruflich unterwegs und längst "befreit von der Qual der Wahl, mir die Ziele meiner Reise selbst aussuchen zu müssen." Dem Beruf der Schriftstellerin misstraut sie gleichwohl ebenso wie sich selbst als Reisender. Zeitlebens versucht sie, die Haltung des Stubenhockers zu überlisten, in der sie sich schon als Kind eingerichtet hatte und fremde Orte ausschließlich mit dem Buch vor der Nase besuchte.

Aber auch die spätere Weltreisende ertappt sich beständig dabei, Landschaften an sich vorbeigleiten zu lassen, ohne Teil von ihnen zu werden – eine "bewusstlos importierte Fracht", die von da nach dort gefahren wird. Wann ist eine Reise eine wirkliche Reise? Generalbassartig durchzieht diese Frage den Text und drängt sich mir auf. Denn bearbeiten kann man sie im Abstrakten, in der Distanz des Philosophischen oder Theologischen. Aber beantworten lässt sie sich dann doch nur persönlich. So führt mich der Text nicht (nur) in fremde Länder. Vor allem schickt er mich in die eigenen Innenwelten. Und wann wären Reisen ins eigene Innere je ohne Risiken und Nebenwirkungen gewesen?

III.

Wann also ist eine Reise eine wirkliche Reise, die den Körper nicht nur von A nach B bringt? "[N]icht Thomas Cook, sondern die Pilger haben den Tourismus erfunden", behauptet Hoppe lapidar und bestimmt in diesem kleinen Satz quasi nebenbei, was für sie Reisen ausmacht. Im Pilgern, in dem der Weg nach Santiago de Compostela eigentlich das Himmelreich zum Ziel hat, ist die Bewegung der Körper durch die Landschaft gekoppelt an die Dynamik der Seele, die zu Gott möchte.

Eine Reise ist also dann eine Reise, wenn sie das Innere bewegt, mit der Person auch die Persönlichkeit dem Fremden aussetzt, Transformation ermöglicht. Umgekehrt wird nicht weniger ein Reiseschuh daraus. Gibt es eine Transformation, ohne unterwegs zu sein? Was ist zuerst? Der Körper oder der Geist, die physische Bewegung oder die innere Transformation? Beides ist nicht voneinander zu trennen, denn "[f]ür den, der kein Außen kennt, kann es auch keinen Innenraum geben."

IV.

Letztlich formt sich der physische wie psychische bereisbare Raum erst dort, wo die persönliche Welt aufgespalten ist "in das Ich und die anderen, das Hier und das Dort, in den rennenden Körper und seinen ständig hinterherhinkenden Geist." Dass Pilgernde und selbst in aller Pauschalreisengedämpftheit auch noch touristisch Reisende diese Spaltung ausbauen und je neu riskieren, hängt mit einer Sehnsucht zusammen, die diese Spaltung schon immer in uns verankert hat. Diese Sehnsucht hat schon Augustinus die Welt als Fremde empfinden lassen.

Heinrich Böll hat sie als das "Wissen" beschrieben, "dass wir hier auf der Erde nicht zuhause sind, nicht ganz zuhause sind." Also wird wahlweise der Körper oder Geist vorangeschickt auf der Suche nach einem Ziel, eigentlich nach dem großen Ziel schlechthin, für das es nur Chiffren gibt: Glück, Heimat. Für Augustinus wie Böll war diese Sehnsucht ausreichend für einen Gottesbeweis. Hoppe lokalisiert in dieser Spaltung jedenfalls das Schreiben.

V.

Muss es tatsächlich immer der Körper sein, der sich bewegt? Analog zu den großen Pilgerströmen und den Kreuzzügen ins Heilige Land begaben sich im 12. Jahrhundert Menschen in Scharen in die Klöster. Dort, in der stabilitas loci, schickten sie die Seele auf eine Reise, die sie heilsgeschichtlich in der Flucht des Volkes Israel aus Ägypten vorgebildet sahen. Entstanden sind hier Schriften, die wie eine Art Reiseführer die Seele lotsen sollen: Weg von allem Irdischen, über das eigene Selbst hinaus bis hin zum großen Ziel, der Vereinigung mit Gott. Wie das physische Reisen sind auch diese inneren Reisen begleitet von "Risiken und Nebenwirkungen". Man kann auf Nebengeleise geraten, falsche Ziele wählen, sich von der eigenen Eitelkeit ausbremsen lassen, und vor allem: das Ziel, die Heimat, das Glück, das nur in der Vereinigung mit Gott zu haben ist, gibt es maximal für einen Augenblick. Dann muss die Seele zurück in ein Zuvor, das es nicht mehr gibt. Denn was ehemals hoffnungsvolle Sehnsucht war, ist nun schmerzvoller Verlust.

Das Text-Ich in Felicitas Hoppes Reisen schließt zurückgekommen die Wohnungstür auf, schiebt die Koffer über die Schwelle, und als sie feststellt, "dass (wider Erwarten) immer noch alles beim Alten ist, kann ich mein Glück kaum fassen." Aber bin ich selbst, zurückgekehrt, noch dieselbe?

VI.

Womöglich folge ich den von den Religiosen so überzeugend beschriebenen inneren Wegen auch auf eine falsche Fährte. Denn gerade die großen Seelenreisenden, ein Bernhard von Clairvaux oder eine Teresa von Ávila, waren keineswegs nur innerlich, sondern auch körperlich beständig unterwegs. Müssen wir nicht doch auf Felicitas Hoppe hören und physisch reisen, um innerlich nicht zu verknöchern? Hoppe, die seit 20 Jahren einen Teil des Jahres zwischen Schafen und Weinbergen einsiedlerisch in der Schweiz verbringt, beruhigt, dass "selbst in einer Einsiedelei niemals Stillstand eintreten wird." Und ohnehin: "der alte Streit zwischen Innen- und Außenwelt (als ob es die eine ohne die andere gäbe) lässt sich nur auf der Reise selbst ausfechten."

So müssen wir uns als Menschen, die sich nie so ganz zuhause fühlen, einrichten im Unterwegs, in der eigenen Sehnsucht, und wer wüsste es besser als die Reisenden, dass Sehnsucht nicht stillbar ist? "Wer noch gestern am Meer war, will morgen in die Berge, tags drauf in die Taiga und schon am dritten Tag zurück in die Wüste, oder, am liebsten, wieder nach Haus." So schreibt es Hoppe in dem Essay Gedankenspiele über die Sehnsucht, die wenig verwunderlich auch nicht ohne Reflexionen über das Reisen auskommen. Als sehnsüchtige Menschen leben wir in Zwischenräumen, und wenn wir schon einmal da sind, lässt sich auch trefflich dem in den Text immer wieder eingestreuten Wegweiser ins unbekannte Ziel folgen: this is the road, and we are on it.

COMMUNIO Hefte

COMMUNIO im Abo

COMMUNIO will die orientierende Kraft des Glaubens aus den Quellen von Schrift und Tradition für die Gegenwart erschließen sowie die Vielfalt, Schönheit und Tiefe christlichen Denkens und Fühlens zum Leuchten bringen.

Zum Kennenlernen: 1 Ausgabe gratis

Jetzt gratis testen