Traditionsbruch?König Charles III. ändert den Titel „Verteidiger des Glaubens“ – eine Einordnung

König Charles III. setzt sich für eine multireligiöse Gesellschaft ein und bleibt zugleich Oberhaupt der Kirche von England. Dieses Vorhaben wirft verfassungsrechtliche und theologische Fragen auf. Kann der Monarch den christlichen Glauben verteidigen und zugleich religiösen Pluralismus fördern?

König Charles III. mit Erzbischöfin Sarah Mullally und Königin Camilla.
König Charles III. mit Erzbischöfin Sarah Mullally und Königin Camilla.© picture alliance / PA | DE

Der Titel "Defensor Fidei" — Verteidiger des Glaubens — wurde König Heinrich VIII. 1521 von Papst Leo X. verliehen als Anerkennung für Heinrichs Verteidigung der katholischen Glaubenslehre gegenüber der Reformation. Nach der englischen Reformation im Jahre 1534 wurde der Titel vonseiten des Papstes zurückgenommen. Das englische Parlament jedoch verlieh ihn dem König 1544 erneut. Der Monarch hatte sowohl eine verfassungsrechtliche als auch eine religiöse Rolle inne. Erstere verpflichtete ihn zum Schutz aller Untertanen. Letztere machte ihn zum "Oberhaupt" (Supreme Head) der Kirche von England (1534), ein Titel, der später in "Oberster Gouverneur" (Supreme Governor) der Kirche von England umbenannt wurde (1558).

In diesem Jahr wurde der Titel vom Palast (nicht vom Parlament) geändert. Er besitzt keine verfassungsrechtliche Autorität. Im Sovereign Grant Annual Report and Accounts 2025–26 wird erklärt, dass König Charles III. "Oberster Gouverneur der Kirche von England ist und den Raum für den Glauben innerhalb der multireligiösen Nation schützt". Was bedeutet das, und ist diese Änderung problematisch?

Die Vision des Königs von einer religiös pluralen Gesellschaft

Lange bevor er König wurde, erklärte Prinz Charles 1994, er wolle sich eher als "Verteidiger des Glaubens" (Defender of Faith) denn als "Verteidiger des einen Glaubens" (Defender of the Faith) verstehen, um als Beschützer aller Glaubensgemeinschaften innerhalb seiner Nation zu wirken – nicht nur der anglikanischen Kirche. Während seine Absichten "ökumenisch" zu verstehen waren, lösten seine Aussagen sowohl eine verfassungsrechtliche Krise als auch eine heftige theologische Debatte innerhalb der "Church of England" aus. Bedeutend ist dabei die Tatsache, dass dieser Schritt nicht von den Glaubensgemeinschaften gefordert worden war.

Schließlich wurde die Debatte nicht weiterverfolgt, da Königin Elisabeth keine öffentliche Unterstützung für die Position ihres Sohnes erkennen ließ – obwohl sie 2012 selbst zum Ausdruck brachte, dass die Kirche von England die Pflicht habe, "die freie Ausübung aller Religionen zu schützen". Schließt diese Unterstützung auch Religionen mit ein, welche die Freiheit des christlichen Glaubens unterdrücken?

In der Debatte von 1994 standen drei zentrale Einwände gegen Charles’ Ansichten im Vordergrund, die nun wieder an Bedeutung gewinnen. Erstens verpflichtet der Krönungseid den Monarchen gemäß dem Act of Settlement von 1701, den protestantischen Glauben zu wahren. Nur das Parlament kann dies ändern. "The faith" bringt zum Ausdruck, dass es sich um eine spezifische Glaubenstradition handelt. Zweitens würde die grundlegende Verbindung von Kirche und Staat durch den vorgeschlagenen Titel getrennt werden, wenn die Kirche zu einem inhaltsleeren Begriff verkommt. Diese Einheit aufzulösen, würde Charles eigenen Einfluss bei der Förderung einer religiös pluralistischen Gesellschaft untergraben. Drittens argumentierten einige Anglikaner, dass Charles’ Selbstverständnis als "Defendor of Faith" in einem Widerspruch münden würde: Als Oberhaupt der anglikanischen Kirche müsste er der Wahrheit des anglikanischen Glaubens festhalten und zugleich Wahrheiten verteidigen, die diesem Glauben widersprechen.

Der König läuft Gefahr, seine beiden Rollen miteinander zu vermischen, indem er seine Rolle als "Oberster Gouverneur der Kirche von England" ausweiten möchte, während ihm seine Rolle als "Staatsoberhaupt" eine ideale Plattform bietet, eine multireligiöse pluralistische Gesellschaft zu unterstützen und mitzugestalten. 

Charles stellte daraufhin klar, dass er seine Rolle als Oberhaupt der Kirche von England nicht aufgeben wolle. Allerdings warfen seine Trennung, Scheidung und Wiederheirat (2005) mit seiner langjährigen Geliebten Camilla Parker Bowles einen langen Schatten, der an Heinrich VIII. erinnerte. Der Thronfolger handelte damit entgegen den Lehren seiner eigenen Kirche.

Indem König Charles diese Debatte nun neu entfacht, wird deutlich, dass er den öffentlichen Raum ausdrücklich als Ort des multireligiösen Zusammenlebens sichern will. Der Bericht des britischen Königshauses verweist auf seine "besondere Rolle beim Zusammenbringen von Gemeinschaften und Religionen". Dies sind wichtige Anliegen angesichts der Tatsache, dass Teile der britischen Bevölkerung gegenüber bestimmten Glaubensrichtungen zunehmend feindselig eingestellt sind (insbesondere gegenüber Juden und Muslimen – aber auch gegenüber Christen) und die Mehrheit der Bevölkerung angibt, keiner Glaubensrichtung anzugehören.

Der Kern des Problems liegt in der Frage, wie der König seine Ziele in seiner Rolle als Oberhaupt der Kirche von England – und nicht als Staatsoberhaupt – rechtfertigen könnte, ohne dabei mit den oben genannten Problemen zwei und drei in Konflikt zu geraten.

Das zweite Vatikanische Konzil und die Religionsfreiheit

Man denke daran, dass Nostra Aetate und Dignitatis Humanae beim Zweiten Vatikanischen Konzil aus gutem Grund als getrennte Dokumente verabschiedet wurden. Nostra Aetate legt die theologische Haltung der Kirche gegenüber anderen Religionen dar. Dignitatis Humanae formuliert – nicht ohne Kontroversen – die Haltung der Kirche zur Religionsfreiheit im öffentlichen Raum. Zusammengenommen zeigen die beiden Dokumente, wie an der Überzeugung festgehalten werden kann, dass der katholische Glaube der wahre Glaube ist, ohne zugleich die Religionsfreiheit im öffentlichen Raum infrage zu stellen ("innerhalb der gebührenden Grenzen", wie Dignitatis Humanae 2 so weise festhielt).

Der König läuft Gefahr, seine beiden Rollen miteinander zu vermischen, indem er seine Rolle als "Oberster Gouverneur der Kirche von England" ausweiten möchte, während ihm seine Rolle als "Staatsoberhaupt" eine ideale Plattform bietet, eine multireligiöse pluralistische Gesellschaft zu unterstützen und mitzugestalten. Auf diese Weise könnte er die drei genannten Probleme umgehen.

Einige konservative Anglikaner beklagen, dass er seinen Krönungseid als Verteidiger des Glaubens aufgebe, indem er nun seine Rolle als Vermittler des interreligiösen Dialogs hervorhebt, anstatt die Verkündigung des Evangeliums im öffentlichen Raum einzufordern.

König Charles erweist sich gegenüber diesem Einwand als resistent, da er zu dieser Überzeugung als gläubiger Mensch gelangt ist. Ironischerweise könnte er durch diesen Schritt, statt mehr Inklusivität zu erreichen, am Ende eine repräsentative Rolle für sich beanspruchen, für die ihm sowohl eine verfassungsrechtliche als auch eine theologische Legitimation fehlen.

Nur 12 Prozent der Bevölkerung sind Anglikaner. Humanisten sind irritiert darüber, warum ihr König im öffentlichen Raum lediglich "Glaubensgemeinschaften" zusammenführen möchte und damit den Großteil seiner Untertanen außer Acht lässt. Einige konservative Anglikaner beklagen, dass er seinen Krönungseid als Verteidiger des Glaubens aufgebe, indem er nun seine Rolle als Vermittler des interreligiösen Dialogs hervorhebt, anstatt die Verkündigung des Evangeliums im öffentlichen Raum einzufordern.

Sie sprechen sich nicht für Intoleranz aus, sondern sind überzeugt, dass es zur Aufgabe des Kirchenoberhaupts gehört, eine missverständliche Gleichsetzung der Religionen zu vermeiden. Dies erinnert an die Kontroversen um Papst Franziskus, als er ein Dokument mit einem muslimischen Religionsführer unterzeichnete, in dem es hieß, Gott wolle die Vielfalt der Religionen, während seine Kirche in Dominus Iesus festgehalten hatte, dass dies nicht der Fall sei. Später erläuterte er, dass er damit den zulassenden Willen Gottes gemeint habe.

Der nächste Monarch ist, anders als sein Vater, kein regelmäßiger Kirchgänger. Dies könnte die zugrunde liegende Verfassungskrise sogar noch verschärfen. Es wird zudem die grundsätzliche Frage nach der theologischen oder ideologischen Grundlage einer multireligiösen Gesellschaft aufgeworfen – eine drängende Herausforderung für viele Nationen.

COMMUNIO Hefte

COMMUNIO im Abo

COMMUNIO will die orientierende Kraft des Glaubens aus den Quellen von Schrift und Tradition für die Gegenwart erschließen sowie die Vielfalt, Schönheit und Tiefe christlichen Denkens und Fühlens zum Leuchten bringen.

Zum Kennenlernen: 1 Ausgabe gratis

Jetzt gratis testen